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Jüdische Korrespondenz · 1918-05-16 · 16-17 (16.5.1918) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
16-17 (16.5.1918)
Date
1918-05-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Nr. 16/17 Jüdische Korrespondenz. Seite 8 Wenn ich vielleicht zufällig eine Zigarre in der Tasche hätte. .. Vielen Dank I Sein Erwerb? Kaum der Rede wert. Seit fünfzig Jahren sei dieser Todesacker für neue Ansiedler geschlossen. Wer jetzt stirbt, werde einen anderen Weg hinausgefahren und auch mit den lebendigen Besuchern sei es nicht mehr weit her. Die meisten besuchten ihre Freunde und Angehörigen aus dem letzten Zeitalter, die alle nicht mehr hier ruhten. tier und da nur. verirre sich hierher so eine chreiberseele oder malender Mensch, der in der Regel den Geldbeutel in der anderen Hose daheim gelassen hätte. . . Allein, was liege daran? Der ihm versprochene Lohn für die Hütung und Wartung dieser alten Gräber sei so unsäglich groß, daß die Welt mit all ihren Freuden ein wahres Nichts dagegen sei.. . Es sei ihm nämlich von der Verwaltung für später ein Grab zugesagt auf dem geweihten Boden, in der Nähe der Heiligen, des Gaon und des Ger Zedek. .. Mehr könne er wahrlich nicht verlangen. Ob ich dort den mächtigen Baum mit den großen, nach unten geneigten Aesten sehe? Da unten werde er ruhen, heute lieber wie nwrgen ... Das Glück sei so groß, daß man fast gar nicht daran glauben möchte und es gar nicht früh genug ergreifen könne. .. So ganz abkömmlich sei er aber noch nicht. Wovor man die Gräber hüten und schützen muß? Naive Frage. Ob ich nicht die großen Kasernen rechts und links sehe, Judenfeinde hie und da und auf allen Seiten, die auch vor Gräbern nicht zurückschrecken. Einmal, damals in der Winternacht... Aber er möchte mich doch lieber jetzt mit der Sache nicht aufhalten, da ich anscheinend keine Zeit chätte. Er fühle jetzt, wie er altere und freue sich förmlich aufs Ende und auf die letzte Ruhestätte ... Schade nur, daß das Gedächtnis gar nicht mehr funktionieren wolle. Noch vor wenigen Jahren konnte er jedes Grab in der Nacht und im Schlafe nennen. Ob ich mir die vier aufstrebenden Aeste auf dem Baume des Ger Zedek angesehen habe? Ein jeder von ihnen habe sein eigenes Gebet. Die dünnen Zweige mit den schütteren Blättern auf der Nordseite betvirken inneren Frieden und Wohlergehen für den Einzelnen und hier schüttet manch schweres Gemüt seine Leiden und Sorgen aus... Der südliche Ast mit seinen ineinander verschlungenen Armen beschützt Familienglück und gibt Hausfrieden und knüpft zerrissene Bande zwischen Gatte und Gattin, Vater und Sohn, Bruder und Bruder. . . Die Zweige im Osten, die sich an den Spitzen leicht berühren, erhalten die Verbindung zwischen Haus und Haus, Familie und Familie, daß nicht Streit und Hader Israels Söhne trennen ... Am blätterreichsten, üppigsten sind aber die westlichen Aeste, die auch den größten, dichtesten Schatten bieten, sic schützen das gesamte Haus Jakobs, Israel in seiner Zerstreuung, daß böse Geschicke und Feindeshand ihm nichts anhaben ... Der Alte schwieg. Ein heftiger Sturm erhob sich und pfiff durch die Zweige, daß dem Wärter der Atem verging und das Wort in der Kehle erstarb. Ein ganzer Platzregen grüner Blätter rieselte zu Boden. Das Antlitz des Greises verfinsterte sich und er horchte atemlos mit erhobenen ängstlichen Blicken. „Bricht ab, bricht ab," schrie er entsetzt aus. Vom westlichen Aste brach ein großer Zweig ab und fiel ächzend zu Boden. „O, weh!" jammerte der Alte, „ein böses, böses Zeichen. Gefahr für das Haus Israels ... Auch damals, kurz vor den Pogromen brach an dieser Stelle der Ast und fiel, wie heute, mir zu Füßen ... Herr der Welt! Barmherziger Vater im Himmel, was steht uns wieder bevor? ..." * * * DaS war genau ein Monat vor Kriegsausbruch, da die Stadt der Lebenden wie der Toten noch im tiefsten Frieden lag. prüfet alles und das Beste behaltet! hiney haßeßow owor. .. hanizonim niru boorez. Der rauhe Winter, unter dessen eisigem Hauche alles erstarrt, ist dem milden Frühling, welcher die Natur zu neuem Leben erweckt, gewichen: nach einer Epoche, in der Israel von' einer totalen Gleichgültigkeit in bezug aus die religiöse Erziehung seiner Jugend im Banne gehalten wurde, ringt sich die Erkenntnis durch, daß die Dingo unmöglich so weiteraehen können, und man beginnt endlich einzusehen, daß der Fortbestand unseres Volkes nur durch eine Erziehung der Jugend im jüdischen Geiste gesichert werden kann. Die religiöse Erziehung wird aber durch den Umstand, daß in der allgemeinen Volksschule am Samstag Unterricht erteilt wird, nicht günstig beeinflußt und deswegen schlägt man vor, es sei anzustreben, den Samstag als allgemein zweiten schulfreien Tag durchzusctzen. Einst sagten — so wird im Talmud erzählt — die Israeliten zum König David: „Unser Herr und König! Dein Volk Israel bedars des Unterhalts!" Er erwiderte ihnen: „Gehet und ernähret euch einer von dem andern!" Jene entgegneten: „Eine Handvoll sättigt den Löwen nicht; die Grube wird von ihrem eigenen Schutts nicht voll!" Aehnlich kann man behaupten, daß, soll in unseren trostlosen Zuständen Wandel geschaffen werden, eS nicht genüge, wenn der Samstag Eerialtag würde; vielmehr ist es eine unerläßliche edingung, daß die Bestrebungen des Religionslehrers durch den Schulbetrieb in allen Belangen Unterstützung finden. Nur dann kann es, wenn auch das Haus seine Pflicht erfüllt, gelingen, die Jugend zur Treue sür das altehrwürdige Banner des Judentums zu erziehen; nur dann wird neues Leben aus den Ruinen blühen. Aböls Fried. Einiges über die Entstehung der Schrift. Von Rabb. Dr. E. Landau (Strakonitz). In der Frage über die Entstehung der Schrift ist dre Wissenschaft über das sichere Ergebnis, daß die Schrift, im Gegensätze zur Sprache, eine Frucht menschlichen Sinnes und Denkens ist, nicht hinausgekommen. Wem von den vielen Bewerbern der Preis für die Buchstabenerfindung gebührt, ist auch heute noch so unentschieden, wie zu den Zeiten des späten Altertums, die auf diese Frage reflektierten. Griechische und römische Schriftsteller suchen die Heimat des Aiphabcths bald in Assyrien, Syrien oder Phönizien oder sprechen die Priorität im Gebrauch der Schrift den Aegyptern zu. Die Juden werden in die Reihe der Bewerber erst durch die Kirchenväter eingesührt und die durch den frommen Eifer sehr begünstigte Hypothese, in den Juden, speziell in Moses, den Erfinder der S chreibkunst zu sehen, fand sowohl im Mittelalter als auch in der neueren Zeit gelehrte und geschickte Verteidiger. Bon den früheren sind zu nennen der Florentiner Piotro Orinito, Jamel-t und Tomafius. Die Ansicht, die den Juden einen Ehrenplatz in der Geschichte der Buchstabenschrift einräumen wollte, war längst in Vergessenheit geraten, als gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts der scharfsinnige Hitzig auf den Platz trat und die Erfindung des Alphabeths demjenigen Volke zuspricht, „welches, soweit geschichtliche Forschung reicht, von demselben auch den frühesten Gebrauch Ö hat". Olshausen glaubt wohl, daß die;r die ersten gewesen sind, die sich der Schriftzeichen bedient, doch räumt er ein, daß das Alphabet den Phöniziern von denHebräern zugeführt worden ist. In denselben Bahnen sich bewegend und zu denselben Resultaten führen, wie die Abhandlung Hitzigs, sind die Ausführungen De Weites und Uhlemans über die Frage. Während »an den älteren, zwei Juden, Saalschütz und Levy. in Babylon den Ursitz des Alphabets sehen, nimmt der strenggläubige Katholik Faulmann in einer jüngst erschienenen Schrift für die Juden Partei, indem er gegen Lenodmants, nach dessen Ansicht die Schrift phönizischen Ursprunges ist, polemisiert und für seine eigene Hypothese mit einer sehr geschickten Argumentation plädiert. Der Frage über den Erfinder der Lettern begegnen wir weder in der Bibel noch im Talmud. Wie nach der ägyptischen, griechischen und römischen Mythologie die Schrift einen übernatürlichen, supranatnralen Ursprung. hat, so erscheint sie auch in der jüdischen Traditionsliteratur als eine Schöpfung Gottes, und die Mischnah läßt sie am sechsten Schöpfungstage ins Dasein »treten. Wie in der Heiligen Schrift, die über die Entstehung der Sprachen, der Musik, der Weinkultur rc. berichtet, über die Erfindung der Schrift sich nichts vorsindet, so suchen wir in den alttestamentischen Erzählungen, die in der vormosaischen Zeit spielen, vergeblich nach Spuren, die die Kenntnis der Lautschrift verraten würden. Der in Moses 1,38.8 erwähnte Siegel des Stammvaters Juda braucht keine Inschrift gehabt zu haben- Ein charakteristisches, signistkantes Zeichen galt viel später noch als Stempel und Unterschrift. Vielsagend ist das Schweigen über schriftliche Kaufverträge und Abmachungen bei dem mit großer Ausführlichkett erzählten Besitz- Übergang der Doppelhöhle an Abraham. Doch darf das Fehlen von Zeugen uns nicht zu der Annahme verleiten, daß in. der vormosaischen Epoche den Hebräern keinerlei Schriftzeichen bekannt waren, vielmehr müssen wir auf Grund der durch die Ausgrabungen heraufgeforderten ägyptischen und babylonischen Steindenkmäler, die uns die Kenntnis in vormosaische Zeiten zurückreichender Kultur» zustande vermitteln, schließen, daß auch den nomadisierenden jüdischen Bolksstämmen die Kenntnis irgend einer, wenn auch primitiven und schwerfälligen Schriftart nicht gefehlt hat. Die mosaische Gesetzgebung setzt auf Schritt und Tritt die Schreibkunst voraus. 2 M. 28.9, 39.30 u. a. Stellen über die Verfertigung der heiligen Priestergewänder M. 5.24, erwähnte Ausfcrngung eines Scheidebriefes, wie die in M. 5.24 vorgeschriebene Aufzeichnung im Gottesurteil der des Ehebruches verdächtigen Frau beweisen ebenso den Gebrauch der Schrift, wie die deuteronomistische Vorschrift, die dem König die Abschrift des Gesetzes zur Pflicht macht. Zeugnisse aus der nachmosaischen Zeit: die in Josua 8.32 erwähnte Steininschrift. Die in Richter 8.4 gemachte auffällige Angabe, daß. ein Knabe imstande war, die Namen und Führer der Nettesten und Führer seiner Vaterstadt aufzuzeichnen, kann keinesfalls als Beweis sür eine auch durch viel spätere Zeit erreichte Kulturblüte gelten, da in aller Zeit die Ausübung der Schreibkunst eine gewerbemäßige war und nicht ein Bestandteil der Bildung. Wir begegnen noch in der talmudischen Zeit „Schristgelehrten", denen die Technik des Schreibens fremd war. Der „Naar“ von Sukkoth, der ja trotz der üblichen Uebersetzung gar nicht mehr im jugendlichen Knabenalter zu stehen braucht, dürste nur ganz zufälligerweise mit der Schrift vertraut gewesen sein. Zur Zeit der Könige nimmt der „8oler-, der Schreiber, unter den Hofbeamten eine geachtete Stellung ein. Doch scheint die Kenntnis der Schrift eine weitere Verbreitung erst in der kulturell fortgeschritteneren talmudischen Epoche erlangt zu haben. Nicht allein das immer mannigfacher und komplizierter sich gestaltende Leben, sondern der durch die Schriftgelehrten bewerkstelligte Ausbau des Gesetzes und des Kultus und nicht zuletzt die Fremdherrschaft mit ihren fremden Erlässen und Befehlen haben das Schriftwesen aufblühen und die verschiedensten Formen von graphischen Erzeugnissen auskommen lasten. (Fortsetzung folgt.)

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