Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 25 (8.8.1918)
- Date
- 1918-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Sinne der inneren rumänischen Interessen geben. Der rumänische Handelsminister Grigore Cantamzino äußerte sich zu einem Mitarbeiter der „Gazeta Bucureftilar" über die bevorstehenden Wahlen für die Handelskammern: Wir wollen bei den Wahlen keine Politik machen. Jetzt, wo wir im Begriffe sind, der Judenfrage die denkbar weitestgehende Lösung zu geben, halten wir es für notwendig, daß auch jüdische Kanfleute und Jndstriclle den Handelskammern angehören, um gemeinschaftlich mit den übrigen zur Wiederbelebung des Handels beizutragen. Bukarest, 26. Juli. Die Gesetzesvorlage über die Naturalisierung der Juden wurde gestern vom Senat mit 62 gegen 2 Stimmen angenommen. Minister des Aeußern Arion betonte bei Begründung der Vorlage, daß bei der Revision des Art. 7 der Verfassung die Judenfrage später ihre endgültige Losung finden werde. Die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien sei nicht von den Mittelmächten anfgezwnngen, sondern die rumänische Regierung sei dem Verlangen des Vierbundes gerne entgegengekommen. Die lieberale Partei beschloß, das neue Judengesetz als Agitationsgrundlage für die kommenden Wahlen zu benutzen und aus der Judenhetze Kapital für partei-politische Propaganda zu schlagen. Die Bukarester „Lumina" weist demgegenüber darauf hin, daß sich seinerzeit Jonel Bratianu als Chef der liberalen Partei öffentlich zur vollständigen Lösung der Judenfrage verpflichtet und die Erklärung abgegeben hat, diese Verpflichtung einzuhalten. Wenn tatsächlich eine Agitation gegen .die Lösung der JudLnfrage geplant .sei, so würde sie über den Kopf Bratianus hinweg unter dem Schutze seines Bruders Vintilla Bratianu unternommen, weil dieser die Führerschaft der liberalen Partei an sich zu reißen versuche. Bukarest, 2. August. Die Kammer hat gestern in dritter Lesung das Judengesctz mit 84 gegen 13 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten einige Nationalisten mit Universitäts- Professor Cuza an der Spitze, der feit Jahrzehnten zu den schärfsten Antisemiten in Rumänien gehört, und einige Bauernvertreter ans der Partei Asveresus. Bor der Abstimmung hatten Ministerpräsident Marghiloman und Minister des Aeußern Arion das Wort ergriffen. Ministerpräsident Marghiloman wies auf die Notwendigkeit hin, das Gesetz zu erledigen, nicht nur mit Rücksicht aus den Friedens- Vertrag, sondern auch mit Rücksicht auch die Stellung Rumäniens in Europa. Der Ministerpräsident betonte, daß die konservative Partei nach der Besetzung von Bukarest sich zur Lösung der Judenfrage verpflichtete; man könne daher nicht sagen, daß die Mittelmächte Rumänien gezwungen hätten. Minister des Aeußern Arion griff die Gerüchte auf, wonach die Bevölkerung mit dem Gesetze nicht zufrieden sei. Es handle sich hiebei aber nur um Agitationszwecke. Das Judengesctz erhält Gesetzeskraft fast in der gleichen Form, in der es in den Kammern eingebracht wurde. Nur bei den Bestimmungen über die zulässigen Nachweise bezüglich der Geburt im Lande wurde zum Artikel 33 des bürgerlichen Gesetzbuches noch Artikel 57 des gleichen Gesetzes hinzugefügt, wodurch die Erbringung des Nachweises wesentlich erleichtert wird. (Es bleibt noch abzuwartcn, in welcher Form die neuen Bestimmungen zur Durchführung gelangen werden.) Die Orthodoxie und Palästina. Aus Warschau wird gemeldet: Der ans Anregung der chassidischen Führer von der „Agudas Hvortvdoxim" erlassene Aufruf zur Gründung von Abteilungen zur Ausübung praktischer Ercz Jisroel-Arbeit fand starken Widerhall. Besonderen Eindruck machte in hiesigen Kreisen die Nachricht, daß einer der angesehensten und wohlhabendsten Warschauer Orthodoxen der Agnda erklärt hat, daß er beabsichtige, sofort nach dem Kriege seinen gesamten Besitz zu liquidieren und sich zur Anlage einer größeren Kolonie mit seiner Familie nach Ercz Jisroel zu begeben. Gleiche Absichten bestehen bei einer Reihe anderer reicher Familien. TemJ.P.A.Z. wird aus London geschrieben: Der hier weilende Oberrabbiner Kuk aus Jaffa hat unter dem Namen „Degel Jerusalem" eine neue Organisation gegründet. In seinem Aufruf bezeichnet er als Ziel, die orthodoxen Inden, welche die weit überwiegende Mehrzahl in der Judenheit bilden und allein Garantie bieten können, das Wesen des Judentums rein zu erhalten, wachzurufen für den Aufbau des jüdischen Volkes in Palästina. In seiner Programmschrift erörtert er die Frage, ob es nicht möglich wäre, die Verwirklichung dieses Aufbaues zu erreichen durch Eintritt aller orthodoxen Juden in die zionistischeOrganisation und kommt zum Schluffe, daß vielleicht theoretisch eine solche Möglichkeit gefördert werden könnte, praktisch aber ausgeschlossen sei. Die Verschiedenheit zwischen Meinungen und Anschauungen der Orthodoxie, der geistigen Führer wie der Massen, und den in zionistischen Kreisen haben ein großes Mißtrauen gegenüber letzteren erzeugt, das sortwährend neuen Nährboden bekomme. Er sei zu seinem Bedauern außerstande, dieses Mißtrauen zu mildern, geschweige zu beseitigen. Dadurch sei es so weit gekommen, daß nicht nur der Eintritt in die allgemeine zionistische Organisation dem größten Teil der Orthodoxie unmöglich sei, auch der in den „Misrachi", trotzdem er für orthodoxe Juden gegründet wurde, weil er vollständig der zionistischen Leitung untersteht. Deshalb schlage er Gründung einer selbständigen Organisation vor, um die Verwirklichung der jüdisch-palästinischen Bestrebungen in selbständiger Weise in die Wege zu leiten. Der praktisch-kulturelle Teil seines Programms deckt sich genau mit dem Palästina- Programm der „Agudas Jisroel". Kundgebung der wiener israelitischen Kultusgemeinde und der österreichischen Lultusgemeinden gegen die antisemitischeverhetzung der Bevölkerung. Freitag, den 26. Juli 1918, fand im Sitzungssaale der Wiener israelitischen Kultusgemeinde unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern eine überaus zahlreich besuchte öffentliche Plenarsitzung statt, deren einziger Gegenstand eine Kundgebung gegen die immer mehr zunehmende Verhetzung der Bevölkerung gegen die Juden bildet. Präsident Dr. Stern eröffnete die Sitzung mit folgender Ansprache: Sehr geehrte Herren! Der Gedanke, gegen die in Oesterreich um sich greifende Judenhetze Stellung zu nehmen, beschäftigt die österreichische Judenschaft schon seit langer Zeit, «chon vor vielen Monaten wäre eine Versammlung wie die heutige, die so allgemeinen Zuspruch fand, in den Verhältnissen begründet gewesen, aber immer waren es Rücksichten auf das Interesse und das Ansehen des Staates im Auslände und Rücksichten auf die finanziellen Interessen des Staates im Jnlande, die uns bisher davon abhielten, gegen die Agitation der antisemitischen Parteien in ihrer Presse, in öffentlichen Versammlungen, im Gemeinderate und Reichsrate und überhaupt in ihrem ganzen Gehaben gegen die Juden öffentlich Verwahrung einznlegen. Wir haben cs bis au die äußerste Grenze des Duldbaren ertragen, daß der Burgfriede von Seite der Antisemiten von dem Tage seiner Proklamation an in der schnödesten Weise gestört und gebrochen wurde; wir haben es ertragen, weil wir damit dem Vaterlande dienen wollten. Nun aber, da diese Hetze bereits Formen angenommen hat, die die Bevölkerung zu Pogromen gegen die Juden aufreizt, da es einem niedrigen Hetzer möglich mar, in einer allgemein zugänglichen Versammlung im Rathause der Stadt Wien den Pogrom als Heilmittel für den Staat zu proklamieren und die dort Anwesenden sich bereits als so verhetzt erwiesen, daß sie auf seinen Aufruf mit den Worten: „Führe uns!" reagierten, da macht unsere Selbstachtung, unsere Selbsterhaltung es uns zur Pflicht, unser mahnendes und warnendes Wort zu erheben und gegen die Duldung dieser verwerflichen Agitationen Verwahrung einzulegen. Verwahrung und nicht Verteidigung will die Resolution sein, die ich Ihnen zur Abstimmung vorlegen werde und die bis heute schon von nahezu 300 Kultnsgemeindcn*) Oesterreichs zustimmend angenonimcn wurde. Sollten wir es wirklich am Ende des vierten Kriegsjahres noch notwendig haben, gegen die Verleumdung, daß die Juden nicht ihren reichen Anteil an den Kriegsopfern an Gut und Blut hätten, uns zu verteidigen? Wer von uns hat nicht in seinem engeren oder weiteren Familienkreise schmerzliche Verluste durch den Krieg zu beklagen? Sv findet auf die jüdischen Familien in Oesterreich das Bibelwort: en bajis ascher eil schora mes — es gibt kein Hans, das keinen Toten hätte — in seiner wahrsten traurige» Bedeutung volle Anwendung. Ich bin überzeugt davon, daß die zu fassende Resolution jedem einzelnen Juden aus dem Herzen spricht, und ich will trotz der trüben Erfahrungen der letzten Vergangenheit nicht die Hoffnung lassen, daß Besonnenheit und Gerechtigkeit doch wieder zu ihrem Rechte kommen und wenigstens die ärgsten Auswüchse beseitigen werden, die eine von unverantwortlichen, gewissenlosen Menschen ins Maßlose gesteigerte Hetze hervorgebracht hat. Wir 0 Seilher sind zirka 400 Zustimmungskundgebungen eingelangt.