Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 20 (13.6.1918)
- Date
- 1918-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 20 ereigniffe es mit sich gebracht haben, daß die Generalversammlung erst jetzt einberufen werden konnte. Hoffentlich wird dies die erste und letzte Generalversammlung während des Krieges sein. Schließlich unterbreitete der Vorsitzende den Antrag des Vorstandes, das hochverdiente langjährige Mitglied der „Adaß Jisroel", Herr Bernhard Hofbauer, Präsident des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums, der „Einheit" re. in Würdigung seiner großen Verdienste und Leistungen im öffentlichen Leben zum Ehrenmitglied zu ernennen. Der Antrag wurde unter lebhaftem Beifall einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Vorstandsmitglied Herr W. P a p p e n h e i m erstattet hierauf den Rechenschaftsbericht und konstatierte mit Befriedigung, daß die „Adaß Jisroel" während der letzten Jahre eine überaus erfreuliche Entwicklung genommen hatte, die sie instand setzte, den vielfach neuen und schweren Aufgaben, die der Krieg mit sich brachte, gerecht zu werden. Die Einnahmen der „Adaß Jisroel" sind bedeutend gestiegen, aber ebe»so auch die Ausgaben für die Erhaltung der Töchterinstitution, für Kriegsfürsorge re. Alle Institutionen der „Adaß Jisroel", wie Jessvde--Hathora, Bet-Hamidrasch re. entwickelten sich sehr günstig. Die „Adaß Jisroel" konnte auch für die Flüchtlinge und für die Armen im Heiligen Lande vieles leisten und auch die Versorgung der Mitglieder mit rituellen Lebensmitteln, trotz der Ungunst der Verhältnisse und der Ernährungsschwierigkeiten, durchführen. Die „Adaß Jisroel" hat sich an jeder wichtigen Aktion beteiligt, sie hat die Pessach-Aktion für die Frontsoldaten geleitet, gegenwärtig ist eine Aktion „Kinder aufs Land" in Durchführung, deren Leitung dem Verein „Jeschurun" übergeben wurde re. Redner hebt anerkennend das Interesse der Mitglieder für die Aktionen der „Adaß Jisroel" hervor, die derselben reichlich die Mittel zur Bestreitung der großen Ausgaben zur Verfügung gestellt haben und übermittelt die Grüße des Präsidenten Herrn B a ck, der es lebhaft bedauert, der Versammlung nicht beiwotznen zu können. Vorstandsmitglied Herr Stern erstattet hierauf den Kassabericht für die Jahre 1916/17 und hebt unter Verlesung einzelner Posten die aufsteigeude Beivegung der Einnahmen hervor, besonders der Spenden, die eine sehr bedeutende Steigerung aufweisen. Nur dank dieser reichlich fließenden Mittel konnte die „Adaß Jisroel" ihren Aufgaben gerecht werden. In der sich darauf entwickelten Debatte, die Herr Winkler mit dem Verlangen, einige Positionen des Kassaberichtes näher zu präzisieren, eingeleitet hat, regte Herr Bernhard Hofbauer zunächst an, gelegentlich der bevorstehenden Statutenänderung auch den Namen der „Adaß Jisroel" dahin zu ändern, daß die Bezeichnung „Bethansvereiu" zu entfallen hätte. Wenn wir auch im Sinne der geltenden Gesetze nicht das Recht haben, eine separate orthodoxe Gemeinde zu bilden, so ist die „Adaß Jisroel" «I» facta eine Gemeinde und kein einfacher Bethausverein. Der Name „Adaß Jisroel" ohne jeder weiteren Nebenbezeichnung wird eben das Wesen der Vereinigung als „Eda" richtig wiedergeben. Weiters regte Herr Hofbauer die Einleitung neuer Aktionen an, z. B. die Gründung eines orthodoxen Greisenasvls, eines Waisenhauses, eines Brautausstattuugsvereines, einer Erziehungsanstalt mit rituellem Pensionat, und erklärte, daß er für jede dieser Aktionen je X 5000 spende. Er gibt sich der Erwartung hin, daß sein Beispiel Nachahmung finden und daß die „Adaß Jisroel" gar bald die Möglichkeit haben wird, an die Verwirklichung dieser Aktionen zu schreiten. Schließlich unterbreitet Herr Hofbauer namens der Revisionskommission den Antrag, den Rechenschafts¬ und Kassabericht zur Kenntnis zu nehmen und dem Vorstände die Indemnität zu erteilen. Die Ausführungen des Herrn Hofbauer fanden lebhafte Zustimmung und die Indemnität wurde einstimmig erteilt. Der Vorsitzende brachte hierauf diejenigen Paragraphe der Statuten zur Verlesung, die abgeändert werden sollten, darunter die Erhöhung der Zahl der Vorstandsmitglieder von 12 auf 18 re. Nach einer kurzen Diskussion wurde die Statutenänderung beschlossen. Bei den hierauf vorgenommenen Vorstands- Wahlen wurden zunächst die ausscheidenden Mitglieder, die Herren Ignatz Back, kaiserlicher Rat Markus Bondi, Jakob Fuchs, Wilhelm Kritzler, Wolf Pappenheim wieder-, Herr Natan Schiff neugewählt. Vorbehaltlich der Genehmigung der Statutenänderung wurden ferner folgende Herren in den Vorstand neugewählt: Gustav Austerlitz, Eduard Deutsch, Moritz L e i t n e r, Franz N e u nt a n n, Julius Steinfeld und Michael Sternfeld. Nachdem noch die Revisionskommission gewählt wurde, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einer Huldigung für den Kaiser und dem Wunsche nach einem baldigen Frieden. Lin „Zlnai"-Briefwechsel. (Schllib.» Ich will vorerst nicht von Ihren zwei vorgebrachten schwerwiegenden Beweisen für die Echtheit Ihrer konservativen Gesinnung, nämlich über Ihr Verhalten bei Leichenverbrennungen und Chalizah, sprechen; Ihre diesbezüglichen Jrrtümer und Fehlschlüsse wurden Ihnen ja in Nummer 18 der „Selbstwehr" von berufenster Seite vorgehalten; worüber man sich aber beschämt davonschleichen müßte, wäre, wenn man angesichts Ihrer weiteren Unterscheidungen zwischen konservativ und orthodox in bezug auf Charakter und Lebensart nicht zur vollsten Ueberzeugung gelangen würde, daß Ihnen das Seelenleben des konservativen, beziehungsweise orthodoxen Judentums vollständig fernliegt, daß Sie dieses ebenso wenig kennen, wie etwa Shakespeare die Juden im allgemeinen gekannt haben mag. — Sie sagen weiters, daß die' Orthodoxen kein Gesetz aufheben, aber jedes au siegen wollen, „um auf diesem Wege zum schöpferischen Geiste der Tanaim und Amvraim zu gelangen". Run, diesessummarische Urteil wäre ja immerhin gerecht und als gelegentliche Gefühlsäußerung für uns sehr wohltuend; jammern, man müßte bald weinen, daß Sie in Ihrer unendlichen Antwort endlich auch etwas vorurteilsfreier, um nicht zu sagen objektiver, zu werden beginnen. Doch halt! Sie stocken, da Sie merken, daß Ihre bisherigen Ausführungen den Fragesteller nicht eines anderen belehren können, daß Sie vielmehr in die Rolle Bileams verfallen — und schlagen daher plötzlich einen neuen Weg ein, der wohl der modernen Didaktik nicht entspricht, aber als Notstandsbehelf immerhin aus der Sackgasse zu führen vermag! >sie wenden Sich nämlich plötzlich an Ihren Freund, von dem Sie nun weitere Fragen befürchten, mit den überraschenden Worten: „Um Ihren Fragen zuvorzukommen, will ich sie selbst aufstellen", das heißt also, anstatt einer direkten Antwort an den Fragenden, eine Frage an ihn richten! Gut. Wir wollen Ihnen auch auf diesem Wege folgen: „Muß man nicht den Charakter der Orthodoxen bewundern, die rücksichtslos auch gegen sich voll Entsagung der ganzen Tradition treu bleiben und das traditionelle Judentum bewahren und durch den Sturm der Zeiten tragen?" Diese verkehrte Wirkung befürchten Sie also hervorgerufen zu haben! Es scheint so; denn Sie stellen eine durch nichts zu rechtfertigende Behauptung auf — und wollen damit endlich auch Ihren endgültigen Standpunkt präzisieren, wenn Sie weiters sagen: „Eigensinn ist auch eine Art Charakterstärke und Festigkeit, und doch bewundert ihn niemand, weil er nur Schaden verursacht." Sie wollen auch an zwei biblischen Geboten den Schaden der, Orthodoxie demonstrieren und behaupten die Orthodoxie hemme jede Entwicklung und führe zur Verkümmerung des Judentums unter Juden und darum scheine Ihnen die Gründung einer orthodoxen Vereinigung nur schädlich, was auch die Begründung dafür sei, daß auch Sie — obwohl konservativ — nicht der Sinaivereinigung beitreten. Nun, derjenige, der in Vorurteilen befangen ist, wird sich kaum eines Besseren belehren lassen und eingehende Auseinandersetzungen erscheinen dann überflüssig; hingegen versage ich es mir nicht, Ihre Exemplifizierung der beiden erwähnten biblischen Gebote, weiters Ihre uns vindizierte, boshafte Auffassung des fünsten Wortes des Dekalogs mit einem Worte Goethes zu charakterisieren: „Im Auslegen seid frisch und munter! Legt Jhr's nicht aus, so legt was unter!" Sie nennen schließlich die galizischen, beziehungsweise Ostjuden, „arm und elend und verkümmerten Geistes", Ihnen flößen Leute, die von Bettel leben, keinen Respekt ein, auch wenn sie den Talmud auswendig wissen, und meinen, die orthodoxe Vereinigung werde in Böhmen nur so lange Anhängerschaft finden, solange die Flüchtlinge ans Galizien hier weilen! Nun verehrter Herr Rabbiner, jetzt sind Sie zum Schlüsse denn doch noch in die Falle gegangen. Unter den bisher dreihunvert „aufgeklärten und gebildeten" konservativen Mitgliedern des „Sinai" gibt es nachweisbar keinen einzigen Flüchtling. — Ihnen, Herr Rabbiner, repräsentieren wahrscheinlich die paar Flüchtlinge, die Sie während des Krieges in Ihrer bescheidenen Gemeinde kennen lernten, „die Orthodoxie", die großen und vornehmen orthodoxen Zentren Oesterreich- Ungarns, Deutschlands und der übrigen Welt lassen Sie einfach links liegen, wir hingegen überlassen es ruhig den „Sinai"-Anhängern selbst, zu beurteilen, wer die Entwicklung und Blüte des Judentums will — und wer die Verkümmerung herbeiführt. Gewiß hat auch die Redaktion der „Selbstwehr" recht, wenn sie das Problem für viel zu wichtig beachtet, „als daß man mit einem laufreundlichen Lächeln über seine innere (Fortsetzung auf Seite 6.)