Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 24 (25.7.1918)
- Date
- 1918-07-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr, 24 öcn Zionisten eine dominierende Stellung in Palästina ,;n schaffen, von timen nicht geteilt werde. Tie Schaffung eines jüdischen Monopols werde nicht beabsichtig t, Tie Inden sollten nicht als Herrscher, sondern als friedliche Bürger nach Palästina zurückkehren. (Das „Verbreche»" einer russischen Jüdin in Amerika.) Ein in ungewöhnlichen Bahnen verlaufenes Menschenleben enthüllte der in New Port geführte Prozeß gegen Frau Rose Stokes, die als begeisterte Pazifistin bekannte Philanthropin. Frau Stokes war wegen „verbrecherischer" Friedenspropaganda und des Einvernehmens mit einer feindlichen Macht in den Anklagezustand versetzt, Die Berhandlung endete mit der Verurteilung der Angeklagten zu mehrjähriger Gefängnisstrafe. Frau Stokes hat einen ganz ungewöhnlichen Lebensweg durchgemacht. Sie ivurde als Kind einer russisch-jüdischen Familie in Augustowo, Gouvernement Suwalki, in Rußland, geboren, Ihre Kindheit verlebte sie in bitterster Armut im Londoner Ghetto, Später siedelten ihre Eltern nach Amerika über. Dort wurde die kleine Pastor, welchen Namen sie angenommen hatte, Arbeiterin in einer Zigarrensabrik in Cleveland, Sie entwickelte frühzeitig einen Hang zum Bersemachen und erregte dadurch das Aufsehen des Herausgebers einer großen jüdischen Zeitung, bei der sie Mitarbeiterin wurde. Dies sollte für ihr Leben von entscheidender Bedeutung werden. Sie kam in Berührung mit I. Phelps Stokes, dem Sohne eines Bostoner Bankiers und Millionärs aus bester Familie, Dieser ließ sie studieren und heiratete sie. Beide Ehegatten sind überzeugte Sozialisten und Antikapitalisten. Sie widmeten ihr Leben dem Settlement Work in East End von New Port. Als der Krieg ausbrach, traten beide tatkräftig für den Pazifismus ein, Frau Stokes scheint in temperamentvoller Weise darin weiter gegangen zu sein als ihr Gatte, Auch hat man ihr ihre jüdisch-russische Abstammung wohl zum Vorwurf gemacht. Brief aus Kiew. Das hiesige jüdische Leben ist außerordentlich lebhaft. Die russische Revolution hat den Juden die Möglichkeit der freien gesellschaftlichen Betätigung gegeben und den Prozeß einer neuen Konsolidierung und Neubildung der einzelnen Richtungen und Parteien eingeleitet, der noch jetzt nicht abgeschlossen ist. Die weitaus stärkste Partei sind die Zionisten, die, wie die Gemeindewahlen gezeigt haben, sehr an Anhängern gewonnen haben und gegenüber allen anderen jüdischen Parteien einen großen Vorsprung haben. Die Linke der jüdischen Parteien setzt sich aus drei sozialistischen Parteien zusammen. Da ist zunächst die „Bereinigte jüdisch-sozialistische Arbeiterpartei", politisch außerordentlich extrem, kaum eigentlich noch national zu neunen, die vor allem einen sehr heftigen Kampf gegen die Zionisten führt. Etwas gemäßigter ist der „Bund" und die „Poale Zion", in deren Tätigkeit aber die zionistische Note gegenüber der sozialistischen stark zurücktritt. Mit,den Zionisten zusammen gehl die „Achdus", die Partei der religiös Traditionellen, Die Arena des Kampfes ist der jüdische Nationalrat. Seine Entstehungsgeschichte ist etwa folgende: Nach der Durchführung der Revolution in der Ukraine, die bekanntlich die nationalpersonelle Autonomie den Minoritäten, darunter auch den Inden, gewährte, wurde ein jüdisches Ministerium gegründet, das mit einem jüdischen Sozialisten, Silberfarb, besetzt wurde. Infolge der Herrschaft der sozialistischen Parteien war auch in der jüdischen Politik, soweit sie von der Regierung ausging, die jüdisch-sozialistische Partei allmächtig. Das Jiddische wurde als die einzige nationale Sprache verkündet und es kam sogar so weit, daß Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache die Bestätigung verweigert wurde. Als der erste Revolutionstaumel nachließ und das Ministerium gezwungen war, sich ans die wirklichen breiten jüdischen Kreise zu stützen, berief es beit jüdischen Nationalrat beim jüdischen Ministerium. Die Zionisten wurden auch aufgesordert, in den Rat einzutreten; sie erklärten aber, daß der Rat sich aus irgendwelche Wahlen stützen müsse, sodaß jede Partei so vertreten sei, wie es ihrem Anhang im Volk entspreche. Die Sozialisten wollten von der Durchführung von Wahlen nichts wissen, sondern schlugen vor. daß nach paritätischen Grundsätzen jede Partei die gleiche Anzahl von Vertretern haben sollte. Die Zionisten gingen darauf nicht ein und erklärten, an den Sitzungen des Rates nur zu informatorischen Zwecken teilnehmen zu wollen. In dem Grade, als die sozialistischen Richtungen an Macht verloren, wurde auch die Position der jüdisch-sozialistischen Parteien schwächer. Um dem jüdischen Ministerium und dem Nationalrat Autorität zu verschaffen, waren sie wiederum gezwungen, die Zionisten zur aktiven Anteilnahme aufzuforderu. Diese verlangten wiederum eine gerechte Vertretung der Parteien nach ihrer wirklichen Stärke. L-chließlich gaben die sozialistischen Parteien nach, und es wurden die Wahlen zu den Gemeinden zugrunde gelegt. Es hätte sich danach bei einer gesamten Zahl von 60 Mitgliedern des Nationalrates folgende Vertretung ergeben: Zionisten 27 bis 28 Vertreter und die „Achdus Jisroel" acht bis neun Vertreter, so daß diese beiden Parteien zusammen die Majorität gehabt hätten. Die Linke wollte darauf nicht eingehen; es begannen Kompromißverhandlungen; schließlich kam folgende Zusammensetzung zustande: Zionisten 24, Achdus 6, Poale Zion 10, Volkspartei 5, Vereinigte Arbeiterpartei 7, Bund 8. Auf Grund dieser Zusammensetzung ist die Parteikonstellation im Rationalrat außerordentlich labil. Die Vertreter der „Achdus" gehen gewöAilich mit den Zionisten, so daß diese zusammen gerade 30 Vertreter haben, Haben sie bei einem Antrag die Volkspartei auf ihrer Seite, dann geht der Antrag mit 35 gegen 25 durch. Die Haltung der Volkspartei ist jedoch sehr schwankend, sehr oft stimmt sie mit den linken Parteien, und es ist schon oft vorgekommen, daß Anträge mit 31 gegen 29 Stimmen akzeptiert wurden. Anträge, die eine Aendcrung der Gründungsprinzipien der jüdischen Autonomie betreffen, bedürfen einer zwei Drittel Majorität, so daß prinzipielle Aenderungen bei dieser Zusammensetzung des Nationalrates kaum vorgenommen werden können. Doch soll der Rat nur bestehen bleiben bis zur Einberufung der jüdischen Gründungsversammlung, die in etwa vier bis sechs Wochen stattsinden soll. Diese wird einen neuen Nationalrat wählen, der dann wirklich die autoritative leitende Instanz des jüdischen Lebens sein soll. Die Ausgabe des jetzigen Nationalrates ist, die Arbeit des jüdischen Ministeriums zu unterstützen mtd die Wahlen zur Gründungsversammlung vorzubereiten. Das jüdische Ministerium ist jetzt verwaist und es ist nötig, es wieder zu besetzen. Die Parteien sind sich nicht einig, ob ein neuer Minister gewählt werden oder nur ein Verwalter des Ministeriums bestellt werden solle, wie die Zionisten verlangen. Viel positive Arbeit hat der Nationalrat bisher noch nicht geleistet, die Sitzungen bringen gewöhnlich nur ausgedehnte und heftige Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Parteien. Die einzelnen Parteien arbeiten sehr intensiv, agitatorisch und kulturpolitisch. Die Zionisten treiben besonders Propaganda für die bevorstehenden Wahlen zur Gründungsversammlung, Außerdem gehen sie an die Organisierung der Palästinaarbeit und der hebräischen Kulturarbeit. Die Jiddischisten und Sozialisten arbeiten gleichfalls intensiv. Sie haben eine Kulturliga gegründet, und diese hat eine jüdische Volksbibliothek ins Leben gerufen, die vor einigen Tagen eröffnet wurde. Vor kurzem haben sie außerdem einen allukrainischen, jüdisch-demokratischen Lehrerkongreß nach Kiew einberufen, der sich aus 87 Delegierten zusammensetzte, die insgesamt 616 Lehrer aus 34 Städten repräsentierten. Von jüdischen Zeitungen erscheinen hier die „Neue Zeit", das tägliche Organ der Vereinigten Jüdisch-Sozialistischen Arbeiterpartei, und die etwa wöchentlich erscheinende zionistische Zeitschrift „Auf der Wacht"; außerdem als Organ des „Bundes" die „Volks- Zeitung". _ Knaben-volksfchule irünfklamg» mit Geffentlichkeitsrecht (Talmud-Thora). Wien, IJ„ Malzgasse 16, Der einzig richtige Gedanke, daß der Wirkungskreis sich nicht aus das Schulzimmer allein beschränken kann und daß der Pflege des Körpers ihr Recht gewahrt bleibe, ist hier seit jeher in die Tat umgesetzt worden. Still und unscheinbar waltet an dieser Anstalt die Fürsorge, von der Oeffentlichkeit wenig beachtet und noch weniger gewürdigt und anerkannt, und doch ist es ein segensreiches und großes Werk, das da vollführt wird und reichlich verdient, daß mau ihm einige Worte widme. Es hat auch in der goldenen Friedenszeit genug der armen Kinder gegeben, die nicht nur eine gute Verpflegung, sondern auch Kleider, Schuhe, Wäsche erhielten und aufs Land geschickt wurden. Im Schulhause selbst ist eine Schulküche eingerichtet und wird der Zubereitung der — rituellen — Kost die größte Sorgfalt zugewendet. In dem geräumigen Speisesaale nehmen die Kinder, beaufsichtigt vom Lehrpersonal, das reichlich bemessene Mahl ein. Der Krieg und die damit verbundene schwere Zeit — erhöhte Zahl der Kinder und Teuerung der Lebensmittel — stellte den Vorstand vor unübersteigliche Hindernisse und ungeahnte Schwierigkeiten. Doch all das konnte Dank seinen Bemühungen und der Opferwilligkeit edler Kinderfreunde überwunden werden. Um die