Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 21 (20.6.1918)
- Date
- 1918-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3495278-3495381-3495400--0676-3521387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Homspondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4. vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas. Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 21 Wien, 20. Juni 1918. IV. Jahrgang. weltprob lern und I udentrage. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß die Jndenfrage innerhalb jeden Problems anzntrefsen ist, das der Lauf der Tinge auis Tapet bringt. Es ist daher gar kein Wunder, daß der Weltkrieg auch die Jndenfrage ziemlich in Mitleidenschaft gezogen hat, und daß die wichtigsten Probleme, die dieser Krieg zur Erörterung brachte, auch gleichzeitig jüdische Probleme beinhalten. Es würde sicherlich zu weit führen, wollten wir an dieser Stelle alle jene, Juden und Judentum berührende Fragen aufzählen, die zurzeit ihrer Lösung entgegensehen und teilweise entgegengehen. Es genügt, auf die Jndenfrage im Osten Europas hinzuweisen, die mit den Ereignissen und Erscheinungen des Weltkrieges in ziemlich engem Zusammenhänge steht, auf diePalästiuafrage, die infolge des Krieges in eine ganz neue Phase getreten ist rc. re. Mit einem Worte: die Weltprobleme und das Judenproblem stehen gegenwärtig stärker denn je im Kontakt und die Lösung der crsteren ist chfi^MWWWL^der Mrep. fast moguch. Die Lösung der Palüstinafrage ist immerhin einer noch unklaren Zukunft anheimgestellt. Militärisch ist das Schicksal des heiligen Landes noch nicht entschieden, und übrigens dürste das Schicksal desselben kaum am Jordan entschieden werden. In Europa, wo die Entscheidung im Weltkrieg fallen dürste, wird sich auch das Schicksal Palästinas entscheiden. Heute sind wir noch nicht so weit. Dann erst, wenn die letzte Stunde des Krieges geschlagen haben wird, wird man erst deutlich sehen können, was man hinsichtlich der Palästinafrage zu erwarten hat. Ganz anders steht es mit dem Jndenproblem im Osten. Da ist dem Toben des Krieges bereits Einhalt geboten worden. Mag da wohl noch alles iu Fluß sein, ist man noch von einer Konsolidierung der Verhältnisse ziemlich weit, immerhin ist die Lösung der Judenfrage bereits in ein akutes Stadium getreten. Vielfach steht die letzte Entscheidung ' geradezu unmittelbar bevor. Von Rußland abgesehen, wo man noch nicht wissen kann, ob das, was heute existiert und geschaffen wird, für die Dauer Bestand haben dürfte; auch die Ukraine beiseite lassend, wo ähnliche Verhältnisse herrschen, ist es die Judensrage i n P o l e n und i n R u m ä n i e n, die entschieden vor einem Wendepunkte steht. Das polnische Problem bildet heute für die Mittelmächte das aktuellste Thema. Die Ver- Handlungen zwischen Wien und Berlin drehen sich säst hauptsächlich um diese Frage, und je verwickelter dieselbe ist, desto dringender erscheint die baldige Lösung. Anderseits ist auch Polen selbst im Begriffe, einen wesentlichen Schritt nach vorwärts ans dem Wege zur eigenen Konsolidierung zu tun. In den nächsten Tagen tritt in Warschau der polnische Staatsrat zusammen, der berufen ist, die gesetzlichen Grundlagen für das zu entstehende selbständige Königreich zu schassen. Die Schwierigkeiten sind wohl noch ziemlich groß und wesentliche Hemmnisse sind zu beseitigen. Aber die Sache ist aus mannigfachen Gründen ziemlich dringend und dürste kaum noch ein längeres Hinausschieben ertragen. Ebenso verhält es sich mit dem rumänischen Problem. Der Friede von Bukarest hat da ziemlich reinen Tisch gemacht. Rumänien hat die Strafe für seinen schnöden Verrat erhalten und ist nun dabei, seine Politik ans eine neue Grundlage zu stellen. Dieser Tage ist in Jassy das rumänische Parlament zusammengetreten, das dazu bestimmt ist, nicht bloß den Friedensvertrag mit dem Vierbundc zu ratifizieren, sondern auch die inneren Reformen durchzuführen, die dem schwergeprüften und -gestraften Lande die Gesundung bringen sollen. Nun gibt es sowohl in Polen, als auch in Rumänien eine ziemlich brennende und wmpWer^ch Juffenffragel Wff 'fir Wie weit ist die Lösung derselben vorgeschritten und inwieweit dürfte man sich der Erwartung hingeben, daß gelegentlich der Bereinigung aller Probleme auch die Judenfrage einer definitiven Lösung zngeführt werden wird. Hinsichtlich Rumäniens ist die Sache wohl äußerlich viel einfacher. Die Judensrage in Rumänien hat im Friedensvertrage zu Bukarest eine Lösung erhalten, die zwar nicht alle Erwartungen gerechtfertigt hat und manches zu wünschen übrig läßt, immerhin aber zumindest nach bestimmten Richtungen Klarheit geschaffen hat. In Polen sieht die Sache viel komplizierter aus. Abgesehen von diversen unverbindlichen Kundgebungen und Aeußeruugen seitens verschiedener, mehr oder weniger berufener Kreise, ist da für die definitive Lösung der Judenfrage noch gar keine reale Grundlage geschaffen worden. Das Problem steht noch immer ziemlich offen und läßt alle Möglichkeiten zu. In Rumänien dürste die Lösung der Judenfrage kaum lange auf sich warten lassen. Im Sinne der Bukarester Vertragsbestimmungen muß das neue Gesetz, mittelst welchem ein wesentlicher Teil der rumänischen Judenschast das volle Bürgerrecht erhalten sollte, noch vor der Ratifizierung der Friedensstipulationen in Kraft treten. Es liegen auch die bestimmtesten Versicherungen seitens der maßgebenden Faktoren der Mittelmächte vor, daß sie daraus achten werden, daß Rumänien die übernommenen Verpflichtungen auch restlos honoriere. Nun mag der Lösungsmodus wohl nicht allen Wünschen entsprechen und mögen die Bedenken, die geäußert werden, nicht ganz wegzumachen sein — immerhin dürste man gar bald vor einer klaren Situation stehen. Man darf sich auch trotz aller gegenteiligen Erfahrungen der Erwartung hingeben, daß Rumänien sich im eigenen Interesse veranlaßt sehen wird, nicht bloß hinsichtlich der Judensrage keine Schwierigkeiten zu machen, sondern auch seinerseits alles zu tun, um diese Frage überhaupt aus der Welt zu schaffen. Man muß in Jassy begreifen, daß die Aspirationen auf Bessarabien kaum die Billigung der Kulturwelt und die volle Befriedigung erlangen könnten, wenn die Judensrage im Lande irgendzvie zu Bedenken Anlaß geben würde. Die Demokratie der Rumänen darf natürlich nicht überschätzt werden, aber für das eigene Interesse dürfte man dort vielleicht denn doch einiges Verständnis haben. Der heilige Egoismus wird dies den Rumänen schon diktieren, wenn das Rechtsgesühl und die politische Moral weiterhin versagen sollten. Wie sieht es aber in Polen aus? — Die Spannung zwischen Juden und Polen ist heute schärfer denn je, und es ist gar nicht abzusehen, wie man da zu einer befriedigenden scheinungen sollen nicht übertrieben und überschätzt werden. Aber die Haltung der Oeffentlichkeit gibt zu Besorgnissen Anlaß. Die Ausschreitungen gegen die Juden, die hie und da in die Erscheinung treten, die unterirdischen Quertreibereien der Hetzer und Aufwiegler, die kleinen und größeren Nadelsticheleien, die das gegenseitige Verhältnis vergiften, lassen sich mit bloßen Redensarten nicht aus der Welt schaffen. Das müßten die Polen schließlich selbst einsehen, die doch verstehen dürften, welche Bedeutung die öffentliche Meinung der Kulturwelt für sie hat. Die Mittelmächte, die die Entscheidung über die polnische Frage in Händen haben, werden sicherlich alles tun, um auch da die Rechte der Inden zu wahren. Auch diesbezüglich liegen ganz bestimmte Versicherungen vor. Aber auch die Polen müßten sich im eigenen Interesse bestreben, zur Judensrage klar Stellung zu nehmen und jede Zweideutigkeit aus dem Spiele zu lassen. Es ist höchste Zeit, daß der polnische Staatsrat diesbezüglich eine Entscheidung treffe. Ein längeres Hinausschieben, ein weiteres Lavieren, ein ferneres Kokettieren mit der Judenhetze dürfte wie ein zweischneidiges Schwert ins eigene Fleisch schneiden. Darüber möge man sich im polnischen Lager einmal klar werden. Wesentliche Probleme des Ostens sehen und gehen einer Lösung entgegen. Die Judenfrage, die mit denselben im engen Zusammenhang steht, soll dabei nicht außer Betracht kommen. Rumänien und Polen stehen diesbezüglich vor wichtigen Ausgaben. Sie können der Unterstützung der Mittelmächte gewiß Mx- Das Gebot des Tages: Zeichnet Kriegsanleihe! “96