Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 38 (19.12.1918)
- Date
- 1918-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 fiel. Junge, unverantwortliche Elemente liefen dann zum Kaufmann Richter, in dessen Geschäft sie einbrachen. In kurzer Zeit wurde das ganze Geschäft ausgeraubt. Am Samstag ist es, wie das Blatt „Czech" meldet, in Podiebrad und Nimburg zu Plünderungen jüdischer Kaufläden gekommen. Die rumänischen Judenverfolgungen in Siebenbürgen. Ein soeben „uns Ungarn nach Zürich angekommener Rabbiner teilt der „I. P. Z." folgendes über die Lage in Siebenbürgen mit: In allen Teilen Siebenbürgens, ebenso wie in den von Rumänen bewohnten Grenzbezirken wüten seit Ausbruch der Revolution ununterbrochen schlimme Judenausschreitungen. In mehreren Städten, so besonders in Bistritz, Dees, Gyulafehervar, Maros-Ludas, Balazsfalva, Segesvar, Karansebes, Deva, wurden zahlreiche Juden ermordet, die Synagogen demoliert, Thorarollen vernichtet, Frauen und Mädchen geschändet. Die allermeisten der Juden in Siebenbürgen wurden ihrer Habe beraubt. Die Lage verschlimmerte sich noch womöglich nach dem Einzuge der regulären rumänischen Truppen. Der Berkehr selbst von einer Stadt nach der anderen ist so gut wie eingestellt, so daß Kundgebungen, Proteste und Klagen seitens der bedrängten Juden nur schwer an die große Oeffentlichkeit gelangen können. Was wir wissen, ist, daß in Klausenburg sich ein jüdischer Nationalrat unter Vorsitz des Rabbiners Glaser bildete. Andererseits verlautet, daß die Rumänen den jüdischen Nationalrat gewaltsam aufgelöst hätten. Eine führende rumänische Persönlichkeit i» Großwardein erklärte einer jüdischen Abordnung, daß die Rumänen in Siebenbürgen überhaupt keine Juden dulden werden. Die Zahl der allein nach Budapest geflüchteten Juden aus Siebenbürgen beträgt annähernd 40.000. Unter den Juden Budapests wurde eine rasche Hilfsaktion eingeleitet, die innerhalb drei Tagen über eine halbe Million ausbrachte. Das Kopenhagener Zionistische Bureau berichtet: Aus Budapest meldet das „Neue Wiener Journal": Die in Siebenbürgen eingerückten rumänischen Truppen haben in Borgo-Pund einen Pogrom veranstaltet. Sie überfielen gemeinsam mit der Bevölkerung die Häuser und Geschäfte der Juden und raubten über 150 jüdische Familien vollkommen aus. Die Orthodoxie und „Iischub-Lrez- Ijsroel". Das Schweizerische Zentralbureau der „Agudas Jisroel" hat an die Leitung der zionistischen Organisation in Kopenhagen am 15. November 1918 folgendes Schreiben gerichtet: > „Da jetzt die Stunde herannaht, in welcher die Interessen der Gesamtjudeuheit bei der Neuordnung der staatlichen Verhältnisse ein möglichst geschlossenes Vorgehen aller jüdischen Organisations- und Parteileitungen nach außen als Pflicht und Notwendigkeit erscheinen lasten, erachten wir, die wir zur Zeit vom Zentralkomitee der Agudas Jisroel-Organisation, mit Rücksicht auf unseren Sitz im neutralen Lande, beauftragt wurden, die Führung der Geschäfte zu übernehmendes für angebracht, mit diesen Zeilen an Sie heranzutreteu. Als Organisation, welche die großen Massen der thoratreuen Jehudim und damit die weitaus große Majorität des jüdischen Volkes vertritt, würden wir es mit großer Freude begrüßen, »venu, bei Wahrung unserer Prinzipien, eine Verständigung zwischen Ihnen und uns herbeigesührt werden könnte. Es würde dann sicherlich der Anschluß aller anderen, kleineren Verbände auch leicht zu erzielen sein und dadurch ein gemeinsames Vorgehen nach außen sich ermöglichen, durch welches die durch die Zersplitterung den höchsten jüdischen Bolksinteressen drohenden Gefahren vermieden würden. Wir verkennen kcinestvegs die große politische Bedeutung, welche die zionistische Aktion für die Judenheit gehabt hat und die großen Erfolge, auf die zu hoffen deren Initiatoren ein Recht haben. Wir zweifeln aber auch keinen Augenblick, daß die zionistische Leitung sich bewußt ist, wie sehr die erste Lebensbedingung für ihre politische Tätigkeit in der Tatsache liegt, daß die Judenheit in den Jahrtausenden der Zerstreuung sich vor Untergang geschützt hat, und daß ihr diese Lebenserhaltung nur durch die von ihren Massen betätigte Thoratreue ermöglicht wurde; daß sie sich auch bewußt ist, welche Stellung die thoratrcue Judenheit bei der Lösung aller Fragen der Gesamtjudeuheit beanspruchen darf und muß. Soweit diese Fragen die Interessen der Juden in der Diaspora betreffen, bieten sich einer gemeinsamen Tätigkeit aller Verbände und Organisationen für deren bestmögliche Lösung wohl kaum Schwierigkeiten. Sind wir ja in den Jahrtausenden der Zerstreuung und der Leiden stets, wo immer Druck und Gefahr drohte, einer für den anderen cingetreten ohne Rücksicht auf persönliches Bekenntnis und eigene Anschauung. Anders aber stellt sich das Problem einer gemeinsamen, geschlossenen Tätigkeit für den und auf dem jüdisch-heimatlichen Boden, der in irgend einer Form zu neuer Blüte der jüdischen Gesamtheit gegeben werden soll. Wir thoratreuen Juden sind in der beglückenden Lage, unsere überaus innige, heiße Liebe zum heiligen Lande nicht erst beweisen und bekräftigen zu müssen. Wir haben diese Idee durch die Jahrtausende getragen und gerettet. Wir sind aber überzeugt, daß die Rettung dieser hehren Idee einzig und allein der Treue der Thora zu verdanken ist, und daß auch ihre Verwirklichung, ihr Ausbau zu dauerndem, gedeihlichem Bestände nur auf dem Boden dieser Thora und dieser Treue zu ihr möglich ist. Diese Treue müssen und werden wir, müssen und werden die großen Masten unseres Volkes immer und überall, jetzt und zu jeder Zeit manifestieren und das erst recht und mit aller Eindringlichkeit, wo es sich um unser heiliges Land und seine Neubesiedelung handelt. So sehr uns daher die letztere in der bestmöglichen Form zu verwirklichen am Herzen liegt, so sehr wir überzeugt sind, daß ein gemeinsames Vorgehen aller diese Verwirklichung erleichtern wird, können wir unsererseits einem solchen nur beitreten, wenn wir die Sicherheit haben, daß bei dem Neuaufbau des heiligen Landes für unser Volk der Thora, ihrem schriftlichen und mündlichen Gesetze, der ihr gebührende Platz eingeräumt wird. Wenn es sich auch nicht um die Lebensführung des einzelnen in seinem privaten Tun und Lassen handeln kann, so muß aber unsere Forderung dahin gehen, daß das öffentliche Lebe» im lieiligen Lande, daß alle seine Einrichtungen aus dem Gebiete der Landwirtschaft, Produktion, der Erzielmng und des Verkehrs sich streng aus den Boden der Thora und ihrer Gesetze stellen und aus ihm bewegen müssen. Wir hoffen, daß auch Sie, die Führer der großen zionistischen Bewegung, den Ernst der Stunde erkennen, der fordert, daß alle, denen das heilige Land Ziel ihres Strebeus, Erfüllung ihrer Hoffnungen bedeutet, gemeinsam dafür arbeiten und eintreten, daß auch Sie die notwendige Voraussetzung, die mir für einen dafür herbeizuführcnden Zusammenfchlutz*unsercrseits festlegen müssen, erkennen und anerkennen werden. Wir sind überzeugt, daß Sie das Beste für unser ganzes Volk wollen und erstreben und daß Sie dieses hohe Wollen auch uns zubilligen werden. Im Sinne unserer vorstehenden Ausführungen richten wir daher an Sie die Anfrage: „Ist die zionistische Leitung imstande und bereit, uns und damit den t h o r a t r e u e n Massen, die wir vertreten, die bindende Erklärung abzugeben, daß alle in Palästina zu treffenden öffentlichen Einrichtungen auf dem Boden der Thora, ihrer schriftlichen und mündlichen Gesetze, geschaffen und geführt werden, ü b e r deren Anwendung auch von uns anzuerkennende Autoritäten der Thora zu entscheiden hätten." Wir bitten Sie um gefällige sofortige Empfangsbestätigung und baldmöglichste Beantwortung dieses unseres Schreibens und würden uns freuen, wenn letztere uns Veranlassung gibt, eine persönliche Zusammenkunft zur Beratung und Festlegung aller Einzelheiten in die Wege zu leiten." * * Wir erhalten folgende Zuschrift: Bezugnehmend auf den Artikel der „Jüdischen Korrespondenz" vom 5. Dezember „Die Orthodoxie und ,Zischub-Erez-Jisroel'" möchte ich rnir nur erlauben einiges zu bemerken. Es ist mit Freuden zu begrünen, daß die Orthodoxie endlich daran geht, praktische Arbeit in Palästina leisten zu wollen. Einen zu großen Vorsprung hat man anderen gelassen, doch kann durch die richtige Erlassung der nötigen Arbeiten viel nachgeholt werden. Ein Erfolg ist nur dann möglich, wenn tatkräftige, arbeitsfrcudige, junge Menschen hinausgehen werden, nicht, wie bis nun. nur um dort zu sterben, sondern um dort zu leben und dort zu arbeiten. Daß die Orthodoxie nicht nnt den modernen Zionisten und Jüdisch-Nationalen gehen kann, ist für jeden Kenner und Anhänger unserer religiösen Satzungen klar; aber bei guter Führung kann sie parallel nebenher gehen und das angestiebte Ziel erreichen. Verhängnisvoll aber wäre es, entgegengesetzt und ohne sich mit den Zionisten zu verständigen, Vorgehen zu wollen. Troppau, 9. Dezember 1918. Ernestine Spiegel. Juden und Bolschewik!. Der russische Korrespondent der I. P. Z. schreibt: In letzter Zeit fängt die antisemitische Hetze gegen die Juden in einer neuen, bisher ungekannten Form an, aufzutreten, indem sie die Juden als Träger des Bolschewismus