Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 38 (19.12.1918)
- Date
- 1918-12-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K12, halbjährig K 6, vierteljährig K 3. Einzelnummer 30 Heller. W ochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 38 Wien, 19. Dezember 1918. IV. Jahrgang. Dringend ersuche« wir alle unsere sehr geehrten Abonnenten, deren Abonnement mit dem Jahres schlich ab läuft, «m die umgehende Erneuerung desselben, zu welchem Amecke der heutige» Mummer^oKanweisnngenveigekegt sind. Denkweise ist es, die sich bei jeder Gelegenheit nachteilig bemerkbar macht und welche die Orthodoxie dazu verurteilt, bei jeder wichtigen Gelegenheit erst im Hintertreffen auszumarschieren. Daß diese apolitische Denkweise den Interessen der Gesamtjudenheit im allgemeinen und der Orthodoxie besonders abträglich ist, braucht nicht erst speziell betont zu werden. Die Folgen sind jedem, der klar sehen will, ohne viel Anstrengung ersichtlich. Verhältnismäßig kleine Gruppen haben die Möglichkeit, als die Wort- ZT ie Administration. Oie Politisierung der glaubenstreuen Iudenschaft. L Wer das jüdische öffentliche Leben mit einiger Ausmerksamkeit verfolgt, muß die Wahrnehmung machen, daß die glaubenstreue Judenschaft keineswegs in dem Maße sich ■aa.flirf-Haffen versteht, das derselbe M-MhÄkiAKgeistiM, Wch zukommt. Sobald irgend eine aktuelle Frage auf die Tagesordnung gelangt, erfolgt der Aufmarsch der jüdischen Gruppen in der Reihenfolge, daß sich zunächst die radikalextremen Richtungen derselben bemächtigen und mit aller Energie darauf losgehen, daraus für ihre einseitigen Parteiinteressen Kapital zu schlagen. In zweiter Linie erfolgt das Auftreten der sogenannten liberalen Judenschast, insofern diese es für geboten erachtet, direkt einzugreifen. Erst in letzter Reihe gibt die Orthodoxie von sich ein Lebenszeichen. Das rasche Zugreifen der radikalen Elemente ist nur zu begreiflich. Diese verfügen ja über stramme Organisationen, über einen beträchtlichen Blätterwald und über einen prompt funktionierenden Agitationsstab. Auch der liberalen Judenheit fehlt es nicht an geeigneten Organen, um vor die Oeffentlichkeit treten zu können. Die Kultusgemeinden gelten ja bis auf weiteres als ihre Domäne, und auch eine Reihe großer Vereine und Organisationen, wie nicht minder einige Blätter, stehen zu ihrer Verfügung. Die Orthodoxie entbehrt aller dieser Hilfsmittel, zumindest besitzt sie solche nicht im wünschenswerten Ausmaß. Sicherlich steht die glaubenstreue Judenschaft nicht ganz isoliert da. Die große Anzahl orthodoxer Vereine sowie manche großzügig geleiteten Institutionen könnten derselben ohne weiteres den Punkt schaffen, von dem aus sie vor die Oeffentlichkeit treten könnte. In letzter Zeit steht derselben auch ein Organ zur Verfügung. Wer die glaubenstreue Judenschaft scheint noch immer nicht genug politisch aktiv zu sein, um die Bedeutung eines öffentlichen Auftretens richtig einzuschätze». Diese apolitische führer des Gesamtjudentums auszutreten. In letzterer Zeit durften sie sich sogar den Spaß erlauben, unter verschiedenen Titeln „orthodoxe" Bildungen ins Leben zu rufen, um den Anschein zu erwecken, als sei die glaubenstreue Judenheit mit fliegenden Fahnen und klingenden! Spiel in ihr Lager eingetreten. Die unverfälschte, glaubenstreue Judenheit sieht auch diesen Erscheinungen fast untätig zu. Weder rafft sie sich dazu auf, die eigenen Gesinnungsgenossen um sich zu scharen und jeder Verirrung entgegenzuwirken, noch gebotenen Energie gegen diese Täuschung der öffentlichen Meinung Stellung zu nehmen. Mit einer, nach dieser Richtung nicht immer richtig angebrachteu Bescheidenheit läßt sie alles über sich ergehen und greift erst ein, wenn es schon ziemlich spät und der angerichtete Schaden kaum noch gut zu machen ist. Sicherlich entbehrt die glaubenstreue Judenheit keineswegs einsichtiger Männer, welche die Zeichen und die Forderungen der Zeit verstehen, die es begreifen, daß, wer unter den heutigen Verhältnissen das glaubenstreue Judentum vor Schaden bewahren will, sich keineswegs darauf beschränken darf, „innerhalb der vier Ellen der Halacha" zu bleiben. Aber diese wenigen Männer finden selten Gehör und Mitarbeiter, und gar oft werden die besten Absichten und Versuche illusorisch gemacht und paralysiert. Um jedes Mißverständnis zu vermeiden, sei ausdrücklich betont, daß die Bedeutung dieser „vier Ellen der Halacha" keineswegs unterschätzt werden soll. Sicherlich bilden das Thorastudium und das praktische religiöse Leben die Quintessenz des unverfälschten Judentums, und sicherlich ist die Fürsorge für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse die erste und höchste Aufgabe aller derjenigen, die der alten Fahne treu geblieben sind und dieselbe auch der kommenden Generation in vollster Reinheit und Heiligkeit hinterlassen wollen. Aber sie müßten bedenken, daß der Feind auf der Lauer liegt und sehr oft im eigenen Lager. Wenn von verschiedener Seite der Versuch unternommen wird, in die^wahre „Machne Jisroel" Surrogate einzuschmuggeln; wenn der Jugend vorgespiegelt wird, der moderne Nationalismus sei das beste Mittel, um das Judentum zu erhalten, der beste Ersatz für das alte Judentum, das dem Zeitgeist nicht mehr entspricht; wenn auch der älteren Generation vorgespiegelt wird, die politische Seite der Judeufrage sei wichtiger und höher als die religiöse: dann droht der Glaubenstreue die größte Gefahr, daun könnten die Führer der Orthodoxie eines schönen Tages wie Hirten ohne Herde dastehen. Schon wirkt das schleichende Gift, schon ist ein nicht unansehnlicher Teil der glaubeustreuen Judenheit geneigt, den Nationalismus zu akzeptieren unter dem Schlagwvrt, derselbe führe zum religiösen Judentum, was ja absolut unwahr und im Gegenteil nur dazu geeignet ist, vom Judentum, wie wir es verstehen, wegzuführeu. Was soll dann die Jugend tun, welche sich so vielfachen anziehenden Verlockungen politischer und wirtschaftlicher Natur ausgesctzt sieht, ohne richtigen Wegweiser, ohne richtigen Führer, ohne Halt und Stütze im heutigen Sinne dieses Wortes! Darum ist es dringend geboten, die glaubenstreue Judenschaft bis zu einem gewissen Grade zvp^lilbsieren. Sie muß aufhören, den politischen Tagesfragen gegenüber indifferent zu bleiben. Sie muß es verstehen, daß sie dazu berufen ist, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit ebenso zur Wahrung der allgemein-jüdischen Interessen aufzutreten, wie sie es immer tut, so oft das religiöse Leben bedroht ist. Ter Jude besitzt ja von Natur aus einen lebhaften politischen Instinkt und er liebt es, sich politisch zu betätigen, wenn auch zumeist mittelst weitläufiger Erörterung und Debatten. Der Mangel eines pulsiereiwen politischen Lebens im Lager der Orthodoxie veranlaßt gar manchen glaubeustreuen Juden, sein Interesse anderen Gruppen zuzuwenden. Es entsteht die Fiktion, daß jene es sind, die auf der Wacht der jüdischen Interessen stehen, wogegen die Orthodoxie gleichgültig und deswegen ausgeschaltet bleibt. Sie verliert dadurch an Ansehen, Anhang und Einfluß und könnte eines Tages wirklich völlig zur Seite geschoben werden. Dann aber, wenn die radikalen und rührigen Gruppen die Wortführer des Judentums, die Herren in den Kultusgemeinden und die Machthaber in der jüdischen Gasse sein werden; wenn sie sich darauf berufen werden können, daß auch ein wesentlicher Teil der Orthodoxie ihrem Heerbanne, wenn auch nur politisch, nachläuft: dann wird die glaubenstreue Judenfchaft außerstande sein, auch nur jene Ausgaben reinreligiöser Natur zu erfüllen, worin sie ihre Lebensaufgabe sieht. Die Politisierung der Orthodoxie erfordert sticherlich viel Arbeit und viel Geld. Schon die entsprechend geleitete Aufklärungspropaganda in Wort und Schrift erheischt große Lürgerpnicht ist er, «tat Staate die mittel r»r fübrnng einer regulierten Uermaltnng »m Uerflgnng rn stellen. Rübe «w4 Ordnung Dingen davon ad — darum zeichnet Staatsanleihe.