Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 20 (13.6.1918)
- Date
- 1918-06-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeschurun Nr. 20. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkaite dureil das: Pretikomitee des Vereines „Jeschurun' Wien, I.. Salztorgasse 2. j Organ des Vereines „Jeschurun" ORGANISATION i für die thoratreue Jugend Wiens i Alle Zuschriften und Anfragen sind i zu richten an: „Jescluiruif'-Preflkomitee, Wien. L Salztorgasse 2. Oer ewige Friede/ Von Dr. I. Wohlgemüth. Die ungeheuere Erregung, die jetzt die -ganze Kulturmelt durchzittert, hat alle Erörterungen über die Menschheitsideale zum Schweigen gebracht. Das entbindet aber keinen, der es mit seinem religiösen Denken und Fühlen ernst nimmt, von der Pflicht, sich darüber Rechenschaft abzulegen, ob die Ereignisse dieser Zeit und die Art, wie er sie mit seinem Empfinden begleitet, den Grundideen seiner Religion entsprechen. Dieser Weltkrieg scheint im schärfsten Widerspruch zu stehen zu dem Ideal des ewigen Friedens. Nun gilt aber einerseits der ewige Friede als eine Grundidee des Judentums. Und andererseits nehmen wir leidenschaftlich Anteil an dem Verlauf dieses Krieges, erhoffen aus dem Ende eine gewaltige Steigerung der deutschen Kraft, bejahen also recht eigentlich den Wert der männermordenden Schlachten. Die Lösung dieses Zwiespaltes zwischen Religion und Patriotismus, der ja auch in anderen Punkten zutage tritt, soll in folgendem für das Problem des ewigen Friedens versucht werden. Wir werden sehen, daß dieser Zwiespalt nur deshalb als solcher empfunden wird, weil über die Grundgedanken des Problems Unklarheit herrscht, und wir werden zu dem Resultate gelangen, daß die landläufigen Erörterungen über den Wert des Krieges und den des dauernden Friedens in sich widerspruchsvoll sind. Wir wollen dann zu zeigen versuchen, inwiefern die Lehre des Judentums die Lösung dieser Widersprüche zu bringen vermag. I Sehen wir zunächst von jeder spezifisch religiösen Wertung der Friedensidee ab und fragen wir: Ist der ewige Friede an sich ein erstrebenswertes Ziel, so lauten schon auf diese erste Frage die Antworten verschieden. 1. Die Einen verweisen auf die Greuel des Krieges, auf das namenlose Leid, das er für den Einzelnen im Gefolge führt, auf die ungeheuren Wunden, die er auch dem siegreichen Volke schlägt. Sie zeigen uns, daß das starke Volk von heute infolge ruhmreicher Kriege das dekadente Volk von morgen ist, weil die stärksten und tüchtigsten Männer dem Kriege zum Opfer fallen und nur die schwachen und für den Aufstieg der Rasse wertlosen Volksglicder übrig bleiben. Wie denn das französische Volk seinen Niedergang dem riesengroßen Verlust an Menschen verdanke, den die napolconischen Kriege gefordert haben. Die Vertreter der Nationalökonomie belehren uns darüber, daß der Krieg für jedes Volk ein schlechtes Geschäft sei. Der Wert des einzelnen Menschenlebens repräsentiere heutzutage ein solches Kapital, daß die Höhenentwicklung mir durch die Menschenökonomie, durch die sparsamste und rationelle Ausnützung eines jeden einzelnen gewährleistet sei. Die 'Sittenlehrer beklagen die Verwahrlosung der einzelnen und den Zusammenbruch der idealen * Aus „Jeschurun" («erlin), II. Jahrg., Heft G. Werte, wie er im Verlaufe und im Gefolge des Krieges zutage tritt. Aber da kommen die anderen und beweisen uns das Gegenteil. Die friedliche Arbeit sei zwar die Mutter, aber der Krieg der Vater aller Tinge. Alle Kultur ist dem Kampfe entsprungen. Der Staatsgedanke der alten Zeiten den Kriegen des Römertnms, der des Mittelalters den Kriegen Karls des Großen und seiner Nachfolger. Die Geistesfreiheit ist ein Produkt des Dreißigjährigen Krieges, die Bürgerfreiheit erwuchs ans den napoleonischen Kriegen. Der Krieg allein entfaltet auch eine einheitbildende Kraft, ohne die ein Volk sich i-n innerem Unfrieden verzehren würde. So ist das sicherste Fundament des Staates der Krieg, das gemeinsam vergossene Blut das stärkste und dauerndste Bindemittel. Jedem siegreichen Kriege folgt eine ungeahnte Blüte wirtschaftlichen Fortschritts und erhöhter geistiger Kultur. Und auch das besiegle Volk erfährt eine innere Umwandlung und einen energischen Antrieb, die schlaff gewordenen Glieder wieder anzuspannen, seine Kräfte zu sammeln und mit größerer Aussicht aus Erfolg im Wettstreit der Nationen nach der Palme zu ringen. Das Leid des einzelnen muß vor dem Segen, den die Gesamtheit erfährt, verschwinden. Die Greuel des Krieges sind nur eine besonders stark in die Augen fallende Schattenseite der unendlich reichen Fülle des Lichtes, die der Menschheit durch den Krieg gespendet wird. Weit entfernt, daß der Krieg die Raffe degeneriert, ist er umgekehrt ein Hauptmittel des Aufstieges der überlegenen Rasse, das großartigste Instrument der natürlichen Zuchtwahl innerhalb der Menschheit. Der Mensch ist nicht bloß ein nationalökonomisch zu wertender Faktor im Leben der Völker, und darum der Verlust nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu beurteilen. Die Sittenlehrer aber dürfen sich letzten Endes über den Krieg nicht beklagen. Denn durch die Betätigung der „weiblichen Tugenden" der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, der Friedfertigkeit und des Mitleids verkümmert ein Volk. Nur die Tapferkeit und der Todesmut, wie sie im Kriege zutage treten, machen das Volksleben allein lebenswert. Aber nicht nur die spezifischen Tugenden des Krieges, alle edlen Eigenschaften des Menschen steigern sich in ungeahntem Umfang während eines Krieges. Und man kann sagen, daß der Erdball in einen großen Tempel der Selbstsucht sich verwandeln würde in dem Augenblick, wo der ewige Friede zur Wirklichkeit würde. Wir könnten Bände schreiben, wollten wir alle Argumente bringen, die die Vorkämpfer der Friedensbewegung und die Lobredner des Krieges ins Feld führen. An dieser kleinen Blütenlese mag es genügen. Jeder unbefangene Beurteiler erhält aus der Lektüre der in Betracht kommenden Schriften den Eindruck, daß die Frage nicht zu entscheiden ist, daß die Beweise sich die Wage halten, ja daß die beiden Parteien zumeist aneinander vorbeireden, der Eine an das Glück und Unglück des Einzelmenschen, der Andere an das Wohlergehen der Gesamtheit denkt, der Eme unter dem Eindruck der fürchterlichen Erlebnisse schreibt, wie sie die Kriegführung mit sich bringt, der Andere im Banne der erhebenden Ereignisse steht, die mit einem Kamps um gewaltige Ziele untrennbar verknüpft sind. 2. Aber lassen wir auch diese Frage unentschieden, so tritt die zweite an uns heran: Ist der ewige Friede an sich eine sittliche Forderung, ist er eines der Ziele oder gar das Hauptziel der Ethik. Diese Frage ist aufzuwerfen ganz unabhängig von den Erörterungen darüber, ob der Weltfriede für die Menschen das rechte Glück bedeutet. Nur für eine rein utilitaristische Ethik, die als Ziel „das größte Glück Aller“ hinstellt, müßte der ewige Friede, weil in ihm das größte Glück Aller verbürgt ist, eine unbedingte sittliche Forderung sein. Für jede andere Ethik, der dies Nützlichkeitsprinzip fremd ist, bleibt die Frage offen. (Fortsetzung folg!., „Linder aufs Land." Dank der allgemeinen Sympathie, tvelche dieser Aktion aus allen Kreisen entgegengebracht wird, wächst von Woche zu Woche das Spendcnergebnis. Es reicht jedoch noch lange nicht aus, um das uns gesteckte Ziel zu verwirklichen, 300 Kindern einen vier wöchentlichen Landaufenthalt zu bieten. Soeben erhalten >vir von Budapest die telegraphische Verständigung, daß uns dank der ungarischen Regierung ein Ort angewiesen wurde, in welchem die Unterbringung der Kinder in einem öffentlichen modernen Schulgebäude ermöglicht wird, und daß die Landesbehörden angewiesen werden, für ausreichende Verproviantierung Sorge zu tragen. Wir bitten edle Menschenfreunde um weitere Zuwendungen, damit wir auch nicht ein bedürftiges Kind abzuweisen gezwungen mären. Eile tut not! An Spenden sind uns zugekommen: Wilhelm Neumann. 3.00fr Julius Fürst..... 1.0011' A. M. L. ..... . 1.000- Moriz Steinhof .... fjtKr - Jakob Rabinowilsch 2i 10- -■ Mar Tiner 20o- — L. (seliger ...... 200-— Adolf Grünwalv . . 100' — Salomo» Blum.... Inn--- Kahn Je Schick . . . l()n-. Bernhard Stöhn .... 100 - Anonymus. ..... 100 2. Kleiner...... ]0( r- Fritz Grünwald.... >00 - Marie Frankel .... 1(10 — Adolt Wolf. 100 — Albert Breuer .... 100- Wilhelm .Hahn .... 100- — Kaltmann & Läufer 100- — Lazarus Eichhorn . . . 10o- Emil Stroh ..... 10n. — Jalvb Stroh. Kid-- 7 MO'- - Bisheriges Ergebnis ■ 20.9SO- — Geiamtergebnis . 26.-7M' - „D a s St i n d de m St n d c." Bianla Grünhut . . IO0-». Alice Grünhut .... Inn — 200 — Bisheriges Ergebnis 3t KP — Gefanliergebnis . 500 —