Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 19 (30.5.1918)
- Date
- 1918-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 wurden nach der Beendigung des Judenmordes inmitten der Stadt mit großem Pomp beerdigt und auf das Grab eine rote Fahne gesteckt mit der Aufschrift: „Es lebe die Internationale!" Gegenwärtig ist das Städtchen wie ausgestorben. Niemand wird hineingelassen. Die Jugend im Alter von 19 bis 30 Jahren wurde vom bolschewistischen Rate eingezogen, da die deutschen Truppen nahe waren. Keine Postverbindung, keine Geschäfte. Die ganze jüdische Bevölkerung fühlt sich hilflos, dem Tode ausgeliefert. . .. Erst fünf Wochen nach diesen schauerhaften Ereignissen veröffentlichte die „Prawda", das Organ der bolschewistischen Regierung, einen Aufsatz gegen die Judenpogrome, und die Räte in Moskau und Petersburg faßten Resolutionen gegen den sich breit machenden Antisemitismus. Die Ereignisse in Gluchow blieben trotzdem nicht vereinzelt. Zur Zeit des bolschewistischen Sieges in der Umgebung von Minsk brachen neue Pogrome in Kajdanow, Gorodok, Wvloshin, Klezk, Radoschkomitschi, Rakow, Stolbzy aus. Einzelheiten sind uns noch nicht bekannt geworden. Die erwähnte Zeitung spricht von ihnen als längst bekannten Tatsachen. Die schwach des Iabrbunderts. Im preußischen Landtage wettert Abg. Heins gegen die Juden, weil sie mir Kaufleutc sind; im ungarischen Reichstage beklagt sich Polonyi, daß der höhere Bildungszensus für die Wahlberechtigung den Juden zugute kommt, weit sie ihre Kinder mehr lernen lassen. Alle Gegner der Juden werfen ihnen vor, daß sie nur Handel und Industrie treiben und von der Landwirtschaft nichts wissen wollen. In den ackerbautreibenden Landern Ungarn, Galizien und Rumänien befürchten die antisemitischen Soldschreiber ein Uebergreisen der Juden in der Landwirtschaft. Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Rumänien zählen ans 125 Millionen Einwohner, 272 Millionen Inden, also zwei von Hundert der Bevölkerung und der antisemitische Ehor fürchtet den Einfluß der Juden! Wenn man dazu rechnet, daß gut l1/2 Millionen dieser Juden unter den allernngünstigsten materiellen Verhältnissen leiden, also muß sich ein halbwegs vernünftiger Mensch an den Kopf greisen und sich fragen: Ja, schämen sich denn die Antisemiten nicht, Angst zu heucheln, daß je eine jüdische Seele über 100 Arier herrschen könne? Am allersonderbarstcn erscheint diese geheuchelte Angst vor den Juden in Frankreich, wo die Inden gar nur ein Viertel von Hundert, die Naturalisierten, also zu Staatsdiensten berufenen, gar nur den achthundertsten Teil der Bevölkerung ausmachen und wo die Drumont und Konsorten am lautesten heulten und vor der Judengefahr warnten. Polonyi ist ja im Rechte: Die Juden legen mehr Wert auf Wissen als alle anderen Völker: Ist ihnen doch das Studium religiöse Pflicht, wohl nur das Studiun^des heiligen Schrifttums. Dies ist aber ein Studium, das an Fleiß und Intelligenz geradezu riesige Anforderungen stellt, die dann auch auf jedes Studium übertragen werden. Herman Coden („lieber die Errichtung einer jüdischen Akademie") erwähnt, daß noch vor 100 Jahren in jeder Jndengemeinde eine Anzahl von Kanfleuten und Gewerbetreibenden existierte, die das nötige Wissen besaßen, um ein Rabbineramt zu bekleiden, und beklagt den Rückgang dieser Verallgemeinerung der jüdischen Wissenschaft. Die Eingeweihten wissen, welch intensives, langjähriges Studium vor einem Säkulnm erforderlich mar, um zum Rabbiner qualifiziert zu sein. Bor nahezu einem Jahrhundert, im Jahre 1834, stand in der badischen Kammer die Emanzipalion der Inden zur Beratung. Staatsminister Welcker sagte: Es wird gegen die Gleichberechtigung der Inden vielseitig geltend gemacht: Die Inden wiirdcn, gleichberechtigt, alle hohen Staalsämter, nlk Professuren an sich reißen re. Ja meine Herren, sind die Inden befähigter als die anderen Völker, mit welchem Rechte berauben tvir den Staat der besten Kräfte? Sind sie nicht befähigter, aber ernster und fleißiger, so müssen wir sie uni so eher gleichstellcn, um einen Ansporn für Fleiß und Ernst zu geben, nicht aber der Faulheit eine Prämie aussctzen. Ter Judenhaß ist so alt wie das Jndentnm! Maimoides sagt, der Haß, den uns die Völker entgegenbringen, sei das Resultat unbewußten Neides! Die anderen Völker empffnden, ohne sich selbst Rechenschaft zu geben, daß die Juden in ihrer Thora ein Instrument besitzen, daß sie zur höchsten ethischen Stufe führt und neiben ihnen das. Gewiß sind Wohltätigkeit, Sittlichkeit, Familiensiun, Gemeinsinn in ihrer allgemeinen Verbreitung, spezifisch jüdische Tugenden — Tugenden, die große Opfer an Geld, an Genuß auferlegen —. Mögen die Herren Antisemiten(diese Tugenden nachahmen und der Hauptgrund ihres Hasses wird verschwinden. Mögen aber auch unsere Glaubensgenossen acht geben, daß ihnen diese schönen Eigenschaften, die das Judentum bis heute erhalten haben, nicht abhanden kommen, denn das wäre Gbh. die Auslösung des Judentums. Der vielverschriene Reichtum der Jude» ist ein Märchen, da fast nenn Zehntel der Juden in drückendster Armut schmachten. Wo einzelne Juden sich große Vermögen geschafft haben, haben sie die betreffenden Länder uni das Tausendfache bereichert. Ein halbes Dutzend arischer Kriegslieferanten haben mehr Bcrbicnt als alle Inden zusammen. Von Agrariern und Bauern zu schweigen. In den Ententeländern haben die Inden kaum ein Tröpfchen des Milliardengewinns eingebeimst. Der Judenhaß, der gänzlich unbegründet ist, ist eine Schmach des Jahrhunderts, die geheuchelte Furcht einer Milliarde Menschen vor der Handvoll Inden ist ein Attentat ans den gesunden Menschenverstand. Lin „Sinai"-Briefwechsel. Prag, am 20. Mai. Schon seit der Gründung des „Sinai" rechnete man hier mit einer Stellungnahme der breiten jüd. Oesfentlichkeit zu diesem neuen Bollwerke des gesetzestreuen Judentums in Böhmen. Achnlich wie der jüd. Erziehungsausschuß, der sich mit seiner eminent wichtigen Frage: „Wie erziehen wir unsere Kinder zum Judentum?" an einen erfahrenen „liberalen" Rabbiner um Belehrung wandte, taten dies nun auch andere, leitende Persönlichkeiten der hiesigen zionistischen Kreise, indem sie sich diesfalls an einen „konservativen" Rabbiner um „gründliche und objektive Beantwortung" einiger Fragen wandten. In Nr. 17 d. „Selbstwehr" v. 3./5. 1918, veröffentlicht nun dieser Rabbiner einen Briefwechsel über die Vereinigung „Sinai". In dem an ihn gelangten Briefe heißt es: „Es erging an mich die Einladung, dem Vereine „Sinai", einen! Vereine zur Wahrung der Interessen des konservativen Jndentuins beizntreten, tveil man meine konservative Gesinnung kennt. Ich bin mir aber nicht darüber klar, ob der Verein nützlich wirken kann, ich bin mir nicht darüber klar, ob er für das Judentum notwendig ist. Ihre Meinung mochte ich erfahren . . . „Was halten Sie von der Gründung eines solchen Vereines? Wird er Frömmigkeit heben und dem Judentum nützen?" Man müßte nicht erst ein konservativer Rabbiner sein, um diese kurzen, schlichten und ehrlichen Fragen gründlich und objektiv beantivorten zu können. Die bombastische, vier Zeitungsspalten lange — die Vorbemerkungen allein umfaffen zwei Spalten — verworrene und widerspruchsvolle Beantwortung jedoch, losen im Leser ein Gefühl ans, das sich am besten mit einem Gleichnisse iviedci geben läßt: Ei» Bauer, der seinen Grundbesitz in einem fruchtbaren Tale hatte, wollte seinen „leiblichen" Kindern, die ans einer unfruchtbaren Bergeshöhe wohnten und in dieser schtveren Kriegszeit Rot litten, mit Brot anshelfen. Er nahm einen großen Sack, füllte ihn ohne Wahl mit dem wenigen, noch vorhandenen Getreide bis zum Rande voll — und keuchte nun schwer beladen den Berg hinan. Ein Gedanke erfüllte ihn: die schwere, drückende Last ans Ziel zu bringen. Doch kaum hatte er die Spitze des Berges erklommen, da entglitt der schwere Sack seinen alternden Schultern — und im Rn lag ein großer Hansen des mühsam zusammengeschleppten Getreides ansgcschütict zu seinen schwankenden Füßen. — Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich der Brust des guten Alten; doch sein Ziel, das hatte er verfehlt! Müde schlich er sich nun bis zur Wohnung seiner Kinder, und ans den aufgcstapeltcn Getreidehausen weisend, sprach er: „Run könnet Ihr Euch selbst die Korner auflesen ..." Der Herr Rabbiner sagte — nachdem er mit erfinderischem Geiste die unmöglichsten Theorien ausstellte,' eine Fülle von Begriffen, wie: Frömmigkeit, Religiosität, Gottesfurcht, Orthodoxie, Konservatismus, ja Ehasidismus und Kabbala zusammenträgt, um sie seinen „geistigen" Kindern erläutert vorzusetzen — schon in den unendlich gewundenen Vorbemerkungen zu seiner Antwort: „Von dieser Voraussetzung ausgehend, werk» Tie, lieber Freund, sich selbst den Rat erteilen können, ob Sic der „Sinaivereinigung" beitreten sollen." Ter Herr Rabbiner ivar früher Herausgeber der Monatsschrift „Indische Chronik" und gewöhnt, Anfragen „in tiefgründiger Weise" zu beantworten. Als Rabbiner hat er es ferner sehr leicht, sich sein Verhältnis zur religiösen Richtung so zu gestalten, tvie es ihm am bequemsten ist. Er selbst nennt sich konservativ und versucht es, die notwendigen sachlichen Unterlagen für seine Neucinteilung von bisher ungeteilten Begriffen