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Jüdische Korrespondenz · 1918-05-02 · 15 (2.5.1918) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
15 (2.5.1918)
Date
1918-05-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 15 vegungen sind wieder normale Verhältnisse eiiigetreten. In den ernsten polnischen Kreisen hat' man eingesehen, daß die Duldung des Treibens der destruktiven Elemente nicht bloß den Inden, sondern auch den Polen schweren Schaden zugefügt hat, und man bemüht sich, beruhigend zu wirken. Der Fürstbischof von Krakau hat einige Tage nach dem Exzeß einen diesbezüglichen Hirtenbrief erlassen, der von den Kanzeln verlesen wurde; der Krakauer Gemeinderat erließ ebenfalls einen Aufruf, in dem die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt wird. Auch die polnische Presse mahnt zur Ruhe und Ordnung. Bei einer zwei Tage nach dem Exzeß abgehalteneu vertraulichen Sitzung des Gemeinderates kritisierten die jüdischen Gemeinderätc die Vorgänge, und besonders scharf sprach der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Gemeinderat Dr. Rafael Landau, der aus die Aufforderung des Vorsitzenden, die führenden jüdischen Kreise mögen die aufgeregten Volksmassen beruhigen, replizierte: „Wie soll ich die Volksmassen beruhigen, wenn ich selbst ob der Ereignisse beunruhigt bin." — In den jüdischen Kreisen wird eine strenge Untersuchung und die Bestrafung der Schuldigen verlangt. Die Sache dürste auch ein Nachspiel im Parlament haben, da sowohl seitens des Polenklubs, als auch seitens der Abgeordneten Reizes, und Straucher Interpellationen angemeldet wurden. — Für den als Opfer des Exzesses gefallenen Pesachje Meller wurde letzten Donnerstag im Wiener Pazmanitentempel eine Trauerandacht abgehalten. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Grundwald, das „El-mole-rachmim" rezitierte Oberkantor Morgenstern, lieber Aufforderung der „Agudas Jisroel" wurde in mehreren Bethäusern am Samstag für diesen Märtyrer das „El-mole-rachmim" vorgetragen. Auch in mehreren galizischen Städten wurden Trauerandachten veranstaltet. (Rückkehr der bukowinaer Flüchtlinge.) Zufolge einer Verordnung der politischen und militärischen Behörden ist nunmehr die Rückkehr der Flüchtlinge nach der Bukowina, mit Ausnahme einiger Ortschaften, sreigegebcn worden. Für die Rückkehr gelten dieselben Bestimmungen wie für die Rückkehr der Flüchtlinge nach Galizien. Näheres ist bei der Polizeidirektion in Wien sowie bei den Bezirkshauptmannschaften zu erfahren. (Juden im polnischen Staatsrat.) Unter den zu Mitgliedern des polnischen Staatsrates Ernannten befinden sich außer einem Mitgliede des Warschauer Rabbiuats vier Juden, und zwar die Assimilanten Josef Natansohn und Boleslaw Eiger sowie die Orthodoxen Wcgmcister und Pfeffer. Zusammen werden die Juden im Staatsrat über acht Mandate verfügen. (Der neue Vertreter der jüdischen Interessen in der Ukraina.) Lazkij- Bertoldi ist ein auch in Wiener jüdischen Kreisen bekannter Führer der S. S.-Gruppe (Zionisten-Sozialistcn). Lazkij war vor dem! Kriege einige Jahre hindurch in Wien und nahm regen Anteil an der damals versuchten Aktion zur Regelung der jüdischen Emigration. Lazkij galt als vorzüglicher Publizist und stand als Territorialist Israel Zangwill sehr nahe. (Kriegswaisen Aktion der „Agudas Jisroel".) Aus Kalisch (Polen) wird gemeldet: Das Mädchen-Asyl des Kriegswaisensonds in Kalisch ist kürzlich von dem Kreisarzt und dem Schuliuspektor für Kalisch inspiziert worden, die, von den Einrichtungen und der Leitung des Asyls außerordentlich befriedigt, das Asyl als die schönste und beste Waisenanstalt in Polen erklärten. Auf ihre Anregung ist das Asyl von mehreren polnischen Notabein besucht morden, die über diese jüdische Kriegswaisen-Anstalt ebenfalls Worte höchster Bewunderung fanden. Diese Anerkennung der Leistungen des Asyls ist von außerordentlicher Bedeutung, da sie geeignet ist, das Ansehen der jüdischen Bevölkerung Polens zu heben und tief eingewurzelte Vorurteile zu entkräften. Wie die Verwaltung des Asyls gleichzeitig berichtet, haben sich sämtliche Insassen, die den traurigsten Verhältnissen entstammen, in erfreulicher Weise entwickelt. „Sie arbeiten von früh bis spät wie ein kleiner Ameisenhaufen, kochen, scheuern, waschen, verrichten Gartenarbeiten, Besorgungen in der Stadt und lernen fleißig. Diejenigen, die die höhere Schule besuchen oder in praktischen Berufen arbeiten, sind als tüchtige und arbeitsame Kinder bekannt." (Das Ansiedelungsrecht der polnischen Inden.) Nach polnischen Blättern wird das polnische Landwirtschaftsministerium in einer der ersten Sitzungen des Staatsrates ein Gesetz einbringen, nach dem Juden das Recht erhalten, auf Bauerngrundstücken ansässig zu werden. — Jmpolnischen Kultusministerium finden Besprechungen über die Bildung einer Abteilung für jüdische Gemeindeangelegenheiten statt. Die Abteilung wird zwischen den jüdischen Gemeinden und dem Ministerium vermitteln. (Die Zwangseinziehung der russischen Inden in England.) Aus London wird gemeldet, daß die englische Regierung darangeht, die in England lebenden russischen Juden zum Militärdienst heranzuziehen. Bekanntlich beabsichtigte die Regierung schon! seit längerer Zeit, die vielen Tausende russischer Juden, die in London und anderen Städten leben, der Armee einzureihen, wagte es aber nicht infolge der energischen Proteste der verschiedenen russischen Regierungen. Jetzt, da Rußland aus dem Kriege ausgeschieden ist, England mithin keine Rücksicht auf Rußland zu nehmen braucht, betrachtet es die russischen Bürger in England als vogelfrei und zieht sie ein. Es darf angenommen werden, daß der Maßnahme auch antisemitische Motive mit zugrunde liegen; ein Teil der englischen Presse wenigstens hat bereits seit Monaten eine Hetze gegen die russischen Juden in England geführt und ihre Einziehung gefordert (Elieser David Finke!,) Mitarbeiter der „Hazefirah" und des „Haint", Uebersetzer von Jules Verne, Henry Bernstein,Schiller usw' ins Jüdische und von Graetz „Geschichte der Juden", Brehms „Tierleben" usw. ins Hebräische, ist in Warschau im Alter von 56 Jahren verschieden. Er kannte ganze Kapitel des Tenachs ebenso wie große Stücke aus dem Homer und Virgil auswendig. Sein Wissen war ein sehr vielseitiges und er vervollständigte .sein Wissen fortgesetzt. Aber in dem Studium unserer alten jüdischen Literatur sah dieser idealistische Mann seine größte Lebensfreude und seine höchste Lebensaufgabe. (Rationierung in der Bibel.) Auch die Rationierung soll in grauer Vorzeit schon bekannt gewesen sein, und wieder ist es die Bibel, die "den Beweis dafür liefern muß. Diesmal ist es ein englischer Bibelkundiger, der mit Erfolg die Bibel nach einem Analogon der Rationierung durchforschte. In den „Daily News" gibt er aus dem 25. Kapitel des Buches der Könige folgende zeitgemäße Stelle wieder: „Und er (Jeojachim, König von Juda) vollenden, du bist aber nicht befugt, davon müßig zu bleiben. Hast du viel Thora gelernt, gibt man dir vielen Lohn; und treu ist dein Arbeitgeber, dir den Lohn deiner Leistung zu zahlen; wisse aber, daß der Lohn der Gerechten im Jenseits zu erwarten steht. Ben Soma sagt: Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt. Denn es ist gesagt: „Von Allen, die mich belehrten, habe ich Verständnis gelernt, denn deine Leben zierenden Zeugnisse sind meine Unterhaltung." Wer ist stark? Der seine Leidenschaft bezwingt. Denn es ist gesagt: „Besser, ein langmütiger als ein Held, und der seinenHLillen beherrscht als Städtebezwinger." Wer ist reich? Der mit seinemäTeil vergnügt ist. Denn es ist gesagt: „Deiner Hände Mühen, wenn du das genießest, dein ist dann aller Heilesfortschritt und Gutes ist dein," Heilesfortschritt in dieser Welt und Gutes in der künftigen. Wer wird geehrt? Der die Menschen ehrt. Denn es ist gesagt: „Denn die mich ehren, bringe ich zu Ehren und meine Verächter werden entwürdigt." Ben Asai sagt: Eile zur leichtesten Mizwa und fliehe vor jeder Sünde, denn eine Mizwa führt zur andern Mizwa und eine Sünde führt zur andern Sünde, denn einer Mizwa Lohn ist schon die Mizwa und einer Sünde Lohn die Sünde. Er pflegte zu sagen: Verachte keinen Menschen und verweise nicht aus dem Bereiche der Beachtung, denn jeder Mensch hat seine Stunde und jedes Ding feine Stätte. Rabbi Levitas aus Jabue Jagt: Sehr, sehr sei bescheidenen Sinnes, he«n des irdischen Menschen Hoffnung ist,Moder. Rabbi Jischmael, Sohn des Rabbi Joßi sagt: Wer lernt, um zu lehren, dem gewährt man genüge, zu lernen und zu lehren; aber wer lernt, um zu erfüllen, dem gewährt man genüge, zu lernen und zu lehren, zu hüten und zu erfüllen. Rabbi Zadok sagt: Sondere dich nicht von der Gesamtheit und mache dich nicht wie Sachwalter der Richter. Mache sie nicht zu einer Krone, dich damit groß zu machen, und nicht zu einer Axt, damit zu hauen. So hat Hillel gesagt: Wer sich der Krone bedient, geht dahin, somit lernst du, daß, wer von den Worten der Tauroh Nutzen zieht, sein Leben sortnimmt aus der Welt. Rabbi Joßi sagt: Wer die Tauroh ehrt, der wird selbst geehrt bei den Menschen, wer die Tauroh entweiht, der wird selbst entwürdigt bei den Menschen. Sein Sohn Rabbi Jischmael sagt: Sei kein Einzelrichter; einzeln zu richten vermag nur Einer. Sag auch nicht: „Nehmt meine Ansicht an," denn bei ihnen beruht die Befugnis, nicht bei dir. Rabbi Jonathan sagt: Wer die Tauroh aus Armut erfüllt, der wird sie auch aus Reichtum erfüllen, und wer die Tauroh aus Reichtum unerfüllt läßt, der wird sie auch aus Armut unerfüllt lassen. (Fortsetzung folgt.)

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