Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 19 (30.5.1918)
- Date
- 1918-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 19 gemacht. Was würde dann England davon haben?! — Aber nicht einmal die Jnternationalisiernng des Landes findet Gnade in seinen Augen. Palästina, so wird mit einer krassen und durchsichtigen Sophistik argumentiert, konnte dann zum Zankapsel unter den Brachten und zum Schauplatz verwickelter Reibungen werden, Nur die englische Alleinherrschaft sichert demselben das ungestörte Glück. Daß hiebei das eigentliche zionistische Programm, das noch bis heute Geltung hat und das für die Juden in Palästina eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte fordert, vor den Kops gestoßen wird, dies scheint den Autor nicht im geringsten zu alterieren. England, England über alles! — Das ist die Parole der Broschüre. Fürwahr, Northcliffs Soldschreiber Hütten die Sache nicht ungeschickter machen können. Denn im Grunde genommen tvcrden da die englischen Pläne verraten, daß in Palästina nur die eigenen Ziele verfolgt und sich um die jüdischen Aspirationen einen Pfifferling gekümmert wird. Die Gründe, die der Verfasser für die Berechtigung dieser englischen Aspirationen anführt, sind so fadenscheinig, daß es sich wahrlich kaum verlohnt, darüber viel Worte zu verlieren. Es genügt nur, darauf hinzuweisen, daß gerade, weil fast sämtliche Großmächte in Palästina ivichtige Interessen verfechten zu dürfen glauben, das Land in ausschließlich englischen Händen erst recht einen Zankapsel bilden müßte. Gibt doch der Autor selbst zu, daß Frankreich nur ungerne seine Zustimmung zu den englischen Plänen erteilt hatte und stellt er doch selbst einen Versuch Deutschlands in Aussicht, das Land wieder den Engländern zu entreißen. Man sollte also meinen, daß dann die Jnternationalisierung eher den jüdischen Besitzstand schützen dürfte. Aber das rein-englische Interesse könnte dabei zu kurz kommen — und deswegen: fort mit der Jnternationalisierung, fort selbst mit einem amerikanischen Protektorat! — Nur die englische Oberherrschaft wird den Segen bringen! — Siebe Irland, Indien ic.! — Es wäre wahrlich zum Lachen, wenn cs nicht so traurig sein sollte. Alan sollte es nicht glauben, daß sich ein zionistischer „Führer" zu einer derartigen Arbeit bergebeu könnte!... Die Frage an und für sich ist damit natürlich noch nicht entschieden. Es werden andere Momente, als die Pinkussche Broschüre, das letzte Wort in der Palästinasache zu sprechen haben. Aber es ist gut, daß die englischen Pläne nunmehr etwas krasser zutage treten. Gar mancher Jude, der den Brief Balsours an Rothschild ernst genommen hatte, dürste jetzt klarer sehen, wohin der Weg führt. Abi - Schalom. Die Pogrome in Rußland. Die telegraphische Nachricht über die Pogrome in Tnrkestan und in Glnchow (Gouv. Tschernigvw), die vor kurzem durch die Presse ging und große Beunruhigung hervvrrief, findet durch die soeben eingetrofienen Nummern der Petersburger jüdischen Zeitung „Unser Tageblatt" (an Stelle des von der bolschewistischen Regierung eingestellten „Petrograder Tageblatts") ihre volle Bestätigung. Die Einzelheiten, die wir dabei, insbesondere über den Gluchower Pogrom erfahren, übersteigen jede Vorstellung. Die Anlässe zu den Pogromen waren in den beiden Teilen des Reiches grundsätzlich verschieden: in Turkestan war es die Niederlage der Bolschewisten, in Glnchow ihr Sieg, der zu den Ausschreitungen führte. Nach der Lostreunung Bucharas von Rußland und der Verjagung der großrussischen bolschewistischen Truppen war innerhalb der neugebildeten Republik ein erbitterter Kampf zwischen den Altbncharen und den Juugbucharen entbrannt. Die bolschewistische Agitation unter den halbwilden Sarten verlieh diesem Kampfe eine Heftigkeit, die in wilde Massenausschreitungen ausartete. Trotzdem viele Juden sich an der nationalen Bewegung Bucharas beteiligten und einige Juden sogar an der Spitze der neugegründeten Republik standen, erklärte sie der Pöbel für russenfreuudlich und veranstaltete in einer Reihe von Städten Turkestaus Pogrome, die die bucharischen Juden, die seit jeher in der Buchara gleichberechtigt waren und unter antisemitischen Ausschreitungen im üblichen Sinne nicht zu leiden hatten, niemals kannten. Dagegen fielen in Gluchoiv die Juden als Opfer des bolschewistischen Sieges. Gluchow, das eigentlich noch zur Ukraine gehört, liegt gegenwärtig außerhalb des ucugebildcten ukrainischen Staates. Für die bolschewistischen Truppen bedeutet es deshalb eine besondere Aufgabe, die Städtchen dieses Gouvernements, die ihnen als ukrainefreundlich verdächtig erschienen, zu „besiegen" und die dort befindlichen russischen Truppenteile, die inzwischen ukrainisiert worden waren, gefangen zu nehmen. Am 21. Februar entspann sich in Gluchow eine regelrechte Schlacht zwischen den bolschewistischen Truppen, geführt vom Arbeiter¬ und Soldatenrat — unter ihnen befand sich außer der Roten Garde und bolschewistischen Bauern eine ganze Anzahl freigekommener Diebe, Mörder und sonstiger Verbrecher — und den Soldaten des als ukrainefreundlich verdächtigen Boturinischen Corps, das die Unabhängigkeit Gluchows verteidigte. Beide Teile waren bewaffnet und mit Geschützen und Mörsern ausgerüstet, Nach einer Schlacht von einigen Stunden kapitulierte das Boturinische Corps, das aus 300 Mann bestand. Einige seiner Soldaten liefen zu den Bolschewisten über und verbreiteten dort das Märchen, daß die Juden sie bestochen hätten. Die bolschewistischen Truppen lösten sich nach dem Siege sofort in regelrechte Pogrombandeu auf, die sich über die Straßen des Städtchens verbreiteten und jüdische Wohnungen plünderten. Oft schlossen sich ihnen die christlichen Dienstmädchen der jüdischen Häuser an und verrieten ihnen das Versteck ihrer Herrschaften. Die Juden wurden aufgefordert, Waffen auszuliefern. Niemand hatte solche. Daraufhin wurden sie zum Rat geschleppt und auf dem Wege erschossen. Oft wurden ganze Familien auf dem Hofe unter Ucberwachung von Soldaten in einer Reihe aufgestellt und mit Kanonen erschossen. Danach drangen die Banden in die Scheunen und durchstachen mit Bajonetten die Heuhaufen in der Annahme, daß in dem Heu sich noch Juden versteckt halten. Viele jüdische Leichname wurden später im Heu aufgefunden. Die Einzelheiten dieses Blutbades der verwilderten Horden übertreffen an Grausamkeit alle Pogrome des alten russischen Regimes. Drei Söhne wurden vor den Augen ihrer Mutter erschossen, ihr selbst erklärten die Mörder: „Dich werden wir nicht töten. Bereite Mittag vor; morgen kommen wir zu Dir zu Tisch." In der Tat kehrten sie nach einigen Tagen wieder und die Mutter der Getöteten mußte die Mörder ihrer Söhne bewirten. Der 70jährige Rabbiner der Stadt, Reb Bercle, wurde zusammen mit einigen anderen Juden zum Stadtplatz geführt und an Ort und stelle erschossen. Die Verwundeten konnten keine ärztliche Hilfe bekommen, da das Betreten der Straßen den Tod bedeutete. Verwundete, die versuchten, sich nach dem Krankenhause zu begeben, wurden auf der Straße erschossen. Dem Schächter des Städtchens gelang es, als Verwundeter das Krankenhaus zu erreichen. Als die Mörder dies erfuhren, forderten sie den Arzt des Krankenhauses auf, ihnen den Schächter heranszugeben. Nachdem der Arzt, der selbst Christ war, dem Schächter die erste ärztliche Hilfe erteilt hatte, rissen ihm die Mörder den Verwundeten aus den Händen und erschossen ihn vor dem Krankenhause. Manche Juden wurden in den Straßen ohne Arme, mit abgeschnittenen Beinen und ausgestochenen Augen vorgefunden. Die Kiew- Moskauer Straße, wo sich die Wohnung des Rates befindet, war voll Blut. Auf einer Bahnstation in der Nähe von Gluchow wurden acht Juden aus dem Zuge geschleppt und in Stücke zerschnitten. In dem benachbarten Dorfe Jesman wurden 16 Juden ermordet. Kein Nichtjude — mit Ausnahme der Offiziere des Boturinischen Corps — wurde von den Bolschewisten behelligt. Die christlichen Einwohner der Stadt weigerten sich, die um Hilfe schreienden Juden bei sich auszunehmen. Nur in wenigen Fällen gelang es den Juden, sich für Geld loszukaufen. Einer bezahlte für sein Leben, nachdem sein Sohn erschossen und seine Frau ermordet waren, 500 Rubel, ein zweiter 20.000 Rubel. Dieses Morden dauerte den ganzen 22.Februar und die Nacht vom 22. auf den 23. Februar. Am Morgen des 23. wurde in den Straßen ein Aufruf des Rates angeschlagen, in dem es hieß: „Männer der Roten Garde, genug des Blutvergießens!" Da hörte der Menscheumord auf. Ihn löste ein gewöhnlicher Pogrom ab. Zwei Tage lang wurden die jüdischen Häuser und Geschäfte von den Bauern und Bäuerinnen demoliert. Die bolschewistischen Kommissäre beteiligten sich an den Plünderungen. Die Bauern raubten auch die auf den Straßen liegenden Leichname aus und entkleideten sie vollständig. Der „Chewra-Kadischa" wurde vom Rate befohlen, die Leichen zu beerdigen. Zwei Tage lang mußte an dem Grabe geschaufelt werden Den am Leben gebliebenen Männern wurde es verboten, an der Beerdigung teilzunehmen. Insgesamt wurden an jenem Tage 140 jüdische Leichen vorgefunden und gemeinsam beerdigt. Bald darauf wurden auch die Reste der Bücher und Thora-Rollen der zerschossenen Synagoge beerdigt. Rach dem Blutbade wurde dem Städtchen von seiten der bolschewistischen Behörden eine Kontribution von 300.000 Rubel auferlegt. Vor Pessach forderte der bolschewistische Kommissar die Ablieferung von 10.000 Rubeln unter Androhung einer Wiederholung der Mordtaten. Das verlangte Geld wurde ausgehändigt. Die bolschewistischen Soldaten, die im Kampfe gegen das Boturinische Corps fielen,