Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 21 (20.6.1918)
- Date
- 1918-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 21 (Tanith 11 a). Ferner lesen mir im Talmud: „In einer Zeit der Not soll sich ein jeder ernst und würdig verhalten, niemand darf sich den Aufordernngeu der Zeit entziehen" (ibib., Chag. Hia). Nicht immer lebten die Mächtigen und Reichen nach diesen Regeln. Es kani auch vor, daß zur Zeit der Mißernte und anderer Landesplagen die unteren Schichten des Volkes wegen der unerschwinglichen Preise der Lebensmittel sich verschulden mußten und manchmal auch in Sklaverei geraten sind. Aber immer wieder traten die geistigen Spitzen des Volkes auf und tadelten mit der Wucht ihrer Stimme die Schuldigen. So hat zum Beispiel Nehemia die Schuldner von Nahrungsmitteln von den drückenden Gläubigern befreit (Neh. 5,12). Der Prophet Amos meint von Händlern, die das Getreide aufkanfen, um dann wucherischen Nutzen daraus zu ziehen: „Wie soll nicht das Land erbeben und trauern jeglicher Bewohner darin, und gleich dem Flusse steigen, und stürmen und fallen gleich dem Flusse Mizraims? (Ainos 18, 7, 8, vgl. hiezu b. Baba bathra 90 I>). Die Preise in die Höhe zu treiben, betrachtete man in Israel als ein sittliches Vergehen, worüber sich ein jeder anfzuregen habe. (Fortsetzung folgt.) Streiflichter. (Das Gebet der israelitischen italienischen Soldaten im Kriege.) Bei einem gefangenen israelitischen italienischen Soldaten in Oesterreich tourde ein Abdruck des folgenden Gebetes gefunden, welches der Oberrabbiner von Rom Angela Sacerdoti verfaßt hat. „Schöpfer aller Welten, Herr aller Wesen, der die Herzen prüft und die menschlichen Gedanken kennt. Es ist Dir wohl bekannt, daß ich nicht aus Haß gegen die Mitmenschen und nicht mit einem bösen Herzen in den Krieg gezogen bin, sondern nur um meine Pflicht gegen das teure Vaterland zu erfüllen. Darum, o Gott, rechne es mir nicht als Sünde an, wenn ich gezwungen bin, die Waste zu erheben gegen Deine Geschöpfe, denn ich tue es nicht nach meinem eigenen Willen. Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o (flott, vernimm die Worte Deines Knechtes und erhöre mein Gebet. Du bist mein Fels und meine Burg, auf welche ich vertraue. Verlasse mich nicht und entferne Dich nicht von mir in dieser Zeit der Not, gewahre mir Deinen Schutz und stütze mich, rette mich von allem Bösen. Solltest Du bestimmt haben, daß ich im Kriege sterben soll, so nehme ich das mit Demut und Unterwerfung unter Deinen heiligen Willen an, dann möge es wohlgefällig fein vor Dir, allgnädiger und barmherziger Gott, daß mein '-tob eine Sühne sei für meine Sünden, verzeihe mir, wie auch ich meinen Feinden verzeihe^ auch denen, die mich töten werden. Erlöse meine Seele von der jenseitigen Strafe und bringe sie zuin ewigen Leben. O möge doch unter den Menschen Wahrheit, Recht und Milde herrschen! Lasse bald Dein Reich kommen, Amen." (Jüdische Apologetik.) Der Verband der Deutschen Juden beabsichtigt für die Zeit vom 1. bis 6. Oktober dieses Jahres in Berlin einen Kursus zu veranstalten, in dem geeignete Kräfte zur apologetischen Behandlung jüdischreligiöser Themen herangebildet werden. Die Vorlesungen werden folgende Gegenstände umfassen: 1. Das Judentum zur Zeit der Entstehung des Christentums; 2. Die Grundlehrcn des Judentums und anderer Religionen; 3. Geschichte und Methode der Judenniission; 4. Angriffe auf das jüdische Schrifttum; 5. Angriffe auf die Glaubens- und Sittenlehren des Judentums. Als Lehrer sind bisher gewonnen die Herren: Rabbiner Dr. Bacck, Dr. S. Bernfeld, Rabbiner Dr. Hochfeld, Rabbiner Dr. Liebermann. Es wird auf eine Zuhörerschaft ans den Kreisen der jüdischen Theologen, Lehrer und Lehrerinnen, Mitglieder der jüdischen Studentenverbindungen und Jugendvereine und gebildeter Glaubensgenossen, die für diese Fragen Interesse haben, gerechnet. Um iveiten Kreisen die Teilnahme an dem Kursus zu ermöglichen, wird nur eine Einschreibgebühr von 3 Mark erhoben. Meldungen für die Teilnahme werden mündlich oder schriftlich in dem Bureau des Verbandes der Deutschen Juden, Berlin W 35, Steglitzerstraße 9, entgcgengenommen. Ausführlichere Mitteilung mit Angabe der Dozenten für die einzelnen Vorträge, Stunde und Ort der Vorlesungen wird demnächst gemacht werden. (Statistisches Material über die Juden.) Die Gesellschaft der Freunde sozialer Arbeit unter den Juden in Polen hat begonnen, statistische Materialien über die polnischen Juden zu sammeln. Sie will dieses Material künftigen Organen der jüdischen Verwaltung (Obersten Rat) als Grundlage für ihre Arbeiten zur Verfügung stellen. Vor der eben begonnenen Reorganisation der jüdischen Gemeinden fehlte derartiges Material, da es keine Zentralstelle für die Juden gab, sondern jede, auch die kleinste Gemeinde, unabhängig und selbständig bestand. Die statistische Kommission der Gesellschaft hat sich zunächst mit dem Gemeindewesen beschäftigt und folgende interessante Zahlen festgestellt: Nach dem amtlichen Material gibt es in Polen 474 Städte, darunter 358 Kleinstädtchen. Jüdische Kultusgemeindeverwaltungen sind nur für 423 Orte angegeben, fehlen für 51 Städtchen. Tatsächlich aber besitzt jedes polnische Städtchen ein jüdisches Gemeindcorga», nur sind in diesen 51 Ortschaften die Juden äußerst gering, mit (i bis 15 Seelen vertreten. Rach der alten Gouvernementseinteilung verteilen sich die jüdischen Gemeinden in folgender Art: Gouvernement Warschau 55 Gemeinden, Gvnv. Lomza 30, (flouv. Snwalki 30, (flouv. Siedler 41, Plock 21, Kalisch 42, Lublin 02, Kielce 44, Radom 54, Petrikow 44, insgesamt 423 Gemeinden. Obgleich das Gouvernement Warschau doppelt so groß ist wie das Gouvernemcnt Lublin, zeigt dieses mehr jüdische Gemeinden, da cs eine größere Zahl kleiner Städtchen und jüdischer Niederlassungen aufweist. Tie Gesellschaft für soziale Arbeit schickt jetzt an alle diese Gemeinden ausführliche Fragebogen, die statistisches Material über die materielle, wirtschaftliche und kulturelle Lage der (flemcinde erbringen sollen. Rund schau. (Max Zirner s. A.) Sonntag nachts ist in seiner Wohnung, XIII., Neue Weltgasse 9, der Hof- und Kammerjuwelier Max Zirner, Kultusvorsteher der Wienerisraelitischen Kultusgemeinde, Besitzer des Ehrenzeichens II. Klasse vom Roten Kreuze usw., gestorben. (Bekleidnnasaktion für die «ngarischen Rabbiner.) Die Ungarische Israelitische Landeskanzlei hat sich auf Initiative ihres für die Förderung des ungarischen Judentnmes mit Hingebung tätigen geschäftsführenden Vizepräsidenten, Dr. Franz Mezey, mit einer Eingabe an den Volksbekleidungsausschnß gewendet, in der sie um Zuweisung von billigen Kleidungsstoffen, Anzügen, Schuhen und sonstigen Bekleidungsstücken für die Rabbinen, Rabbinatsverweser, deren Witwen und Waisen und für die Zöglinge der Rabbinerseminarieu ansuchte. Dieses Ansuchen wurde in günstigem Sinne erledigt. Der Volksernährungsausschuß hat für die Rabbinen und ihre Angehörigen entsprechende Mengen von Schnhwerk, Stoffen, Kleidungsstücken, Futterstoffen und Zwirn angewiesen, deren Verteilung chereits im Zuge ist. Da auch die orthodoxe Landeskanzlei eine ähnliche Zuweisung erhalten hat, können nunmehr einige hundert Rabbinen und Seminaristen der Wohltat billigerer Kleidungen teilhast werden. (Der Südostbund Rußlands.) Die Zeitungen veröffentlichen eine Note der Don- Delegation an die ukrainische Regierung. Die Don-Regierung als bedeutendster Bestandteil des neuen Bundesstaates des südöstlichen Bundes, der die Don-, Kuban-, Ter- und Astrachan-Kosaken, die Bergvölker des nördlichen Kaukasus und der Schwarzmeerküste und die freien Steppenvölker des südöstlichen Rußlands umfaßt, dem sich ferner das Gouvernement Stawropol, die Schwarzemeer- Gouvernements und Teile des Kreises Zarizin als unlöslich wirtschaftlich mit dem Südostbnnd verbunden anschließen, hat die Interessenvertretung des Bundes übernommen. Die Don-Regierung hat in den soeben verkündeten Staatsgrundgesetzen alle seit der Februar- Revolution 1917 erlassenen Gesetze der russischen Regierung wieder aufgehoben und hat das alte Wappen und Siegel der Tonischen Kosaken wieder eingeführt. „Kiewskaja Mysl" hebt hervor, daß durch diese Restauration alle Nationalitätenbefchränkungen im Donkosakenland wieder aufleben und somit die Juden dort das Wohnrecht wieder verlieren. (Neue Judenpogrome in Bessarabien.) Das Jüdische Korrespondenz- Bureau in Bern berichtet: Das Kopenhagener Bureau der zionistischen Organisation erhielt zuverlässige Nachrichten über neue grausame Ausschreitungen gegen die Juden, die am 23. Mai in Kischinew, Balta und Bendery stattfanden. Viele Juden sind ermordet. Eine große Anzahl jüdischer Laden wurden ausgeplündert. (Fortgeführte jüdische Kapitalien.) Die Warschauer jüdische Gemeindeverwaltung hat zugleich mit dem Magistrat Schritte eingeleitet, um die von den Russen fortgeführten Kapitalien, die bei der russischen Reichsbank lagen, aus Rußland znrückzuerhalten. Für die Gemeindeverwaltung handelt es sich um mehr als eine halbe Million Rubel. (Getäuschte Hoffnung.) Ein jüdischer junger Alaun im Felde, in Hannover zu Hause, glaubte annehmen zu dürfen, daß er wegen seines Judentums nicht Offizier werden würde und — ließ sich taufen. Nachdem er trotzdem nicht Offizier wurde — erschoß er sich. (Amerikanische „Freiheit".) Die größte jiddische Tageszeitung Newyorks, der (Fortsetzung auf Seite 6.)