Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 38 (19.12.1918)
- Date
- 1918-12-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 sah, dessen Berichte nicht mit mönchischer Einseitigkeit geschrieben sind. Er kam nach Palästina mit einigermaßen wissenschaftlichem Interesse; er wollte das Land und die Orte der biblischen Geschichte kennen lernen. Und deshalb ist seine Darstellung auch viel gelesen und literarisch ausgebeutet worden (herausgegeben von Laurent 1864 und 1873). Von den jüdischen mittelalterlichen Forschungen in Palästina sollen hier die „Massaoth“ des Rabbi Benjamin von Tudela und der „Kaphtor Wapperach“ von Rabbi Estori Hap-Parchi erwähnt werden. Ersterer (1160— 1173) unternahm als „Thora- und Halachagelehrter" eine Reise nach dem Orient, um, wie Lelevel (Examen geographique des course et de )a description de ß. d. T. 1852) und in neuerer Zeit Goldziher (ZDPB. 1905) mit Recht annehmen, die Verhältnisse der Juden auf dem ganzen Gebiete ihrer Zerstreuung kennen zu lernen. Die „Mas;saoth“ des R. Benjamin bieten (auf Seite 26—42, Ausg. Dr. Grünhut und Adler, 1903—1904) auch für die Palästinakunde manche brauchbare Mitteilung. Ganz bedeutende Verdienste um die geographische Kenntnis des hei igen Landes, die Feststellung seiner Grenzen, sowie die Identifizierung seiner modernen Ortsnamen mit denen der heiligen Schrift hat sich Rabbi Estori Hap-Parchi im ersten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts (aus Florenza in Andalusien (Spaniens) erworben. Infolge trauriger Schicksale kam er 1313 nach Palästina und ließ sich in Bel-Schon (Skythopolis) nieder. Seine erste Beschäftigung galt vornehmlich der halachischen Untersuchung, bezüglich derjenigen Vorschriften, die heute noch im heiligen Lande zu beobachten sind. Um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte er sich auch mit der geographischen und topographischen Forschung Palästinas befassen. Sieben Jahre studierte er das Land in seiner Weite und Breite. Seine geographischen und topographischen Kenntnisse des heiligen Landes und desTempels, die er im „Kaphtor Wapperach“ niedergelegt hat, sind auch für spätere Zeiten grundlegend geworden. Die nach dem Ende des Mittelalters immer umfangreicher werdende Literatur über die hebräischen Altertümer begnügte sich im wesentlichen mit einer Zusammenstellung der biblischen Nachrichten. Nur wenige zogen die vorhandenen Reste des Altertums (Schriften, Münzen) mit in den Kreis ihrer Betrachtungen. Adrian Reland ist der erste, der die Inschriften berücksichtigte, dessen Werk „Palaestina ex monumentis veteribus illustrata“ (1714) noch heute wertvoll ist. In der Mitte des 18. Jahrhunderts begann dann mit Männern wie Richard Pococke, Stephan Schultz, Carsten Niebuhr die geographische Forschung im Lande selbst, als deren Hauptvertreter im 19. Jahrhundert Ulrich Jasper Seetzen (1803—1810), Johann Ludwig Burckhardt (1805—1816), Titus Tobler (1849 ff.), Rabbi Joseph Schwarz (1845—1852) und Eduard Robinson (1838 bis 1852) zu nennen sind. 1838 bereist Eduard Robinson das Land, rmd seine Arbeiten bedeuten einen Wendepunkt für die Palästinaforschung. Robinson reist mit einem Missionar, Eli Smith aus Beirut, der das Arabische vollständig beherrscht und unter der arabischen Bevölkerung ausgewachsen ist. Mit Hilfe dieses Mannes stellt er zum ersten Male die arabischen Ortsbezeichnungen vollständig fest und entdeckt die für die Gesamtforschung so bedeutungsvolle Tatsache, daß sich in den modernen arabischen Namen die alten Bibelnamen erhalten haben. Er und der Schweizer Titus Tobler, der zum ersten Mal 1845 Judäa bereist und sich hauptsächlich mit Jerusalem beschäftigt, geben in ihren Berichten nur Tatsachen, wie sie sie selbst fanden und seststellten, unter Weglassung aller Legenden und Phrasen, wie sie so leicht die Einbildungskraft an diesen Stellen rege machen. Robinson und Tobler sind die ersten Wiederentdecker des heiligen Landes; ihre Werke, die Tausende von Seiten umfassen, sind die Quellen für die heutige Forschung. Sie beweisen, wie sehr sowohl die Erforschung des Landes nach archäologischer Richtung, als auch die Erforschung der Sitten der heutigen Bevölkerung zum Verständnis der Bibel beitragen konnten, und daß es noch ein völlig unbekanntes Land war, das nach der Methode exakter Wissenschaft erforscht werden muß. Das hat den Wunsch einer genaueren archäologischen Erforschung des Landes erweckt. b) Jüngere (englische) Forschungen. Es war deshalb eine Tat von höchster Bedeutung, daß der nach zwei früheren Versuchen (1804 und 1840) im Jahre 1865 endlich begründete „Palestine Exploration Fund“ in London mit einem Kapital von einer Million Mark sich nicht mit der Erforschung der Oberfläche Palästinas zufrieden gab, um die Karten Robinsons zu ergänzen und richtig zu stellen (während Robinsons Karte erst ca. 1800 Namen enthielt, wurde diese Karte auf ca. 10.000 vervollständigt, jeder Hügel, jede Ruine, jede Quelle und Zisterne wurde angegeben), sondern sofort auch an archäologische Aufnahmen und Grabungen herautrat. Allerdings hoffte die Gesellschaft in wenigen Jahren die wichtigsten Probleme in Palästina lösen zu können. Diese Annahme war in ihrer Fassung ein Irrtum. Je weiter die Forschung schritt, desto zahlreicher wurden die Fragen und Rätsel; aber die englische Gesellschaft darf es sich zum Ruhme anrechnen, zuerst den Spaten auf Palästinas Boden angefetzt zu haben. Begreiflicherweise begannen die Ausgrabungen in Jerusalem, da man in der heiligen Stadt besonders wichtige Ergebnisse erwartete. Der Untergrund Jerusalems erwies sich denn auch als eine äußerst reichhaltige Fundstätte. 1867—70 unternahm CH. Warren Ausgrabungen am Tempelplatz. Er entdeckte den „Gichon" der Bibel (1. Kön. 1, 33 ff.; 2. Ehr. 33, 14). Das ist die heutige „En sitti marjam“, Quelle der Frau Maria, die in der Umgebung der Mauern Jerusalems sich befindet. Von der Zionsburg der Jebusiter führte ein schräg abfallender Gang im Felsen, der dann in einen senkrechten Schacht mündete, bis zum Gichon. 1872-75 und 1877-78 nahm wieder eine englische Expedition, der u. a. Charles Wilson, Kapitän Conder und der bekannte Lord Kitchener angehörten, für den englischen Palästina-Verein das Westjordanland auf. 1884 unternahm Maudsley Grabungen an der Südmauer Jerusalems, die 1894—97 F. I. Bliß mit Erfolg fortsetzte. Vor allem suchten sic den Laus der alten Stadtmauern sestzustellen, aber gerade hier bei der Erforschung Jerusalems sind große Schwierigkeiten vorhanden. Es ist häufiger als andere Städte erobert und zerstört worden und, was Menschenhand übrig ließ, vollendeten die Naturgewalten. Auf den Trümmern der alten Stadt erhob sich immer wieder eine neue. An manchen Stellen haben die Lrchuttschichten eine bedeutende Tiefe, und man müßte außerordentlich tief graben, um die einzelnen Schichten zu erkennen und bis auf den Urboden der ersten Anlage zu kommen. Es erhebt sich aber heute eine moderne Stadt über diesen Trümmern, und ohne weiteres können Grabungen in einer solchen nichi ausgesührt werden, weil dadurch wirtschaftliche Interessen zu stark berührt werden. Andererseits hat bisher der religiöse Fanatismus der mohammedanischen Bevölkerung es nicht zugelassen, daß solche Arbeiten in großem Maßstabc auf der heiligen Stätte, besonders ans dem Tempelplatze ansgeführt ivurden, und deshalb ist die Frage des Laufes der S-tadlmauer bis heute noch nicht endgültig gelöst. Nur an einzelnen Stellen haben die Forschungen behufs Bestimmung der Stadtmauer Erfolge gehabt. Freilich hatten alle diese Arbeiten zunächst keinen archäologischen Zweck. Man wollte ein Bild des alten Jerusalem gewinnen, ein genaueres als dies niit Hilfe der literarischen Nachrichten bisher möglich gewesen war. Das wurde erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts anders, und zwar wiederum durch die Tätigkeit der englischen Gesellschaft. Mit dieser Zeit beginnt die wichtigste Epoche für die Forschungen in Palästina. Oer geisteskranke Jude. In dem soeben erschienenen Dezcmberheit von „Nord und Süd" erscheint eine sehr interessante Studie des Wiener Neurologen Professor Doktor Moritz Benedikt, die in weitesten Kreisen bekannt zu werden verdient. Benedikt schreibt: In einem Vortrag in Zürich hat Tr. Raphael Becker die Frage der Nervosität und besonders der Geistesstörung bei den Juden behandelt, Tie offizielle Statistik seit 1871 hat in Deutschland und Dänemark, in Italien und Rusilaud nicht nur eine Ueberzah! von Geisteskranken bei den Juden nachgewiesen, sondern seitdem auch eine unvcrhältuismäinge Steigerung. Einen wichtigen Beitrag kann ich aus London iiefern; derselbe ist wohl am Kontinent nicht weiter beachte! ivorden. Ums Jahr 1!>0I brach in den Eleudsquanleren an der Themse eine Endemie von Genteenöiuug, besonders Paralyse, unter den dort amäingen Tausenden von Schneider», die sich aus tltuhlaud geflüchtet hatten, aus. Dabei war der Prozentsatz der Frauen ausfallend gi öfter, als er sonst bei Paralyse ist. Was dte englischen Kollegen »rapvierie, war, das; Lues und Alkoholismus als Ursachen völlig wegsielen, Doktor Beadles beri.ylel darüber im Archiv der britischen psychiatrischen Gesellschaft. Da ich auswärtiges Ehiemniiglied dieser hochgeachteten Gesellschaft bin und ich seil Jahren die allgemein Mode gewordene Anschauung auch in England bekämpfte, das; Lues die ausschließliche Ursache der Paralyse sei, wandte man sich an mich zur Aufklärung. Gerade durch die Beobachtung in meiner ostjüdiichen, zumal der strenggläubigen Klientel hatte ich die Sicherheit gewonnen, daß die allgemeine Annahme von Lues als der gewöhnlichen Ursache der Paralyse — so wie zum Beispiel auch der Tabes — zum Teil irrig sei. In diesen Kreisen ist eben Lues sowie Alkoholismus äußerst selten. Da es eine Erfahrung ist, daß viele Luetiiche ihre vorausgegangene manifeste Krankheit verleugnen, so nahm man in der vor-