Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 21 (20.6.1918)
- Date
- 1918-06-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jücpsche Korrespondenz. Nr. 21 fein. Aber auch bei ihnen selbst must bei' flute Wille uorlmnben sein und xum Durchbruche fldcmfli’n. Spectato r. Dui'd'lialtcn! 195o 11 besonderer Seite.) Tie österreichischen Völker durchleben jetzt Stunden ernster Spannung. Tie inner-politischen Verhältnisse sind infolge des Bersagens der Volksvertretung, die die ihr vor Jahresfrist entgegengebrachten Hoffnungen nicht gerechtfertigt hat, ziemlich kompliziert. Tie Eruährunflsverhültuisse find in den letzten Wochen vor der neuen Ernte ebenfalls etwas schwieriger geworden. Gleichzeitig haben die Feinde mit einer politischen Offensive eingesetzt, die darauf losgebt, die Monarchie von innen heraus zu erschüttern. Schließlich spielt sich an der Südwestsront ein Entscheidnngskampf ab, gegen den letzten, böswilligen Feind, der das Vaterland in schwerer Stunde meuchlerisch überfallen, und der nun den verdienten Lohn für seinen Verrat erhalten soll. Allen Gutgesinnten obliegt jetzt mehr denn je die heilige Pflicht, sich um diejenigen Faktoren zu scharen, die das Staatsruder mit kräftiger Hand leiten und mit ganzer Kraft daran gehen, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Die Inden Testerreichs, die bei jeder Gelegenheit ihr feierlichstes Bekenntnis zum Staate ablegtew und immer dort zu finden find, wo es gilt, für Kaiser und Reich cinznstehen, Werben in dieser Stunde nicht im Hintergründe bleiben. Opferwillig und opferfreudig sind sie zum Turchbaiten entschlossen und lassen sich in dieser ihrer bewährten Haltung nicht beirren, nicht einmal durch die Hetzreden eines Kunschak, der so geschmackvoll war, den Juden den Borwurf zu machen, daß sie viel — Kriegsanleihe zeichnen. Ob in dieser oder jener Form, mit oder ohne Parlament — sie sind zum Durchhalten bereit, und jeder maßgebende Faktor kann ihrer sicher sein. Sie wissen es übrigens, daß das gewaltige Ringen sich im letzten «tadinm befindet und daß das Ende nicht mehr lange ans sich warten lassen dürfte. Durchhalten! — ist heute die Parole des Tages, gerade angesichts der vermehrten Schwierigkeiten, die nur vorübergehender Natur sind. Ihre Zuversicht bat sie nie getäuscht und sie werden auch in dieser ernsten Stunde — allen Feinden jum Trotz — voll und ganz ibren Mann stellen. Lin Mabnruf an die Orthodoxie in Ungarn. Es ist eine der traurigen Nebenerfcheinmigen dieses Krieges, daß das soziale Empfinden, das was >vir Mitgefühl oder Gefühl überhaupt nennen, sehr abgenommeu har, wenn nicht fast ganz abgestorben ist. Es soll nicht geleugnet werden, daß dies seine begründeten Ursachen, teilweise sogar seine Berechtigung hat: was aber entschieden zu verurteilen ist, das ist der Umstand, daß diese Gleichgültigkeit auch zu einer solchen Zeit und an solchen Plätzen um sich greift, wo im Gegenteil doppeltes Interesse gerade infolge des Krieges geboten wäre. Speziell bei uns Orthodoxen läßt das Interesse für unsere Ziele und Zwecke viel zu wünschen übrig, zu unserem eigenen Schaden, und zu dem des Judentums. Es ist wahr, daß ein großer Teil unseres Wohltätigkeitssiiines von den allgemeinen Kriegssürsorgeanstalten absortiert wird. Dürfen wir aber n» uns vergessen? Bestehen denn nicht alle weltlichen Vereinigungen weiter? Sind denn nicht alle Institutionen im Kriege empvrgeblüht? Haben sie nicht alle in ihrem eigenen Wirkungskreise Kriegsfürsorgesektivnen errichtet? Haben sie nicht alle gerade infolge des Krieges ihr Tätigkeitsfeld erweitert? Und ivir können nicht behaupten, daß etwa die Zionisten oder die Modernen an den allgemeinen Wolsttütigkeitsaktionen weniger teilgenommen haben als die Orthodoxie, und doch sind sie cs, besonders die Silieren, die eine rührige Tätigkeit entfalten. Es steht wohl fest, daß die Orthodoxen täglich ja stündlich so viel Gelegenheit haben — und man muß anerkennen, sie nutzen dieselbe auch aus — Gutes zu tun, und materiell, phnsisch und geistig für den Einzelnen oder eine kleine Gesamtheit zu leisten; dürfen aber die großen Probleme deshalb vernachlässigt werden? Darf es geschehen, daß ob dieser unentschuldbaren Teilnahmslosigkeit, unsere Jugend vom Gotteswege abweicht, unsere heilige Lehre vernachlässigt wird, die Fundamentalgesetze unseres Glaubens mißachtet werden? In Oesterreich, speziell in Wien, hat vor kurzem eine Bewegung eingesetzt, um das Versäumte nachzuholen. Es wurden Vorbereitungen zu einer Gesamtorganisation der Gesctzestrencn gemacht. In Wien wurde eine neue Jeszode-Hatorah geschaffen. Die „Einheit", entschieden die erhabenste Organisation der Wiener Orthodoxen, wurde erweitert (die Versorgung der Spitalskranken ist der schönste Zweig dieses Vereines). Für die Jugend wurde der „Jeschurun" gegründet. Die „Jüdische Korrespondenz" vertritt journalistisch die Interessen der Orthodoxie. Nichts von alledem finden wir aber jenseits der Leitha und Donau. Krankte Ungarn in den letzten Jahren immer mehr an der Teilnahmslosigkeit der Strengreligiöscn, was in vielen Gemeinden zur Folge hatte, daß die weniger Gesetzestreuen, die ihre Zugehörigkeit zur angestammten Orthodoxie dokumentieren wollten, indem sie sich der öffentlichen Angelegenheiten annahmen, die Herrschaft in der Gemeinde an sich rissen, so wurde dies im Kriege manchenorts geradezu katastrophal. An Orten, wo die Lebensmittelverhültnisse gui genannt werden können, und wo es ein leichtes gewesen wäre, eine rituelle Soldat c n f ii ch e zu errichten, waren Hunderte von Jünglingen gezwungen, Tiefe zu essen; alte Balebatim mußten sich kümmerlich ernähre». Eine Deputation sprach seinerzeit bei Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister vor und erhielt die Erlaubnis, rituelle Küchen zu errichten. Damit betrachtete man die Sache für erledigt. Erst in allerletzter Zeit wurden — und dies auch nur auf Betreiben einzelner aufopferungsvoller Personen — in einigen Garnisonsortcn kleine Küchen ausgestellt. Ein wichtiges Kapitel bilden auch die I e > cb i w o s. Diese, die erhaltende Kraft und der Stolz des ungarischen Judentums, sind infolge der Kriegszustände auf ein Minimum herabgesunken. Dieses Minimum zu erhalten, zu unterstützen, wäre Ausgabe der ungarischen Orthodoxie gewesen; eine großangelegte Landesorganisation tüte dringend not. — Doch nichts geschah. Wieder waren es nur Einzelne, die in einigen Orlen (Hunsalva - Galanta) bescheidene Verbesserungen Vornahmen. An der Spitze der ungarischen Orthodoxie steht ein Mann, der, eine Zierde der Judenheit, wegen seiner Frömmigkeit, seines Charakters und seiner Vielseitigkeit allseits geschätzt und geachtet wird. Wenn Herr Frankel wüßte, daß er Mitarbeiter hätte, um diese und noch andere brennende Fragen zu lösen, er hätte gewiß keine Blühe gescheut, um zum Ziele zu kommen. Herr Frankel scheint jedoch Pessimist zu sein, was übrigens von einem Kenner der ungarischen Verhältnisse, besonders derjenigen Kreise, dic'an der Spitze stehen, leicht zu begreifen ist. Wir glauben aber, cr sieht doch zu schwarz, jedenfalls könnte ein ernsthafter, energischer Versuch nicht schaden. 6. G-z. Zarismus und Antisemitismus. (Ein geheimes diplomatisches Doknment aus dem Archiv der früheren russischen Regier» n g.) Im Heft 6 der vom russischen Kommissariat für auswärtige Angelegenheiten publizierten geheimen diplomatischen Dokumente befindet sich eine „Ueber die Anarchisten" überschriebene Denkschrift des damaligen Ministers des Aeußcrn Grasen Lambsdvrf an den Zaren. Es ist höchst bezeichnend, daß im ganzen Schriftstück vom Anarchismus mit keinem Worte die Rede ist. tLs handelt über die revolutionäre Bewegung in Rußland und Europa, die als jüdisches Machwerk geschildert wird. Das Dokument ist vom 3. Jänner (alten Stils) 1906 datiert, es wurde also dem Zaren zehn Wochen nach Erlaß des Oktobermauisestes überreicht, das heißt in einem Momente, wo der Zar die auf Drängen von Graf Witte gemachten Konzessionen an die revolutionäre Betvegung bitter bereute. Die reaktionäre Partei am Hose intrigierte gegen die „geschenkte" Konstitution und setzte alles in Bewegung, um die angekündigten Freiheiten zu vernichten. Sie suchte die Revolution nicht nur in den Augen des Volkes als jüdische Verschwörung zu diskreditieren, sondern bearbeitete auch den Zaren in diesem (leiste. Es unterliegt keinem Zweifel, daß GrasLambsdors mit der in Rede stehenden Denkschrift nicht nur die auswärtige Politik antisemitisch zu bestimmen suchte, sondern daß er dabei den kaum verhüllten Hintergedanken hatte, dem lieberalen Kurs Wittes einen Todesstoß zu versetzen. Die ganze revolutionäre Bewegung in Rußland und Westeuropa wird in der Denkschrift als Verschwörung des „allweltlich organisierten antichristlichen und antimonarchistischen Judentums", des „internationalen jüdischen Kapitals geschildert; die russische Revolution werde von der Alliance Jsraölite, die über „kolossale Geldmittel" verfüge, und von den Rothschilds unterstützt werde, geleitet. In dem Bilde der großen jüdischen Verschwörung, die vor den schreckhaften Augen des Zaren entrollt wird, fehlen selbst nicht die unvermeidlichen Freimaurerlogen, die sich ganz in jüdischen Händen be-