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Jüdische Korrespondenz · 1918-05-02 · 15 (2.5.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
15 (2.5.1918)
Date
1918-05-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 15 Jüdische espojadenz. lung der Orthodoxie zur Wiener Kultus gemein de und zu den Gern einderabbineru ist bekannt und in prinzipielle!- Hinsicht liegt gar kein e Berau las s ung vor, diesbezüglich irgendwelche Aenderring eiutrcten zu lassen. Unter Wahrung des prinzipiellen Standpunktes hat sich die Orthodoxie anderseits diesmal nicht veranlaßt gesehen, gegen die Wahl des vorgeschlagenen Kandidaten spezielle Einwände zu erheben, was der Vertreter derselben, der Präsident des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", Herr H o f b a n e r, gelegentlich der Vorbesprechung auch offen zum Ausdruck brachte. Man darf zunächst nicht außeracht lassen, daß es sich bei der Wahl eines Oberrabbiners der ersten Gemeinde der Monarchie mehr als um eine rein lokale Frage handelt. Der Oberrabbiner von Wien soll gewissermaßen als das geistige Oberhaupt der österreichischen Judenheit, zumindest nach außenhin gelten und gegebenenfalls die Möglichkeit haben, in deren Namen anfzutreten und zu handeln. Er muß deswegen eine hervorragende Persönlichkeit sein, geeignet, eine repräsentative Rolle zu spielen und sich eine angesehene Stellung sowohl innerhalb des Judentums, als auch außerhalb desselben, zu verschaffen. Es mag nun gesagt sein, daß der neugewählte Oberrabbiner diese Eigenschaften bis zu einem gewissen Grade besitzt. Der neue Oberrabbiner erfreut sich auch außerhalb der engeren Grenzen Oesterreichs eines guten Rufes, er gilt als ernster Gelehrter, als Mann der Wissenschaft, der bereits Wertvolles auf diesem Gebiete geleistet Hai. Als Nachkomme einer berühmten Rabbinerfamilie, als Enkel des berühmten Gaon Rabbi Zwi Hirsch Chajes, Rabbiners in Zolkiew, kennt er das unverfälschte Judentum aus erster Quelle und dürfte auch als Wiener Gemeinderabbiner ein entsprechendes Verständnis und ein weites Interesse für die Bedürfnisse und Wünsche jener breiten jüdisch-religiösen Kreise in Wien und in der Monarchie besitzen, das so dringend nötig ist, und daß der erste Rabbiner der ersten Gemeinde des Reiches, unbeschadet dieser seiner Stellung, oder viel richtiger, gerade kraft derselben, haben sollte. Der Vorsitzende des Rabbinatskollegiums in Wien soll in religiöser Beziehung ein Wahrer und Verfechter der religiösen Interessen sein, mag auch die offizielle Gemeinde bis auf weiteres diesbezüglich sogenannten „liberalen" Ansichten huldigen. An Gelegenheit, nach dieser Richtung tätig zu sein und selbständig-kraftvoll anfzutreten, dürfte es nicht fehlen. Wenn Tr. Zwi Perez Chajes in seiner Programmrede feierlichst verkündete, daß nur sein jüdisches Gewissen die Richtschnur für seine Wirksamkeit bilden wird, so wollen wir dieses Wort ganz genau nehmen. Der erste Rabbiner der Wiener Gemeinde soll auch geistiger Führer der Gemeinde sein, worunter wir in erster Reihe die Hebung des religiösen Geistes im Rahmen seines Wirkungskreises verstehen. Wir wollen erwarten, daß der neue Oberrabbiner sich es im Interesse des Judentums angelegen sein lassen wird, nach dieser Richtung zu wirken, und von diesem Gesichtspunkte werden wir seine künftige Tätigkeit beurteilen und bewerten. * lieber die Oberrabbinerwahl erhalten wir folgendes Communique: Im Sinne der Gemeindestatuten fand vorder Vorstandssitzung eine Vertrauensmännerversammlung statt, zu welcher über 200 Einladungen ergangen sind. Der Einladung hat der größte Teil der Geladenen: Delegierte sämtlicher Bezirkskommissionen, Tempelvereine, fonstiger Körperschaften und Gemeindemitglieder, den verfchiedensten religiösen Richtungen angehörig, Folge geleistet. In der Versammlung hielt Oberrabbiner Dr. Chajes seinen programmatischen Vortrag, welcher auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Hierauf fand in Abwesenheit des Kandidaten eine Aussprache statt, an welcher sich mehrere Mitglieder der Versammlung beteiligten, ihre Zustimmung zu den programmatischen Ausführungen Ausdruck gaben und die hohe wissenschaftliche Bedeutung sowie die bisherige erfolgreiche seelsorgerische Tätigkeit des Oberrabbiners Dr. Chajes hervorhoben. Dr. Chajes, welcher einer schon im ^.Jahrhundert bekannten jüdischen Gelehrtenfamilie entstammt, hat die Mittelschule an dem Deutschen Staatsgpmnasium in Brody absolviert, wurde 1894 an der Wiener Universität zum Doktor der Philosophie promoviert und erhielt im Jahre 1898 an der theologischen Lehranstalt in Wien, zu deren eminentesten Schülern er gehörte, das Rabbinatsdiplom. Schon als Hochschüler hat Dr. Chajes durch seine wissenschaftliche Tätigkeit die Aufmerkfamkeit gelehrter Kreise auf sich gelenkt. Im Jahre 1901 wurde er zum Sekretär des Orientalischen Institutes an der Wiener Universität ernannt, erhielt 1902 eine Berufung nach Florenz, wo er als Professor an der Universität und am Rabbinerseminar Geschichte und Bibel dozierte. Seit 1912 ist Dr. Chajes Oberrabbiner in Triest. Hier hat Oberrabbiner Dr. Chajes nicht nur eine intensive wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet, sondern auch auf sozialem Gebiete und ganz besonders bei Ausbruch des Krieges in der Kriegsfürsorge Hervorragendes geleistet. Für das hohe Vertrauen, welches Oberrabbiner Dr. Chajes sich auch bei unseren Regierungsstellen zu erwerben gewußt hat, spricht unter anderem auch die Tatsache, daß ihm die Leitung der israelitischen Militärseelsorge in Triest anvertraut wurde. Von den bisherigen größeren Publikationen Dr. Chajes seien hervorgehoben: Markus- Studien, Berlin 1899; Kommentar zu den Psalmen, 2 Bände, welcher 1907 in 2. Auflage erschien; Proverbia-Studien (Berlin, Schwetschka 1899); Hebräischer Kommentar zu Amos (Kiew 1907); Hebräische Ausgabe von Rabbi S. ben Jathom (Mekize Nirdamin, Berlin 1909—1910). Seine „Beiträge zur nordsemitischen Onomatologie" und „Jüdische und jüdisch-indische Inschriften aus Aden" sind als Sonderberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien 1900, beziehungsweise 1903 erschienen. Dr. Chajes ist feit vielen Jahren Herausgeber, beziehungsweise Mitarbeiter der bedeutendsten wissenschaftlichen Zeitschriften, in welchen zahlreiche Arbeiten von ihm erschienen sind. Dr. Chajes ist Mitglied einer Anzahl gelehrter Gesellschaften. __ Oie Organisation der Orthodoxie. Sonntag, den 5. Mai, um 6 Uhr abends, findet im Hotel Rew-Aork (Pirkas) eine Plenarsitzung des Aktionskomitees statt, zu welcher auch Vertreter breiter orthodoxer Kreise geladen werden. Aus der Provinz ist die Teilnahme mehrerer Delegierter angekündigt. Bei dieser Beratung soll das OrganisationSstatut endgültig festgestellt werden. Nach der Feststellung des Organisationsstatuts wird zur weiteren Arbeit geschritten werden. Das lebhafte Interesse, das der Organisatiousgedanke in den weitesten Kreisen findet, läßt erwarten, daß die bevorstehende Konferenz sich zu einer imposantenKundgcbung der österreichischen Orthodoxie gestalten wird. Oie Zustände in Rußland. Ein Redaktionsmitglied des Jüdischen Preßbureaus in Stockholm, das letzthin einige Wochen in Petrograd zubrachte, teilt über seine jüdischen Eindrücke in Rußland folgendes . mit: Als ich in Petrograd ankam, hatte die Anarchie in Rußland einen unerträglichen Grad erreicht. Sie wuchs zusehends, sie machte täglich rasche „Fortschritte". Der soziale und nationale Bürgerkrieg und die allgemeine Anarchie mußten naturgemäß lähmende Wirkungen auf das jüdische gesellschaftliche Leben auSüben. Ich mußte immer und immer wieder staunen, mit welcher hartnäckigen Energie und Selbstlosigkeit die leitenden jüdischen Kreise unter diesen entsetzlichen Umständen ihre Arbeit fortsetzten. Die jüdische Gesellschaft wird pon einer ungewöhnlichen Furcht vor den kommenden Dingen beherrscht. Allgemein ist die Meinung verbreitet, daß, wenn die Bolschewiki abgewirtschaftet haben, eine Reaktion eiutritt, welche die Juden für das Unheil Rußlands verantwortlich zu machen suchen wird. Viele führende jüdische Persönlichkeiten prophezeien, daß den Juden ein Pogrom bevorsteht, wie er noch niemals dagewesen ist. In diesen Befürchtungen ist einer der Gründe zu erblicken, weshalb die jüdische Gesellschaft jede Berührung mit den Bolschewiki peinlich zu vermeiden sucht. Während meines Aufenthaltes in Petrograd wurde in der Presse über zahlreiche Pogrome berichtet. Teilweise waren diese Pogrome allgemeiner Natur, teilweise begannen sie mit allgemeinen Plünderungen und arteten in antijüdische Exzesse aus, zum großen Teile waren sie von Anfang an gegen die Juden gerichtet. Ein voller Ueberblick über diese Ereignisse war nicht zu erlangen, da der Telegraph und die Post außerordentlich schlecht funktionierten und aus vielen Zentralpunkten wochenlang keine Nachrichten eintrafen. Bei allen Pogromen konstatierte die Presse, daß die zur Hilfe herbeigerufenen Truppen entweder den Pöbel gewähren ließen oder gar sich selbst an den Plünderungen beteiligten. Das wurde von den Juden als Vorbote der kommenden Schrecknisse bezeichnet. Die Juden sind in der gegenwärtigen Regierung nicht vertreten, und zwar aus dem einfachen. Grunde, weil keine einzige jüdische sozialistische Partei mit den herrschenden Parteien zusammenarbeitet. Sämtliche Juden in der Regierung und um dieselbe vertreten nicht-

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