Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 15 (2.5.1918)
- Date
- 1918-05-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 jüdische Organisationen. Die Tatsache, daß die Regierung sich auf keine einzige jüdische Partei stützen kann, mußte von ihr naturgemäß unangenehm empfunden werden. Man sann aus Mittel, um die jüdischen Arbeiter zu gewinnen und entschloß sich zur Schaffung eines Kommissariats für jüdische Angelegenheiten, das als Sektion des Kommissariats für nationale Angelegenheiten gedacht ist. Zum jüdischen Kommissär wurde eine ganz unbedeutende Persönlichkeit namens Dimendslein sein Mitglied der Bolschewikipartei) ernannt, ihm wurde ein Gehilfe namens Dobkowski (linker Sozialrevolutionär) beigegeben. Der Kommissär haßt alles Jüdische und steckte sich unter anderem zum Ziel, den Zionismus zu bekämpfen. Der Gehilfe hingegen ist national gestimmt und hat Sympathien für die jüdische Renaissance und den Zionismus. Auf einer öffentlichen, vom jüdischen Kommissariat einberufenen Versammlung propagierte Dimcndstein den Kampf gegen den jüdischen Nationalismus und schlug eine Resolution vor, die die Auslösung des Jüdischen Kongresses forderte. Diese Resolution wurde auch angenommen. Auf einer anderen Versammlung, gleichfalls vom jüdischen Kommissär einberufen, zitierte Dobkowski das Manifest des Holländisch-Skandinavischen Komitees und sprach sich mit Sympathie für die jüdische Kolonisation in Palästina aus. Ich habe dieser Versammlung beigenwhut, die im Porträtsaal des Bildnngsministeriums stattsand. Mit Entsetzen konstatierte ich die ungeheure Unwissenheit und die Gemütsrohheit der meisten Redner der Versammlung. Da erklärte ein Anarchist, der jüdische Rationalismus müsse bekämpft werden, weil 36 "Z (!) der jüdischen Bevölkerung Wucherer seien. Andere äußerten ihr Entzücken über die Einstellung des „Petrograder Tagblattes" als eines konterrevolutionären Blattes und hetzten mit beispielloser Erbitterung gegen den Jüdischen Kongreß. Ein Redner endigte seine bombastische Ansprache mit den Worten: „Nieder mit der jüdischen konstituierenden Versammlung, es leben die Sowjets der jüdischen Arbeiter-, Bauern-, SoldatenundKosakendepntierten"... Besonders scharf wurde der „Bund" angegriffen; er wurde als Vortruppe der Reaktion bezeichnet und mit großer Heiterkeit wurde die Bemerkung eines Redners ausgenommen, daß der „Bund" und die Kosaken die einzigen waren, die sich an der letzten Demonstration für die Kerensky-Regierung beteiligten. Das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten hatte tatsächlich die Einberufung eines jüdischen Arbeiter- und Soldaten- Kongresses vor, um eine jüdische Sowjetorganisation zu schaffen, welche die Prinzipien der Sowjetregierung auf das jüdische Leben anzuwenden hätte. Diese Idee war so absurd, daß sie in den leitenden jüdischen Kreise wenigern mit Besorgnis als mit Heiterkeit kommentiert wurde. Da die Juden keine Bauernklassc besitzen, so wäre die Uebernahme der Macht durch eine den Sowjets nachgebildete Organisation auch theoretisch die Herrschaft einer kleinen Minorität. Keine einzige der leitenden jüdischen sozialistischen Parteien würde sich auf das Abenteuer einlassen.... 5m? Begründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Von Geheimer Rat Prof. Hermann Cohen.* Unter allen Wandlungen, welche die religiöskulturelle Verfassung des Judentums seit etwa hundert Jahren erfahren hat, ist keine so frappant, wie die Verminderung oder gar das Verschwinden der jüdischen Gelehrsamkeit unter den modernen Juden. Es war ja ein soziologisch sehr interessanter Ausnahmezustand, der das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit herrschend >var, daß fast in jeder kleinsten Gemeinde sich Männer fanden, die als Handelsleute doch zugleich die volle Befähigung zur Berivaltung des Rabbineramtes besaßen. Dieser so überaus charakteristische Zustand mußte anfhörcn, als den Juden die vielseitigen Aufgaben der modernen Kultur sich erschlossen und sie, sei es den gelehrten Berufen, sei es den eine erhöhte allgemeine Bildung erfordernden Industrie und Handelszweigen sich Hingaben. Zunächst freilich trat für diesen Notstand dadurch eine Aushilfe ein, daß der moderne Rabbiner ganz unwillkürlich zum Vertreter der modernen Wissenschaft an seiner Religion, ihrer Literatur und Geschichte heranwuchs. So entstand die bedeutsame Tatsache, daß vom deutschen Rabbiner die Wissenschaft des Judentums geschaffen wurde: die Wissenschaft auf Grund der methodischen Philologie und Geschichtsforschung, mährend die Talmudstudien, wie sic bis dahin betrieben wurden, dieser modernen methodischen Hilfsmittel entbehrten. Durch diese Schöpfung der jüdischen Wissenschaft erhob sich der deutsche Rabbinerstand zu einer geistigen Höhe, welche einen gewissen Ersatz darbot für die Lücken, die in der jüdischen Laienwclt durch die Verminderung des Thorastudiums in ihren Reihen entstanden waren. Die Gelehrsamkeit war in den jüdischen Massen verringert, aber in de» Rabbinern mit der modernen Wissenschaft verschmolzen worden. So wichtig nun aber diese Wandlung für den Rabbinerstand und demzufolge auch für die kulturelle Physiognomie der Gemeinde wurde, so mußte allmählich doch der Mißstand fühlbar werden, daß der Gelehrtenstand schlechterdings zusammenfiel mit dem Rabbinerstand. Dies war nicht nur eine Anomalie in der jüdischen Geschichte, sondern es bedeutete auch ein Mißverhältnis zu den Anforderungen einer jeden Pflege der Wissenschaft und insbesondere zu den Aufgaben der Wissenschaft für die Erhaltung des geistigen Lebens innerhalb einer lebendigen Religion, die als Kulturreligion sich behaupten will. Die Anzahl der freien Gelehrten darf in einer religiösen Gemeinschaft nicht beschränkt sein aus die Anzahl der amtierenden Geistlichen. Die Wissenschaft des Judentums war daher kaum entstanden, da regten sich schon die Forderungen nach einer jüdisch-theologischen Fakultät. Diese Stimmen sind bis zum heutigen Tage nicht verstummt, ebensowenig aber befriedigt. * Vorstehender Artikel ist einer der letzten Aufsätze des vor kurzem verstorbenen berühmten jüdischen Gelehrten, der in den „Neuen Jüdischen Monatsheften" (Berlin) veröffentlicht wurde. Wir reproduzieren denselben und behalten uns vor, zur Sache eingehend Stellung zu nehmen. (D. R.) Auch hier trat zwar die entsprechende Aushilfe ein. Die Fakultät freilich konnte nicht geschaffen werden; dafür aber wurden Rabbinerseminare ins Leben gerufen. Immer jedoch blieb der Gedanke vorherrschend, daß die Rabbiner allein die Träger der jüdischen Wissenschaft seien und den Umständen nach sein müssen. Eine Ausnahme wagte sich in Berlin hervor: die als Hochschule gedacht >var, als solche aber nicht genehmigt ivurde, immerhin doch wenigstens als Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sich anstat, nicht somit als jüdisch-theologisches Seminar, noch als jüdisch-theologische Lehranstalt sich ankündigte. Und in der Tat haben an dieser Lehranstalt Juden und auch Christen studiert, und die Prüfungen werden dort noch heute abgesondert von den Rabbinatsprüsungen vorgenommen. Indessen bilden diese Hörer doch nur verschwindende Ausnahmen gegenüber der Mehrzahl derjenigen, welche an dieser Lehranstalt ihre Studien machen, um für ein Rabbineramt befähigt zu werden. Also auch diese dem reinen wissenschaftliche» Zwecke errichtete Lehrstätte konnte vornehmlich nur Rabbiner hervorbringen, nicht aber den Mangel an freien jüdischen Gelehrten ersetzen. Es machte sich daher in der Produktion der jüdischen Forschung eine Stockung fühlbar, obgleich den Rabbinern ein erstaunlicher Fleiß und eine bewundernswerte Schaffenskraft nachzurühmen ist. Sie konnten dennoch allein den Bedürfnissen nicht Genüge leisten, welche die moderne Zeit an neuen Problemen und durch neue Stoffzufuhr hervorrief. Und wenn es , selbst einem isolierten Gelehrten gelungen war, eine literarische Arbeit zu vollbringen, so mar es schwer, einen Verleger für die Arbeit zu findeu. Es fehlten die Betriebsmittel, ohne welche ein wissenschaftliches Leben sich nicht fruchtbar und wirksam erhalten kann. Um diesen Mängeln abzuhelfen, entstand vor einem Jahrzehnt etwa die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Schon der Titel läßt den Zweck erkennen, ans dem diese Gesellschaft vornehmlich sich einschränkte. Die Wissenschaft soll durch sie gefördert werden. Dies bezweckt sie, und dies leistet sie in ruhmwürdiger Weise, indem sie große Werke zur Publikation gebracht hat, und zwar nicht nur durch die Subvention von ihr angeboteucn Arbeiten, sondern durch die Aufstellung von Plänen und Grundrissen für neue und eigenartige wissenschaftliche Unternehmungen. So großzügig diese Leistungen der Gesellschaft sind, so beziehen sie sich doch immer nur aus die Hervorbringung und die Hervorrufung von wissenschaftlichen Werken. Diese Förderung der Wissenschaft ist ihr ausgesprochenes Ziel. Wie jedoch keine Wissenschaft, so darf auch die Wissenschaft des Judentums nicht ausschließlich in der Abstraktion von literarischen Produktionen gedacht werden. Wahrhaft lebendig wird sie erst in den Urhebern, in den Schöpfern der wissenschaftlichen Werke. Es kann daher nicht genügen, in den literarischen Erzeugnissen die Wissenschaft des Judentums zu fördern: sie muß vorab gefördert werden in den lebendigen Menschen, welche dieser Wissenschaft sich widmen, welche dieser Forschung obzuliegen zu ihrer Lebensaufgabe machen. Und es kann weder dabei sein Bewenden haben, daß die Rabbiner die alleinigen Träger