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Jüdische Korrespondenz · 1918-05-16 · 16-17 (16.5.1918) · page 9

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
16-17 (16.5.1918)
Date
1918-05-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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W-- -K «= Organ des Vereines „Jeschurun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Jesckiirait"-PreSkoinltee! Wien, I., Saiztorgasse 2. Jeschurun Nr. 16/17. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I., Salztorgasse 2. ZUM Schabuothfeste. Während bei allen anderen Festen das Datum genau angegeben wird, heißt es bei diesem Feste, daß wir von dem ersten Sichelschnitt des Getreides fünfzig Tage zählen sollen. Daß die Thora selbst sich nicht klar über den Zeitpunkt ausspricht, an dem sie von Gott den Menschen anvertraut wurde, führt zur Annahme, daß gerade dieser Unklarheit eine ganz besondere Absicht zugrunde liegt. Der Mangel jeder Zeitangabe über die Offenbarung der Thora bestätigt den Gedanken: Die Thora steht höher als die Zeit. Damit ist aber auch gesagt: Die Thora ist der Maßstab für alle Zeit, aber die Zeit nicht der Maßstab für die Thora. Wie sollte auch das Vergängliche, Zeitliche den Gradmesser für das Unvergängliche, Ewige abgeben können. Nicht dazu hat der Himmel die Erde geküßt, damit das Einzige, Hohe, Göttliche sich dem Niveau einer jeden Zeitströmung bequemen und anpassen solle. Göttliche Weisheit und nicht menschliche Schwäche und irdische Kurzsichtigkeit soll auch unserem Erdenwallen Ziel und Richtung geben. Während bei allen anderen Festen bestimmte Zeremonien vorgeschrieben sind, wie das Fasten am Versöhuungstage, der Schosar am Neujahrsfeste, die Succoh am Laubhüttenfeste, das Ungesäuerte am Pessach als Symbole für die einzelnen Feste und deren Bedeutung, ist gerade das Fest der Gesetzgebung frei von jeder Symbolbegleitung, denn göttliche Weisheit, göttliche Wahrheit wirkt allein durch das Wort und kann durch nichts erhöht und verstärkt werden. Im Midrasch finden wir eine schöne Legende, die uns gerade am Wochenfeste ernster beschäftigen sollte: Als Gott Israel die Thora geben wollte, sprach er zu ihnen: Wollet ihr meine Thora hinnehmen? Da erklang ein einstimmiges Ja. Gebt mir Bürgen, daß ihr sie auch stets aufrecht erhalten wollet. Unsere frommen Eltern sollen die Bürgen sein. — Eure Väter genügen nicht' — Dann sollen unsere Nachkommen, unsere Kinder unsere Bürgen sein! Diese Bürgschaft nahm Gott sofort an und gab Israel die Thora. — In diesem Zwiegespräch zwischen Gott und Israel haben unsere Weisen den bedeutsamen Ernst der Bürgschaft veranschaulicht, die sich an den Besitz der Thora knüpft. Nicht bei den Vätern jeder Generation, bei den K i n d e r n ruht die Sicherheit dieser Bürgschaft. Die Frömmigkeit und Hingebung der Väter ist noch keine Garantie für diejenige der Kinder. Gehorchen aber unsere Kinder mit ihrem Denken und Empfinden, mit ihrem Wissen und Wollen dem Willen Gottes, wie ihn seine Thora vorschreibt, dann gehören ihr auch die Eltern. Aber nicht umgekehrt. Deshalb hat Gott die Kinder, aber nicht die Eltern als Bürgen angenommen. Wenn diese Erwägungen zutreffen, welchen «Spiegel halten sie unserer Zeit vor und welcher Ernst spiegelt sich in demselben wider. Wie viele Junge glauben heute, man könne die Thora nicht mehr halten in einer Zeit des Rennens und -Jagens, um die Mittel fürs Lebenzu erschwingen In einer solchen Zeit ist es zu schwer, allwöchentlich den Ruhetag zu heiligen. Viele halten die Feier von Sabbat und Festtagen geradezu für unmöglich, wenn die Feiernden in diesem Kampfe nicht unterliegen wollen. Daß der Mann hinaus muß ins feindliche Leben, war noch in keiner Zeit so wörtlich wahr, wie in der unsrigen. Selbst diejenigen Eltern, die für ihre Person die Gesetze der Thora gewissenhaft erfüllen, qualifizieren sich oft als schlechte Bürgen für gottesheilige Sache, wenn sie dieselbe ihren Kindern verloren gehen lassen. Das Bewußtsein der ernsten Verantwortung, das Erbgut der Gemeinde Jakobs aus Kind und Kindeskinder ungeschmälert zn vererben, läßt heute gerade bei denjenigen Eltern zu wünschen übrig, die für ihre Perion auf dem Boden, des gesetzestreucn Judentums stehen, denen aber die Einsicht, der Weitblick oder oft die Fähigkeit abgeht, auch ihre Kinder auf diesem Boden zu erhalten. Seman matan taurosenu soll daher keine historische Erinnerung bedeuten, sondern auch in unserer Gegenwart als das köstlichste Geschenk betrachtet werden, das wir ererbt, von unseren Vätern besitzen, unseren Kindern geben können. 0. Wie heben wir den religiösen Zinn unserer Mädchen und Frauen \ Aus David Kaufmann: Gesammelte Schriften! (Wir bringen diese Arbeit zum Abdruck, weil auch unserem Programm auf diesem Gebiete das Wort geredet wird.) Das Haus Israels, so sagen in ihrer den Kern ohne Schale offenbarenden Sprache die Alten, das sind die Frauen. Wie der Rabbi des Altertums seine Frau nicht höher zu ehren wußte, als daß er nie anders von ihr denn als von seinem Hause sprach, so waltete im ganzen Judentume zu allen Zeiten die stillschweigende Ueberzeugung, daß auch sein Haus aus der Frau, auf der Mutter ruhe. Eine Lehre, die sich vor allem als Ueberlieferung auffaßt und darstellt, hat in der Frau ihre natürliche Trägerin. Wo der Glaube Erziehung ist, wie im Judentume, dessen heilige Sprache schon bezeichnend das Wort für Glauben und Erziehen aus einer Wurzel ableitet, da ist die Mutter die berufene Priesterin, die geborene Hüterin und Pflegerin des Heiligtums. Ihre Frauen haben auch andere Völker verehrt und verherrlicht, aber in gleicher Weise wie auf die Stammväter blickt aus die Stammmütter Israel allein. Seine Geschichte allein weiß von Seherinnen und Führerinnen des Volkes, von Retterinnen ihrer Zeit, sein Seher allein gedenkt, wenn er von der großen Ausgießung des Gottesgeistes auf Erden in kühnem Gesichte weissagt, der Töchter neben den Söhnen, der Mägde neben den Knechten. Nichts kann daher bei der Beobachtung unserer inneren Zustände für uns schmerzlicher sein als die Wahrnehmung, daß die Säule des Hauses Israel nicht mehr die unzweifelhafte Festigkeit und Tragfähigkeit von ehedem zeigt und daß der Kaltsinn und die Haltlosigkeit in den Reihen unserer Mädchen und Frauen bereits die bedenklichsten Verheerungen anzurichten begonnen hat. Es ist eine neue Sorge, die das Judentum bisher nicht gekannt hat, die um die religiöse Erziehung des weiblichen Geschlechtes. Nichts war selbstverständlicher, nichts, man möchte sagen naturgesetzlicher, nichts weniger einer besonderen Fürsorge und Veranstaltung bedürftig als der gläubige Sinn, die feste, religiöse Führung der jüdischen Frau. Es genügte gleichsam, im Judentume geboren zu sein, um das jüdische Leben, denn hier war der Glaube Leben, als natürliches Erbe, als Mitgabe des Elternhauses in Besitz .zu nehmen. Das Wissen vom Glauben, das war Sache des Unterrichtes der Schule, der Männer Teil und Vorrecht, aber der Glaube war die Atmosphäre des Hauses, die ungesuchtc Frucht der Erziehung, die Wirkung des Beispiels, der stille Segen, der von der Mutter ausging, das Erbe der Frau. Das weibliche Geschlecht bedurfte keiner Befestigung im Glauben, keines besonder» Unterrichts: man rechnete damit so fest und so unbewußt, wie ein gesunder Organismus mit seinen Gliedern. Als daher die neue Zeit mit ihren veränderten Anforderungen und Anschauungen in die Judengasse eindrang, war das weibliche Geschlecht wehrloser ihren Einwirkungen preisgegeben, denn es hatte das Beispiel verloren und den Unterricht nie besessen, die Schule noch nicht gewonnen und des Segens aus dem Hause sich beraubt gesehen. Allein die Erscheinung ist da; es handelt sich darum sie zu heilen, sie zn erklären. Eine Gegend, die ihre Fluren verdorren sieht und plötzlich der labenden Niederschläge des Himmels entbehrt, soll sich nicht damit aufhalten, den Schadenstifter auszumitteln, der ihre Wälder ausgerodet, ihre Rcgenquellen abgegraben hat, sie wird vielmehr für neue Anpflanzungen Sorge tragen und den Rest ihres Waldbestandes^mit erhöhter Pflege sich zuwenden. In der sorge um die Hebung und Pflege des religiösen Sinnes bei unseren Mädchen und Frauen eröffnet sich dem Judentum unserer Zeit ein Arbeitsfeld auf dem noch so gut wie alles zu tun übrig ist, das aber auch dem redlichen Eifer reiche Ernten verheißt. Statt in unfruchtbaren Anklagen gegen die Vergangenheit sich zu ergehen, gilt es vielmehr, durch Schätzung und Förderung des Bestehenden und durch segensreiche Neuschöpfungen unsere Lebenskraft zu betätigen. Mit der Erkenntnis der Aufgabe ist aber auch der Boden gegeben, auf dem wir einzusetzen haben. Es ist eine alte Ueberzeugung in unserer Mitte, daß Religiosität nicht als etwas Fertiges sich mitteilen oder übergeben läßt, sondern als Produkt eines wirklichen Wachstums nur allmählich herangezogen und entwickelt wird. Wie man nach dem Goetheschcn Worte Mehl nicht säen kann, so wäre es Selbsttäuschung, zu wähnen, daß die reife Frucht des Glaubens, seine Nährkraft gleichsam, sich fertig in die Herzen legen lasse. Hier gilt es, Körner aujzustreuen, Saaten groß- ' znziehen auf dem Ackcrfelde aller Erziehung, un Gemüte der Jugend, im Herzen der Kinder. Ohne etwa in verzweifelter Selbst-

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