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Jüdische Korrespondenz · 1918-06-27 · 22 (27.6.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
22 (27.6.1918)
Date
1918-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 22 Oie Lage in Jerusalem. Der Londoner „Jewish Expreß" bringt einen ausführlichen Bericht seines Korrespondenten in Jerusalem, dem wir folgendes entnehmen: „Die Stimmung in Jerusalem ist zurzeit durchaus hoffnungsfreudig und gehoben. Dagegen ist die materielle Lage außerordentlich schlecht und sie verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die Teuerung wird immer schlimmer. Ein Laib Brot kostet 4 Shilling und ist dabei schwer zu bekommen. Fleisch fehlt fast ganz. Für ein Ei wird ein Shilling gezahlt, ein Liter Milch kostet ebenfalls fast einen Shilling. Derartige Preise können von der ärmeren jüdischen Bevölkerung natürlich nicht gezahlt werden. Es gibt daher erschreckend viele Notleidende in Jerusalem, und die Zahl der Hungerkranken und Todesfälle wird von Tag zu Tag größer. Jüdische Hospitäler gibt es zurzeit nur zwei, das Hospital „Bikkur Cholim" und „Schaare Zedek". Das Rothschild-Hospital ist von der englischen Militärbehörde in Anspruch genommen und das Krankenhaus „Misgab Ladach" kann nicht benutzt werden, da die Türken bei ihrem Abzug aus Jerusalem alle Medikamente, Instrumente und sonstigen Einrichtungsgegenstände mitgenommen hatten. Zurzeit ist man mit der Neueinrichtung dieses Hospitals beschäftigt. Das türkische Papiergeld wird von den Engländern nicht in Zahlung genommen. Auch sonst ist es völlig entwertet, so daß man für 13 türkische Pfund nur ein Pfund Sterling erhält; in vielen Geschäften wird es überhaupt nicht angenommen. Die Behörden beabsichtigen, Höchstpreise für sämtliche Lebensmittel einzuführen, doch ist es sehr zweifelhaft, ob das eine Wirkung auf die arabischen Kaufleute ausüben wird, die vielmehr, wie man befürchtet, ihre Waren dann nicht auf den Markt bringen werden. Inzwischen beschuldigen die Araber und die Christen die jüdischen Händler, daß sie die Preise in die Höhe schrauben; doch ist es in Jerusalem allgemein bekannt, daß diese Beschuldigung ungerechtfertigt ist und daß eben die arabischen Besitzer enorme Preise von den jüdischen Händlern selbst verlangen. Es sind Bestrebungen im Gange, die Jerusalemer Judenheit zu vereinigen, doch sind die Vorarbeiten bisher nicht weit gediehen, da die alten Gegensätze zwischen den einzelnen Abteilungen der Gemeinde noch immer störend im Wege stehen. Nach dem Tode des Bürgermeisters von Jerusalem, eines Mohammedaners, ist ein Christ an seiner Stelle zum Bürgermeister ernannt worden, was bei der jüdischen Bevölkerung eine gewisse Erregung hervorgerufen hat, da sie als die numerisch stärkste auf die Besetzung dieses Postens Anspruch erhoben hatte. Mchtltngsstatistik. Die offizielle Uebersicht der mittellosen Flüchtlinge nach dem Stande vom 1. April d. I. weist aus: Wien „Zentralstelle" insgesamt 38.772, davon 34.233 Juden, 2217 Italiener, 747 Deutsche, 659 Polen, 469 Ukrainer, 300 Slowenen usw. Dazu kämen 2394 Flüchtlinge des „Wiener Hilfskomitee", von diesen 1674 Juden, und dann 444 Ukrainer, sür die ein eigenes Komitee sorgt. Gesamtzahl: 41.610, davon 35.907 Juden. Niederösterreich beherbergt gemeindeweise 11.749 vorübergehend heimatlose Personen, darunter 4024 Ukrainer, 3406 Slowenen, 2265 Italiener, 1534 Kroaten, 161 Juden usw. Einzelne der Barackenlager sind reiusprachige Städte, so Gmünd mit 6711 Ukrainern, Bruck an der Leitha mit 4347 Slowenen, Pottendorf mit 2960 Italienern, Steinklamm mit 2150 Italienern und Mistelbach mit 900 Italienern. In Mitterndorf sind neben 8387 Italienern 282 Juden untergebracht, das Lager zu Oberhollabrunn bietet insoferne ein Oesterreich im kleinen, als sich die 1347 Einwohner aus allen Nationen zusammensetzen, doch überwiegen hier die Rumänen. Auf die Gemeinden Oberösterreichs sind 12.658 Flüchtlinge verteilt, darunter 7763 Juden. Das einzige Barackenlager, jenes in Braunau weist 5249 Italiener, 12 Deutsche und einen Zigeuner auf. Auch Salzburg zählt bloß ein Barackenlager, jenes zu Grödig, in dessen unmittelbarer Nähe, am Fuße des Unterberges, sich die Gefangenenlager weithin ausdehnen. Von den 4480 Flüchtlingen zwischen den reizvollen Salzburger Ausflugsorten, dem Landsitz der Erzbischöfe in Hellbrunn und dem Königsee, sind 4101 Ukrainer, der Rest Juden, Polen und Deutsche. Steiermark hat viele Flüchtlinge. In den Gemeinden 18.263, davon 7873 Slowenen, 6662 Italiener und 2122 Juden; das Lager zu Wagna, von dem öfters die Rede war, bevölkern 5606 Italiener, 447 Slowenen und 16 Polen. Kärnten bewohnen 3397 Flüchtlinge verstreut in den Gemeinden, davon 1852 Slowenen und 1287 Deutsche. Krain bewohnen 24.282 Flüchtlinge, davon 22.300 Slowenen, der Rest Italiener, Deutsche usw. In den Gemeinden des Küstenlandes weilen 31.634 Kriegsopfer, fast zur Hälfte Italiener (15.327) und zur anderen Hälfte Slowenen (14.541), der Rest Kroaten (1482) und so weiter. Den Gemeinden in Tirol und Vorarlberg dienen 27.444 Flüchtlinge zum erzwungenen Aufenthalte; 24.860 Italiener, 1397 Deutsche, 33 Slowenen, 3 Rumänen, 1 Ukrainer und 1150 „Sonstige" bilden die Zahl. Auch hier keine Baracken. Böhmen zählt in den Gemeinden 64.969 Kriegsgäste, 41.365 Juden, dann 14.161 Italiener, 4529 Ukrainer, 999 Deutsche usw. Im Barackenlager zu Chotzen 749 Polen, 4 Ukrainer, 1 Rumäne. Mähren zählt 35.413, davon 33.140 in den Gemeinden (18.487 Juden) und 11.914 Italiener und in den Baracken zu Nikolsburg 672 (637 Juden), Gaya 785, Pohrlitz 19, Mährisch-Trübau 797. In den schlesischen Gemeinden wohnen an Flüchtlingen 5636 Juden, 42 Polen und 36 Deutsche. Galizien zählt in den Gemeinden 126.513 Kriegsflüchtlinge aus dem eigenen Lande. Die Bukowina weist 18.157 Personen dieser Kategorie auf, zur Hälfte fast Rumänen, 7914, dann 4478 Polen, 2210 Juden usw. In Dalmatien zählt man 215 Kriegsflüchtlinge, davon 108 Juden, 83 Italiener. Die Veränderung vom 1. April bis zum 1. Mai zeigt die folgende Tabelle, ein Vergleich des Gesamtstandes an jenen Stichtagen: 1. April 1. Mai Wien. 41.610 37.739 Niederösterreich. . 38.833 32.074 Oberösterreich . . 17.920 16.843 Salzburg.... 8.946 6.782 Steiermark . . '. 24.332 21.877 Kärnten .... 3.397 3.198 Krain. 24.282 20.603 Küstenland . . . 31.634 31.092 Tirol-Vorarlberg . 27.444 33.550 Böhmen .... 65.723 £7.703 Mähren .... 35.413 31.369 Schlesien .... 5.714 4.896 Galizien .... 126.513 108.770 Bukowina . . . 18.157 (liegt noch nicht vor) Dalmatien . . . 219 216 Gerade in den letzten Wochen ist die Heimkehr der Kriegsflüchtlinge stärker gewesen als in jenen Monaten der Berichte. Von den galizischen Juden verlassen in der letzten Zeit wöchentlich 600 bis 700 Wien. Rundschau. (Graf Buria« und die rumänischen Juden.) Auf eine Eingabe, die der Rabbiner Dr. Klein aus Eisenstadt (Ungarn) an den k. u. k. Minister des Aeußern Grafen Burian in Angelegenheit der Durchführung der Bestimmungen des Friedensvertrages mit Rumänien hinsichtlich der Judenfraae gerichtet hat, erhielt der Rabbiner vom Präsidialbureau des Ministers die Zusicherung, daß die k. u. k. Regierung darauf achten werde, daß diese Bestimmungen loyal durchgeführt werden. (Kriegsanleihe - Zeichnungsverein „Agudas Jisroel".) Vorigen Donnerstag fand die konstituierende Generalversammlung des Kriegsanleihe-Zeichnungsvereines „Agudas Jisroel" für die achte österreichische Kriegsanleihe statt. Der Vorsitzende, Herr I. I. Thumim, konstatierte, daß die Zeichnungen auch diesmal einen sehr schönen Verlauf nehmen und bereits eine ansehnliche Summe erreicht haben, obwohl zahlreiche Flüchtlinge inzwischen Wien verlassen haben. Es wurde beschlossen, eine intensive Werbearbeit einzuleiten, um auch diesmal ein Rekordresultat zu erzielen. In den Vorstand wurden folgende Herren gewählt: I. I. Thumim (Präsident), Bernhard Mayer (Vizepräsident), Jakob Bardach, D. Fast, Bernhard Hofbauer, Bernhard Horowitz, S. Nissenbaum, A. Rappaport, Akiwa Schreiber, Lipe Türkei. (Die Friedensfeier im Bukarefter Tempel.) Aus Bukarest wird geschrieben: Am Sonntag den 19. Mai fand in unserem Tempel ein feierlicher Gottesdienst anläßlich des Friedensschlusses und der Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien statt. Es wohnte demselben ein sehr zahlreiches Publikum bei, damnter drei rumänische Minister und viele der höchsten Staatsbeamten, wie die Präsidenten aller Gerichtshöfe, der Polizeipräsekt, der Bürgermeister von Bukarest u. v. a. Die in rumänischer Sprache gehaltene Predigt des Herrn Rabbiners Dr. M. Beck, die jetzt gedruckt wird, fand bei Juden und Christen ungeteilten Beifall. Die Minister Marghiloman (Fortsetzung auf Seite 6.)

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