Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 38 (19.12.1918)
- Date
- 1918-12-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisehe Korrespondenz. Nr. 38 Intensität und reiche Geldmittel. Wer die Entwicklung der Presse bei den anderen jüdischen Gruppen verfolgt hat, der weiß, was auf diesem Gebiete geleistet werden mußte, bis das heutige Resultat erreicht werden konnte. Wie wurde da jedem Gesinnungsgenossen eingeschürft, die Parteiblatter zu abonnieren, zu lesen und zu verbreiten, für sie Leser und Bezieher zu werben. Wie beteiligten sich all diejenigen, die etwas zu sagen hatten, an der öffentlichen Diskussion, und wie wurde die Förderung der Parteipresse als das höchste Gebot ausgefaßt und propagiert. Wie wurde daraus Gewicht gelegt, daß auch Andersgesinnte, selbst Gegner, die Parteiblätter lesen und dadurch beeinflußt werden sollten. Diese Propaganda erforderte sicherlich viel Arbeit und finanzielle Mittel — aber es ist erreicht worden. Im Anfänge ging es wahrlich nicht leicht, und die Parteipresse stand nicht immer aus dem entsprechenden Niveau, sowohl inhaltlich als hinsichtlich ihrer Verbreitung. Die lebhafte Mitarbeit der Gesinnungsgenossen brachte aber im Laufe der Zeit Abhilfe. Dasselbe müßte sich auch die glaubenstreue Judenschaft angelegen sein lassen, wie nicht minder die Schaffung einer populären Broschürenliteratur, die zu allen Erscheinungen des Lebens vom Gesichtspunkte der Orthodoxie Stellung nehmen sollte. Wer die Verhältnisse im Lager der Orthodoxie kennt, der tveiß, daß diese nie mit Geldmitteln geizte, wo es galt, etwas Gutes und Nützliches zu tun. Sie muß es sich aber gesagt sein lassen, daß auch die politische Aktion, der politische Aktivismus, die Propaganda in Wort und Schrift ebenso wichtig, unter Umständen noch wichtiger sind, als gar manche charatitive und religiöse Aktion, weil fruchtbringender und zur Erhaltung des unverfälschten Judentums beitragend. Es stehen zurzeit wichtige Lebensfragen des Judentums und der Orthodoxie zur Diskussion. Die glaubenstreue Judenheit darf nicht länger im Hintergründe bleiben, sondern sich entsprechende Geltung verschaffen. Sie muß politisch-aktiv auftreten — wenn sie nicht ganz ausgeschaltet bleiben will. Jehudi-Chorcd. Glossen von -der Woche. Die Wiener christlichsoziale Partei hielt am letzten Sonntag ihren vierten Parteitag ab, der die Wahlkampagne zur Deutschösterreichischen Nationalversammlung einleitete. Staatssekretär des Inneren Dr. Mataja erklärte unter anderem: „Deutschösterreich sei ein zusammengebrochener, niedergctretener kleiner Staat, dessen Volkskraft rettungslos verloren sei, wenn der Friede im Innern nicht aufrechterhatten werden könne. Auch auf politischem Gebiete müsse eine gewisse Zusammenarbeit erzielt werden. Das sei möglich, wenn Gewissens- und Meinungsfreiheit gegenseitig gewährt und gewährleistet würden. Es gelte den wirtschaftlichen, finanziellen, sozialen und politischen Ausbau des neuen Staates. Es dürfe aber keine Diktatur einer Klasse oder einer Partei geben." Diese Worte könnte jeder Bürger unterschreiben, nur müßte nian fordern, daß die Herren auch ihre eigenen Parteigenossen, zumindest die führenden, sowie die Parteipresse, dazu verhalten, daß sie sich danach richten. Dem ist aber nicht so. Der nächste Redner, Landesrat Kunschak, ließ es sich nicht nehmen, eine antisemitische Hetzrede vom Stapel zu lassen, die an Begeifermig der Juden nichts zu wünschen übrig ließ. Auch die „Reichspost" läßt kaum einen Tag vorübergehcn, ohne den Juden eins am Zeug zu flicken. Die Katze kann eben das Mausen nicht lassen. * In einer soeben erschienenen Schrift „Statistische Streiflichter zur österreichischen Hochschulfreguenz" von Hugo Freiherrn v. Haan finden wir auch einige Daten über den Anteil der Juden au den Hochschulstudien in Oesterreich. Aus dem Kapitel über die Konfession der Hochschüler geht hervor, daß „während unter der Bevölkerung nur 46Proz. Israeliten sind, die analoge Prozentzahl der israelitischen Hochichüler 16'22 beträgt. Während auf 10.000 Katholiken 1708 Hochschüler entfallen, finden sich unter 10.000 Israeliten öl'49 Hochschüler. Im Detail zeigt sich dann, daß diese die Bevölkerungsqnote so weit übertreffende Frequenz der Israeliten sich insbesondere im Rechlsstudium (aber auch bei der Medizin) geltend macht". Ein Rezensent des Buches in der „Wiener Zeitung" bemerkt hiezu: „Es ist also in der unverhältnismäßig starken Teilnahine der Israeliten eine der spezifisch österreichischen Wurzeln der Ueberfrequcnz österreichischer Hochschule» bloßgelegt, auf die ebenso oft als erfreuliche wie als unerfreuliche Tatsache hingewiesen wird." Wir unserseits haben wiederholt hervorgehoben, daß wir die Ueberfrequenz der Juden auch vom jüdischen Standpunkt als keine erfreuliche Erscheinung qualifizieren, und zwar sowohl aus sozialen als auch aus politischen und religiösen Gründen. Leider hat das bisherige Leben dazu geführt. Eine Gesundung auf diesem Gebiete dürfte nur mit Freude begrüßt werden. * Nach dem furchtbaren Pogrom in Lemberg find die Entente-Regierungen jüdischerseits mit Hilferufen überschüttet worden. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß man sich diesbezüglich keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben darf. Nunmehr liegt die erste Bestätigung dieser pessimistischen Annahme vor. Eine Meldung aus Paris besagt, Minister des Aeußern Pichon erklärte einer jüdischen Deputation gegenüber, die Nachrichten über die Ereignisse in Lemberg widersprechen einander und lassen sich vorläufig nicht näher kontrollieren, soweit er aber beurteilen kann, wurden die Ereignisse durch drei Umstände verursacht: 1. den Abmarsch der österreichischdeutschen Truppen, die im Lande ein Chaos zurückließen; 2. die polnisch-ukrainischen Kämpfe, die die Aufrechterhaltung der Ordnung erschwerten, sowie 3. das Auftreten bolschewistischer (?) Strömungen, welche eine strenge Abwehr nötig machten — mit einem Worte, der leitende französische Staatsmann machte sich die lächerlichen polnischen Ausreden zu eigen. .. . Was bleibt da noch von der Entente zu hoffen übrig?! — Gerade dieser Tage kam die Meldung aus Paris, die Polen seien als Verbündete der Entente anerkannt worden. Sollte sich diese Nachricht bestätigen, dann müßte man die Hoffnungen auf die Entente noch mehr herabstimmen. Freilich, Vertrauensselige versprechen sich noch manches von Wilson. Aber auch da muß man sich vor jeder Selbsttäuschung hüten. Die wiederholten Meldungen, Brandeis werde Wilson nach Europa begleiten, haben keine Bestätigung gefunden, hingegen befindet sich Paderewski unter den Begleitern Wilsons, derselbe Paderewski, dessen antisemitische Gesinnung hinlänglich bekannt ist. Deswegen, nur keine Vertrauensseligkeit!. . . * Der jüdische Nationalrat in Lemberg hat am 7. Dezember der polnischen und ukrainischen Regierung seine Konstituierung notifiziert. Der Nationalrat umfaßt Vertreter folgender Gruppen: Zionisten, jüdische Sozialisten, Paole-Zion und Misrachisten. Die eigentliche Orthodoxie, die zumindest 80 Proz. der galizischen Judenschaft bildet, ist nicht vertreten, ebensowenig wie die Assimilantengruppe. Nichtsdestoweniger heißt es in der Notifikationsschrift u. a.: „Der provisorische jüdische Natioualrat stellt fest, daß im Sinne des Selbstbestimmnngsrechtes der Völker bloß er allein (?) zur Vertretung der Interessen des jüdischen Volkes berechtigt ist." — Das heißt wirkliche Demokratie! * Ein noch schöneres Stückchen haben sich die Kollegen der Lemberger Herren in Krakau erlaubt. Mit großem Pomp wurde dort eine Versammlung der Orthodoxie einberufen. Als Redner traten auf: Der Fortschrittsrabbiner Dr. Thon, welcher mit der Orthodoxie soviel gemein hat, daß er seine Jugend im Beth-Hamidrasch verbrachte, seither aber die Orthodoxie als „klerikal" bekämpfte, sowie Aokwkat Dr. Feldblum, der kaum eine Ahnung vom religiösem Judentum hat, und seinerzeit als Führer des Poale-Zion bei jeder Gelegenheit gegen die „Reaktionären" wetterte (so drohte er gelegentlich der Reichsratswahlen vom Jahre 1907 für den antizionistischen Kandidaten einzutreten, falls die Krakauer Zionisten es wagen sollten, die Kandidatur des damaligen „Misrachi"-Führers, Rabbiner Schmelkes aus Przemysl, in Krakau aufzustellen >. Nach den Reden dieser beiden Leuchten der Orthodoxie wurde eine entsprechend gehaltene Resolution „unter großer Begeisterung" angenommen und die Parteipresse weiß davon zu melden, daß die Krakauer Orthodoxie sich der zionistischen Partei angeschlosfen habe. ... So wird es gemacht. . . . _ Hamabit. Pogrome und kein Ende. Weitere Exzesse in Galizien. Aus Krakau wird gemeldet: Hier einlangenden Nachrichten zufolge soll es in Wi^nicz bei Bochnia sowie in Sedziszow zu Ausschreitungen gegen die Juden gekommen sein. Judenplünderungen in Böhmen. Wie „Pravo Lidu" meldet, ist es Sonntag in Protiwin zu Plünderungen gekommen. Einige Geschäftsleute wurden verdächtigt, Warenvorräte versteckt zu halten. Daraufhin wurde bei einem Kaufmann eine Revision vorgenommen und mit ihm vereinbart, daß er einen Ausverkauf feiner Waren veranstalte. Inzwischen hatte sich vor dem Geschäftshause eine größere Menschenmenge angesammelt, als der plötzlich der Ruf: „Los auf die Juden!"