Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 16-17 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 "Seite 7 " Jüdische Korresftendenz. Fetzt war die Todeskunde, an der sie noch gezweifelt hatten, gewiß. Rabbi Amram war nicht mehr!-In tiefem, stummem Schmerz trugen die Juden von Mainz den Sarg hinaus, um ihn nach dem Wunsche des Verstorbenen beizusetzen. Doch Spott und Hohn empfing sie. Man entriß ihnen den Sarg und jagte sie mit den Worten fort: „Was wollt Ihr? Nicht Euch geziemt der heilige Mann. Wir werden ihn besorgen, milcht, daß Ihr weiter kommt, der Heilige gehört der Kirche an." Der Kirchenvogt gab Weisung, daß man Kreuz und Krone bringe «nd in heiliger Prozession den Sarg znr Kirche trage. Und alles drängte sich heran, ein jeder wollte Träger sein. Doch welch ein neues Wunder! Der Sarg, vorher s» leicht, ward plötzlich mächtig schwer. Alle angewandte Kraft versagte, er wich nicht von der Stelle. „Er bleib/ denn!" rief da der Kirchenfürst in wildem Grimm. „Will er nicht weichen, so bauen wir die Kirche über ihn." Der Juden, Bitten war vergebens. Die Amrams- Kirchc stieg in die Höhe, eine Wache stand Tag und Nacht dabei, die Leiche zu behüten. Da zeigte der Rabbi sich seinen Jüngern zu Köln im Traum und sprach zu ihnen: „Was einst mir Hülle war, darf nicht in fremdem Raume ruhen. Um Mitternacht schläft die Wache, doch Gott schützt und wacht!" Sogleich schrieben die Jünger an ihre Brüderschaft in Mainz. Diese legten sich ein Fasten auf und beteten um Schutz und Kraft. Und als die Stunde der Mitternacht nahte, umgingen sie mit Mut und Entschlossenheit die Kirche. Die Wache schlief, sie traten ein — und glücklich ward die Tat vollbracht. — Der Rabbi ruhte fortan bei den Seinen. Die Deilige Schrift. (Aus dem Russischen des S. Frug von Wilhelm P e r l m a n n.) Kennst du des Augenblickes wonnevolle Schauer, Da durch der schwergeprüften Seele düstre Trauer, Die bangen Zweite! wie ein wüster Traum umschlingt. Geheimer Saiten Zaubcrweise plötzlich klingt, Und wehmutsvoll in leiser Sehnsuchtsklag' erschallet Wie der Schalmeie Lied sanft im Gebirg' verhallet. Jäh rüttelt sie die Schatten alter Tage ans, Die längst dahingeschwunden in der Zeiten Laus; Erschüttert siehst du dich in ihren stillen Reihen, Beglückt will deine Seel« vor Entzücken schreien, Wie hell aufschreit vor Freude Knäblein auf der > ■ Flur, Wenn es im Schnee entdeckt des ersten Blümchens Spur, Wenn es ob fernen Gipfeln sieht in heit'ren Zügen Die Saatkrähen, des Lenzes Vortrab, fliegen .... Da wird so wohl dir Freund, als wenn nun jeder Schmerz, Der eben noch wie brennend Gift zerriß dein Herz Und deinen Geist versengt', der wie ein dumpf Verhängnis Gewitterschwer lag ob der zarten Brust Beengnis, — Ein böser Traum nur wär, ein schwerer, wüster Traum Der kranken Phantasie, den du entworren kaum, Und der nun jetzt in nichts zerfließt, wie vor Auroren Ein Nachtgespenst, und wieder ist wie neugeboren Dein Herz Md überschäumt von fnscher'Lebensglut Wie morgens eines kräft'aen Kindes froher Mut, Und wieder schwingen durch die Seele dir vertraute, Erhebend heilige und feierliche Laute!.... Solch' eine Saite tönt in meinen, Busen mild Wenn man vor mir die Heilige Schrift enthüllt, Die ew'ge Wahrheit ruht i» ihren Rollen, Di- Lob und Preis den gro,;en Taten zollen, Und allen Wundern jener sel'gen Zeit, Wo erdwärts in der Menschheit Niederungen Stieg des Gesetzes Herrlichkeit, Und wo das erste Lied erklungen, Als sich der Mensch vom Sklavenjoch befreit. In altehrwürd'aer Sage heil'ges Dämmergrau Gehüllt, zieht schattenbleich — wie Frührot beim Erscheinen, Des fahles Licht erstirbt in stiller Buchten Blau Und in des feuchten Schilfes jungfräulichen Hainen — An mir vorbei der frommen Männer ernste Schar; In milder Ruhe leuchtet mir ihr Bild entgegen ... Und wieder von verklung'nen Tagen fühl ich klar. Manch' lieben, trauten Widerhall in mir sich regen... O sel'ge Wunderwelt! Du Blütezeit der Macht, Des ewigen, erhab'nen Ruhmes heil'qe Wiege! Mir ist, als ob aus feuchter, dumpfer Gräber Nacht Empor zu mir Dein göttlich Abbild glänzend stiege, Und mächtig schwillt der Freiheit und der Liebe Lied Begeistert in mir an zu rauschenden Akkorden, Und wieder in der Brust ein lohend Feuer glüht, Und meine Seele jauchzt, vom Banne freigeworden ... n dieser Wonnestunde scheint mir wüster Traum es Elends lange Nacht, da uns der Feind bedrückt hat, Ein Traum die Gräber nur, die weit zerstreut im Raum, Bedecken tausend Hoffnungen, die er geknickt hat. .. Mein Volk seh' wieder ich in seinem Heimatland, Wie in den alten, längst dahingeschwund'nen Zeiten, Als ruh'gen Landmann mit der Sense in der Hand Und stolz als Helden um der Freiheit Banner streiten. Mein armer, kranker Bruder, den der Haß vertrieben! O, zeig' mit deinem Gram dich nicht!. Und durch dein Murren, durch die Thränen im Gesicht Stör' meinen Traum mir nicht, den lieben! Auf dem Mlnaer alten Friedhofe. In endlosen Reihen sind die Namenlosen gebettet, die ihr Leben für sich und die Ihren gelebt und ohne Ruhm und großes Gedenken in die Ruhe eingegangen sind. Hinten aber liegt im Schatten mächtiger Bäume die Galerie der Unsterblichen, gekennzeichnet durch niedliche, weißgetünchte Zelthäuschen, die die Grabstätten umschließen. Die Mittagssonne gießt im breiten Strom ihre Strahlen auf Baum und Blume, Gras und Grab herab und der Wind trägt von der Wilia her einen würzigen Duft in diese Stätte des Vergehens: „Der Mensch — ein Blatt, eine Blume, ein Grashalm, blüht und welkt und fällt.. ." Wir stehen vor einem mächtig ausgreifenden Baume, der mitten aus einem Grabmal herausgewachsen ist, aus dem Grabe des „Abraham, Sohn Abrahams", des „Ger Zedek". Ein wahres Naturwunder ist dieser Baum, an dem sich das Auge nicht satt sehen kann. Der gewaltige, knorrige Stamm gliedert sich in vier riesige Arme, die, nach den vier Himmelsrichtungen gestreckt, sich in ihren Kronen vereinen und gemeinsam in die Höhe streben, wie vier mächtige Hände, die im Gebete zum Himmel erhoben sind. Ich stütze mein Haupt auf einen Ast, schließe das Auge und in wohlgeordneter Folge ziehen traumhaft herrliche Bilder aus der Lebensgeschichte dieses Glaubenshelden an meinem Geiste vorüber: Krakau-Nacht — — Das Palais des Grafen Potozki.-Blendender Lichtstrom und schmelzende Musik: Das Abschiedsmahl zu Ehren von Valentin, des einzigen Sohnes des Grafen. Paris — — Spaziergang des Grafen auf dem Boulevard. — — Zufällige Bekanntschaft mit einem Rabbiner. — — Studium der jüdischen Lehre, erst aus Neugierde, dann mit heiligem unstillbarem Eifer. — — Die jüdische Wahrheit zieht in die gräfliche Seele ein und nimmt Besitz von seinem ganze» Innenleben.-Zweifel regen sich und nagen an der jungen Seele, Zweifel am Glauben der Kindheit. — — Rom-Der junge Graf unter den hohen Priestern im Vatikan. — — Geheime Unterhaltung mit dem Kardinal über den Papst.-Es gäbe nur eine Sonne am Himmel und nur eine Wahrheit, die ist in der Lehre Mosis und der Propheten enthalten. — Amsterdam — — Der Graf Valmtin Potozki ist in die Gemeinschaft Israels ausgenommen und heißt Abraham, Sohn Abraham s. -Er ist angesehenster der Jünger der großen Jeschiwah. — — Heimweh plagt di« junge Seele und zieht sie unwiderstehlich nach der Stätte der Kindheit.- Jliah, ein kleines verlassenes Städtchen in Litauen.-Eine kleine baufällige Holzsynagoge, darin sitzt der frühere Graf, Tag und Nacht in das Thorastudium vertieft. -Ist glücklich, unter großen Entbehrungen Jude unter Inden zu sein. — — Schandtat eines Verworfenen, und der Ger ist in Ketten geschmiedet. — — Wilna, Gefängnis.-Würmer nagen am Leibe des Märtyrers. — — Er ist glücklich, daß der Leib der einstens Unreines ausgenommen, nun leidet. — — Die Eltern reden unter Tränen auf ihn ein, — Geistliche drohen mit der Todesstrafe.-Nein, ohne Judentum kein Leben!- Der zweite Schabuothtag. — — Im Zentrum der Stadt Wilna gewaltig wogende und weinende Menschenmenge.- Graf Potozki wird zum Scheiterhaufen geführt. --Das bleiche, abgehärmte Märtyrergesicht strahlt vor Freude und Glückseligkeit, die schlotternden Beine tanzen.- Hoch schlagen die Flammen um den heiligen Leib. — — Kloster- und Kirchenglocken erschüttern die Luft.-In sämtlichen zum Schewuausseste mit frischem Grüne geschmückten Gotteshäusern der Stadt Wilna erhebt sich unter heißem lautem Schluchzen das Jiskor- Gebet. --Es gedenke der Herr der Seele des Heiligen Abrahams, Sohn Abrahams, der gestorben ist für die Heiligung deines Namens.- * * * „Wen sucht der Herr?" Ich schrecke jäh von meinen Träumen auf. Vor mir steht ein gebeugter Greis mit Kalkeimer und Pinsel in der Hand. Ohne jegliche Aufforderung führt er sich ein und gibt redselig über seine Person und Tätigkeit weitgehende Auskunft. Er sehe, ich sei zum erstenmal hier, so müsse er schon etwas weit ausholen. Was liege daran? Zeit hätte er ja Gottseidank genug. Er habe die Innenwände in Gaons Grabzelte bereits fertig getüncht. Die Außenwände könne er ja immer noch „weißen", der Tag sei noch lang und kaum auszufüllen.