Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 20 (13.6.1918)
- Date
- 1918-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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indische Korrespondenz Ganzjährig K 8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraüe 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 20. Wien, 13. Juni ISIS. IV. lahpgang. Zeichnet Kriegsanleihe. Der Verband der orthodoxen Rabbiner Galiziens und der Bukowina veröffentlicht folgenden Aufruf: Anläßlich der gegenwärtig zur Zeichnung aufgelegten VIII. österreichischen Kriegsanleihe richten wir an unsere Glaubensbrüder den heißesten Appell, nach Maßgabe ihrer Mittel Kriegsanleihe zu zeichnen. Es ist dies ihre heiligste Pflicht als Bürger und als Juden. Wir haben die Pflicht, nicht blos im Sinne der Vorschriften unserer heiligen Religion für das Wohl des Vaterlandes Gebete zu verrichten, sondern auch tatkräftig für dieses Wohl zu wirken. Wie bei jeder Gelegenheit sollen unsere Glaubensbrüder auch jetzt in den Beweisen der Liebe und der Aufopferung für Kaiser und Reich wetteifern und damit einen Teil der Dankesschuld an unseren erhabenen Herrscher abstatten, für die Huld und Gnade, die er uns jederzeit erweist. Zeichnet Kriegsanleihe. Wien, 1. Tamus, 5078. DaS Präsidium des Rabbinerverbandes: Rabbiner M. Steinberg (Brody), Rabbiner M. Arak lBuczaczj, Rabbiner Josef Engel iKrakau). Oie Juden und Oesterreich. Seit Ausbruch des Weltkrieges, besonders seitdem es sich die Herren der Entente in den Kopf gesetzt haben, mittels einer Propaganda das zu erreichen, was ihnen auf den Schlachtfeldern versagt blieb, wird im feindlichen und vielfach auch im neutralen Auslände gegen die Donaumonarchie eine Hetzkampagne geführt, die an Rücksichtslosigkeit, aber auch an Fälschung, Verdrehung und Verleumdung nichts zu wünschen übrig läßt. Ganz besonders wird die innerpolitische Lage in Oesterreich und das Los der Völkerschaften der Monarchie immer in den schwärzesten Farben geschildert, um jenes pittoreske „Erlösungswerk" zu begründen, in dessen Namen die Entente angeblich den Krieg führt. Unter anderem mußte auch der Jude dazu herhalten — wo wird der Jude denn aus dem Spiele gelassen? — und dieselben Herren, die sich einen Pfifferling um das furchtbare Los der Juden in Rußland und Rumänien kümmerten, als diese Staaten noch ihre Bundesgenossen waren, haben plötzlich ihr Herz für die Juden in Oesterreich entdeckt, die „befreit" werden sollten. Anderseits haben sich die Herren der Entente auf das palästinensische Problem mit eiüem Heißhunger geworfen und verkünden, nur mit ihrer Hilfe, d. h. im Falle ihres Sieges, werden die Juden die Möglichkeit haben, ihre tausendjährige Sehnsucht nach dem heiligen Lande zu befriedigen, daß sie somit samt und sonders ins Lager der Entente übergehen und deren Sieg herbeiwüuschen und anstreben sollten. So lächerlich dieses Treiben, so haltlos all diese Behauptungen auch waren, sie haben vielfach die jüdische öffentliche Meinung im Auslande irregeführt. Man hat sich im Aus-' lande ganz sonderbare Begriffe von der Lage, Position und Aussichten der Juden in Oesterreich gemacht, die keineswegs der Wirklichkeit entsprachen. Man war anderseits auch geneigt, nur in der Entente-Orientierung das Heil der Palästinasache zu erblicken, und man geriet diesbezüglich immer mehr auf Irrwege. An dieser Stelle ist während der letzten Kriegsjahre dieses Treiben wiederholt entsprechend beleuchtet worden. Wir haben öfters die Gelegenheit ergriffen, um dieser Hetze entgegenzutreten und darauf zu verweisen, daß einerseits die Position und die Aussichten der Juden in Oesterreich keineswegs so tragisch zu uehmE»c»«,r-d«b es wshGin Oesterreich», wie übrigens überall, wo Juden in größerer Anzahl wohnen, eine Judenfrage gibt, eine antisemitische Bewegung, die von Zeit zu Zeit stärkere oder schwächere Wellen schlägt und mannigfach in die Erscheinung tritt, daß aber weder der Staat als solcher, noch die verantwortlichen Regierungskreise damit etwas gemein haben, daß die Regierung und ihre berufenen Organe immer den Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihre gerechten Wünsche und Forderungen berücksichtigen sowie ihnen Schutz angedeihen lassen, :oo dies erforderlich ist, daß man die Auslassungen eines Jerzabek und eines Funder nicht allzu tragisch nehmen darf und daß man der Zukunft nicht mit so schwerer Besorgnis entgegenzusehen hat, wie dies manche Schwarzseher zu verkünden belieben. Wir haben wiederholt darauf verwiesen, daß die Haltung der Regierung gewissen inner-jüdischen fragen gegenüber keineswegs irgendeiner Animosität oder Voreingenommenheit zuzuschreiben ist, sondern dem Umstande, daß die bezüglichen Fragen im jüdischen Lager selbst strittig sind und sich die Regierung nicht für berufen fühlt, die Rolle des Schiedsrichters zu spielen, daß diese Postulate im Rahmen der Möglichkeit erfüllt werden dürsten, wenn einmal die österreichische Judenheit klar und unzweideutig ihren diesbezüglichen Wunsch zum Ausdruck bringen sollte. Wir haben an dieser Stelle anderseits wiederholt darauf hingewiesen, daß auch die Palästinasache keineswegs nur im Lager der Entente gut aufgehoben sei, daß im Gegenteil eine Vierbund-Orientierung viel eher zu greifbaren Resultaten führen dürfte, da die Türkei und die Mittelmächte diesbezüglich wohl weniger versprechen, aber das Versprochene halten werden, wogegen die Herren der Entente viel versprechen, weil sie eben wenig oder nichts zu halten imstande und gewillt seien — daß die Palästinasache zumindest nicht einseitig in den Dienst der Entente gestellt werden Wir gestehen es offen ein, daß wir des wegen oft mit Vorwürfen überhäuft wurden. Man hat uns der Beschönigung, der Liebdienerei k. bezichtigt. Wir haben uns aber diesbezüglich nicht irrcmachen lassen, in der Erwartung, daß die klare Erkenntnis sich schließlich trotz der Ententehctze Bahn brechen wird. So weit sind wir allerdings noch nicht. Im feindlichen Auslande ist man noch immer nicht gewillt, der Wahrheit die Ehre zu geben, und auch im neutralen Auslande sind noch gar manche Kreise der Ententehetze zugänglich. Hingegen können wir heute mit Genugtuung auf eine Stimme Hinweisen,. die unserer Stellungnahme recht gibt und dieselbe bekräftigt, und zwar seitens des Führers einer radikalen -Partei, hi? sonst nicht aewphut ist, die Verhältnisse zu beschönigen, Wutn Mq^ttehssffchon kraft des heiligen „Partei-Egoismus", immer eher dabei ist, die Situation düsterer zu schildern, um ihre Existenzberechtigung und Notwendigkeit desto starker ins Licht zu rücken. Wenn wir auch mit dem Autor des erwähnten Aufsatzes, den wir nachstehend teilweise reproduzieren, sonst politisch nicht immer übereinstimmcn, so nehmen wir heute gar keinen Anstand, zu konstatieren, daß seine Ausführungen zu logisch und den Tatsachen entsprechend sind, um als unecht gelten zu können. Wir konstatieren es mit besonderer Befriedigung, daß unser bisheriger Standpunkt von dieser Seite bestätigt und bekräftigt Der Führer der Wiener Zionisten, Ing. Robert Stricker, hat das Erscheinen der in unserer letzten Nummer gekennzeichneten Broschüre des Dr. Felix Pinkus, „Vor der Gründung des Judeiistaates", zum Anlaß genommen, um seinen Standpunkt hinsichtlich der Lage der Inden in Oesterreich und hinsichtlich der Palästiuafrage zu präzisieren. Strickers Artikel ist in der jiddischen „Morgenzeitung" erschienen, das offizielle Organ der österreichischen Zionisten, die „Jüd. Zeitung" in Wirn, hat denselben fast zur Gänze reproduziert, womit demselben wohl gewissermaßen eine Parteimarke verliehen wurde. Der Autor beschäftigt sich zunächst mit der Palästinafrage und stellt fest, daß die Haltung des Dr. Pinkus, der die Palästinasache ganz in den Dienst Englands gestellt sehen will, eine „isolierte, von der politischen Tageskonjunktur diktierte, aber mit zionistischer Denk-