Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1918-06-27 · 22 (27.6.1918) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
22 (27.6.1918)
Date
1918-06-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495381-3495401--0689-3521401
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Organ des Vereines „Jeschurvn“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Jesciiurun"-Prelkoniltee, Wien, I., Salztorgasse 2 > Jeschurun Nr. 22. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: .■ Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I.. Salztorgasse 2. Oer ewige Friede. Von Dr, I, W o h l g e m ü t h- (Fortsetzung > II Wie stellt sich das Judentum zu diesen Anschauungen? 1. Wir beginnen mit dem Letzten. Ist es jüdische Anschauung, daß der ewige Friede ein Zustand ist, der auf der Erde, wie mir in ihr leben, verwirklicht werden kann? Unsere Leser haben aus unseren obigen Ausführungen schon ersehen, daß wir auf seiten derer stehen, welche die Verwirklichung dieses Ideals im natürlichen Verlauf der Dinge, und von einem solchen war bisher immer nur die Rede, für' ausgeschlossen halten. Und wir befinden uns da in Uebereinstimmung mit den heiligen Urkunden unserer Religion und dem Gesamtgeist des Judentums. Die Religion kann, wie man das genannt hat, übervernünftige Lehren aussprechen, Behauptungen über Tatsachen, die jenseits aller Erfahrung liegen und mit den Mitteln des menschlichen Denkens nicht restlos zu erfassen sind. Aber sie kann nicht widervernünftige Lehrsätze aufstellen, Sätze, die in sich einen Widerspruch enthalten. Ein solcher Satz wäre die Lehre von der Herrschaft des ewigen Friedens in einer Welt, in der das Böse nicht ausgerottet ist und nicht ausgerottet sein kann und darf, weil das Böse — wie bekannt — als metaphysisches, physisches und moralisches Uebel allein den Fortschritt in dieser Welt ermöglicht. Nirgends ist darum auch in der Bibel und in unserer nachbiblischen religiösen Literatur von dem ewigen Frieden als von einem Zustand die Rede, den die Menschheit im natürlichen Verlauf der Dinge erreichen würde. Die Voraussetzung ist immer ein wunderbares Eingreifen Gottes und infolgedessen eine Umwandlung der Zustände auf Erden, die völlig neue Bedingungen für das Zusammenleben der Menschen schafft. Die Theologen der religionsgeschichtlichen Schule haben — zum Teil — die Idee der messianischen Zeit mit der des Universalismus identifiziert, und von jüdischer Seite hat Hermann Cohen diese Gleichstellung zum Angelpunkt seiner Auffassung vom Wesen des Judentums gemacht. Aber das ist grundverkehrt. Der Universalismus der Propheten, der übrigens allen Propheten eigen ist, hat mit der Verkündigung des messianischen Zeitalters gar nichts zu tun. Der Prophet der Kapitel 40—66 im Buche Jesajah, der als sogenannter Deuterojesajah nach der Meinung jener religionsgeschichtlichen Schule der Schöpfer und am meisten beredte Verkünder des Universalismus sein soll, weiß von einer messianischen Zeit, in der ein allgemeiner Völkerfriede herrfchcn soll, gar nichts zu berichten i). Es ist eine ganz willkürliche Konstruktion, daß die Idee des einen Gottes die Idee der einheitlichen Menschheit geschaffen und daß die allgemeine Menschenliebe und im Gefolge dessen die Idee des ewigen Friedens i) Jes. 65,26 handelt nicht vom Dölkerfrieden und ferner gtlt von dieser Stelle das weiter unten von Jes. XI, 2—9 Gesagte. aus der rein monotheistischen Gottesauffassung einer späteren Zeit sich entwickelt hat. Dafür kann neben dem erwähnten Beweise aus dem Schweigen des vermeintlichen Hauptverkünders des Universalismus über den ewigen Frieden noch ein anderer geradezu klassischer erbracht werden. Die einzige Stelle, wo von dem ewigen Frieden in schlichter Rede ohne eschatologisches Beiwerk die Rede ist, ist Micha IV, 1—5 (Jesajah II, 1—4, geht auf sie zurück und Jesajah XI, 1—9 fetzt eine völlige Umwälzung der Natur voraus; denn ein Löwe, der Stroh frißt, ist eben kein Löwe). Und wie lautet diese Stelle in Micha? „... Sie schmieden ihre Schwerter um zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern. Nicht erhebt ein Volk gegen das andere das Schwert und sie lernen nicht mehr den Krieg. Denn alle Völker wandeln, ein jedes im Namen seines Gottes, wir aber wandeln im Namen des Ewigen, unseres Gottes, für immer und ewig.“ 2. Schon der Umstand, daß die Verwirklichung des ewigen Friedens in der Welt hienieden unmöglich ist, hat nach jüdischer Auffassung zur Folge, daß der ewige Friede auch nicht als religiös-sittliches Ideal Geltung beanspruchen darf. Es ist das eben Grundprinzip jüdischen Denkens, daß nur solche Ideale uns voranleuchten sollen, die nicht für immer nur reine Ideen bleiben, sondern im Leben des Menschen ihre Verwirklichung finden können. Es hängt das zusammen mit dem Wesen des Judentums, das Gesetzesreligion ist und überall festumrissene Forderungen aufstellt, die wie jedes Gesetz von dem Gesetzgeber als ausführbar gedacht sind. Die Bestimmungen mögen oft als kaum erfüllbar erscheinen. Die Möglichkeit ihrer Durchführung bei einem festen und wahrhaft reinen Willen ist immer vorhanden. Nehmen wir selbst ein Gesetz, wie das der Sabbathjahre, das von jeher den billigen Spott der Nationalökonomen und modernen Bibelexegeten erregt hat. Warum in aller Welt sollte es bei strengster Genügsamkeit und opferfreudiger Einschränkung so völlig undenkbar fein, daß der Ausfall einer Jahresernte ertragen werden kann. Forderungen aber, die immer Ideale bleiben müssen, die ihrer Natur nach, weil sie eben in sich widerspruchsvoll sind, nicht Wirklichkeit werden können, haben in unserem Sittengesetz keinen Platz. Die Feindesliebe als Grundlage des Verhaltens aller zu allen ist eine solche Forderung, und darum hat der Pentateuch nicht diese, sondern die Nächstenliebe als Religionsgesetz verkündet. So kann auch das Judentum den ewigen Frieden, der, wie wir sahen, in einer Welt irdischen Wirkens unerreichbar ist, nicht als religiös-ethisches Ideal anerkennen. 3. Als Forderung der religiösen Ethik begegnet uns der ewige Friede weder in Bibel, noch in Talmud und Midrasch. Wird er aber als erstrebmswertcs Ziel angesehen? Wird er als Glück vorgestellt? Und wird der Krieg als Unglück beklagt und als Strafe empfunden? Es ist sehr schwer, auf Grund unseres Schrifttums darauf eine glatte Antwort zu geben. Sehr leicht machen sich's wieder manche Vertreter der religionsgeschichtlichen Schule. Nach ihnen war Israel z. Z. seiner politischen Selbständigkeit ein kriegerisches Volk, wie nur irgend eines seiner Umgebung. Erst nach dem Erstehen der Weltmächte und den furchtbaren Schicksalsschlägen, die es von diesen erfahren, nachdem es sich seiner Ohnmacht als winziger, unbedeutender Staat bewußt geworden, der ein Spielball der starken Völker in seiner Umgebung werden mußte, da predigten seine Propheten und Weisen den ewigen Frieden als einen Jdealzuftand, der einst Wirklichkeit werden sollte. Also weil ihm die Trauben kriegerischer Erfolge zu hoch hingen, erklärte Israel sie für fauer, genau so, wie auch heute die Friedensbestrebungen in den kleinen und wehrlosen Staaten ihre Hauptverfechter haben. Es wäre nicht schwer, zu zeigen, daß diese Behauptung gerade nach den bibelkritischen Theorien, nach denen di« jüdischen Literaturdenkmäler z. T. in eine sehr späte Zeit herabgesetzt werden, nicht aufrechtzuerhalten ist. Dafür ist hier nicht der Ort. Wahr ist vielmehr, daß ebenso wie heute, auch in unserem Schrifttum seit uralter Zeit zwei Auffassungen sich geltend machen, daß je nach den Umständen, je nach dem Ziel, das zu erreichen, nach der Aufgabe, die dem Volke gestellt war, nach dem Geschick, das ihm zuteil wurde, der Krieg gepriesen oder verwünscht wurde. (Fortsetzung folgt.) „Linder aufs Land." An Spenden sind uns weiters zugekommen: Brüder Steiner. K 1.000*— Mehrer L Co. 250 — Chewra Kadischa neuerliche Spende . 200*— Joses May. Ignatz Pollak. 200 — 200'— Eduard Kunstadt. 200'- Moritz Naget.. . . 200'— Abraham Bornstein. 200-— Hochzeit Bornstein. 01 — Sam. F. Goldberger. 100 — Firma Heinrich Franck & Söhne . . 100'— Vadasz Mark, Budapest. 100 — Gabriel Spitzer. 100 — „Agudas Jisroel". Heinrich Gruber . Isidor Weiner. 100 — 100'- 100 — Julie Lunzer.. . . . 100'— Tobias Guttmann Schenirer. . . . 100'— Bernhard Klein. 100 — Brüder Herzl. 100- Alexander Steiner.. . 100'— M Tauber & Bruder. 100 — 3.811- Bisheriges Ergebnis . 38.000- Gesamtergebnis 41.811 — Mir bitten diejenigen, welche unser Blatt bisher erbalten haben, um Einsendung des Ahonnementsbetrages, da sonst die wettere Lusendung unter-, bleiben mühte, prehkomttee des „Aeschurun", i„ Salzthorgafse 2.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.