Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 22 (27.6.1918)
- Date
- 1918-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 22, Wien, 27. Juni 1918. IV. Jahrgang. Die amerikanischen Juden im Kriege. (Originalkorrespondenz der „Jüd. Korrespondenz".) Haag. 20. Juni. Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, eine hervorragende jüdische Persönlichkeit ans Amerika, die hier eingetroffen ist, zu sprechen und Erkundigungen über die Lage und die Stimmungen unserer dortigen Brüder in der letzten Zeit einzuholen, wobei ich folgende Informationen erhielt: Das Eingreifen Nordamerikas in den Krieg ist im jüdischen Lager höchst peinlich empfunden worden. Obwohl das Gros der Inden in der Union sich aus Immigranten rekrutiert, die erst in den letzten Jahrzehnten aus den verschiedenen Ländern hierherkamen, wobei ein wesentlicher Teil derselben noch nicht einmal naturalisiert ist, wären die Juden sicherlich mit Begeisterung in den Krieg gezogen, wenn es sich tatsächlich um die Interessen ihres neuen Vaterlandes gehandelt hätte, oder wenn die ethischen Motive, die für Amerikas Eingreifen in den Krieg ins ÜWSri w nroen, rat] gHycy.eulteucyieiw Man v raucht nur die große Begeisterung der amerikanischen Juden im Kriege gegen Spanien in Erinnerung zu bringen, um zu erkennen, wie sehr sie dazu zu haben sind, wenn es gilt, einen Krieg für Völkerfreiheit zu führen. Heute aber handelt es sich keineswegs darum, mag Wilson auch solche Motive als den Grund seines Eingreifens in den Krieg anführen. Der amerikanische Jude versteht es nur zu gut, worum es sich Wilson und seinen Freunden handelt, daß sie einerseits den stammverwandten Engländern zu Hilfe kommen wollen, andererseits aber wirtschaftliche Ziele verfolgen, die für die amerikanische Plutokratie tvohl sehr wichtig sein mögen, den breiten Volksmassen aber völlig fremd und am wenigsten dazu geeignet sind, Begeisterung auszulösen. Nur widerwillig sah man daher Amerikas Anschluß zur Entente, um so mehr, als ja das zaristische Rußland damals noch Kriegspartei war und es galt, auch für den Zarismus eine Lanze zu brechen. Ganz besonders peinlich haben das Eingreifen Amerikas in den Krieg diejenigen Juden empfunden, die aus den Vierbundstaaten stammen und die noch vielfach die Absicht hatten, über kurz oder lang dorthin' zurückzukehren. Selbst die Naturalisierten unter ihnen mußten es als schwere Gewissenspein empfinden, gegen ihr früheres Vaterland so ohne jedweden greifbaren Grund die Waffen zu erheben. Ursprünglich glaubte man noch, es handle sich Wilson bloß um eine Demonstration, um die Mittelmächte gefügiger zu machen. Damit konnte man sich schließlich noch halbwegs abfinden. Man glaubte auch nicht, daß es zu einer Zwangsrekrutierung kommen wird. Freiwillig konnte sich derjenige melden, der dazu Lust und ein direktes oder indirektes Interesse Hütte. Die jüdische Oeffentlichkeit nahm sich wohl kein Blatt vor den Mund und Wilson wurde ob seiner Zickzack-Politik scharf kritisiert — aber im Grunde genommen sah man keine Veranlassung zu einer speziellen Stellungnahme, in der Annahme, es handle sich ohnehin um kein ernstes Unternehmen. Später aber, als es sich herausgestellt hatte, daß es Wilson mit seinem Abenteuer blutig ernst ist, daß er entschlossen sei, Hunderttausende zu opfern, nur um den Krieg zu gewinnen, daß eine Zwangsrekruticrung eingeführt wird, daß diejenigen, die nicht mittun wollen, schikaniert und unter Ausnahmsgesetze gestellt, daß die Nichtnaturalisierten, die den Eintritt in das Heer verweigern, mit der Ausweisung bedroht werden, daß Tausende und aber Tausende interniert werden rc., erkannte man den Ernst der Situation — aber da konnte man nichts mehr dagegen ausrichten. Gar manche, die sich im ersten . . Mnmit dazu hinreitzeu JLejki'., dem.ureuLü.. „Befreiungskriege" Begeisterungshymnen zu singen, bedauern heute diese ihre Haltung — aber es ist vorbei. Ebenso wie das Gros •bes amerikanischen Volkes, empfindet man es schwer, für fremde Interessen, für die Eisen- und Eisenbahnkönige sich verbluten zu müssen — aber man hat heute keine andere Wahl und muß an dem Strange ziehen, an den man gebunden ist. Freilich, um der jüdischen Oeffentlichkeit denn doch einiges Interesse für den Krieg abzugewinnen, hat man das englische Beispiel nachgeahmt und die Palästinafrage aufs Tapet gebracht. Die Juden, die in den Krieg ziehen, — heißt es — kämpfen eigentlich für Palästinadas ihnen nach einem völligen Sieg der Entente wieder zurückgegeben werden wird. Wilsons jüdischen Freunde, die Morgenthau, Elkus, Strauß, Frankfurter, Brandeis rc., haben sich in den Dienst dieser Propaganda gestellt und selbst gar manche „Jahudim", wie die Assimilanzen früher genannt zu werden pflegten, haben plötzlich ihr Herz für das heilige Land entdeckt und sind „begeisterte Zionisten" geworden. In Amerika, wo der Bluff über alles geht, nimmt man auch diese Komödie hin — aber im Grunde genommen ist man überzeugt, daß es sich um einen Bluff handelt. Nur ungerne wollen sich die Juden auf den französischen Schlachtfeldern verbluten lassen. Von einer Begeisterung ist keine Spur zu finden. Man tut das, was man muß — würde sich aber glücklich fühlen, wenn diesem blutigen Kriege ein Ende bereitet werden sollte und herzensgerne darauf verzichten, einen Kampf für „Völkerfreiheit" im Sinne Lloyd Georges und Clemenceaus zu führen. Wilson und seine Vertrauensmänner geben sich ob der Haltung der Juden keiner Täuschung hin. Die jüdische Presse wird sehr strenge zensuriert, und wiederholt ist das Erscheinen mancher jüdischer Zeitungen sistiert worden. Wilson weiß es ganz gut, daß die Juden ein überaus verläßliches Element sind; aber er weiß cs auch, daß sic sich für diesen Krieg nicht im geringsten begeistern können. Ganz besonders peinlich ist die Situation der aus Rußland stammenden Juden. Ihr eigentliches Vaterland hat sich längst von der Entente losgesagt und den Krieg eingestellt, sie aber werden im „freien Amerika" gezwungen, für England ihre Haut zu Markte zu tragen .. . Aber der „Muß" in Amerika ist nicht weniger streng als im alten Europa. Wilsons Krieg ist weniger populär als unabwendbar. All diese Umstände haben freilich die Juden in Amerika nicht davon abgehalten, ihren Brüdern im Osten und in Palästina, die unter dem Kriege so schwer zu leiden haben, beizustehen. Der jüdische Wohltätigkeitssinn, die den schönsten und idealsten Formen. Es wurden untr werden große Geldsummen gesammelt und auf allen möglichen Wegen nach Europa und Palästina übermittelt. Ganz besonders eifrig beteiligen sich an den Sammlungen diejenigen jüdischen Kreise, die aus den kriegführenden Ländern stammen und zumindest auf diesem Wege ihren früheren Landesbrüdern ihre Sympathien ausdrücken und ihre Hilfe angedeihen lassen wollen. Sie verbergen diese Sympathien und diese Anteilnahme auch nicht im geringsten und liefern auch damit den Beweis, daß sie jeder Kriegspsychose unzugänglich sind. Immerhin, wie peinlich und unangenehm die gegenwärtige Situation auch sein mag, eines läßt sich sagen: die starke Entfachung des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühles, das die Kriegsereignisse mit sich gebracht haben, dürfte auf die amerikanische Judenhcit auch nach dem Kriege nicht ohne günstige Rückwirkung bleiben. Es läßt sich heute keineswegs Voraussagen, ob der jüdische Emigrationsstrom nach Amerika auch nach dem Kriege ebenso groß sein wird wie in den letzten Jahren vor dem Kriege, ob die amerikanische Judenheit weiterhin stets auf diesen Zufluß frischen Blutes wird rechnen können, der derselben bisher einen geistigen Rückhalt geboten hatte. Das zurzeit erwachte und entfachte jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl und Interesse für Klal-Jisroel dürfte aber zumindest hinreichen, um die nächste Generation jüdisch zu erhalten. Ger-Tauschow. SHF* Das Gebot des Tages: Zeichnet Kriegsanleihe! "WE