Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 14 (25.4.1918)
- Date
- 1918-04-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 14 santteinwohnerstandes umfassenden christlichen Bevölkerung 2205 Kinder geboren, der rund 40 Proz. jüdischer Bevölkerung 2834 Kinder. Die volle Bedeutung gewinnt die jüdische Geburtenüberzahl erst im Vergleich mit der Sterbeziffer. In den 24 Berichtswochen starben 9595 Christen gegen 7009 Juden. Auch die vorliegenden Ziffern des Gesamteinwohnerstandes Warschaus vom 1. Jauner 1914 (unter 837.234 Einwohnern trotz Eingemeindung vorwiegend christlicher Vororte 343.369 Juden) läßt die Aufwärtsbewegung erkennen. Im Jahre 1909 hatten von 116 polnischen Städten 10 Städte bis zu einem Drittel jüdische Bevölkerung, 33 Städte zwischen 33Vg und 50 Proz. während in 73 Städten die jüdische Bevölkerung die absolute Mehrheit erlangt hatte. Fünf dieser letzterwähnten Städte hatten 80—90 Proz. jüdische Bevölkerung. Gerade diese letzten Zahlen sind für die Erkenntnis der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung der Juden in Polen sehr interessant und bedeutsam. Rundschau. (Oesterreich-Ungarn und die Pogrome in der Ukraine.) Das k. u. k. Ministerium des Aeußern hat dem Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs aus seine Eingabe vom 5. d. M. mitgeteilt, das sein Vertreter in .Kiew telegraphisch beauftragt wurde, Erkundigungen einzuziehen, ob die aus Kopenhagen unterm 3. d. M. gemeldeten Judenpogrome in der Ukraine, speziell in Gluchow, stattgefunden haben und im zutreffenden Falle zwecks Verhinderung solcher Greueltaten zu intervenieren, lieber die angeblichen Pogrome in Tnrkcstan ist dem Ministerium nichts bekannt und ist dasselbe auch nicht in der Lage, von dort verläßliche Nachrichten zu erlangen. Die Bekanntgabe der aus Kiew zu erwartenden Antwort wird dem Exekutivkomitee in Aussicht gestellt. (Salo Cohn-Stiftung.) Frau Camilla Cohn, Witwe nach dem vor Jahresfrist verstorbenen Vertreters der israelitischen Kultusgcmeinde Wien und Präsidenten der Chewra Kadischa, Herrn Salo Cohn s. A., errichtete zum Andenken an ihren Gatten eine dessen Namen tragende Stiftung mit dem Käpitalsbetrage von einer Million Kronen. Aus den Erträgnissen soll die eine Hälfte zur Verleihung von Stipendien an jüdische Familien oder Personen, welche durch den militärischen Kriegsdienst des bisherigen Ernährers — es sei derselbe das Haupt oder ein sonstiges Mitglied der Familie gewesen — beraubt wurden, oder deren Ernährer infolge der Kriegsdienstleistung erwerbsunfähig oder minder erwerbsfähig geworden sind, verwendet werden; die andere Hälfte ist zur Subventionierung einer Heimstätte für verlassene jüdische Kinder zu verwenden, wobei in erster Linie eine derartige, von dem „Wiener Frauenverein zum Schutze armer verlassener Kinder" errichtete oder zw errichtende Heimstätte in Betracht zu ziehen ist. In der am 14. April 1918 stattgehabten Plenarsitzung des Kultusvorstandes brachte Präsident Dr. Alfred Stern die munistzcnte Stiftung der Frau Camilla Cohn zur Kenntnis des Vorstandes. Der Vorstand beschloß einhellig, der Stifterin für diese hochherzige Widmung den Dank auszusprechen. Die Verwaltung der Stiftung geschieht durch ein Kuratorium. Die ersten Verleihungen aus dieser Stiftung werden voraussichtlich gegen Schluß dieses Jahres erfolgen. (Sekretär Dr. Adler.) Der Sekretär der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Emil Adler lvurde als Nachfolger des im Herbst 1917 verstorbenen kaiserlichen Rates Dr. Theodor Lieben zum Ersten Sekretär der Kultusgemeinde ernannt. (Oberkantor Jakob Bauer.) Das 50jährige Berufsjubiläum des Oberkantors Jakob Bauer wurde am 20. d. gefeiert. Während des Gottesdienstes im türkischen Tempel trug Kantor und Chordirigent Löwit eine von ihm komponierte Festhymne vor. Vorsteher Dr. Halfon hielt eine Ansprache. Die Festrede hielt Chacham Ovadja. In der Wohnung fanden sich fast alle Kantoren unter Führung der Oberkautoren Don Fuchs und Morgenstern ein. Es wurde eine „Jakob Bauer-Stiftung" für Kriegswaisen nach Berufskollegen errichtet. Ferner gratulierten der Bezirksvorstand, der Vorstand der türkisch-sephardischen Gemeinde u. v. a. (Die Inden Litauens.) Der Präsident des litauischen Landesrats Herr Smetana, der Führer der vom deutschen Reichskanzler Grasen von Hertling empfangenen, nach Berlin entsandten litauischen Abordnung, hat sich in einer Unterredung mit Herrn Prof. Doktor Ludwig Stein-Berlin über die Juden Litauens folgendermaßen ausgesprochen: „Wilna ist nach der heutigen kaiserlichen Erklärung endgültig als Hauptstadt Litauens anerkannt. Im Gegensatz zur polnischen Statistik, die ganz anders geartete Zahlen aufweist, haben wir Litauer auf Grund einer Volkszählung vom Jahre 1915 festgestellt, daß in Wilna nur nur 3000 bis 4000 Polen, 33.000 litauisch sprechende Litauer, deren Eltern noch litauisch gesprochen haben leben, dazu 70.000 Juden, die sich neutral verhalten und die letzten Endes sich aus jene Seite schlagen werden, die die Regierungsmacht in der Hand behält. Da wir den Juden alle Rechte als freie Bürger Litauens ebenso einräumen, wie den Deutschen, Polen und jeder anderen Minderheit, so ztvcifeln wir keinen Augenblick daran, daß sich die Inden, sobald der Staat Litauen auf eine feste Grundlage gestellt ist, auf die litauische L-eite schlagen werden (?)" (Maßnahmen zum Uebergang in die Friedenswirtschaft.) Aus Petersburg wird gemeldet: Die Gesellschaft zur Entwickelung des jüdischen Handwerks im Verein mit der jüdischen Soldatenorganisation beschloß, aus Anlaß der Demobilisierung der russischen Armee Maßnahmen der ökonomischen Hilfe für die zurückkehrenden jüdischen Soldaten und Gefangenen zu treffen. Es wird die Eröffnung von Arbeitsbureaus, Handwerkerschulen und Kursen geplant. Die genannte Gesellschaft ist auch mit der Ausarbeitung eines großzügigen Planes für die Entwickelung der Gartenkultur, der höheren Bodenarbeit und Milchproduktion unter den Juden Rußlands beschäftigt. In der Nähe Petersburgs wurde den Juden ein großer Bodenkomplex angewiesen, auf welchem bereits mit der Anlegung jüdischer Gürten begonnen wurde. Die Schule der Schwestern voni Roten Mögen Dowid in Odessa wurde in eine jüdische Feldscherschule verwandelt. (Verbot des Jiddische« und Hebräische« i« England.) Auf Verfügung der englischen Zensurbehörden wurde in England die Korrespondenz in hebräischer Schrift verboten; es werden keine Briefe mehr in dieser Schrift befördert. Die Gründe sind vorläufig unbekannt. Dadurch ist es aber nunmehr den Juden unmöglich gemacht worden sich miteinander auch in jiddischer Sprache zu verständigen, weil eigentlich nur diese allein im Leben im Gebrauch ist. („I. P. Z.") (Ein Talnind-Thora in Schweden für die eiugewanderten Juden.) Mau schreibt der „I. P. Z." aus Stockholm: Am 10. März wurde die durch Herrn Direktor Feinik gestiftete Talmud-Thora-Schule für die Kinder der eingewanderten Juden feierlich eröffnet. Die Zeitung „Dagens Nyheter" bezeichnet diese Schule als die erste ihrer Art in Schtveden. (Die Vertretung der Juden im preußischen Herrenhause.) Im Verfassungsausschuß des preußischen Abgeordnetenhauses erklärte der Minister des Innern aus Anfrage, daß Vertreter der orthodoxen und liberalen Juden in gleicher Anzahl aus königlichem Vertrauen in das künftige Herrenhaus berufen werden sollen. (Gemeindewahlen in Polen.) Aus Warschau wird berichtet: Die Gemeindewahlen rücken näher, sie sollen bereits am 29. April — nach neuesten Angaben anfangs Mai — beginnen, doch scheint man in den jüdischen Gemeiudebureaus noch nicht recht an die Vorbereitungen Herangehen zu wollen. Die verschiedenen Wahlkomitees entfalte» ein reges Leben und halten fast täglich Beratungen und Versammlungen ab. Auf der Sitzung des Zentralkomitees der Agudas Hoortvdoxim wurde eine zwölfgliedrige Organisatiouskommission gewählt, die den Wahlkampf in die Hand nimmt. Die Kommission wurde noch ergänzt durch je drei Mitglieder der orthodoxen Jugendvereiue „Tewnna" und „Bene Thora". Die gesetzestreue Jugend stellt sich freudig und eifrig in den Kampf für die gute «Sache. (Die Begründung einer hebräischen Blindenbibliothek) wird von dem Verein „Jüdische Blindenanstalt für Deutschland", der in Steglitz bei Berlin ein Blindenheim unterhält, geplant. Die für die Blinden hergestellten Werke werden in einer dem Braillesystem ähnelnden Punktschrift hergesteüt, die der Leiter der Steglitzer Anstalt, Direktor Friedberger, kombiniert hat. Diese hebräische Bibliothek dürfte für die unglücklichen Blinden von hoher Bedeutung werden. Sie wird vor allem dem religiösen Bedürfnis der Blinden dienen, welche Gebete und Bibel im Urtext lesen wollen. Neben den jüdischen Blinden werden aber auch kriegsblinde Akademiker, welche christliche Theologie studieren, voraussichtlich gern und reichlich die Bibliothek gebrauchen. Eine kleine Sammlung hebräischer Werke in der neuen Punktschrift steht bereits zur Verfügung. Die Vermehrung dieser Sammlung erfolgt durch die opferwillige Mitarbeit einer Anzahl von freiwilligen Helferinnen, die sich der Mühe unterziehen, die Texte aus dem üblichen Schwarzdruck den blinden Anstaltsinsassen zu diktieren, welche dieselben in die Blindenschrift übertragen. (Jakob H. Schiff und die Leistungen der amerikanische» Inden.) Die groß- (Fortsetzung auf Seite 6.)