Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 25 (8.8.1918)
- Date
- 1918-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 25 werden aber, sollte sich diese unsere Hoffnung als trügerisch erweisen, auf der nunmehr beschrittenen Bahn weiter gehen und Mittel und Wege suchen und finden, um unsere Menschen« rechte zu wahren und zu verteidigen. In solchem Falle würde ich mich bemüssigt finden, im Herbste eine große jüdische Volksversammlung einzuberufen, der es dann Vorbehalten bliebe, über weiter erforderliche Maßregeln zu unserem Selbstschutze Beschlüsse zu fassen. (Langanhaltender, lebhafter Beifall). Die Resolution hat folgenden Wortlaut: Der Vorstand der iiraelitischen Kultusgemeinde legi namens der von ihm vertretenen Juoenschaft auf das entschiedenste feierliche Verwahrungdagegen ein, daß neuerdings seit einer Reihe von Monaten in Wien und ganz Oesterreich unter Duldung der. Behörden eine systematische Wühlarbeit Platz gegriffen hat, die den offenkundigen Zweck verfolgt, die christliche Bevölkerung Oesterreichs gegen die Juden zu verhetzen und zu Ausschreitungen gegen dieselben anfzureizen. Diese antisemitische Organisation hat in Westüsterreich in den sogenannten Deutschen Volkstagen ihren Höhepunkt erreicht, in deren Verlaufe die in Massen anwesende Bevölkerung zu direkten Pogromen gegen die Juden aufgefordert wurde, ein Beginnen, das angesichts des' in der Bevölkerung angehäuften Zündstoffes fast zu unmittelbarem Erfolge geführt hätte. Gegenüber den in den antisemitischen Versammlungen und in der antisemitischen Presse wider die Juden im allgemeinen vorgebrachten unwahren, erdichteten und entstellten Anwürfen sieht sich die österreichische Judenschaft veranlaßt, nachdrücklichst festzustellen: 1. Die österreichische Juüenschaft in ihrer Gesamtheit hat in diesem Kriege bisher gleich allen anderen Vaterlands- und kaisertreuen Bürgern dieses Staates bedingungslos und uneingeschränkt Gut und Blut geoptert: für Kriegsfürsorgezwecke und für die Bedürfnisse des Staates zur Kriegführung leistet sie weit über jedes Verhältnis. 2. Sie hat in ihrer Masse durch die kriegerischen Verhältniffe materiell ungleich mehr gelitten als andere Bevölkerungskreise; aber auch ihre seelischen Leiden waren unverhältnismäßig größer, nicht nur, weil die Bevölkerung aller Schichten in maßloser Weise gegen die Juden verhetzt ist, sondern auch deshalb, weil gewissenlose antisemitische Parteiführer des Hinterlandes nicht ohne Erfolg bemüht waren, den Judenhaß in die Armee zu verpflanzen, selbst bis in die vorderste Feuerlinie zu tragen, wo die Juden trotz ihrer Zurücksetzung Leben und Gesundheit für das Vaterland aufs Spiel setzen und opfern. ' 8. Kriegsgewinne wurden von Nichtjuden in höherem Matze erzielt als von Juden; andererseits erreicht die Summe aller Verfehlungen, deren einzelne Juden sich schuldig gemacht haben, nicht im entferntesten im Verhältnis die Summe jener Verfehlungen, deren Nichtjuden überführt wurden, ohne daß daraus für die gesamt« Konfession oder Nation der Schuldigen jene verallgemeinernden Schlüsse gezogen worden wäre», wie dies gegenüber den Juden geschieht. 4. Die Judenschaft Oesterreichs hat es stets in tiefwurzelnder Liebe und Treue zum Baterlande als ihre heiligste Pflicht angesehen, alles zu unterlassen, was die Ruhe und den Frieden im Innern des Reiches zu stören geeignet wäre; niemals hat auch nur der Gedanke an einen Hochverrat, an ein Einverständnis mit dem Feinds in ihren Reihen Eingang und Verbreitung gefunden. Die Juden waren und sind ein staatserhaltendes Element von unbedingter Treue und haben einen Rechtsanspruch darauf, als solches behandelt zu werden. 5. Die Judenschaft hält es unter ihrer Würde, sich gegen die bewußt lügnerischen Anschuldigungen zur Wehre zu setzen, welche die Juden in einen Zusammenhang mit den unsinnigen, widerwärtigen Gerüchten der letzten Zeit bringen wollen. Sie erblickt eine schwere Gefahr für den Staat darin, daß durch gewissenlose Hetzer in öffentlichen Versammlungengleichzeitig mit Loyalitätskundgebungen aufreizende Kundgebungen gegen die Juden veranstaltet werden, daß hiedurch vor einer irregeleiteten Bevölkerung Kaisertreue und Judenhaß identifiziert unö die dynastischen Gefühle aus das schmählichste profaniert werden. 6. Die österreichische Judenschaft hält es für ihre patriotische Pflicht, in dieser schweren, für die Zukunft der Staaten entscheidenden Zeit den Lenkern unseres Staatswescns die Lehren der Geschichte in Erinnerung zu rufen, daß überall, in jedem Lande, die hemmungslose Duldung von Aufreizungen zum Hasse gegen eine bestimmte Nationalität oder Konfession in^ ihrer äußersten Konsequenz sich immer an dem >staatsganzen gerächt hat. Die von unverantwortlichen Demagogen versuchle und nicht nachdrücklich genug bekämpfte Hinüberleitung gärender Volksleidenschaften in eine Judenhetze ist ein für die allgemeine Staatsordnung höchst gefährliches Mittel, dessen vielleicht möglicher momentaner Effekt in keinem Verhältnisse steht zu seinen weiteren unabsehbaren Folgen.?. Dte Judenschaft Oesterreichs lehnt jede Verantwortung für die bei weiterer Duldung dieser Verhetzungen gegen die Juden unausbleiblichen Folgen ad und wird sich letzten Endes gezwungen sehen, sich zum Schutze ihrer eigenen Existenz, zur Abwehr der ihr drohenden Gesahr, zu organisieren. Diese Resolution, die soeben verlesen wurde, soll nunmehr zur Abstimmung gebracht werden und bitte ich vor allem die Herren des Kultus« Vorstandes, darüber abzustimmen. (Wird einstimmig angenommen.) Die Resolution wird von allen Anwesenden einstimmig genehmigt. Ich werde veranlassen, daß diese Resolution zur Kenntnis des Ministerpräsidenten, des Ministers des Innern, des Justizministers, des Kultusministers, des Kriegsministers, des Ministers für Landesverteidigung, des Statthalters und des Polizeipräsidenten gebracht werde. Der Vorsitzende schloß hierauf diese denkwürdige Sitzung. Der Brisker Raw verschieden. Aus Warschau wird berichtet: Dienstag, den 30. Juli l. I., ist in Otwotzk bei Warschau der berühmte Brisker Raw, Rabbi Chaim Solowejtschik im Alter von 65 Jahren nach längerer Krankheit verschieden. Der Verblichene war die hervorragendste talmudische Kapazität der Gegenwart und sein Ableben bedeutet einen unersetzbaren Verlust für das Gesamtjudentnm, insbesondere für die Orthodoxie. Das Hinscheiden dieses hervorragendsten Mannes wirkte überaus erschütternd, und allgemeine Trauer umfaßte die hiesige Judenschaft. Rabbi Chaim Solowejtschik, langjähriger Rabbiner in Brest-Litowsk, war der Sohn des berühmten Gaon Rabbi Josef Ber, Rabbiners zu Brest-Litowsk, Nachkomme großer Gelehrter und hervorragender Leuchten des Judentums. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich mit bewunderungswürdiger Gelehrsamkeit aus. Im Jahre 1880 wurde Rabbi Chaim zum Leiter der berühmten Jeschiwa in Wolozyn gewählt, der er 12 Jahre hindurch Vorstand und tausende Rabbiner und Gelehrte ausbildete. Nachher wurde er als Nachfolger seines Vaters nach Brest- Litowsk berufen. Auch da entwickelte er eine ausgebreitete Tätigkeit, rief eine Jeschiwa ins Leben, die gar bald einen Weltruf erlangte, und erfreute sich der größten Achtung und Wertschätzung in den weitesten Kreisen. Man kann ohne Uebertreibung sagen, Rabbi Chaim war der populärste Rabbiner im Osten. Selbst die Fortschrittler brachten ihm großen Respekt entgegen und sein Wort galt in allen religiösen, wie allgemein-jüdischen Fragen als maßgebend. Rabbi Chaim war auch ein eifriger Vorkämpfer für die allgemeinen Interessen des Judentums, er beteiligte sich eifrig an jeder wichtigen Aktion, war sehr wohltätig, dabei von einer seltenen Bescheidenheit und Zuvorkommenheit, ein antiker Charakter, der in sich alle Tugenden, die unsere Weisen als die Eigenschaften eines Talmud-Chacham aufzählten, vereinigte. Die Kriegsereignisse und die Evakuierung seiner Gemeinde zwangen Rabbi Chaim, Brest-Litowsk zu verlassen. Er weilte bis vor wenigen Wochen in Minsk, wo er sich eifrig der Flüchtlinge annahm. Vor wenigen Wochen erhielt er die Erlaubnis, nach Warschau zu seinen Kindern zu kommen. Sein geschwächter Gesundheitszustand zwang ihn, in der Sommerfrische Otwotzk Aufenthalt zu nehmen, wo er vorigen Dienstag an den Folgen eines Blutsturzes verschied. Die Trauerbotschaft rief in Warschau die gewaltigste Erschütterung hervor, und Tausende und aber Tausende begaben sich mittels Sonderzüge nach Otwotzk, um dem Rabbi die letzte Ehre zu erweisen. Die Otwotzker Kultusgemeinde verlangte zunächst durchaus, daß die irdische Hülle des Verblichenen dortselbst zur ewigen Ruhe bestattet werde. Die Familie verlangte aber die Ueberführung nach Warschau. Es mußte die Entscheidung des Rabbinats eingeholt werden, die dahin ging, daß die „Tahara" der Leiche in Otwotzk vorgenommen, der Rabbi aber in Warschau die ewige Ruhe finden sollte. Das Leichenbegängnis fand am Mittwoch statt. In Otwotzk wurde die erste Leichenfeier abgehalten, wonach die irdische Hülle des Verblichenen mittels Sonderzuges nach Warschau überführt.wnÄse, Da gestaltete sich der. Leichenzug zu einer ergreifenden Trcmerkundgebung. Das gesamte Rabbinat, Hunderte Provinzrabbiner und eine unzählige Volksmenge erwarteten die Leiche am Bahnhof und begleiteten sie bis zum Friedhof. In den Straßen des jüdischen Viertels, die der Leichenzug passierte, waren alle Geschäfte geschlossen. Am Friedhof waren Tausende und aber Tausende versammelt; die Trauerreden, die der Sohn des Verblichenen, sowie mehrere Rabbiner hielten, waren tiefempfunden, und kein Auge blieb trocken, als die Redner den Verlust beklagten, den das Judentum erlitten. Der jüngste Sohn des Rabbi Chaim, Rabbi Wolf, ist am selben Tage zum Nachfolger seines Vaters auf den Rabbinerstuhl in Brest-Litowsk bestimmt worden. Der Verblichene hinterließ viele Manuskripte, die jetzt geordnet und in Druck gegeben werden sollen. Secher Zaddik liwrocho. Dringend ersuche« wir diejenigen «userer geehrte« Abonnenten, deren Abonnement avgetaufen ist oder die mit demselben im Rückstände find, «m umgehende Einsendung des entfallenden Betrages. Ire Administration.