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Jüdische Korrespondenz · 1918-06-13 · 20 (13.6.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
20 (13.6.1918)
Date
1918-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. art unverträgliche" sei, Ing, Stricker erklärt ferner: „In der Sache selbst muß deni Dr, Pinkus tendenziöse Verteilung von Licht und Schatten zum Vorwurfe gemacht werden, Hie Jüdenn-nndlichkeit und Philozionisinus, dort Antisemitismus und Antiziomsmus, Wie wars denn um die Zudenfreundlichkeit der Entente bestellt, als sic noch mit dem zaristischen Rußland und mit Rumänien gemeinsam kämpfte? Ist sie den zaristischen Judcnmörüern und der rumänischen Soldateska in den Arm gefallen, hat sie sich für die endliche Erlösung der russischen und rumänischen Juden damals auch nur im geringsten engagiert? Die Argumente des Dr, Pinkus fordern diese Fragen direkt heraus. Noch mehr: hätten die Umstände ein Zusammengehen mit der Türkei herbeigeführt, wäre dann die Stellungnahme der Entente so unzweifelhaft zionistisch gewesen, wäre die Anerkennung des Rechtes der Juden auf Palästina in so unbedingter Form ausgesprochen worden? Es gibt keinen Zionisten, welcher sich nicht ehrlich darüber freut, daß Amerika, England, Frankreich und Italien die zionistischen Ansprüche anerkennen und fördern wollen. Es iväre kriecherisch, unmännlich und dumm, wenn die Zionisten der mitteleuropäischeii Staaten auf diese Anerkennung mit Weigerung und Schmähung antworten würden, weil sie vom Gegner kommt. Aber es liegt auch nicht der geringste Anlaß vor, alle zionistischen Prinzipien' über den Haufen zu werfen und die zionistische Organisation, ja sogar Palästina einer nichtjüdischen Macht endgüitig zu verschreiben. Wenn Dr, Pinkus die Menschheit in Idealisten und Gewaltmenschen, in Engel und Teufel teilt, so werden ihm eben die Zionisten auf diesem Wege nicht folgen, Ihr Ideal ist und bleibt ein jüdisches Palästina, das jüdischer Arbeit und gütlicher Auseinandersetzung mit allen Völkern sein Entstehen dankt, Dr, Pinkus hält es für notwendig, daß die Zionisten in Verfolgung ihres Zieles gegen einzelne Mächte, insbesondere gegen die Türkei, feindselig Stellung nehmen. Er meint, daß die Zionisten der Mittelmächte in einen Gewissenskonflikt geraten und gewissermaßen zwischen ihrem Vat'erlande und Palästina die Wahl treffen müssen. Diese Notwendigkeit lebt aber nur in seiner Einbildung, für den prinzipientreuen Zionisten besteht sie nicht," Weiters nimmt Ing. Stricker zu der Behauptung des Dr. P, Stellung, daß die Mittelmächte antisemitisch seien, und tritt derselben scharf entgegen. Er schreibt unter andereili: „Tr, Pinkus stellt Deutschland und Oesterreich als Hüter des antisemitischen und antizionistischen Gedankens hin. Ich suhle mich nicht berufen, hier über Denlschtand zu spreche». Aber als österreichischer Zionist fühle ich mich dazu gedrängt, gegen diese oberflächliche i al s ch e B e u r t e i I u n g O e st e r r e i ch s anz u k ü tu p f e n. Sie ist nicht nur angetan, das Ansehen Oesterreichs zu schädigen, sie verstößt gleicherweise gegen die Interessen des Judentums und vor allem der zionistischen Bewegung, Die Beherrschung Wiens durch die christlichsozialen Antisemiten, die jndenfeindliche Tendenz der nationalen Presse, insbesondere aber antisemitische Ausschreitungen in Galizien und Mähren während des Krieges und andere ähnliche Begebenheiten haben dahin geführt, in Oesterreich ein antisemitisches Musterlnnd zu erblicken und den Antisemitismus als einen wesentlichen Bestandteil des österreichischen Reichsgedankens zu bezeichnen. Diese A n s ch a u u n g ist aber das Resultat einer rein äußerlichen Betrachtung und grundfalsch. Die österreichische R c > ch s i b c c ii a t mit dem A ntisein i- > i 8 in ns nicht s g c m e i n. im Gegenteil, sie schließt ihn aus. Im Nalionalitäkeiistaate Oesterreich kann nicht aur die Dauer gegen das eine oder das andere Volk regiert werden. Früher oder später muß jedes österreichische Volk zu seinem Rechte kommen, Ter nationale Aufstieg der Tschechen, Ruthenen und Slowenen, weiche vor wenigen Jahrzehnten noch vernachlässigte und völkisch entrechtete Gruppen bildeten, liefert den besten Beweis, Ten Juden, die an fünfter Stelle unter den neun Nationen stehen, ist dieselbe Chance geboten: Und wenn das jüdische Volk in Oesterreich bisher nicht zu seinem vollen Rechte gekommen ist, so trägt nicht Oesterreich die Schuld. Die Juden selbst sind dafür verantwortlich, sie haben ihr Recht als österreichisches Volk nie angestrebt, sie haben es nie verlangt, sie haben nie dafür gekämpft. Sie haben ihr Volkstum verleugnet, haben unter allen möglichen fremden Fahnen gestritten, nie unter der jüdischen. Als die nationale Bewegung unter den Juden Oesterreichs begann, da waren es Juden, hochgestellte und einflußreiche Juden, welche diese Bestrebungen des erwachenden jüdischen Volkes brutal bekämpft haben. Die Zentralreglernng hat sich nie feindlich verhallen. Daß Oesterreich ein Land ist, welches den Minorilätsvölkcrn alle Möglichkeiten der freien Entwicklung bietet, das empfinden die Juden instinktiv, und man kann das ruhig behaupten, es gibt keinen österreichischen Juden, der nicht den Bestand Oesterreichs voll und ganz bejaht und die freie Entwicklung Oesterreichs im Interesse des jüdischen Volkes lebhaft wünscht. Das Unternehmen des Dr, Pinkus, Oesterreich als die Verkörperung des judenfeindlichen Prinzips und ein Hindernis für die jüdisch-nationale Bewegung hinzu stellen, muß gerade von den Verfechtern des jüdischen Natwnalgedankens in Oesterreich energisch abgelehnt werden. Schließlich berührt St, auch die Stellung der Monarchie zur Palästiuafragc und konstatiert: „Aehnlich ist es uni das Verhältnis Oesterreichs zur zionistischen Bewegung bestellt, Oesterreich ist die Wiege der modernen zionistischen Idee, Hier hat Herzt sein Werk begonnen, den Grundstein zur Weltorganisation gelegt und an ihrer Ausgestaltung gearbeitet, Nie ist ihm von österreichischer Seite ein Hindernis bereitet worden. Auch im Verlaufe des Krieges hat sich nichts ereignet, was dazu berechtigen würde, Oesterreich ' antizionistischer Tendenzen zu beschuldigen. Die prozionisiische Erklärung, welche Graf Czernin im Namen der österreichisch-ungarischen Regierung abgegeben hat, ist zwanglos erflossen und war frei von einschränkenden oder gar hinterhältigen Beisätzen, Die Vertreter der österreichischen Zionisten haben wiederholt mit berufenen Organen der Regierung über die Ziele der zionistischen Arbeit verhandelt. Sie sind nie auf feindselige Verschlossenheit gestoßen, man war immer zur Verständigung bereit, Dr, Pinkus aber bucht Oesterreich endgültig als einen Passivposten des Zionismus, Nach ihm müßte der Zionismus auf jede Auseinandersetzung mit dieser Großmacht verzichten, Oesterreich ist schlechthin der Feind und weder die zionistische Arbeit noch auch das künftige jüdische Gemeinwesen haben von dieser Stelle irgendwelche Förderung, irgendwelchen Nutzen zu erwarte». Die zionistische Partei wird diesen Standpunkt nie akzeptieren. Sie wird nicht auf die Verständigung mit einer Großmacht verzichten, welche schon zufolge der geographischen Lage und alter traditioneller Beziehungen berufen ist, bei der Neuordnung im Orient mitzureden, mit einer Großmacht, welche frei von räuberischen, a n e r i o n istischen Aspirationen ist und niemals der Träger einer egoistischen Gewaltspolitik war. Das alte Oesterreich und das junge Palästina werden einander viel zu bieten haben. Die Ausführungen des Dr, Pinkus sind nicht geeignet, die zionistische Weltorganisation zum Verzicht auf die Verständigung mit Oesterreich zu bewegen und die österreichischen Zionisten werden unbeirrt dahin arbeiten, alle Vorbedingungen für ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und der nationalen Heimstätte der Juden zu schaffen," Wie bereits erklärt, konstatieren wir mit besonderer Genugtuung, daß ein Führer der österreichischen Zionisten die Gelegenheit ergriffen hat, um für die Wahrheit eine Lanze einzulegen und das Treiben der Ententeagitatoren als das hinzustellen, was es wirklich ist: als Nr, 20 Fälschung und Verdrehung der Tatsachen. Wir finden darin eine Bestätigung und Bekräftigung der Haltung, die wir an dieser Stelle seit jeher vertreten, eine indirekte Wirkung unserer Aufklärungsarbeit und wollen der Erwartung Ausdruck geben, daß die Wahrheit auf der ganzen Linie zum Durchbruch gelangen wird, daß die Taktik, die Lage der Juden in Oesterreich düster zu schildern, jeden isolierten Fall, der an und für sich bedauerlich sei, auszubauschen und zu pauschalieren, mit der Zeit auch seitens der Feinde eingestellt werden wird. Die Juden in Oesterreich haben die weitesten Entwickelungsmöglichkeiten und können seitens der maßgebenden Kreise stets auf Entgegenkommen rechnen, Lmzichuüg der russischen Juden in England. Aus London kommen Nachrichten, daß nunmehr die englischen Behörden mit rücksichtsloser Strenge mit der Einberufung der in England lvohnenden russischen Juden beginnen, Bekanntlich hatte die englische Regierung seit langem diese Absicht, doch war sie bisher infolge der Proteste der Juden in England sowie weiter liberaler Kreise und später auch nach der russischen Revolution durch die Einsprüche seitens der russischen Regierung an ihre Einführung verhindert. Nunmehr, da England auf die russische Regierung keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht, hat sie die Einberufung der russischen Juden verfügt, obwohl sie völkerrechtlich keinerlei Recht dazu hat, da ja Rußland überhaupt aus dem Kriege ansgeschieden ist. In russischjüdischen Kreisen in England herrscht darob eine heftige Erregung, Ein Teil der englischen Presse benutzt den Widerstand der jüdischen Kreise gegen die ungerechte Verfügung der englischen Regierung zu sehr heftigen und maßlosen antisemitischen Angriffen, Charakteristisch für die ganze Situation ist der Beschluß, den die jüngst stattgefundene Konferenz der englischen Poale Zion in Manchester zu dieser Frage angenommen hat. Er lautet: „Die 13. Konferenz der jüdischen Sozialisten- Arbeiterpartei Poale Zion in Großbritannien, die in Manchester abgehalten wurde, protestiert sehr scharf gegen die niedrigen Angriffe eines Teiles der englischen Presse gegen die ausländischen Juden, Diese Hetze ist der Ausdruck eines sehr starken Antisemitismus, der sich unter der Ausrede verbirgt, er sei bloß antiallien gegen die Fremden, Dieser Antisemitismus richtet sich gegen den hilflosen Teil der jüdischen Bevölkerung, denn dieser ist hilflos, weil er keine Presse in der englischen Sprache hat, in der sie ihre Meinung und Gefühle ausdrücken könnte. Die Resolution wendet sich schließlich an die englische Arbeiterorganisation mit der Aufforderung, sie sollte protestieren gegen die „niedrige und organisierte Hetze", die gegen die höheren Gefühle und Traditionen der englischen Nation verstoßen," Zeichnet Kriegsanleihe!

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