Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 18 (23.5.1918)
- Date
- 1918-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ das Vereines „Jeschurun" ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Jeschuriin<‘-PreBkoDiitee, Wien, I., Saiztorgasss 2. Jeschurun Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Nr. 18. — 1918. Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ ' Wien, I-, Salztorgasse 2. Der jüdische Iugendtag und wir. Es war wohl Zufall, daß die Zionisten Wiens einen Tag der österreichischen jüdischen Jugend zusammenriefen, gerade au dem Tage, an welchem wir Juden das Fest der Offenbarung feierten. Es ist gewiß sehr lobenswert, daß die zionistischen Führer Oesterreichs die Notwendigkeit empfinden, die jüdische Jugend zu organisieren, und es ist auch erfreulich zu sehen, daß doch noch Tausende und Abertausende wirklich begeisterte Nationaljuden sind. Aber welch' ein Hohn! Am Schabbos-Schwuanß, an dem Tage der Gesetzgebung, wo uns Juden ohne Ausnahme (auch Zionisten sind inbegriffen) als Höchstes geboten wird, den Schabbos zu heiligen, nimmt der jüdische Jugcndtag seinen Anfang und zwar mit einem feierlichen Orgelpräludium, Hinter dem Präsidiumstisch sitzen fünfzehn jüdische Mädchen mit dem Bleistift in der Hand, um jedes Wort, das gesprochen wird, zu registrieren. Sie schreiben auch mit größter Gleichgültigkeit mit, wenn Dr, Martin Buber sagt: „Und das Wichtigste ist das religiöse Gefühl, die Religiosität", Er sagt ferner, das religiöse Gefühl kann nicht gelehrt, nicht ausgedrungen werden, sondern es muß ersehnt und im Innersten empfunden werden. Wir müssen nur Zion aufbauen, und wenn wir dann dort sind, kommt schon das religiöse Gefühl von selbst. Ich stehe der Sache skeptischer gegenüber, ich fürchte, daß dieses wichtigste Gefühl auch in Palästina so fehlen würde, wie hier. „Hie Rhodus hic salta!“ So lange die Herren sich nicht bemühen werden, ihr religiöses Gefühl sowohl bei sich, als auch bei der.Jugend zu wecken, kann von einem wahrhaften Judentum nicht die Rede sein. Herr Dr, Siegfried Bernfeld sagt in seiner Programmrede: „Es kommt nicht darauf an, ob wir hebräisch sprechen, ob wir die jüdische Geschichte kennen, sondern wie wir die Sprache verwerten und ob wir auch jüdische Geschichte wirklich erleben". Er betrachtet sich als echter Jüde, dessen erste Pflicht es daher wäre, die Gesetze Gottes zu halten. Er zeichnet wohl als Vorsitzender des Jugendtages für die Verantwortlichkeit vor unseren Landesbehörden, könnte er es auch vor den himmlischen? Herr Dr. M. Buber, gewiß ein vorzüglicher Redner, fordert chic Jugend auf, sich nicht von falschen, süßen Redensarten beeinflussen zu lassen. Hier beginnt die Gefahr auch für unsere wirklich lüdische Jugend, Die Gefahr liegt nahe, daß unsere JudenjuNgen von diesen „süßen Redensarten" irregeführt, es wirklich für leichter finden werden, auf diese Art junge Juden zu werden. Wir aber müssen trachten, unsere Jugend zu wahren religiösen Juden zu erziehen, das ist unsere Pflicht. Wir orthodoxen Juden sind ja alle Zionisten, wir glauben fest daran, einst wieder in Jerusalem als freies Volk zu leben, aber wir rüüssen uns hier würdig erweisen, in das Land zu kommen, das uns von Gott verheißen. Mcht Deutschlands und auch nicht Englands Polittker können uns Palästina wiedergeben, nur Einer, der uns Alle regiert! Weder die Zionisten noch andere Parteien können die Rückkehr nach Palästina beschleunigen. Wir können nur trachten in Gotteswegen nach Gottesworten zu wandeln, uns würdig zu erweise» wieder das „auserwählte Volk" zu werden. Ich will damit nicht sagen, wir sollen ruhig warten, bis Messias kommt, ich meine vielmehr, daß es gut ist, die Kolonisation in Palästina zu unterstützen. Aber durch jüdische Jugendtage, die an einem Schabhos, mit der Entweihung desselben, beginnen, kann unser Judentum nie neu erblühen, ,l. U. vereinsnachrichten. Bei Beginn der Sommerferien wollen wir über dieim vergangenen Jahrevom „Jeschurun" in den Mädchenkursen geleistete Arbeit Rückschau halten. Es waren nicht leere Phrasen, die im Herbste 1917 unser Programm erfüllten. Wenn sich unsere Pläne auch nicht mit der Großzügigkeit, wie sie uns Frau Ernestine Bondi in ihrer Eröffnungsrede vor Angen geführt hat, voll und ganz verwirklicht haben, so können wir doch aus unsere Erfolge mit Stolz zuriickblicken, denn sie zeitigten einen kräftigen Anfang, der uns Bürgschaft für eine gesunde Entwicklung gibt. Sehr erschwerend wirkte der Umstand, daß wir uns als Gäste in den afür unsere Zwecke nicht besonders geeigneten Lokalen der Talmud-Thoraschule befanden. Nichtsdestoweniger sind wir dem Vorstande der Talmud-Thoraschule vielen Dank für die Bereitwilligkeit, mit der er uns in Anbetracht der Wohnungsnot seine Räume zur Verfügung stellte, schuldig. Durch ein volles Jahr bemühten sich alle Freunde unseres Vereines, , ein geeignetes Heim zu finden. Erfreulicherweise ist es in den letzten Tagen gelungen, eine. große, schöne Wohnung zu mieten; aber noch sind nicht alle Schwierigkeiten überwunden. Trotzdem können wir mit ziemlicher Sicherheit Voraussagen, daß wir zu Beginn des Wintersemesters in unser eigenes, mit allem erforderlichen Komfort eingerichtetes Heim einziehen werden. Eine zweite Schwierigkeit lag in der Aeuheit unserer ganzen Idee, die bei den Damen, trotz aller Begeisterung, die Scheu, mit einem Vortragszyklus zu beginnen, nicht entwurzeln konnte. Frau Ernestine Bondi tat mutig den ersten Schritt. Alle Mädchen, die chre Kurse besucht haben, werden ihr nicht bloß für das viele Schöne und Neue, das sie uns geboten hat, sondern auch dafür, daß sie bewiesen hat, daß “eine Frau auch aus diesem Gebiete Nützliches zu leisten vermag, dankbar sein. Sie sprach über den „Geist der jüdischen Sitten und Gebräuche". In anregenden Worten verstand sie es, uns die Heiligkeit des Sabbat in ihrem herrlichsten Lichte zu zeigen und uns den tieferen Sinn jedes hiefür in Bettacht kommenden Gebotes und Verbotes zu erschließen. Alle kalendarischen _ und sonstigen aktuellen Ereignisse besprach sie, je nach ihrer Wichtigkeit. Sehr interessant war auch die Zitterung und Vorlesung ganzer Kapitel aus den Werken von Samson Raphael Hirsch s. A-, und wir sehen schon mit Freude ihren neuen Darbietungen im kommenden Jahre entgegen. Ganz besonderen Dank müssen wir an dieser Stelle Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Moritz Flesch nochmals ausdrücken. Er wählte mehrere wichtige Themen, „Erläuterung der Psalmen", „Einteilung der Gebete", „Sidra und Hafthora", die er abwechselnd in lehrreicher und anziehender Form vortrug, Auch ihn hoffen wir nächstes Jahr in unserem neuen Heime wieder begrüßen zu können. Von diesen ständigen Einrichtungen abgesehen, erwarben sich einzelne Herren große Verdienste um unseren Verein, indem sie, unserer Einladung liebeuswürdigst folgend, einzelne Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Kunst, Literatur, Geschichte und Hagadah hielten. Diese kurze Bilanz weist ein Plus auf, das wohl jedem als bescheidener Anfang genügen wird, und der Ewige gebe, daß sich unsere Hoffnungen für die Zukunft erfüllen. Chasak, Chasak we-ämos! Werde stark, werde stark und immer kräftiger! II, Das Lind dem Linde. 300 arme Judenkinder haben bei uns ihre Bewerbung um Freiplätze für einen kurzen Sommer auf dem Lande angemeldet. 300 zarte Körper, arg heimgesucht, vielleicht schon schtver geschädigt durch die Entbehrungen von vier Kriegsjahren, verlangen nach' einem bißchen frischer Lufttnnd kräftiger Kost, um die koimnenden härteren Monate und ein künftiges Leben des Kampfes, ein Judenlcben, tragen zu können. Wer hört das nicht? Diesen . 300 wartenden Kindern stehen vielleicht zehnmal mehr gegentiber, denen ihre gleichgesinnten Vater lange Ferien draußen im Grünen gewähren können. Gewiß, auch sie haben der Zeit ihr junges Opfer gebracht. Aber satt werden, das konnten sie doch immer, und sie brauchen jetzt nur den gesünderen Ort. Doch unsere 300 sind durch Jahre hin niemals satt geworden. Jetzt möchten sie's für ein paar Wochen werden und könnten es. Wenn nur die Väter der glücklicheren 3000 hören wollen. Sie werden ja am besten wissen, was es heißt, seinem Kinde auch nur ein Geringes versagen müssen. Und sie werden daran leicht ermessen, wie furchtbar es fein muß, seinem Kinde alles versagen zu müssen. Jeder dieser Väter braucht nur einmal in Gedanken das eigene Kind an Stelle des andern zu setzen und sich dazu, wie er mit gebundenen Händen zusehen muß, daß sein Kind hungert und schuldlos verfällt. Ich denke, es wird ihm heiß ums Herz werden. Und das ist ein guter Anfang, aber noch nicht das Ende. Auch wenn er dann in die Tasche greift, schnell und viel gibt, ist noch nicht alles, noch nicht das Rechte geschehen. Denn immer müssen wir darnach ttachten, jede unserer Handlungen mit ihrem schönsten Sinn zu erfüllen.- Und der stellt sich hier von selber ein: Das Kind dem Kinde, so müßte es lauten. Jeder Vater, der fein Kind auf Ferien schickt, legt zu dem dicken Sümmchen.