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Jüdische Korrespondenz · 1918-12-19 · 38 (19.12.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
38 (19.12.1918)
Date
1918-12-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 38 denunziert. Diese Beschuldigung bringen bezeichnenderweise dieselben Quellen, die noch vor kurzem die Inden als die Hauptträger der kapitalistischen Answüchse bezeichneten. Dieser Widerspruch an sich zeigt schon die Uuhaltbnrkcit dieser Beliauptuugen. lieber das ivabrc Verhältnis der Inden zum Bolschewismus mögen folgende Tatsachen aufkläreu. Mau kann ohne jegliche Uebertreibnng sagen, daß die Judenheit als solche in ihrer übcnoältigeirden Mehrheit dem Bolschewismus durchaus ablehnend gegenüber steht. Dies äußert sich schon darin, daß, abgesehen von allen bürgerlich-jüdischen Parteien Rußlands, wie Zionisten, Orthodoxe und Vvlkspartei, deren Stellung zum Bolschewismus Murgemäß schärfster Opposition ist, selbst die sozialistischen Parteien sich im Kampfe gegen die Bolschewiki befinden. Sogar die linksstehenden unter ihnen, die Jüdische sozialistische Arbeiterpartei „Poale Zion", anerkennt zwar die Somjetregierung, hat aber gegen den roten Terror auf ihrer letzten Konferenz schärfsten Protest erhoben. Die anderen, tvie die „Bundistcn" und vereinigten jüdischen Sozialisten dagegen lehnen die Svmjetregiernng ab und werden von dieser daher gerade so wie die bürgerlichen Judenparteieil verfolgt. Dementsprechend ist auch fast die gesamte jüdische Presse von den Bolschewik! unterdrückt worden und noch immer nicht freigegeben. Aber nicht nur die jüdischen Parteien, die fast die Gesamtheit der russischen Judenheit repräsentieren, sind an der Sowjetregierung nicht beteiligt, auch Juden als Einzelpersonen spielen bei der Sowjetregierung nicht die Rolle, die allgemein angenommen wird, obgleich es selbstverständlich ist, daß es bei den Inden, wie bei allen anderen Völkern Männer aller politischen Ueberzeugungen gibt. Der Anteil der Juden unter den führenden Mitgliedern der russischen Sowjetregierung ist viel geringer, als ihre Beteiligung etwa an den jetzt in Deutschland oder in Ungarn regierenden Parteien oder bei den vielen russischen Parteien stehen, wie z. B. bei den Menschewiki oder den Kadetten, die doch bekanntlich alle im schärfsten Gegensatz zu den Bolschewiki stehen. Das absterbende jüdische Saloniki. (Schlich.) Mit zwei Worten läßt sich der Unterschied der Verhältnisse der Saloniker Juden gegenüber anderen Juden kennzeichnen: Gesund und einfach. Das jüdische Leben geht dort einen so normalen Gang, ist so in seiner Gemeinde eingewurzelt, wie das deutsche Leben in Deutschland, das englische in England. Am deutlichsten und überraschendsten tritt dies auf dem wirtschaftlich-sozialen Gebiete zutage. Während man in anderen Großstädten mit starker jüdischer Bevölkerung bei den Juden nur eine wirtschaftliche Klasse kennt — die Handelsklasse —, sind die Juden Salonikis in allen Berufsarten vertreten. Es gibt zwar Berufe, in denen die jüdische Bevölkerung sich ausschließlich betätigt, aber gerade diese erfordern große Kraftanstrengung. So sind die Chamalen (jüdische Lastträger im Hafen von Saloniki) durch ihre fast unglaublichen Kraftlcistungen im ganzen Orient bekannt. Auch die meisten Fischerschiffe sind in jüdischen Händen. Die Holzsattel- und Karrenverfertiger sind zumeist Juden. Ebenso das Straßenbahnpersonal und die Führer der Motorboote. An den übrigen Beschäftigungen nehmen die Juden den größten Anteil. Die Industrie ist in Saloniki schwach entwickelt, dennoch ist es charakteristisch, daß in der einzigen Manufakturensabrik und in den Lagern der Ottomanischen Tabakregie „Monopol" lausende jüdische Mädchen beschäftigt waren. Ueber dieser proletarischen Unterschicht steht die Handelswelt von Saloniki mst^all ihren Aemtern, vom einfachen Handelskommissionür bis zum Großkaufmann. Wie sich in dieser Stadt ein richtiger Handwerker- und Arbeiterstand entwickelt hat, so existiert dort auch eine echte Handelsaristokratie. Namen wie Errera Modjano Allatini, in dessen Billa der gewesene Sultan Abdul Hamid gefangen saß, haben in der mittelmeerländischen Handelswelt einen ebenso großen Klang wie in Deutschland die bekanntesten Bremer und Hamburger Firmen. Eine äußerst interessante Erscheinung ist die, daß die Inden Salonikis, ungeachtet ihrer freiheitlichen Entwicklung und der besonderen Eigenschaften der Hafenstadt ein moralisches Leben von solcher Reinheit führen, wie man es nirgends in der Welt antreffen wird. In der 'Stadt befindet sich, wie in jedem mittelländischen Hafen, ein sogenanntes „Bara", ein Fremdenviertel, das aber ausschließlich von Fremden und Matrosen bewohnt wird. Ein Jude, der in diesem Fremdenquartier angetroffen wird, verliert in der Stadt seinen Ruf als ordentliches Mitglied der Judengemeinde. Auch das Familienleben, die Beziehungen der Eltern zu den Kindern sind musterhaft zu nennen. Laut altjüdischer Anschauung werden die Kinder für einen Segen Gottes erachtet und tatsächlich herrscht dort eine biblische Fruchtbarkeit. Daß Saloniki nicht mehr lange in seinem früheren Zustande bleiben würde, war vorauszusehen. Der Europäismus, der im Sturmschritt in die nahen Ostländer eingedrungen war, machte natürlich nicht Halt vor der jüdischen Tradition. Wenn das ältere Geschlecht noch vor fünf Jahren altspanische Kleidung trug, so hat sich das junge Geschlecht schon längst nach Pariser und Wiener Mode gekleidet. Hand in Hand mit dieser äußerlichen Assimilation geht die geistige, die besonders die „Alliance Jsraelite" durch ihre Schulen auszubrciten sich bemüht, und die dem jungen jüdischen Geschlecht europäische, hauptsächlich französische Gesittung einimpft. Unter dem Einfluß dieser verderblichen Assimilation hat sich auch in letzter Zeit ein Geist in die sephardische Jugend eingeschlichen, der große Aehnlichkeit mit dem amerikanischen Ideal „Money at all“ zeigt. Gleichzeitig machen sich die Schattenseiten des sephardischen Juden bemerkbar: seine Neigung zur Absonderung von der jüdischen Allgemeinheit, zu der er nur sehr schwache Beziehungen hat. Gerade vor Ausbruch des Krieges versuchte ein Teil der Saloniker Jugend, sich in Palästina niederzulassen, um sich dort mit dem übrigen Judentum zu vereinigen. Einen fraßen Anteil an dieser Bewegung hat der nlssverein der deutschen Juden genommen, der durch Erteilung von hebräischem Unterricht den Gedanken au ein Selbstbestimmungsrecht der Juden erweckte. Hier liegen nun neue Möglichkeiten zur Arbeit nach dem Kriege vor. Das alte Saloniki ist fast gänzlich verschwunden. Aber das Saloniker Judentum, welches jetzt so schreckliche Zeiten durchlebt, müssen wir mit dem Gesamtjudentum zu vereinigen suchen auf dem Boden des heiligen Landes. „Damit gesammelt werden die zerstreuten Kinder Israels aus allen Enden der Welt." Rundschau. (Trauerandachten.) Sonntag, den 22. Dezember, finden in sämtlichen Wiener Tempeln, Synagogen und Bethäusern Trauerandachte» für die Opfer des Pogroms in Lemberg statt. (Die jüdischen Flüchtlinge in Böhmen und Mähren.) Nach vielfachen Bemühungen ist es endlich gelungen, die tschechische Regierung in Prag dazu zu bewegen, den Befehl, daß die galizischen Flüchtlinge spätestens am 15. Dezember das Land verlassen müssen, zurückzuziehen. Sie können vorläufig bis zum Eintreten geordneter Verhältnisse in Böhmen bleiben. Hingegen müssen die in Prag weilenden Flüchtlinge die Stadt verlassen und nach der Provinz übersiedeln. Die Unterstützung wird auf Rechnung der ostgalizischen Regierung weiter ausgefolgt. (JüdischcFlüchtlinge in Budapest.) In Budapest sind in letzter Zeit etwa 50.000 Flüchtlinge aus den von den Slowaken und Rumänen besetzten Gebieten eingetrvffen. Die Hälfte derselben sind Juden. (Rumänische Pogroms.) Aus den ungarischen, von den Rumänen besetzten Gebieten langen fortgesetzt Nachrichten über Pogroms ein. Die Rumänen haben nichts gelernt und nichts vergessen. (Verhaftung zionistischer Führer in Lemberg.) Aus Lemberg wird gemeldet: Die zionistischen Führer Dr. Reich, Dr. Ringel, Dr. Hausmann und Redakteur Tennenblatt wurden von den Polen in Lemberg verhaftet und nach Przemysl überführt. Von polnischer Seite wird diese Maßnahme damit begründet, daß die Ukrainer bei ihrem Abzüge aus Lemberg mehrere polnische Geiseln mitgenommen haben; die Polen revanchierten sich, indem sie einige Ukrainer und Zionisten ,?) als Geiseln aushoben. (Sabotage der Naturalisation in Rumänien.) Aus Jassy wird der „J.P.Z." geschrieben: Die rumänische Regierung setzt den Juden bei der Naturalisation dauernd Hindernisse entgegen. In die Mittelschulen Bukarests werden die jüdischen Kinder auch dort, wo noch Plätze frei sind, nicht ausgenommen. (Kurt Eisner — der „Jude".) Wir lesen im „Berliner Lokalanzeiger" unter dem 20. November: Die Beerdigung der Mutter des bayerischen Ministerpräsidenten Eisner fand kürzlich auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Weißensee statt. Eisner, der in diesen Tagen in Berlin weilt, nahm an der Beisetzung seiner Mutter teil. Die (Fortsetzung auf Seite 6.)

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