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Jüdische Korrespondenz · 1918-05-23 · 18 (23.5.1918) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
18 (23.5.1918)
Date
1918-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 daher von den in Frage kommenden jüdischen Organisationen nichts unterlassen werden, um das weitere Unheil, das vielen tausenden rumänischer Juden droht, zu beschwören. Das Wohlwollen der Zentralmächte und ihrer Verbündeten wird den Juden hoffentlich auch nicht fehlen, wenn es gilt, die Bestimmungen des Friedensvertrages durch Rumänien in jenem Sinne lauterster Humanität zu erwirken, wie er den Staatsmännern des Vierbundes gerade mit Bezug auf die Juden vorgeschwebt hatte. Jedenfalls wird die Judcnschaft der ganzen Welt die Abwicklung der ganzen Angelegenheit mit der größten Aufmerksamkeit verfolgen. M. Färber. Die Gefahr in Rußland. Im „L. V." schreibt S. M. Melamed: Eine jüdische Legende erzählt von einem schrecklichen Gemetzel unter den Juden durch die Römer, bei dem das große Meer sich durch jüdisches Blut rot färbte. Die Legende ist keine bloße Erfindung der jüdischen Phantasie, sie beruht auf Tatsachen, die für jeden ernsten Geschichtsforscher unzweifelhaft feststehen. Wenn man heute im Talmud die Stelle von dem schrecklichen Blutbad liest, das die Römer unter den Juden anrichteten, weil diese für ihre Freiheit kämpften, könnte man glauben, daß solche Grausamkeiten nur vor 2000 Jahxen möglich waren, als sogar die gebildeten Klassen noch halbe Barbaren waren. Wir trösten uns vielleicht mit dem Gedanken, daß jene barbarische Welt untergegangen sei. In Wirllichkeit haben wir keinen Grund anzunehmen, daß solche Blutbäder wie in der Römerzeit nicht mehr möglich seien. 2000 Jahre nach der Zerstörung des jüdischen Staates stehen wir vor der Vernichtung des jüdischen Volkes in Osteuropa. Wir unterschätzen leicht die Gefahr, in der die Millionen russischer Juden sich gegenwärtig befinden. Der große Krater, durch eine Katastrophe erschüttert, beginnt giftige Gase um sich zu speien. Die russische Revolution in ihrer letzten Phase hat finstere, zerstörende Kräfte ausgelöst, die das Leben der ganzen russischen Judenheit bedrohen. Eine finstere Kraft ist der Bolschiwikismus und eine ebenso dunkle Kraft ist sein Todfeind, die russische Kirche, die die Juden für alles Unglück, welches das Land trifft, verantwortlich macht. Eine finstere _ Macht ist ferner die russische Reaktion, die im Trüben fischt und in einem fort gegen die Juden hetzt, und eine düstere Kraft ist der ausgehungerte, demoralisierte russische Soldat, der von der zügellosen Freiheit erfaßt, wie ein von der, Kette losgerisfencs wildes Tier im Lande wütet. Die Bolschewiki haben der Bourgeoisie und der ganzen Welt den Krieg erklärt. Die armen und verarmten russischen Juden rechnen sie ebenfalls zu der Bourgeoisie, also kämpfm die Bolschewiki auch gegen die Juden, und dieser Kampf nimmt bereits die Form von Pogromen an.; Eine noch größere Gefahr als die organisierten Pogrome sind die Ueberfälle der demoralisierten Soldatenhorden. Sie ziehen durch die jüdischen Städte, mordend und plündernd, und cs gibt z. Z. in Rußland keine Autorität, die sie von ihrem verbrecherischen Treiben zurückhalten könnte. Auch die christliche Bevölkerung leidet unter der Zügellosigkeit der aufgelösten Armee, aber wie überall, sind die Juden die ersten Opfer. Die ganze russische Judenheit steht vor einer schauerlichen Katastrophe,"»rine ganze Kette von Umständen hat sich gegen sie vereinigt, alle dämonischen, zerstörenden Kräfte einer untergehenden Welt. Das Schrecklichste ist aber, daß die Juden in Rußland gegenwärtig keinen einzigen Freund besitzen, der ihnen in der Not helfen könnte. Vor einem Jahre waren fast alle gebildeten Russen den Juden freundlich gesinnt. Alle politischen Parteien hatten in ihr Programm „Freiheit den Juden" geschrieben. Formell sind demnach die russischen Juden frei, und die politischen Parteien in Rußland haben formell keinen Grund, sich noch mit der jüdischen Frage zu beschäftigen, weil diese in ihren Augen bereits gelöst ist. Die russisch-jüdische Jugend, jahrzehntelang verfolgt und vom alten Regime auf grausamste Art unterdrückt, wurde stets von politischen Extremen getrieben. So kommt es, daß in der bolschewikischen Bewegung einige Juden eine große Rolle spielen können, und daß die anderen politischen Parteien die Gesamtheit der Juden dafür verantwortlich macht. Alle Proteste der russischen Juden, daß die Trotzkis, Schnerrs und ihresgleichen keine Vertreter des Judentums seien, nützen nichts. Auf den Juden lastet der alte Fluch: „Einer aus ihrer Mitte sündigt, und über die ganze Gemeinde entlädt sich der Zorn". Sogar die intellektuellen Russen, die noch vor einem Jahr Judenfteunde waren, sind jetzt ihre Feinde. Die russischen Juden sind heute von allen russischen politischen Parteien isoliert, die noch vor einem Jahre mit ihnen zusammengearbeitet haben. Darin besteht die große Gefahr, die unsere Brüder in Rußland bedroht. (Man kann wahrlich vom Glück sprechen, daß mehr als die Hälfte der russischen Judenheit unter dem Schutze der Mittelmächte- Okkupation lebt und diesen Gefahren nicht ausgesetzt ist. D. R.) Zur Begründung einer Akademie für die wiffenfchajt des Judentums. Bon Geheimer Rat Prof. Hermann Cohen. (Schlick., ' Diesen Uebelständen soll die Akademie abhelfen. Wir wählen mit Absicht diesen Namen, der auch für die gesamten Wissenschaften nur erfunden worden zu sein scheint, um die Gelehrten der verschiedenen Fächer zusammenzufassen, zugleich aber auch, um sie in lebendige Wechselwirkung zu versetzen und dadurch ihre Kraft und ihr Aufblühen zu befestigen und zu sichern. Für die allgemeinen Wissenschaften bedarf es gemeinhin nur einer solchen idealen Vereinigung, die zudem durch Subventionen bestärkt wird. In unserem Spezialfalle dagegen ist unserer sozialen Lage gemäß die Sicherung des Lebensunterhaltes unbedingt erforderlich, wenn wir auf Zuwachs und auf ununterbrochenen Fortbestand eines jüdischen Gelehrtenstsndes sollen rechnen dürfen. Daher muß es die Aufgabe der Akademie sein, durch die sie sich von allen analogen Anstalten unterscheidet: gleichsam eine Vorsorgeanstalt für die jüdischen Forscher zu werden. Der jüdische Student soll wissen, daß es für die materielle Lebensstellung keine verlorene Sache sei, der jüdischen Wissenschaft seine Studien zuzuwenden; daß er vielmehr die Aussicht habe, nach Vollendung derselben zu einer Besoldung zu gelangen, die ihn zunächst vor materieller Gefahr schützt und die ihm zugleich die Möglichkeit gibt, als Lebenswerk seine Studien und seine wissenschaftliche Entwicklung fortzuführen. Man weiß, wie sehr die statistischen Erfahrungen über die Frequenz in den Lehrfächern von Jahr zu Jahr die öffentlichen Studienwahlen beeinflußten. Wie sollte es in unseren engeren und dürftigeren Verhältnissen anders sein können? Wer bisher nur im Rabbinat die Möglichkeit seiner materiellen Versorgung sehen konnte, wird fortan im Hinblick auf die Akademie sich frei entscheiden können, ob er unter den Geisteswissenschaften auch die der jüdischen Altertumswissenschaft sich zur Wahl stellen kann. 2. Dem Mangel in der jüdischen Gelehrsamkeit steht zur Seite der in der religiösen Bildung der modernen Juden. Dieser Mangel ist offenkundig und er richtet uns großen Schaden an, besonders im protestantischen Urteil über unsere religiöse Gesinnung. Keineswegs ist etwa der Religionsunterricht, wie er gelehrt und wie er ausgenommen wird, allein an diesem großen Uebelstande schuld. Aber es darf nicht in Abrede gestellt werden, daß ein Teil der Schuld ihm allerdings hiebei zufällt. Es genügt, hier auf die bekannte Tatsache hinzuweisen, daß die Notwendigkeit seiner Verbesserung allgemein empfunden wird. Die Art dieser Verbesserung ist ein schwieriges Problem, zu dessen Lösung wir hier nur von dem Gesichtspunkte unserer Akademie beitragen möchten. Der unbestrittenste Satz der gesamten Unterrichtslehre ist es, daß nur derjenige der richtige Lehrer sein könne, der sein Lehrfach wissenschaftlich beherrscht, und bei der zentralen Bedeutung der Religion für das gesamte Innenleben des Menschen muß es daher um so dringlicher zu fordern sein, daß der Religionslehrer an der höheren Schule mit dem ganzen Umfange der Literatur und Geschichte des Judentums verttaut sei. Dem Rabbiner allein kann es auf die Dauer bei der Fülle seiner für das Predigtamt, für die Seelsorge, für die soziale Stellung der Juden und endlich für seine wissenschaftliche Repräsentation nicht aufgebürdet werden, den wissenschaftlichen Religionsunterricht, wie er an den höheren Schulen erforderlich ist, allein zu verwalten. Nun trifft es sich, wie für einander berechnet, daß die beiden sachlichen Interessen unserer modernen Religiosität, die Gelehrsamkeit und die allgemeine Bildung, mit den beiden technischen Interessen sich verbinden, welche selbst ihrerseits in der Aufgabe der Akademie sich zusammenschließen. Wir haben das wichttge Moment der Besoldung in Betracht gezogen, welches die Akademie für die Berufswahl des jüdffchen Studenten der Geisteswissenschaften in Aussicht stellt. Diese Besoldung kann jedoch in absehbarer Zeit keine vollkommen ausreichende sein, sofern sic nur auf die theoretische Leistung einer Forschungsarbeit bezogen bleibt. Es ist

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