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Jüdische Korrespondenz · 1918-12-19 · 38 (19.12.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
38 (19.12.1918)
Date
1918-12-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jeschurun Nr. 38. — 1918. I! Organ des Vereines „Jeschurun“ ji ORGANISATION für die Ihoratreue Jagend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: Jesctiurun,,*Preßkomiteel Wien,!., Salztorgasse 2. Religion und Krieg. (Lchluij.; „Wem vergleichet ihr Gott und was ist die Aehnlichkeit, die ihr ihm entgegenstellt“, ruft der Prophet Jesaja den Israeliten zu. „Wem wollt ihr mich vergleichen, daß ich (ihm) ähnlich wäre?“ spricht der Heilige. Im Monotheismus erschafft Gott die Menschen, im Politheismus ist es umgekehrt, da erschaffen die Menschen ihre Götter. Der einig einzige Gott kann nur gefühlt, geahnt, er kann nur in seinen Werken erkannt werden, eine Darstellung durch Menschenhand ist ausgeschlossen; aber bei aller Vorstellungsunmöglichkeit können die Menschen sich ihm nähern, denn er ist nahe all denen, die ihn in Wahrheit rufen. „Wahrheit ist das Siegel Gottes“, und Wahrheit verlangt Gott von den Menschen. Wenn Gott von den Menschen Gottesfurcht und Ergebung in seinen Willen fordert, so ist nicht die Absicht Gottes etwa, seine Herrschaft und Macht zu festigen, sondern die Verbesserung der Menschen — daß sie die Wahrheit suchen und durch dieses Streben die höchste Tugend erreichen. Nicht um seinetwillen verlangt Gott, daß die Menschen ihn lieben und fürchten, nicht für sich hat Gott die Welt und was sie erfüllt erschaffen, sondern für seine Menschenkinder, für welche Gottesliebe und Gottesfurcht Mittel,.zur Erziehung bilden. Was hat der Lehrer davon, wenn die Schüler folgsam und artig sind und ihre Pflichten erfüllen? Er will sie zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranbilden. Wie logisch ist daher das Verbot jedweder Darstellung des höchsten Wesens. Kann doch der mit dem Leibe verbundene Geist nur gedacht und nicht durch Formen wiedergegeben werden, wie will man das an keinem Körper gebundene höchste Wesen fassen und darftellen? Welch unlogisches Beginnen wäre es, den unfaßbaren und unbegreiflichen Geist in Stein oder Holz modeln zu wollen und in tausend Exemplaren zu vervielfältigen. „Und es (das Holz) dient den Menschen zum Verbrennen, und er nimmt davon und wärmt sich, auch heizt er damit uud backt Brot; auch arbeitet er daraus einen Gott und wirft sich nieder, macht davon ein Bild und beugt sich davor. Die Hälfte davon verbrennt er im Feuer, bei der Hälfte ißt er Fleisch, brät einen Braten, und sättigt sich; auch wärmt er sich und spricht: ah ich werde warm, ich gewahre das Feuer. Und den Rest davon macht er zu einem Gotte, zu seinem Bilde, beugt sich davor und fällt nieder und betet zu ihm und spricht: Rette mich, denn du bist mein Gott. Sie erkennen nicht und sehen nicht ein; denn übertüncht, daß sie nicht sehen, sind ihre Augen, daß nicht verstehen, ihre Herzen. Man fführt sich's nicht zu Herzen, da ist keine Erkenntnis und keine Einsicht zu denken: die Hälfte davon habe ich verbrannt im Feuer und habe auch bei dessen Kohlen Brot gebacken, Fleisch gebraten und gegessen und den Rest sollte ich zum Gräuel machen, vor einem Hylzblocke mich beugen? (Jesaja 44.) Die La sprachen zum Holze : du bist mein Vater, und zum Steine: du hast uns geboren! denn sie wenden mir den Nacken zu und nicht das Gesicht; aber in der Zeit ihres Unglücks sprechen sie: auf und hilf uns. Wo aber sind deine Götter, welche du dir gemacht? Sie möge» aufstehen, wenn sie dir helfen können in der Zeit deines Unglücks .(Jerem. 2) Die Darstellung der Götter in Tierbilvern, trug noch mehr zur Verlotterung und Degenerierung des damaligen Menschengeschlechts bei. Der Götze Moloch, halb Mensch, halb Tier, in dessen glühende Arme die Kinder gelegt wurden, war der Höhepunkt der Grausamkeiten eines von verruchten Priestern verführten Volkes. Die Bezeichnung Priester ist hier Entweihung, die VolkSsührer standen tief unter dem Tier, waren Bestien in Menschengestalt, deren Dasein die schwerste Beleidigung Gottes. Es ist heute nicht viel besser geworden. Wohl führen die Väter ihre Kinder nicht durchs Feuer zu Ehren Gottes — aber der Moloch hat in anderem Sinne noch immer seine verderbliche Anziehungskraft, und jene Eltern, die, ohne zu prüfen, nach rechts und links schauend, jedem Schlagmort der Mode gehorchend, die Pflege des inneren Menschen verachtend, ihre Kinder für die sogenannte Gesellschaft erziehen, sie opfern noch immer dem Moloch. Diese Eltern — verführte Verführer ihrer Kinder — missen nicht, daß jeder Mensch wie die Pflanze individuell behandelt werden müsse, daß die guten Säfte und Kräfte, die im Keime schlummern, nur durch wohldurchdachte und sorgsame Pflege großgezogen werden können. Das Erziehungsweseu ist das wichtigste Kapitel der Menschengeschichte, der wichtigste Teil der Kulturarbeit sowohl im einzelnen wie im allgemeinen, beim einzelnen Menschen, wie bei den Völkern. Was Vater und Mutter in ihrem engen Kreis, die Volksführer für die Massen bedeuten — sie haben priesterlichen Beruf, sie sind Kulturarbeiter — aber nicht jene, die sich Priester nennen, ihre Stellung und ihren großen Einfluß zur Volksverführung statt zur Aufklärung ausnützen, statt Eintracht und Brüderlichkeit, Zwietracht und Haß stiften. Was solche dem Volke geben ist Gift, sie verbrüdern nicht — sie entzweien — ihre Lehre ist keine Religion. Wenn jetzt in der revolutionären Bewegung so oft der Ruf ertönt: „Nieder mit der Religion!“, so sind es von falschen Priestern betörte Massen, die es schreien — sie wissen nicht was sie schreien. „Nieder mit den falschen Priestern, den falschen Propheten, den Volksverderberu!“ mügten sie rufen. „Fort mit den Betrügern der Völker, mit den Schädlingen der Menschheit!“ sollte ihr Schlachtruf lauten. Die Religion ist Liebe — sie kennt keinen Haß, sie trennt nicht — sie verbindet. Die Religion will den Völkerbund und nicht die Nationalitätentrennung, die Religion will Menschengleichheit. — „Nieder mit den Verführern!“ und „Hoch die Religion!“, das ist die einzige Fahne, um die sich die Völker scharen müssen, wenn wahre Freiheit — eine ideale Zukunft erreicht werden soll. Man wird also begreifen, daß die Molochverehrer ausgerottet werden mußten mit Stumpf und Stiel, wie eine bösartige Ge- Seibiatt derJüdischen Korrespondenz“, ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preükomitee des Vereines „Jeschurun“! Wien, Salztorgasse 2. :! Ä schwulst am menschlichen Körper vom Arzt radikal entfernt werden muß, um den Organismus zu retten. Ist der Arzt, der den Körper von seinem Uebel befreit, etwa inhuman? Ist er nicht der Retter des Menschen? Die vertierte Brut mußte ausgerottet werden, um den Monotheismus zu erhalten. Verdienen etwa solche Lebewesen, die ihre Leibesfrucht dem qualvollstem Tode aussetzen, die Bezeichnung Mensch? Hätte mau diese Gebreste am Bolkskörper fortwuchern lassen sollen? Waren sie nicht eine Verhöhnung des höchsten Wesens, das die Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen und alle Völker der Erde als Sein, seiner Liebe und Fürsorge teilhaftig bezeichnet hat? Deren Fortbestand wäre die schwerste Gefahr für das Menschengeschlecht gewesen. Haben die sogenannten Kulturvölker, die ihre schmachgeborenen Kinder in die Wüste schickten, um sie dort als Fraß den wilden Tieren auszusetze», oder in den Tiber warfen, nicht das gleiche Schicksal verdient wie die Molochanbeter? Hätten nicht alle jene, die, in ihre Togen gehüllt, sich an den Martern der unglücklichen Sklaven bei den Stiergefechten in der Arena ergötzten, das gleiche Los, ausgerottet zu werden, verdient? Und diese unsittlichen, blutdürstigen Völker wurden unserer Jugend als Kulturvölker vorgeführt, während die reine, wahre Kulturarbeit des Judentums verschwiegen wird. Die Geschichte des Jsraelitenvolks wird mit einigen Seiten abgetan — jenes Volkes, das die am Sinai verkündete Lehre verbreitete und das Licht der Freiheit und Gleichheit in die finstere Welt trug, während die Kultur der Griechen und Römer mit ihren Göttern und Sklaven breitgetreten wird. Mit den panischen Kriegen und den Quark der weitläufigen Göttergesellschaft werden die Köpfe der Schüler vollgestopft und mit Schul- und Hausarbeiten überhäuft, aber die Jdealgestalten der Patriarchen, eines Moses, eines Aron, der weisen Könige werden nur mit einigen Strichen gezeichnet. Ist dies nicht bewußte Fälschung und Irreführung von Geschichtsschreibern und Lehrern betrieben, von Haß und Unduldsamkeit diktiert? Und die Frauen der jüdischen Geschichte! Hat ein anderes Volk ihresgleichen? Sarah, Rebekka, Rahel, Leah Mirjam, Deborah, die edle Berurja, welche Völker können sich solcher Lichtgestalten rühmen. Wir sehen also, wie der Haß schon in der Schule beginnt. Und all die wahren Helden der jüdischen Geschichte, die Geschlechter der Tanaiten und Amoräer, die Heroen des rabbinischen Zeitalters — sie sind kein Stoff für die Jugend. An die jüdischen Heimkehrer und Handwerker. Handwerker, Heimkehrer und deren Frauen, welche sich für Hausbesorger und Portiere eignen, werden hiemit in eigenem Interesse aufgefordert, ihre Adressen sofort dem Verein der jüdischen Portiere und Hausbesorger bekanntzugeben, der in der Lage ist, baldigst Stellen zu vermitteln. Vormerkungen täglich von 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends. — Vereinskanzlei: Unentgeltliche Stellenvermittlung, I., Seitenftettengasse 4.

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