Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 25 (8.8.1918)
- Date
- 1918-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 25 in Palästina die erste stelle einnehmen soll, wenig zu behagen. Sie stellen sich etwas naiv und frage»: Ja, was soll denn eigentlich darunter verstanden werden und wie soll denn dieses religiöse Leben im heiligen aussehen? Mit denjenigen, denen das Äustauchen einer „Konkurrenz" nnbegnem ist, soll nicht weiter gerechtet werden. Wer einen solch einseitigen und engherzigen Parteistandpunkt einnimmt, dem gegenüber ist jeder Ausklärungsversnch müßig und daher überflüssig. Ganz anders verhält sich jedoch die Sache denjenigen gegenüber, die die Frage aufwcrfen: Warum muß denn die Orthodoxie eine besondere Organisation schaffen und eine spezielle Aktion einleiten? Was versteht sie unter der Forderung, das religiöse Moment im jüdischen Leben zu sichern, und weshalb glaubt sie, dies im Rahmen der zionistischen Gesamtorganisation nicht hinlänglich erreichen zu können? — Diese Fragen, ernst und ohne einseitiger Voreingenommenheit gestellt, verdienen sicherlich eine ausführliche Beantwortung, und an dieser Stelle soll der Versuch unternommen werden, diese Antwort, zumindest in großen Zügen, zu geben. Zunächst eine kurze historische Feststellung. Die Geschichte des jüdischen Volkes während der Periode, da cs im Lande seiner Väter ein staatlich selbständiges Leben führte, liefert hinlänglich den Beweis, daß die strenge Wahrung und Beobachtung der religiösen Gebote die einzige Bürgschaft für diese Selbständigkeit war. Jedesmal, wenn die Juden ihrem Gotte und ihrer Religion untreu wurden, gelangten sie in Not und Drangsal. Der strenggläubige Jude, dem jedes Wort der Thora heilig ist, sieht darin nur die Erfüllung der Zusicherungen und Androhungen, dir die heilige Schrift dem jüdischen Volke diesbezüglich verkündete. Aber demjenigen, der die Sache etwa mehr symbolisch nehmen möchte, mag es gesagt sein, daß das Verlassen der religiösen Wege insoferne den Keim des kommenden Verderbens in sich barg, als die Juden dann eher mit ihren Nachbarn in engere Beziehungen traten, ihre Sitten und Gebräuche nachahmten, sich mit ihnen verschwägerten, ihrer „Kultur" nachjagten und damit mannigfache Reibungsflüchen geschaffen haben, die zu blutigen Kriegen, Verfolgungen und Drangsalierungen führten. Etwa wie wir jetzt Augenzeugen der Erscheinung sind, daß die Assimilation nur äußerlich das freundliche Zusammenleben mit den Nichtjuden erleichtert, in Wirklichkeit neue Reibungsmöglichkeiten und -gelegenheiten schafft, Neid und Eifersucht hervorruft und schließlich zu erbitterten Konflikten Anlaß gibt. So war es in der Periode der Richter, wo die Juden nur kurze Ruhepausen erlebten, sonst aber mit den Nabarvölkern in Händel gerieten und gar zu oft unter ein drückendes Fremdenjoch gelangten. Erst unter König David, der dem jüdischen Volke nicht bloß die politische Freiheit erkämpfte, sondern auch dem religiösen Leben eine feste Grundlage verschaffte, konnte die Selbständigkeit des jüdischen Reiches gut fundiert werden. Unter seinen Nachfolgern bewährte sich das bisher Gesagte. Jnsolangc sie der Thora treu blieben, konnte Israel ein ruhiges- Dasein führen, es hatte mit der Umgebung wenig Berührungspunkte, demnach auch wenig Reibungsflächen und Konfliktsgclegenheiten. Andernfalls blieb der Kampf nicht aus, und auch die Not konnte nicht gebannt werden, da das jüdische Volk, als zahlenmäßig seinen Feinden unterlegen, sich nur selten ihnen gegenüber behaupten konnte. Als das jüdische Staatswesen unter Esra, Nechemja usw. wieder aufgerichtet wurde, bemühten sich diese in erster Reihe, dem religiösen Leben die gebührende Stellung zu verschaffen. Sie eiferten gegen die Mischehen, verwahrten sich gegen die Mithilfe der Zuläufer, des „Erew-Raw", mit dem die Juden nie gute Erfahrungen gemacht haben, sie wußten es wohl, daß das Staatswesen nur dann Bestand haben kann, wenn zumindest das öffentliche Leben religionstreu bleiben wird. Seither haben die Juden noch zweimal mit der Waffe in der Hand um ihre politische Freiheit gekämpft: unter den Makabüern und unter Bar-Kochba — die Kämpfe mit den Römern kommen da nicht in Betracht, da sie sich bekanntlich auf einer anderen (Grundlage abspielten und einen anderen Charakter hatten. Der Kampf der Makkabäer war vom vollsten Erfolge gekrönt, Bar-Kochbas Aufstand brach furchtbar zusammen. Die Makkabäer führten einen Kampf für das religiöse Leben, Bar-Kochba hingegen verließ sich auf seine physische Kraft und glaubte, die geistigen Führer des Volkes von sich weisen zu dürfen. Auch in diesen Erscheinungen spiegelt sich die große Bedeutung des religiösen Moments im Leben und in der Geschichte des jüdischen Volkes wider. Es ist klar, daß diese historischen Erscheinungen in dem engen Rahmen eines Zeitungsartikels nicht ausführlich behandelt und beleuchtet werden können. Diese kurze Skizze sollte aber unseren Ausführungen vorausgeschickt werden, um die folgenden Feststellungen besser begründen zu können. (Ein weiterer Artikel folgt.) Die Entente und die Juden. Wiederum langt eine Reihe von Nachrichten ein, die das Verhältnis der Entente zu den Juden ins richtige Licht rücken: In einer der letzten Nummern der New Parker „Wahrheit" gibt Dr. A. Margolin einen Ueberblick über die derzeitige Lage der Juden in England. Mit dem Auftreten des russischen Bolschewismus und der Novemberrevolution bekam der englische Antisemitismus eine neue gefährliche Waffe gegen die Juden. Man fing an, die aus Rußland eingewanderten Juden samt und sonders als Bolschewiki, als Schädlinge der Gesellschaft und Verräter an der Sache der Alliierten zu verdächtigen. Schon in den untersten Klassen der Volksschulen mußten sich die jüdischen Schüler von ihren Kameraden die Namen Trotzki und Lenin gefallen lassen. Nach Abschluß des Friedens von Brest machte der Vertreter derBolschewiki-Regierung, M. Litwinow, der Regierung offizielle Mitteilung über das Ausscheiden Rußlands aus dem Konzerte der kriegführenden Mächte und erklärte damit alle bisherigen Abmachungen für null und nichtig. Damit mußte auch die Einziehung der russischen Staatsangehörigen zum Militärdienst sofort eingestellt werden. Die Regierung gab auch diesbezügliche Weisung. Für die Antisemiten war diese selbstverständliche Maßnahme aber ein Signal für ein neues Trommelfeuer gegen die „fremden Juden", die „das Land aussaugten und sich ihrer Pflicht entzögen". Als Hochburg des Antisemitismus gilt eine gewisse Distriktverwaltung im Londoner Eastend, die sich zu einem Tummelplatz aller antisemitischen Beamten herausgebildet hat. Von hier aus wurde eine scharfe Kampagne geleitet, die in der Gesellschaft, im Parlamente, besonders aber auf der Straße ihren breiten Nährboden fand. Antisemitische Hetzreden unter fteiem Himmel gehören mit zum Straßenbilde, und in manchen Gegenden ist es für einen fremden Juden nicht ratsam, sich gegen Abend auf der Straße zu zeigen. Auf diese Weise sind auch die Londoner und Leedser kleinen Pogrome im Herbste 1917, über die damals die Zeitungen genugsam zu berichten wußten, entstanden. Vor zwei Monaten etwa bekam die Bevölkerung von Whitecheapel Plakate zu lesen, in denen sie zu Pogromen und Boykott gegen die Juden aufgefordert wurden, die viel Angst und Verwirrung in den jüdischen Kreisen angerichtet haben. Aus London wird gemeldet: Die spanische und portugiesische Synagoge in London, deren Chacham Dr. Gaster ist, hat diesen aufgefordert, sein Amt niederzulegen. Der Grund dieser Aufforderung ist darin zu suchen, daß Dr. Gaster seiner angegriffenen Nerven wegen in einem der Orte, die als vor Zeppelin-Angriffen am meisten geschützt gelten, Unterkunft gesucht hat. Dieser eigentümliche Grund zur Rücktrittsaufforderung, über den ein großer Teil des jüdischen Publikums und der Presse seine Entrüstung äußert, wird außerhalb Englands erst dann verständlich, wenn man hört, daß die englischen Antisemiten die Juden beschuldigen, in höherem Maße als andere Kreise der Einwohnerschaft ihre Furcht vor den Luftangriffen gezeigt zu haben und es infolgedessen zurzeit zum englisch-jüdischen „guten Ton" gilt, diesen Luftangriffen kaltblütig ftandzuhalten. Amerika bleibt auch nicht zurück. Die „Vossische Zeitung" meldet aus Bern: In einigen östlichen Städten Amerikas setzte ein Kampf gegen das Jidisch ein. Man verlangt die Ausschaltung dieser Sprache aus der Oeffentlichkeit der Vereinigten Staaten, weil sie bekanntlich zum größten Teil aus deutschen Worten besteht. Bekanntlich leben in New Uork allein anderthalb Millionen Juden, von denen eine Million sich nur auf jiddisch verständlich macht. Es gibt mehrere jiddische Zeitungen in New Jork, die eine Auslage von 6(X).000 erreichen. So sieht die Judenfreundlichkeit der Entententc aus!. . . Das Iudengesetz in Rumänien. Ueber die Lösung der Judenfrage in Rumänien liegen folgende Nachrichten vor: Bukarest, 22. Juli. Ueber die Judenfrage äußerte sich der Minister des Aeußern Arion einem Berichterstatter gegenüber: Er persönlich hätte gewünscht, daß alle Intellektuellen, die einen freien Beruf ausüben, Bürger werden können. Die gegenwärtige Lösung der Judenhage betrachtet die Regierung als eine Folge, die sich aus den Bedingungen des Friedensvertrages ergibt. Die Konstituante erst wird dieser Frage eine völlig loyale Lösung im