Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 19 (30.5.1918)
- Date
- 1918-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ des Vereines „Jeschurun“ ORGANISATION für die Ihoratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Jeschuruif-Preßkoniitee, Wien. I.. Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 19. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postbatte durch das: Preßkomitce des Vereines „Jeschurun1 Wien, I., Salztorgasse 2. Jüdische Jugendbewegung. Von Adolf PinkaS. Jüdische Jugendbewegung, ein vielsagendes, mächtiges Wort, das in seinen wenigen Silben die Hoffnung eines ganzen Volkes in sich birgt und das, zur Wirklichkeit geworden, eine glückliche Entwicklung der Nation für die Zukunst sichert. Bewegung, Regsamkeit und Fortschritt ist das Ideal der Jugend, welche im Bewußtsein einer unendlichen, ihr innewohnenden Kraft alle Ausgaben lösen zu können und alles für notwendig Erkannte schaffen zu können vermeint. Der Bewegung der Massen und geistiger Regsamkeit gilt jedoch auch das Streben tatkräftiger Männer, die ein neues Aufblühen des Volkes, dem sic entstammen, herbeisehnen. Bei manchen allen Völkern lvar es Brauch, bei Handlungen, die in ihren Folgen weit in die Zukunft reichten, Knaben als Zeugen beizuziehen, damit sie, bereits mit gebleichtem Haar, in späten Tagen noch für Wahrheit und Recht zeugen könnten. Warum sollten wir also unsere Zukunft, die Zukunft des Judentums, nicht in die Hände der Jugend legen und in ihr die Gewähr für den ferneren Fortbestand suchen. Jugendbewegung soll dies schaffen; was ist nun Jugendbewegung? Bewegung — ein Verneinen jeglichen Rühens, und Ruhen bedeutet Rückschritt — ein starkes Vorwärtsschreiten, ein ewiges Drängendem Höchsten entgegen. Doch nicht bedeutet uns Bewegung an sich alles und ist als solche schon erstrebenswert. Lehrt uns doch schon die Naturgeschichte, daß bei allen lebenden Organismen Bewegung neben der Nahrungsaufnahme bloß das äußere Merkmal des im Innern wohnenden und pulsierenden Lebens ist. Bewegung ist »och nicht das Höchste, sondern nur ein Symbol, welches das im Stillen und Verborgenen buchende Leben vor unser Auge treten läßt. So ist es in der Natur, und sollte es bei unserem Volke anders sein? Die mit äußeren Mitteln künstlich geschaffene, lärmende Bewegung ist noch nicht das Leben selbst. Wie wären >vir getäuscht, wollten wir dies glauben. Erst wenn es im Herzen jedes einzelnen von uns sich ganz leise zu wgen beginnt und aus dieser Regung eine Empfindung erwächst, welche uns zum Willen führt, dann erst ist Leben in uns. Und wenn die Einzelnen mit ihrem Willen sich vereinen und dieser Gesamtwille die Tat der Gesamtheit und für die Gesamtheit schafft, dann lebt das Volk, und wir können eine ganz unbewußt entstandene Bewegung erkennen, die ein Zeichen wirklichen Lebens ist. Jugendbewegung. Als am Beginne -es gegenwärtigen Jahrhunderts das allgemeine Interesse und die allgemeine Fürsorge sich unseren Kleinen und Kleinsten zuzuwenden begann, sagte man, das Jahrhundert des Kindes habe begonnen. In dem Maße nun, in dem die Kinder von damals zu Jünglingen und Mädchen heranwuchsen, wuchs auch das Jahrhundert mit ihnen und wurde zum Jahrhundert der Jugend. Heute gilt die Devise „Alles für unsere Jugend11; doch nicht alles von der Jugend. Die alleinige Führerschaft in geistigem Belangen ist der Jugend — mit weisem Bedacht — noch nicht gegeben. Es ist kein bloßer Zufall, daß in unserer Tauroh an keiner Stelle die Jugend zu sehr in den Vordergrund gestellt ist, sondern daß es immer wieder heißt, versammle und berufe, „es sikneh hoom", die Alten des Volkes, daß sie sich in den Dienst der Gesamtheit stellen. Von der Jugend singt David, der Sänger aus dem Königsthrone, „Tifereth Bachurim Kauchom11, die Zier der Jugend ist ihre Kraft. Die Aufgabe, die der Jugend im Leben des Volkes zusällt, ist es, das altbestehende Gut, die Volkskultur, durch das Hinznsühren neuer, frischer Kräfte zu verjüngen. TieJngend bedarf der Führung der Alten, um ihr Ziel, die eigene Fortentwicklung, zu erreichen. Nur auf der Basis der überlieferten Errungcnschastcn des jüdischen Geistes kann ein neuer Ausbau jüdischen Geisteslebens erfolgen, denn ein festgefügter Grund ist die erste Vorbedingung für die Standfestigkeit des Gebäudes. Und wäre es nicht Kraftvergeudung, wollten wir das von unseren Vätern Erarbeitete beiseite liegen lassen und an dem Weltbaue, zu dem jeder einzelne Mensch sein Steinchen beizutragen hat, von neuem beginnen, just wie am Tage nach der Schöpfung. Auf allen Gebieten, wie Kunst und Technik, Handel und Industrie, fußt jeder Fortschritt aus dem bisher Bekannten; gerade wir jungen Juden sollten von unseren Ahnen, ihrer Geschichte und Religion nichts wissen und nichts lernen und uns eine Wett aus dem Nichts erbauen wollen. Die Jugend soll auf jenem Posten stehen, wo es gilt, weiterznschaffen und das bisher Errungene zu vervollkommne»; sie soll dem Geiste der Allen ihre junge Kraft und Ausdauer und ihren festen Willen leihen. Jüdische Jugendbewegung muß nun all das umfassen, was dem jüdischen Volke eigen ist und das für alle Zukunft als jüdische Eigenart bewahrt werden soll. Es genügt nicht, wenn der eine die Religion, der andere die Nationalität und ein dritter die Kultur der Juden pflegen und erhalten will. Ties alles sind nur Bruchstücke, nur Teile eines Ganzen, die erst vereint das wahre Judentum bilden. Es geht nicht an, aus dem großen Komplexe der Charaktermerkmalc des geistigen Judentums das eine oder andere auszuwählen und zu erklären, dies sei das wahre Judentum. Ein Beispiel möge zeigen, wie sehr es im Bewußtsein aller lebt, daß Religion und Nationalität sich bei den Juden nicht voneinander trennen läßt. Wenn ein Deutscher, der bisnun Lutheraner war, zum Katholizismus Übertritt, kann er dennoch weiter ein strammer Deutscher bleiben, seine Nationalität hat sich nicht geändert. Anders bei uns Juden. Empfangt ein Jude die Taufe, so wird wohl keiner behaupten, daß er noch der jüdischen Nation angehöre, wiewohl er doch nur sein Glaubensbekenntnis, seine Religion geändert hat. Jüdisch leben heißt also ganz, in allen Beziehungen Jude sein. Nicht jede Lebensäußerung unserer Jugend ist jüdisch. Wenn wir aus dem Gebiete der Kunst und Literatur in der Sprache und Art unserer Wirtsvölker Wertvolles leisten, können wir dies jüdische Kunst und jüdische Literatur nennen, weil ihre Schöpfer als Inden geboren wurden. Eine jüdische Jugendbewegung wird es erst dann geben, wenn in unserer Jugend jüdisches Leben pulsieren wird, wenn wir von ihr sagen können: „Aschrö Jalduscnu schelau bajschu siknosenu." Heil unserer Ingend, d ie sich unserer Alten würdig zeigt? _ Kaiser Karl-jwohlfahrts-lverk: „Kinder aufs Tand". In Angelegenheit der Unterbringung jüdischer Rinder im Rahme» obiger Aktion fand ani 9. Mai int Präsidialburcau der Kultusgemeinde eine Sitzung statt, zu der auch Delegierte unseres Vereines eingeladen wurden und teilgcnommen haben. Auch alle Vereine, deren Ausgabe es ist, Ferienheime zu erhalten, waren erschiene». Es haben sich viertausend jüdische Kinder gemeldet, welche nach Ansicht von Schule und Hans dieser Wohltat bedürftig erscheinen. Mehr wie dreihundert Kinder reflektieren auf streng rituelle Verpflegung. , Die Vertreter der Ferienheime haben es offen erklärt, daß die rituelle Küche, soweit man überhaupt von einer solchen sprechen konnte, in der Kriegszeit gar nicht beobachtet wird und meinen, daß diese Frage ganz in den Hintergrund trete, weil Hunger und Not mächtiger sind als religiöse Gefühle und Empfindungen. Selbst religiöse Eltern haben um Aufnahme ihrer Kinder angesucht, weil sie keinen Weg und keinen Ausweg finden. Erst in dieser Sitzung ist es uns so recht klar geworden, welche Wichtigkeit cs für das gesetzestreue Judentum bedeutet, wenn auch für diese dreifach armen Menschenkinder die Wohltat nicht zur Plage werden soll. Die offizielle Wohlfahrtsaktion kann nur jedem Kind einen Zuschuß von X 12'— per Woche gewähren, alles übrige muß durch Spenden ausgebracht werden. Die Vertreter des Fortschrittsjndentums behaupten die andere Hälfte der Bundestafeln, die Pflichten gegen die Nebenmenschen zu üben, während das gesetzestreue Judentum seine Befriedigung in der Pflichterfüllung gegen Gott sucht und findet. Das konservative Judentum hält die Zeremonien und vergißt den Geist des Judentums tätiger Nächstenliebe. Vergebens suchen wir orthodox geleitete Kinderheime, orthodoxe Ferienkolonien oder orthodoxe Versorgungshäuser. Zeigen wir bei dieser Aktion, daß auch wir das Herz am rechten Platz haben, daß wir nicht zurückstehen, wenn es gilt unseren armen jüdischen Kindern zu Helsen. Es ist hier Pflicht jedes Einzelnen mehr zu tun als er geivohnt ist. Der Kaiser rief und Alle kamen. Jeder gute Jude, jeder Patriot, jeder Kindersreund, diese Begriffe verschmelzen nach unserer Auffassung in einem, helfe dieses Werk der Nächstenliebe zu fördern! „Jes ch u run". Org. f. d. itjoratreuc Jugend. (Spendenauswcis siehe Seite 6.)