Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 18 (23.5.1918)
- Date
- 1918-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495381-3495397--0652-3521360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 18 nun aber zu erwarten, daß der junge jüdische Gelehrte von der Wichtigkeit der religiösen Bildung in unserer Jugend Einsicht gewonnen habe, und daß daraus das Pflichtgefühl in ihm erwacht ist, nach unserer alten Losung das Lernen mit dem Lehren zu verbinden, um im Lehren wiederum in seiner eigenen Entwicklung innerlich zu wachsen. So verbinden sich in dem jungen Pflänzling der Akademie die Wissenschaft und die Bildung zu dem einheitlichen Zwecke der Stärkung unserer Gemeinschaft. Ebenso aber gehen auf diesem Wege auch die beiden materiellen Fragen der Besoldung zusammen. Wenn doch die Akademie selbst für den vollen Lebensunterhalt ihrer Jünger vorerst nicht ausreichende Mittel zur Verfügung haben dürfte, so werden sich unter ihnen viele so bereit als geeignet finden, an die höheren Schulen der Provinz hinauszugehen, um dort den wissenschaftlichen Religionsunterricht zu übernehmen. Und in jenen Städten wird es den Gemeinden oder einzelnen Verbänden der Eltern ein Leichtes sein, einem solchen Religionslehrer ihrer Kinder in der Höhe des Akademiesoldes ein angemessenes Gehalt auszuwirken. Und durch die Summierung dieser beiden Besoldungen wird der junge jüdische Gelehrte für den Beginn seiner wissenschaftlichen Wirksamkeit einen gesicherten Lebensunterhalt erwarten dürfen, der hinter dem des öffentlichen wissenschaftlichen Oberlehrers nicht zurückstehen dürfte. Der wissenschaftliche Betrieb aber wird durch die Verbindung mit der Lehrtätigkeit in keiner Weise gefährdet. Denn diese Religions- Oberlehrer werden sich ebenso in einem beständigen Ortswechsel bewegen können, wie überhaupt in einem Personenwechsel, für den die Art und der Umfantz^ von den einzelnen übernommenen wissensWWchM Aufgabe, wie der jeweilige Stand ^vm-deM Bearbeitung maßgebend sein wird. In dürrem Umriß haben wir hier das Bild der Akademie im Verhältnis zur Wissenschaft und zur Bildung sowie zur Berufsstatistik zu entwerfen versucht. Möchten Sachverständnis und guter Wille diese Striche zu einem Jdealbilde unserer religiösen Zukunft ausgestalten. „Zeit ist's". Dieses Psalmwort gilt es zu beherzigen. Es darf nicht länger gesäumt werden, an der rechten Stelle, im Mittelpunkt unserer gesamten Kulturlage das Hilfswerk anzusetzen. Wir dürren nicht ausschließlich unsere Fürsorge aus die sozialen Nöte unserer Glaubensgenossen lenken. Wir dürfen auch an unserem Geiste nicht krank und nicht siech werden. Das jüdische Herz muß stärker als bisher in Mitleid schlagen für den jüdischen Geist. Unsere Mildtätigkeit muß Großmut werden für die Erhaltung, für die Verjüngung unserer Wissenschaft siir die Verbreitung und Vertiefung des Eifers um die Erforschung unserer heiligen Literatur und unserer ehrwürdigen Geschichte in deren ganzen Kulturumfang. Ist sie doch das älteste uud immer zugleich das jüngste Glied der Kulturgeschichte der Menschheit. Bevor wir dieses geistige Bollwerk unseres Fortbestandes errichtet haben,- werden wir uns gegen alle Anfechtungen und Verführungen nicht hinwegtäuschen, daß für den Abfall vieler von uns die vollständige Unkenntnis des Geistes des Judentums und seiner Bedeutung für uns und für die allgemeine Kultur nicht unwesentlich mitverantwortlich ist. Möge „der Stern von Jakob" über dem Unternehmen der Akademie walten! (Die Redaktion behält sich vor, zu dieser Anregung eingehend Stellung zu nehmen. — Boin rein-religiösen Gesichtspunkte betrachtet, sind sicherlich ganz andere Maßnahmen erforderlich, um das Judentum nach innen und nach außen zu heben und zu stärken.) Aus der Ukraine. Das Leben in Odessa nimmt unter dem Schutze des deutschen und österreichischen Militärs seinen geordneten Verlauf. Die Stadt wird verwaltet von der gewählten Stadtduma, dem ukrainischen Kommissär und der österreichischen Militärmacht. Als eine Wohltat begrüßt man die Verordnung des deutschen Kommandanten, für die Bebauung aller Aecker und Landgüter zu sorgen. Handel und Gewerbe sind in hoher Blüte, doch leidet die ärmere Bevölkerung stark unter der enormen Teuerung. Im öffentlichen jüdischen Leben spielt wie sicher der bekannte Zioniftenführer M. Usischkin die Hauptrolle. Er sowohl wie auch sechs andere Zionisten gehören der Stadtduma als Mitglieder an. Ueberhaupt hat das jüdische Leben in Odessa einen neuen Aufschwung genommen. Die ersten Sitzungen der neugewählten Kiewer Gemeindeverwaltung waren der Organisation des Gemeinderates gewidmet. Zum Vorsitzenden der Verwaltung wurde der Vertreter der Zionisten in Rada M. R. Syrkin gewählt. Der Rat ist gegenwärtig mit dem Projekt der Einberufung einer Konferenz der Vertreter aller jüdischen Gemeinden in der Ukraine beschäftigt, die eine provisorische Repräsentanz des ukrainischen Judentums darstellen soll. Die letzten Nachrichten der Kiewer Wochenschrift, „Auf der Wacht" legen erneut Zeugnis ab von dem wachsenden Antisemitismus in der ukrainischen Provinz. In Ladyschin, Gubnik, Stepaschki und anderen Marktflecken Podoliens faßten die Bauern den Beschluß, die Juden auf die Straße zu setzen und ihnen nur in einem Teil der Städtchen, um den Marktplatz herum, Wvhntecht zu gewähren. Klagen über ähnliche Maßnahmen liefen auch aus anderen Orten beim Ministerium für nationale Angelegenheiten ein. In Odessa drohten die Unruhen einen viel bedeutenderen Umfang anzunehmen. Versuche zu Ausschreitungen wurden aber yon der jüdischen Legion, die 700 Menschen zählt, überall im Keime erstickt. Auf Ersuchen der Stadtverwaltung wurde diese Selbstwehx- Organisation nicht entwaffnet, sondern erhiekt das Recht, auch weiterhin in neuer Formierung die jüdische Bevölkerung Odessas vor Uebergriffen zu schützen. „Unser Leben", früher in Warschau, jetzt in Odessa, wurde für zwei Millionen Rubel an die Poale-Zionisten verkauft. I» der Ukraine erscheine» drei jüdische Zeitungen: „Das neue Leben" (früher „Unser Leben") in Odessa, P. Z. „Telegraph" (zionist.) und „Neue Zeit" (soz.) in Kiew. Rundschau. (Kei» Kriegsgebiet im Osten.) Einer Verordnung des k. u. k. Armeeoberkommandos zufolge ist das Kriegsgebiet im Osten abgeschafft. Sowohl Galizien, als auch die Bukowina sind somit völlig von jeder Beschränkung ftei. Die Rückkehr der Flüchtlinge dürste nunmehr ohne jedes Hindernis vor sich gehen können, ebenso aber auch die Wiederaufnahme des normalen Lebens, die Wiederaufrichtung von Handel und Verkehr. (Flüchtlingsrückkehr und Sabbat.) Vorige Woche hat eine Deputation des galizischeg Rabbinerverbandes beim Minister des Innern vorgesprochen und die Bitte unterbreitet, es möge dafür gesorgt werden, daß die Flüchtlingszüge derart expediert werden sollten, daß die Flüchtlinge nicht gezwungen sein müßten, die Reise am Samstag zu machen. Der Minister hat darauf der Flüchtlingszeritrale aufgetragen, die Flüchtlingszüge immer in den ersten Tagen der Woche derart abfcrtigen zu lassen, daß die Flüchtlinge vor Sabbat zu Hause anlangen könnten. (Geheimrat Baszorry.) Der gewesene ungarische Minister Dr. Vaszony, der beim jüngsten Ministerwechsel ausgeschieden ist, wurde vom Kaiser zum Geheimen Rat ernannt. Es ist dies der erste jüdische Geheime Rat in Oeftetreich-Ungarn. (Judenexzeß in Wieliezka.) In Wieliczka bei Krakau ist es vorige Woche zu Ausschreitungen gegen die dortigen Juden gekommen. Bauern aus der Umgebung und ein Teil des städtischen Mobs überfielen die jüdischen Häuser und haben mittelst Beschädigungen und Plünderungen beträchtlichen Schaden angerichtet. Mehrere Juden wurden hiebei auch verletzt. Aus Krakau kam militärische Assistenz, die die Ruhe wieder hergestellt hat. Seitens der Regierung sind strenge Maßnahmen zur Auftechterhaltung der Ordnung angeordnct worden. (Brzezany abgebrannt.) Die ostgalizische Stadt Brzezany, die im Kriege sehr viel gelitten hatte, ist vorige Woche von einer Feuersbrunst heimgesucht worden, wobei etwa hundert Häuser «iedergebrannt wurden. Die Ortsfeuerwehr konnte des entfesselten Elements nicht Herr werden und es mußte aus Lemberg Hilfe requiriert werden. Neben einer Vorstadt hat auch das jüdische Viertel stark gelitten und zahlreiche Familien sind obdachlos geblieben. (Gin jüdischer Handelswinister im neuen «krainischen Kabinett.) In dem Kabinett, welches der neue Diktator der Ukraine Hetman Styrvpadski gebildet hat, ist das Portefeuille des Handels Herrn Guitnik, Vorsitzenden des Börsenkomitees von Odessa und hervorragendemMitgli^e der dortigen jüdischen Gemeinde, übertragen worden. Diese Berufung hat wohl ihren inneren Grund in der hervorragenden Bedeutung, welche die Juden im Handel der Ukraine einnchmen, und über welche der deutsche Unterstaatssekretär von Braun sich erst dieser Tage bei der Erörterung der ukrainischen Angelegenheiten im Hauptausschusse des deutschen Reichstages dahin geäußert hat: „Weder beim Großgrundbesitz «och bei den Bauern kan« man ohne die ukrainischen Juden überhaupt etwas kaufen; der Jude ist dort ein absolutes Bedürfnis."