Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 16-17 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 Reiterei im Jordantal wurde von deutschen Truppen unter Oberst Böhm und türkischen Verbänden unter Oberst Est'ad Bei, der sich schon in den frühern Kämpfen ausgezeichnet hatte, umfassend angepackt und völlig nach Süden geworfen. Ein türkischer Bericht meldete bereits am 2. Mai die Erbeuiung von sieben Feldgeschützen und einer schweren Kanone nebst anderem Kriegsmaterial. Dann wurde der Erfolg ausgemitzt, die englische Front von Norden her aufgerollt, und schließlich nach fünftägigem Ringen der Feind unter den schwersten Verlusten zurückgeworfen. Im Süden ist es, nach der letzten Meldung ans Konstantinopel, einem türkischen Reiterreginient sogar gelungen, den Jordan zu überschreiten und bis an das Nebi Musa zu gelangen. Es ist das sogenannte Grab des Moses, umhin alljährlich eine große malerische Prozession der Moslems von Jerusalem sich richtet, in der namentlich die verschiedenen Derwische auffallen. Es liegt an dem Weg von Jericho nach dem berühmten weltabgeschiedenen Kloster Mar Saba, das sich in einer großartigen, schauerlichen Bergöde birgt. Sind die türkischen Reiter wirklich bis hierher gelangt, so bedrohen sie unmittelbar die Straße Jericho- Jerusalem. Fraglich ist nur, ob sie stark genug sind, sich zu halten. Au der Niederlage der Engländer auf dem Schlachtfeld ändert dies nichts. Der bekannte Major Enders schreibt in den „M. N. Nachrichten": Die Ansicht, daß das Unternehmen der Engländer im Ostjordanland schon strategische Beziehungen zu Mesopotamien im Sinne einer Vereinigung gehabt hätte, ist wohl nur von solchen auszusprechen, die weder die örtlichen geographischen noch strategischen Verhältnisse dieses Kriegsschauplatzes kennen. Das Vordringen der Engländer östlich des Jordan, das im Laufe des April erneut Es Salt erreicht hatte, ist eine einfache Sicherungs- Maßnahme für die rechte Flanke ihrer weit nach Norden vorgeschobenen Front westlich des Jürdan. Hier haben die Engländer schon seit Anfang März die Linie Höhen nördlich des Wadi Audja—Kefr Malik— Selwad (an der Straße Jerusalem—Nablus halbwegs Nablus)—Attara—Ajul—Deir es Sudan (alle drei Orte am Wadi Dör Balluta)— Kefr Kasim—Scheck el Balluta—Jclil (nördlich Jaffa) erreicht. Ohne entsprechende Frontverlängerung östlich des Jordan mußten die Engländer einen von dorther kommenden Angriff auf ihre rückwärtigen Verbindungen befürchten. SolcheAngrisfesind stets operationslähmend, ganz besonders aber in Gegenden, die wegen ihres vollendeten Mangels an Kultur eine Armee restlos von ihren Etappeniransporten abhängig machen. Auch war ohne diesen Schutz im Ostjordanland an eine Fortsetzung der englischen Operation auf Nabln-, die die rückwärtigen Verbindungen noch niehr verlängert und damit noch empfindlicher gegen Flankenangriffe gemacht hätte, nicht zu denken. Das also ist das Motiv der englischen Ostjordanexpedition. Es ist rein palästinensische Operation und hat mit den Vorgängen in Mesopotamien hinsichtlich gemeinsamen Zieles oder hinsichtlich gedachter Vereinigung gar nichts zu tun. , Der Erfolg Liman Paschas, der in Estad Bey einen erfreulich energischen und anscheinend auch geschickten Unterführer hat, Jüdisehe Korrespondenz. ergab sich nach fünftägigen Gefechten vom 30. April bis 4. Mai längs der Straße Jericho—Es Salt. Deutsche Truppenleistung hat hier wieder, wie überall, glänzenden Erfolg erzielt. Selbst der englische Bericht gibt zu, daß die Gros der Ostjordanexpcdition über den Jordan wieder zurückgezogen werden mußten. Nur Nachhuten halten den Brückenkopf an der Straße Jericho—Teil Nimrin. Mit diesem deutsch-türkischen Erfolg, der die Möglichkeit weiteren Ausbaus in sich schließt, ist jedenfalls auch der Fortsetzung der englischen Offensive westlich des Jordan ein vorläufiges Ziel gesetzt. Plenarsitzung des orthodoxen Aktionskomitees. Sonntag, den 5. Mai, fand in Wien eine PlenarsitzungdesAktionskomiteeszurSchaffung einer Organisation der Orthodoxie in Oesterreich statt, an der sich außer den Wiener Komiicemitgliedern und mehreren Vertrauensmännern auch mehrere Delegierte aus der Provinz beteiligten, darunter aus Prag die Herren: Obcrrabbincr Dr. H. Brody, Dr. Kohner, Dr. B. Jeiteles und M. Ungar, der Rabbiner von Wiener-Neustadt u.s.w. Der Sitzung wohnte auch Sr. Ehrwürden Rabbiner Fürst (Schiffschul) sowie der Vertreter der „Agudas Jisroel", Herr A. Grünbaum (Nürnberg) bei. Die galizischc „Aguda" war durch den Präsidenten Herrn I. I. Thumim vertreten. Den Vorsitz führte Präsident Herr Hofbaucr. Nach einer sehr eingehenden Disknsion, in Melcher besonders die prinzipiellen Fragen erörtert wurden, wurde bezüglich derselben eine Einstimmigkeit erzielt und ebenso wurde das Organisationsstatut festgesetzt. Zur Ausarbeitung der detaillierren Bestimmungen wurde ein viergliedriges Redaktionskomitee eingesetzt, das in den nächsten Tagen seine Arbeiten vollenden wird. Die Statuten werden dann der Behörde zur Genehmigung unterbreitet und gleichzeitig die Vorarbeiten zur Einberufung des Delegiertcntages getroffen werden. Orthodoxie und Palästina. Im Wiener Organ des Zionismus greift ein durch sein Temperament bekannter Herr die Orihodoxie an, daß selbe für die Kolonisation Palästinas in 2000 Jahren, besonders aber in den letzten 40 Jahren nichts getan habe. Noch mehr aber, daß sie jetzt etwas hicfür tun will.... Dieser letzte Umstand sollte die Herren Zionisten eigentlich freuen — merkwürdigerweise sind sie aber ob der „Konkurrenz" furchtbar aufgeregt. . .. Der Autor scheint nicht zu wissen, daß orthodoxe Rabbiner, wie Kalischer und Mohyliwer, es waren, die zuerst für die Kolonisation eingetreten sind. Ja, daß selbst in Wien, bevor die jüdische Intelligenz ans demdeu ts chnationalen Klüngel hinaus in den jüdischnationalen hinein geekelt wurde, Rabbiner Salomon Spitzer (von der Wiener Sch in - schul) mit Rüben Bierer ein Komitee gründete für Besiedelung Palästinas. — Der Anlaß hiezu war die Judenwanderung aus Rußland, für die Rabbiner Spitzer im Lande der Väter ein Heim schaffen wollte. 8eite 3 Daß diese Gründung keine Früchte zeitigte, hat seinen vornehmlichsten Grund darin, daß Fachleute erklärten, es wären zumindest Dutzende von Millionen hinauszuwerfen, bevor man nur wissen könne, wie und was in Palästina zu schaffen möglich sei. Während die zionistische Leitung es in den ersten langen Jahren absolut ablehnte, für momentane Not auch nur einen Heller zu opfern, hat die Orthodoxie allezeit alle Kräfte ausbieten müssen, um Hungernde zu sättigen, Nackte zu kleiden, Witwen und Waisen und Kranke zu erhalten. Sie konnte also nicht Millionen der Gegenwart entziehen, um einer schönen Zukunft nachzujagen. Die Erhaltung des a l t e n I i s ch u b in Palästina durch Jahrhunderte ist übrigens ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Orthodoxie, wenn sie hiefür auch kein „goldenes Buch" angelegt hat. Ohne den alten Jischub wäre es vielleicht zum neuen nicht gekommen. Die Erfahrungen der Rothschildschen und späterer Kolonien zeigen, wie schwer es ist, die Kolonisten auf einen Zweig zu bringen, daß sie auch unter widrigen Umständen existieren können, ohne immer und immer Nachhilfe zu brauchen. Die Orthodoxie war auch nicht in der Lage, Millionen zu sammeln. Nachdem der Zionismus 20 Jahre Agitation getrieben der Agitation zu Liebe, hat diese fortgesetzte Agitation auch materielle Früchte getragen; die Orthodoxie hat nicht nur für Koscherfleisch und Mazzes zu sorgen, wie sich Herr T. so lieblich ausdrückt, sie bringt auch für Thoralernen große Opfer und war nie in der Lage, Summen für Zukunftsmusik aufzuspeichern. Daß das Verständnis für Thorastudium, Sabbatfeier und Speisegescke bei den Zionisten sich nur negativ äußert, ist wohl der Hauptgrund, daß die Orthodoxie dem Zionismus ewig ablehnend gegenüberstehen muß. Herr T. zitiert Beweise dafür, daß wir Juden ein Volk sind: das hat wohl noch kein orthodoxer Jude in Abrede gestellt. Nur übersieht er, daß es in den angeführten Stellen heißt: „Mein Volk". Jisroel ist ein Volk, solange es Gottes Volk ist; gibt Jisroel seine ererbte Religion auf, so löst es sich auf, wie alle viel mächtigeren Völker des Altertums. Und darum ist uns ein Volkstum ohne Religion ein schales, wertloses, weil vergängliches, unhaltbares Besitztum. Es heißt übrigens in der heiligen Schrift ausdrücklich: Hojvm hasö nijethn leüm. Die klare Bedeutung dieser Worte wird wohl auch Herr T. verstehen. — Was endlich die politische Geltendmachung des jüdischen Nationalismus betrifft, kann man darüber verschiedener Meinung sein. Es ist ja wunderschön, sein Recht zu erkämpfen. Mir dünken aber die Knochen eines Krakauer Hausierers wertvoller, als alle chimaerischen Rechte, die ja doch zumindest noch ein Jahrhundert auf dem Papier bleiben werden. Als Talmudjnden sind tvir sozialpolitisch so weit linksstehend (Leider kennt man auch unter Juden die Arbeiter- und Armengesetzgebung des Judentums nicht. — Selbe war vor vier Jahrtausenden schon liberaler, als die liberalsten modernen.) wie keine bürgerliche Partei; in der Praxis müssen wir vor Allem das leibliche und geistige Wohl unserer Glaubensbrüder schützen, das tagtäglich bedroht ist. Warum die Orthodoxie jetzt Stellung zum Jischuw nimmt? Nicht