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Jüdische Korrespondenz · 1918-05-02 · 15 (2.5.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
15 (2.5.1918)
Date
1918-05-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jeschurun Nr. 14. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz". ABONNEMENTS smd zu beziehen mittelst PosikaiU* durch das: Preltkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, l., Salztor^asse 2. Organ des Vereines ..Jeschurun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „Jeschurun“-Preßkon3ftee, Wien, l„ Saiztorgasse 2 P. T. Mir. bitten diejenigen, welche unser Matt bisher erhalten haben, ttm Einsendung des Tihonnementsbetrages. da sonst die wettere Lusendnng unterbleiben mühte. Vrebhomttee des „AescDurun", i-, Laiztborgasse 2. Laßt Sonne Herein! Dumpfe, kleine Wohnzimmer und hohe, von regelmäßigen Reihen vernachläßigter Fensterhöhlen, durchbrochene Mauern schmutziger Zinskasernen beengen den Horizont der armen Proletarierkindcr und erwecken in ihnen ganz falsche Vorstellungen von der „schönen milde» Welt". Gran in grau liegt das Großstadtbild vor ihnen, noch um viele Nuancen dunkler, als es der extremste Realist malen könnte. Sie verbringen ihre ersten Lebensjahre im Hinterhof, der ihnen mit seinein elenden Gerümpel und einer großen Schar wenig reinlicher Kinder das einzige vertrante Reich ist, über das sie nicht hinansschauen können. Hier schreit und jauchzt, weint und lacht, schlägt und neckt sich alles durcheinander. Da gibt es einzelne, die immer die Herrschaft an sich reißen wollen; sie sind die stärkeren und glauben daher das Recht zu haben, über die zerbrochenen Kisten, Fässer, Sessel, Kochgeschirre und allerhand ausgestoßencs Hausgerät verfügen und die übrigen Kinder nach ihrem thyraiinischen Willen lenken zu können. Eine andere Gruppe ist immer dort zu finden, wo es etwas Neues gibt, sie ftnb die zur Opposition geborenen und bemühe» sich, alles Bestehende zu zerstören. Um beide Teile scharen sich viele Willensschwäche, die froh sind, irgendwo mitzutun. Wieder andere schmollen beständig, denn sie wollen nicht beherrscht werden sind fühlen sich doch nicht stark genug, um die Gewalt in die Hand zu nehmen. Der Schalk fehlt natürlich auch nicht. Dann gibt es noch eine Anzahl kleiner Philosophen, die sich immer in verlassene Winkel setzen und angestrengt Nachdenken, ob das überall so sei und ob das nicht anders werden kann.^ Doch all dies dient nur dazu, daß die Kleinen den im Innern nagenden Hunger vergessen; wenn die Mutter nach Hause kommt, wird der ganze Staat im Stiche gelassen, denn man erhofft sich wenigsttens eine Kleinigkeit zum knapper». Hunger ist ja fast die einzige Regung, die die Unglücklichen bewegt und über die sie sich schließlich doch nicht hinwegtäuschen können. Wenn sie älter werden,^vertzpingen sie täglich mehrere furchtbare Stunden auf öden Schulbänken; sie sind ja die Ruhe und Ordnung nicht gewöhnt: und chas oedrückt so sehr, dabei sehen sie Mitschüler, die besser gelleidet sind, mehr wissen- und überhaupt ganz anders sind: und das ist so tief beschämend. Ihr einziges Glück ist ihre Unwiffenheit und Unerfahrenheit; denn wehe ihnen, wenn sie ahnten, daß die tiefften Wurzeln ihres Lebensbaumes schon angegriffen sind und an ihnen E für immer Stücke des Snmpscs, in dem sic waten, basten werden! Ein Kind ist das sublimste und konzeptionellste Wesen, für das oft das geringfügigste Ereignis von entscheidender Wirkung für den künftigen Lebenslauf und Charakter ist. Welche Verheerung müssen da erst fortwährend aus ihm lastende ungünstigste und schmählichste Verhältnisse anrichte». Die Eltern sind mit der Beschaffung von Lebensmitteln vollauf beschäftigt. Die Beziehungen der Lehrer zu den Schülern ist absolut unpersönlich, wie lehren sie lesen, schreiben, zählen, rechnen, aber nicht leben und machen ihnen die Wohltat der Schule zur Plage. Das eintönige Leben bietet den Kindern nur eine Abwechslung, ihre Krankheiten. Ta beginnt man sich endlich um sie zu sorgen, sie zärtlich zu behandeln »nd . was das schönste ist — der Hunger schwindet ganz, sie verweigern sogar die geringe Nahrung, die man ihnen reicht. Doch auch das ändert sich mit einem wchlage, wenn die armen Körperchen vom Fieber gepeitscht werden' Dann wird ihnen alles ganz gleichgültig, sie wollen nichts mehr wissen und hören, nicht einmal weinen. Wenn es den ängstlichen Eltern nach langen schweren Kämpfen gelingt, sie den Armen des Todes zu entringen, scheitert die völlige Gesundung an der Unmöglichkeit einer entsprechenden Rekonvaleszenz. Die schreckliche Tuberkulose greift immer mehr um sich, was allerdings nicht Wunder nehmen kann, meint die schwachen Lungen jahraus, jahrein die stickige, von den gefährlichsten Bazillen geschwängerte Luft einatnten. Die Unglücklichen wissen noch gar nicht, wie es draußen, in Gottes herrlicher Natur aussieht. Cäsar Flaischlen sagt: „Wer die Sonne nicht liebt, kann mein Freund nicht sein." Sie haben Die Voraussetzung nicht einmal erfüllt: Sie kennen die Sonne gar nicht. Sie sollen den Mai, den Frühling, die himmlische Natur besprechen und besingen und wissen noch gar nicht, was das eigentlich ist. Die Hypertrophie der Technik hat sic in I Massenguartiere, die modernen, unentrinnbaren! Jeuiü'eton. pake Gwaus. (Sprüche der Väter.) lFonscyunc;., Er sagte zu ihnen: Geht einmal hin und sehet, welches ist der schlechte Weg, von dem sich der Mensch sernhalten soll. Rabbi Elieser sagt: ein böses Auge. Rabbi Jehoschua sagt: ein schlechter Genosse. Rabbi Joßi sagt: ein schlechter Nachbar. Rabbi Schimon sagt: der borgt und nicht bezahlt, einerlei, ob einer von Gott borgt oder von Menschen borgt; denn es ist gesagt: ein Gesetzloser macht immer Schulden und zahlet nie, ein Gerechter aber ist ein Gewahrer und Geber. Rabbi Elasar sagt: ein schlechtes Herz. Darauf sagte er zu ihnen: Mir leuchten Rabbi Elasar, Sohn Arachs Worte mehr ein, als eure Worte, Kerker, die den besonderen Vorzug habe», allen Gesetzen der Hygiene und Soziologie Hohn sprechen, gepfercht. Das lind die armen Großstadtllnder, deren unausweichliches Schicksal es scheint, physisch und psychisch zerdrückt zu werden. Und unter ihnen befinden sich auch viele, die nach dem sehnlichsten Wunsche ihrer Eltern gute, fromme Inden und Jüdinnen werden sollen. Ihnen ist der Kamps ums Dasein doppelt schwer gemacht. Sic sollen sich, ganz real, fortsretten und auch noch ihren religiöse» Idealen ge recht werden. Hier sah Jeschurun ein neues Arbeitsfeld für sich; sie sagten sich: „Laßt Sonne herein!" und setzen sich das große Fiel, diese Kinder zu sammeln und über die Svimnerierien nach Ungarn aufs Land zu bringen. Tort solle» die kleinen Jungen und Mädeln vor allem anderen reine Luft atme», Gottes freie Natur kennen lernen, gut genährt werden und durch geeignete Führer im Sinne Jeschurims erzogen werden. Es ist klar, daß dieses Programm keine leichte Arbeit verursacht. An Kindern mangelt es nicht. Eine weitaus wichtigere Frage ist die finanzielle und die administrative, vb sich genug Damen und Herren aus dem Kreise Jeschuruns zu dem wahrsten Akt von Gemilus Chaffvdim, mit den Kindern mitznziehcn, bereit erklären. Jeder einzelne Hütte Gelegenheit, sich aus mannigfachste Weise segensreich zu betätigen, die Schüplnige zu betreuen und zu erheitern, sie die Natur schauen und genießen zu lehren, sie in allgemeinen und praktischen Dingen zu unterweisen, ihr kindlich-religiöses Gemüt zu fundieren. Nun heißt es schnell handeln, denn der Sommer scheint zu nahen . wenigstens im Kalender! A! ep h. vereinsnachrichten. Für die Aktion: „Kinder aufs Land" sind uns folgende Spenden zugetominen: K 2000 — Jakob Neurach „ 2001)-— Evuard Teulsch „ 1000'— Mar Hofbancr .. soff— Samuel Glüclfclig. denn in seinen Worten sind eure Worte mit enthalten. Sie sagten drei Dinge: Es sei dir die Ehre deines Nächsten so teuer, wie die deinige, und sei nicht geneigt zu zürnen und bessere dich einen Tag vor deinem Tode. Wärme dich an dem Feuerscheine der Weisen, nimm dich aber mit ihrer Kohle in acht, daß du dich nicht verbrennst; denn der über ihre Verletzung schwebende Bann ist Fuchsesbiß und Lkorpionenstich und Basiliskenzischen und alle ihre Worte sind wie Feuerkohlen. Rabbi Elasar sagt: Sei emsig, Thora zu lernen, und wisse, was du einem Gesetzverächter zu erwidern hast. Wisse auch, vor wessen Angesicht du arbeitest und wer dein Arbeitgeber ist, der dir den Lohn deiner Leistung zahlen wird. Rabbi Tarphon sagt: Der Tag ist kurz, die Arbeit groß, die Arbeiter sind faul, der Lohn ist viel, der Hausherr drängt. Er pflegte zu sagen: Dir liegt nicht ob, das Werk zu

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