Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 23 (11.7.1918)
- Date
- 1918-07-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite ß Jüdische Korrespondenz. Nr. 23 Regierung, den Oberrabbiner in Korfu, Professor G. Carlo, als italienischen Staatsbürger von seinem Amte zu entlassen, obwohl er dasselbe schon seit acht Jahren bekleidet. (Die Dienstpflicht in Kanada.) Die jüdische Bevölkerung von Kanada steht vor ernsten Fragen. Die Einführung des Militärpflichtgesetzes ist von den aus europäischen Ländern eingewanderten Juden begreiflicherweise mit geteilten Gefühlen ausgenommen worden. Besonders schwierig liegt der Fall der aus Oesterreich und Polen Eingcwanderten; durch die im Kriege vorgenommene Reform der Wahlgesetze wurde ihnen das Wahlrecht entzogen, und zurzeit wird die Einziehung aller aus den feindlichen Ländern Eingewanderten für Arbcitszwecke erwogen. Auch die Stellung der aus Rußland und Rumänien eingewanderten Juden, die etwa 60 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung in Kanada betragen, ist nach dem Friedensschluß mit diesen beiden Ländern unklar geworden. (Rabbiner Prof. Dr. Werners. 21.) Der Oberrabbiner von München, Professor Dr.sWcrner, ist tief betrauert im 65. Lebensjahre gestorben. Als Kanzelredner bewundert und vurch seine theologische Gelehrsamkeit weit und breit bekannt, hat er auf das jüdische Leben der Gegenwart durch seine rege und wirksame Tätigkeit in fast allen großen jüdischen Organisationen Deutschlands, deren offizielle Tagungen er sehr häufig als Hauptredner einleitete, einen weitreichenden Einfluß auf die Entwicklung des öffentlichen jüdischen Lebens im Deutschen Reiche ausgeübt, wie er auch unter s einen rabbinis chen Standesgen oss en durch seine versöhnliche Stellung großes Ansehen genoß. Am bayerischen Hose erfreute er sich großer Beliebtheit. Coßmann Werner wurde am 17. Dezember 1853 in Rogasen geboren. Er war ein Schüler des Breslauer Rabbinerseminars. Er gab Predigten und Schriften unter anderem über Johann Hyrkan, Abraham Maimoni und die preisgekrönte Arbeit „Die Verordnungen der Gaonim" heraus. Schon mit 24 Jahren war er Rabbiner in Danzig. (Bor IO© Jahren.) Eine Warschauer Zeitung von Ende April 1818 enthält folgenden interessanten Beitrag zur Geschichte der Judenfrage: „Zufolge einer aus dem Reichstage gemachten Vorstellung soll in Ansehung der Juden eine neue Organisierung stattfinden. Das Gouvernement will sie zu nützlichen Einwohnern machen, da sie bisher seit beinahe sechs Jahrhunderten nur Handelschast betreiben und sich mit dem Feldbau nicht beschäftigen wollten. Im 12., 13. und 14. Jahrhundert fanden die Israeliten, wider welche die Verfolgungen vorzüglich in Deutschland statt hatten, eine Freistätte in Polen und erhielten von dem Großvater Casimirs des Großen, Königs von Polen, Boleslaus IV., im Jahre 1264 außerordentliche Freiheiten, welche ihnen Casimir der Große später bekräftigte, König Alexander aber im Jahre 1505, wegen entstandener. Mißbräuche, wieder aufhob. Der Verfasser der kürzlich erschienenen polnischen Broschüre macht den Vorschlag, einen Teil der polnischen Juden nach der Tartarei (!) zum Feldbau zu schicken?' ... Und heute?! Zeichnet Kriegsanleihe! Von der „Agudas Iisroel". (.Kriegsanleihe-Zeichnungsverein.) Vorige Woche fand die Liquidierungsgeneralversammlung des Kriegsanleihe - Zeichnungs- Vereines „Agudas Jisroel" für die VII. Kriegsanleihe statt. Der Vorsitzende, Herr I. I. Thumim, legte den Rechenschaftsbericht vor und konstatierte mit Genugtuung, daß das Resultat der Zeichnungen auf die VII. Anleihe den Rekordbetrag von über K 700.000 ergab. Auch die Zeichnungen für die VIII. Kriegsanleihe nehmen einen erfreulichen Verlauf. Es wurde beschlossen, den Reinertrag im Betrage von K 3000 der Kriegswaisenaktion der „Agudas Jisroel" zu widmen. Im Sinne der Statuten wurde der Verein für die VII. Anleihe ausgelöst. (Gleichzeitig wurde beschlossen, für die VIII. Anleihe eine lebhafte Aktion zu entfalten. (Agudas Jisroel"-Jeschiwa.) Sonntag fand eine Borstandssitzung der „Agudas Jisroel" statt, zu welcher auch einige Rabbiner zugezogen wurden. Illach einer eingehenden Besprechung wurde ein Komitee gewählt, dem die Aufsicht über die Chadarim der „Aguda", sowie die Errichtung einer „Jeschiwa" für höheren „Talmud- und Schulchan-Aruch"-- Unterricht obliegen soll. Dem Komitee gehören an: die Rabbiner Katz-Borszezow und Weidenfeld - Grzymalow, sowie die Herren I. I. Thumim, Akiwa Schreiber, David Fast, A. Rappaport, M. Kriß und Jakob Beckmann. Korrespondenzen. Prag. Noch ist das Trauerjahr nach dem verstorbenen, greijen, ehrw. Rabbiner Prof. Sal. Knöpelmacher s. A. nicht verstrichen und' schon erlitt die hiesige Gemeinde, insbesondere der konservative Teil derselben, abermals einen herben Verlust durch den plötzlichen Heimgang des allseits beliebten Rabbiners, Pros. Dr. Karl Thieberger s. A. Sein frühzeitiger Tod — er war erst 61 Jahre alt — rief in den weitesten Kreisen der Stadt allgemeine Bestürzung hervor, und groß ist die Anteilnahme, die seiner Familie entgegengcbracht wird. Ein sichtbares Zeichen seiner großen Wertschätzung war die überaus große Beteiligung am Leichenbegängnisse, das am 23. v. M. stattfand. Auf dem Friedhofe bestieg unser ehrw. Oberrabbiner, Herr Tr. H. Brody, die Tranerestrade und — selbst zu Tränen gerührt — entwarf er ein herrliches Lebensbild des entschlafenen Freundes und Amtskollegen. Unter sinniger Anwendung der Tugend- und Sittensprüche des berühmten Talmud- Lehrers Rabbi Nathan, schilderte er mit beredten Worten das goltesfürchtige Leben, die echte Frömmigkeit, das tiefe Wissen, die rührende Bescheidenheit' dieses gleichfalls den Namen R a b b i Nathan tragenden, ausgezeichneten Jugendbildnors, deni die religiös-sittliche Erziehung seiner zahlreichen Schüler stets heilige Herzensangelegenheit war. Als Prediger der Knaben-Waisenhaussynagoge verstand er es seine Zuhörer zu begeistern, als Freund war er treu und hingebungsvoll, als Gatte und Vater zärtlich und voll Fürsorge — und überall war er mit ganzem Herzen dabei, wo es galt, Gutes zu stiften. Hierauf sprach Prof. Dr. M. Klotz namens des Verbandes der israelitischen Religionslehrer an Mittelschulen in Böhmen, dessen Obmann der Verblichene war, warme Worte des Abschiedes; er verdolmetschte den Dank aller Kollegen, die in ihm den treuesten Freund und Berater betrauern. Dr. Thieberger war auch beeideter Dolmetsch der hebräischen Sprache beim hiesigen k. k. Oberlandesgerichte, und sowohl hier als auch bei den regelmäßigen Talmud - Schiurim des Herrn Oberrabbiners, bewies er oft sein reiches Können. Stolz war er nur auf seine wohlerzogenen vier Kinder, von denen der älteste Sohn, Dr. Friedrich Th., Professor an der zweiten deutschen Staatsrealschule, trotz seines jugendlichen Alters, heute schon ein sehr beliebter Lehrer und dabei treuer Anhänger des gesetzestreuen Judentums ist. Möge der Allmächtige die Hinterbliebenen trösten. Wir aber wollen dem Verewigten ein getreues Gedenken bewahren! _ M. Mandl. Einige Bemerkungen zur Geschichte der Schreiber. Von Rabbiner Dr. E. Landau. <Fort;etzui,g3 Die Schreiber wohnten zumeist in den Städten, am Sitze von Gerichtshöfen, doch kam es vor, daß sie am Ftachlande Geschäftsreisen unternahmen und geschäftliche Schreibstücke für die Landbewohner auch im vorhinein für den späteren Gebrauch anfertigten. Unter „Notrin" (notarie) versteht der Talmud nach Krauß die Schnellschreiber, die Tachyographen, deren in Sota 8, 6, Erwähnung geschieht. Eine besondere Art von Lohnschreibern, die Korrektoren, sind schon erwähnt worden. Ihre Notwendigkeit hängt mit dem löblichen Bestreben auf die Erhaltung des genauen Textes der heiligen Bücher zusammen. Sie hatten sämtliche Thoraschriften mit den im Tempel gehüteten Mustercodices zu vergleichen. Eines dieser Musterexemplare soll von Moses herrühren (Pesikte 197 b). Den Korrektoren war die rigoroseste Strenge zur Pflicht gemacht. Schon die Hinzufügung' eines Wortes, selbst wenn es für den Sinn von kleiner Bedeutung war, machte die Skriptur rituell unbrauchbar. Ein unkorrigiertes Buch war nicht bloß für den Schulgebrauch verboten, sondern sollte länger als 30 Tage selbst im Hause nicht gehalten werden (Kebuboth 19 b). Erwähnt werden auch „Skrutari", eine Bezeichnung, die aus der römischen Welt in die Aggada eingedrungen, doch für Schreiber nicht populär und verbreitet war (S. M. 3, 4). Selten wird auch „Kotew" verwendet. Die Mitglieder der Familie Shägira werden als besonders geschickte Schreiber gelobt (j. Meg. 1, 71 ä). R. Chanina trägt den Beinamen „Katwon" (Schreiber) (j. Sanh. 2,1), ob wogen seiner Kalligraphie, vollendeten Schrift oder wegen eines vielleicht ausgeübten Betuses, läßt sich ebenso wenig ausmachen, wie es nicht sicher ist, ob der Kotew ein Schünschreiber oder Urknndenschreiber ist. Zweifelhaft ist auch, ob Jochanan seinen Zunamen „Chakakaoh" von seinem Wohnorte Chakak oder seinem Berufe als Steinstecher her hatte. Der Stand der Sofrim stand materiell nicht günstig und, was vielleicht damit zusammenhängt, erfreute er sich keiner besonderen Achtung. Ihr wenig beneidenswertes Los erklärt sich aus der großen Konkurrenz und der schwachen Nachfrage nach ihren Erzeugnissen. Die Schristgelehrten meinen, ihre Armut wäre eine selbst verschuldete. Sic übten ihren heiligen Berus nicht mit der Selbstlosigkeit aus, die dieser erforderte, und waren nur auf ihren Nutzen (S.char) bedacht. Eine merkwürdige Sentenz sprach ihnen sogar den Anteil an der zukünftigen Welt ab. Ich kann der Ansicht Krauß', daß der Sofer und Libellar ihre Verdammung den häufigen Konflikten zuzuschreiben hatten, in die sie mit den sie rituell überwachenden Rabbinern gerieten, nicht zustimmen. Ich glaube aber, daß der scharfe Ausspruch, der schon den Sofer, auch den Arzt, den Stadtrichter, den Synagogendiener und noch drei andere Berufsarten traf, charakteristisch für das Verhältnis war, in dem das ungebildete Volk zu seinen angestellten Beamten und den freien Berufen stand. Indes schien die wenig günstige Meinung, die über die Schreiber vorherrschend war, durch so manche unliebsame Erfahrung begründet zu sein, die Parteien gemacht haben dürsten, denen eingeschärft wurde, kein wichtiges Aktenstück beim Schreiber liegen zu laßen (Bm. 20 bl. Wie wenig der Beruf seine Ausüber an sich zu fesseln verstand, beweist die Erzählung eines Palästinensers, nach welcher die Männer der großen Synode an eigens dazu bestimmten 24 Fasttagen für die ewige Armut der Soferim beteten, weil diese, znm Schaden der Religion, ohne Schreibtättgkeit sonst nichts mehr ausüben würden (Pep 60 b). Erschienen sie auch hier als unschuldige Opfer ihres Berufes, so änderte das nichts an dem Los, das sie yiit dem römischen Libellar teilten und das Armut und Verachtung war. Es war nur natürlich, daß die Schrift des Berufsschreibers-