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Jüdische Korrespondenz · 1918-06-27 · 22 (27.6.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
22 (27.6.1918)
Date
1918-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 22 Lord ilortklifre, der Antisemit. Für die Hetzerei der Northcliffe-Presse gegen die Deutschen werden mit einer Unausrottbarkeit, >vie sie leider nur Unkraut und Lüge besitzen, imnier wieder die Inden verantwortlich gemacht durch die schon oft als Verleumdung widerlegte Behauptung, der edle Lord sei ein Jude Stern aus Frankfurt a. M. Zuletzt hat der antisemitisch-konservative Abgeordnete Heins in seiner judenhetzerischen Rede im Abgeordnetcnhanse neben anderem auch diesen Schwindel vorgebracht. Da ist es nun endlich an der Zeit, von der Abwehr zum Angriff überzugehen und den Herren, die der Wahrheit durchaus ihre Ohren verschließen, um auf ein beliebtes Hetzthema nicht verzichten zu müssen, klarzumachen, daß Herr Northcliffe, woraus ja schon seine üblen Eigenschaften und seine Eisenstirnigkeit im Verleumden Hinweisen, zur Genossenschaft der Antisemiten gehört. In einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" (Nr. 140 vom 22. Mai) schreibt Eduard Levi über Lord Northcliffe u. a. folgendes; „Cesare Borgia — aber ohne dessen Kultur, ohne dessen Geistigkeit, jedoch dieselbe Ruchlosigkeit, derselbe Wille zur Macht, dieselbe Amoralität, mit getvissen Hemmungen des zwanzigsten Jahrhunderts, so erscheint mir dieser Emporkömmling. Im Auftreten Amerikaner, nimmt er sich mit den ungefügen Schultern und den plumpen Gesten nicht eben vorteilhaft unter den englischen Aristokraten aus. Sich dessen bewußt und auch des Mangels an Geistigkeit und der guten und sicheren Form, die Kultur und Erziehung verleihen, haßt er die echten Aristokraten instinktiv. Daher der Feldzug gegen Lord Haldane, im Verein geführt mit dem Organ der .echt russischen Leute' Englands, der .Morning Post', deren geistiges Niveau hinwiederum damit sich kennzeichnet, daß sie Lord Haldane wegen seiner Liebe für Kant und Schopenhauer zu einem «schwachsinnigen stempeln will und verächtlich fragt, was man zu Leuten sagen soll, die sich mit -such stuff“ beschäftigen. Er hat auch die Grausamkeit des Borgia, Lord Northcliffe, nur daß eben meist die Hemmungen der Zeit wirken müssen. Daher inszeniert er die Pvbelverfolgnng der in London wohnhaften Deutschen und richtet bei jeder Gelegenheit während des Krieges Spitzel-Bureaus ein. Er appelliert immer an die niedrigsten Instinkte: «Sensationslust, Grausamkeit, Lüsternheit, Rachsucht. Weil er iveiß, daß die Inden als Sicherheitsventil benutzt werden können und weil er einige von ihnen (vielleicht) fürchtet, so lenkt er den Pöbel von anderem ab und hetzt ihn auf die Juden im Osten Londons, unterstützt auch hier von .Morning Post' und .Bystander'. Lord Northcliffe ist der Urheber des Antisemitismus in England. Seine Preß-Organc sind die Vernichter des Geistigen. Das seine und gute Wort weicht dem gemeinen und schlechten Riesen-Ausruf, die Sprache wird vertrieben vom Rotwelsch und dem spuckenden Amerikanismus: am liebsten schaltet .bis iorckslnp' von des Geldes Gnaden den Verstand ganz aus und gibt alberne und sensationelle Photographien. Er arbeitet mit den populärsten und abgegriffensten Schlagwörtern und peitscht und hämmert sie den Nerven und dem Gehirn der .men in the Street' und der.women in the Street', die ohnehin nicht gern denken, so lange ein, bis sie nichts anderes mehr wissen. Er erzeugt mit seinen Zeitungsmikroben Epidemien, Psychosen. . . . Kein Mittel ist ihm zu schlecht, kein Werkzeug zu gering und niemand zu hoch, um von ihm geschändet zu werden." Dieses Bild ist wahrlich nicht lieblich, aber es trifft auch ans andere Antisemiten zu, die öffentlich als Hetzer tätig sind. Gleiche Brüder und gleiche Seelen. Die Antisemiten werden den üblen Lord schwerer von sich abschütteln können als die Juden, zu denen er niemals gehört hat, weder dem Blute nach, noch nach seinem Charakter. Der Hetzer Northcliffe soll fortan wahrheitsgemäß der Antisemit Northcliffe genannt werden. Um die Zeelen unserer Jugend. Von K o h e I e t h. Um die Seelen der jüdischen Jugend wird in letzterer Zeit ein Tanz aufgeführt, mit einem Eifer, der nichts zu wünschen übrig läßt. Unsere Nationalisten haben sich darauf verlegt, die Jugend in ihr Lager hineinzuziehen. Sie gründenJugendvereine, arrangierenJugendtage, geben Jugendzeitschriften heraus, mit einem Worte: sie arbeiten mit Hochdruck, um die Jugend beherrschen zu können. Ob sie der Meinung sind, die Alten bereits in ihren Bannkreis gezogen zu haben und nunmehr der Jugend ihre Aufmerksamkeit zuwenden zu sollen, oder ob sie zur Ueberzcugung gelangten, mit den Alten, die ihre eigenen Richtlinien haben, nichts mehr anfangen zu können, und deswegen der noch nicht einseitig orientierten Jugend ihre Arbeit mit besseren Aussichten ■ zuwenden zu sollen, soll hier nicht näher untersucht werden. Es sei bloß die Tatsache konstatiert, daß man sich im nationalistischen Lager sehr stark um die Jugend bemüht, und dies in einer Weise, die die jüdische Oeffentlichkeit zwingt, hierzu Stellung zu nehmen. Das nationale Problem an und für sich soll hier nicht gestreift werden. Aber Stellung muß man dagegen nehmen, wenn unserer Jugend ein E r s a tz j u d e n t u m geboten wird. Das jüdische Bewußtsein, das sich im Nationalismus konzentriert, kann keinesfalls die Quintessenz des Judentums bilden, ebenso wenig wie die paar hebräischen Brocken, die man der Jugend mit der Hilfe von zumeist untauglicher Lehrbücher beibringen will, keineswegs einen gleichwertigen Ersatz für die Heiligen Bücher bilden können, die man vornehmlich beiseite zu schieben bestrebt ist. Die Jugend soll jüdisch sein, — aber voll und ganz, in des Wortes weitgehendster Bedeutung. Mit Surrogate darf man sie nicht füttern. Da kann weder Kraft noch Saft erwartet werden. Ganz eigenartig geht es aber auf dem Wege zu, mittelst welchem man der Jugend die jüdische Mystik, den Chassidismus, einpflanzen will. Sicherlich hat der Chassidismus im Osten eine wesentliche und wertvolle Rolle im jüdischen Leben gespielt, und sicherlich wird kein guter Jude, mag er Chassid sein oder nicht, denselben im Judentum missen wollen. Aber daraus ein Spiel für die Jugend zu machen, der Jugend diese Mystik, rein theoretisch, ohne jedem Zusammenhang mit dem Judentum und seiner Gotteslehre, zugänglich machen zu wollen, das ist mehr als Wahnsinn, das ist direkt ein Verbrechen, weil man die Köpfe dieses Jugend nur verwirren wird, ohne derselben das Verständnis für Juden und Judentum beizubringen. In den chassidischen Kreisen galt es als Axiom, daß man sich erst nach dem Erreichen eines gewissen Alters mit der Mystik des Chassidismus, mit der Kaballa, beschäftigen darf, weil diese eben nur für reife Köpfe bestimmt ist. Aber die Jugend zusammenzutrommeln und ihr die verschwommenen Lehren eines Martin Buber zum Besten geben zu wollen, eines Mannes, dessen Ruf als Schriftsteller keineswegs in Frage gestellt werden soll, der aber kaum dazu berufen sein kann, unserer Jugend als Lehrer und Wegweiser zu gelten, — das ist höchster Leichtsinn und deswegen Verbrechen. Diesen Mann der Jugend als „Erlöser" zu schildern, ist eine Taktik, die an 'die traurigsten Epochen unserer Geschichte, an die Zeit Sabbati Zewis und Jakob Fransts erinnert. Da muß man diesen Verführern der Jugend ein scharfes „Hands. off!" zurufen. Wir dürfen unsere Jugend weder verführen, noch verderben lassen. „Chanauch lanaar al Pi darkau!" heißt es in unserer Heiligen Schrift. Der Jugend eine Literatur zu bieten, deren Vorzug einzig und allein darin besteht, daß sie unverständlich ist, das kann nie zum Ziele führen, sie dem Judentume zu erhalten. Alan kann sich in den gegenwärtig ernsten Kriegstagen wohl hie und da mit Surrogate, mit Ersatzmitteln behelfen, da es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelt, aber hinsichtlich der Erziehung der Jugend ist dies unzulässig, da die schädliche Wirkung auch für die Zeit nach dem Kriege, da alle Ersatzmittel verschwunden sein werden, bleiben würde. Es ist höchste Zeit, diesem Tanz um die Seele der Jugend ein Ende zu machen. Llüchtlingsfürsorge und Einkommen. Der Verwaltungsgerichtshof unter dem Vorsitze Seiner Exzellenz Baron Haerdtl hat am 8. d. eine prinzipielle Entscheidung darüber gefällt, ob bei Erhebung des Anspruches auf eine staatliche Flüchtlingsunterstützung das Vermögen oder das Einkommen des Flüchtlings entscheidend ist. Der Sachverhalt ist folgender: L. T. Gutspächter aus Horodenka ist im Jahre 1916 mit seiner aus drei Mitgliedern bestehenden Familie geflüchtet, und es wurde ihm der Aufenthalt in einer Gemeinde im Bezirke Ried (Oberösterreich) angewiesen. Am 15. Jänner d. I. wurde er von einem Gendarm in der Station Atnang angehalten, da er nach Wien mit einigen Kilo Butter reisen wollte. Es wurde bei T. auch eine Leibesuntersuchung vorgenommen, und bei ihm ein Barbetrag von K 10.500 vorgefunden. T. wegen Preistreiberei angeklagt, wurde vom Bezirksgerichte Vöklabruck freigesprochen, weil er nachgewiesen hat, daß er die Butter für seine in Wien lebenden, verheirateten Kinder geführt hat. Hingegen hat die Bezirkshauptmannschaft in Ried ihm und seinen Familienmitgliedern die Flüchtlingsunterstützung (Bargeldzuschuß) mit der Begründung entzogen, weil, da er das bei ihm Vorgefundene Bargeld als sein Eigentum be° zeichnete, und dasselbe ihn und seine Familie in die Lage versetzt, sich selbst erhalten zu können. In dem gegen diese Entscheidung, vom T. bei der Statthalterei in Linz eingebrachten Rekurse behauptete er, daß von den X 10.500 ein Teil ihm sein beim Militär O

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