Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 14 (25.4.1918)
- Date
- 1918-04-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. über zur roten Garde gehören, versteht dieses Schlagwort sehr gut 'und ist dafür höchst empfänglich. Da hat jeder Agitator leichtes Spiel. Daß der Zweck die Mittel heiligt, diese Maxime hat sich die Entente langst zu eigen gemacht. Was wunder also, wenn sie zu dem Naheliegenden greift und es mit dem größten Raffinement in den Dienst ihrer „löblichen" Arbeit stellt . . . Diese Arbeit wird natürlich durch den Umstand erleichtert, daß an der Spitze der Bolschewiki mehrere Juden stehen und daß das neue Regime als im Dienste der Mittelmächte stehend geschildert wird. Vielfach ist man Zeuge tragikomischer Erscheinung, daß die Emissäre der Entente, die immer die Mittelmächte als die schwärzesten Teufel der Reaktion schilderten, diese nunmehr als die Stützen der extremsten Revolution darstellen. Die Herren der Entente haben das höchste Interesse daran, in Rußland den Wirrwarr nicht verschlvinden zu lassen. Was alteriert sie, wenn dies aus Kosten der Juden geschieht?! . . . Daß die Regierung an und für sich vielfach ohnmächtig ist, Abhilfe zu schaffen, ist klar. Aber außer dem Mangel an entsprechender Macht, fehlt es auch hie und da an gutem Willen, Nach wie vor gelten doch die Inden als die Bourgeois, die das alte Regime herbeiwünschen, — wie soll die Regierung den Mut aufbringen, ihr Leben und Vermögen zu schützen, ohne Gefahr zu laufen, die rote Garde vor den Kops zu stoßen. Der Jude ist also auch diesmal der Sündenbock! Die in Großrußland sich befindlichen Juden beneiden jetzt wahrlich ihre Brüder in den Randländern, die all dieser Sorgen um das nackte Leben bis auf weiteres los seien. Sie haben aber auch die Ueberzeugung gewonnen, was die Tiraden der Entente von Freiheit, Recht und Menschlichkeit wert sind. In den der Regierung nahestehenden Kreisen wird behauptet, daß das Gros der Juden Anhänger Kerenskis ist und man beruft sich diesbezüglich auf die Haltung der jüdischen Blätter, die seinerzeit Kerenski gegen die Bolschewiki gestützt hätten. Wie weit dies der Fall ist, läßt sich bem Außenstehenden natürlich nicht feststellen. Immerhin stehen wir vor der traurigen Tatsache, daß das Los der Inden in Großrnßland heute ein überaus beklagenswertes ist und es muß ihnen wohl wenig Trost bieten, daß sie sozusagen für die Interessen der kulturtriesenden Engländer, Franzosen und Amerikaner bluten. Sie würden gerne auf diese Ehre verzichten. Allein, die Revolution hat sich vom Joche des Zarismus befreit, wer aber wird sie vom Joche ihrer „Freunde" aus dem Westen befreien! — Traurig, aber wahr... Z’foni. Oie Organisation der Orthodoxie. Sonntag, den 2l. d. M-, nachmittags fand unter Vorsitz des Präsidenten Herrn B. Hofbauer eine Sitzung des Vorstandes des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" statt, der auch einige Mitglieder des Aktionskomitees zur Schaffung einer Gesamtorganisation der Orthodoxie in Oesterreich beigewohut haben, darunter die Herren M. Ungar, Delegierter des Vereines „Sinai" aus Prag, und der Vorsitzende der galizischen „Agudas-Jisrael", Herr I. I. Thumim. Zunächst wurde die wieder aufs Tapet gelangte Gemeindebundfrage eingehend besprochen und die Stellungnahme der Orthodoxie zu dieser Sache bestimmt. Eine diesbezügliche Aktion wird seitens der Organisation, gemeinsam mit der „Aguda" und dem galizischen Rabbinerverband eingeleitet werden. Hierauf wurden die Organisationsfragen erörtert. Herr Ungar konnte sehr erfreuliche Mitteilungen über den Laus der Arbeiten in Böhmen machen, wo der Organisationsgedanke immer weitere Kreise umfaßt und die besten Erfolge erwarten läßt. Auch aus anderen Kronländern lausen günstige Nachrichten ein. Es wurde beschlossen, am zweitnächsten Sonntag eine Sitzung des Aktionskomitees abzuhalten, um die Organisationsfrage zu bereinigen und auf Grund des neuen Entwurfes die Vorbereitungen zum Delegiertentag in Angriff zu nehmen. Dieser soll in den ersten Tagen nach dem Schemnautfeste stattfinden. Die Mitglieder des Aktionskomitees werden ersucht, die ihnen zugegangenen Organisationsentwürfe ehestens einer genauen Prüfung zu unterziehen, womöglich gemeinsam mit ihren engeren Gesinnungsgenossen, und ihre eventuellen Bemerkungen und Anregungen dem Sekretariate zugehen zu lassen, damit die Organisationsfrage erledigt werden könnte. Der Präsident, Herr Hofbauer, spendete K 2000 für den Organisationsfouds, Vizepräsident Herr Eduard Deutsch stellte ebenfalls K 2000 und Herr Ungar-Prag K 1000 zur Verfügung. Weitere Spenden sind angesichts der großen Kosten, die die Organisationsarbeit erforderlich macht, im Interesse der Sache sehr erwünscht. Hoffentlich findet das Beispiel der Herren Hosbauer, Deutsch und Ungar zahlreiche Nachahmer. Exzesse gegen die Juden in Krakau. Die Wiener Tageszeitungen vom 23. dieses Monats melden: „Wie aus Krakau berichtet wird, haben dort am 16. d. M. große Ausschreitungen gegen die Juden stattgefunden, unter deren Opfern sich ein Toter befindet. Die Unruhen begannen um 9 Uhr vormittags aus dem Marktplatze mit der Plünderung jüdischer Buden und arteten bald in eine wüste Schlägerei aus. Die Exzedenten, die zum größten Teile aus Legionären, Studenten, Eisenbahnern bestanden, überfielen die Straßenbahnwagen, schleppten Inden heraus und schlugen auf sie ein. In der ganzen Stadt wurden den Juden die Fensterscheiben eingeschlagen, jüdische Läden geplündert und zahlreiche Personen verwundet. Die jüdischen Geschäfte wurden sofort gesperrt, wurden jedoch vom Pöbel ausgebrochen, während die offenen christlichen Geschäfte vollkommen unbehelligt blieben; schon aus diesem letzteren Umstande erhellt, daß es sich keineswegs um Hungerexzesse, sondern um einen regelrechten Pogrom nach russischem Muster handelt. Der Jude Pctachfa Meller aus Stryj wurde erschlagen. Er war ein Einundfünfzigjähriger, der eben erst vom Militär beurlaubt wurde, und hinterläßt zwölf unversorgte Kiirder. Er war zum Besuch seines Sohnes, der krank in einem Krakauer Militärspital liegt, von Stryj nach Krakau gekommen. Am Mittwoch wurde eine Protestversammlung abgehalten und die Juden ausgefordert, angesichts der Passivität der Polizei einen Selbstschutz zu organisieren. Das Begräbnis des Erschlagenen vollzog sich unter großer Beteiligung und unter großer Erregtheit." Seitens der maßgebenden Faktoren i st das Nötige veranlaßt worden, um die Wiederholuüg derartiger Vorkommnisse hintanznhalten. Aber auch die Polen sollten im eigenen Interesse sich bestreben, allen derartigen Versuchen einen Riegel vvrzuschieben. Die polnische Presse bemüht sich wohl zum Teile, diese Vorkommnisse zu verurteilen. Aber mit dieser platonischen Aktion ist wenig geholfen, wie die Erfahrung gelehrt hat. Die Krakauer Ereignifse sind leider keine isolierte Erscheinung. Schon früher ist es in manchen galizischen Städten zu, Ausschreitungen gegen die Juden gekommen. Wäre es auch verfehlt, die gesamte polnische Nation hiefür verantwortlich zu machen, so muß diese anderseits alles daransetzen, um das Aufkommen derartiger Erscheinungen im Keime zu ersticken. Dies gebietet den Polen nicht bloß das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, in deren Namen sie vor aller Welt Ansprüche erheben, sondern das eigene Interesse. Solche Vorkommnisse könnten dem Rufe der Polen sehr schaden. Die ernsten polnischen Kreise sollten daher den Mut ausbringen, den Machenschaften gewisser destruktiver Elemente, die im Judenhaß und im Exzeß das Mittel sehen, ihre einseitigen Ziele zu verfolgen, energischer und kräftiger als bis jetzt entgegeuzutreten. Die Ausrede, daß es sich um einfache Ernährungsausschreitungen handelt, kann da nicht gelten, da die Exzesse einen ausgesprochenen antijüdischen Charakter hatten. Es ist auch lächerltch, die Juden der Preistreiberei und des Schleichhandels zu beschuldigen. Heute weiß es jedes Kind, daß eS nicht bloß Juden sind, die sich diesbezüglich hie und da etwas zuschulden kommen lassen, sondern daß alle Gesellschaftsschichten, angefangen vom Großgrundbesitzer und Großindustriellen bis zum kleinen Marktweib, Preistreiberei und Schleichhandel direkt oder indirekt betreiben. Es geht daher nicht an, mit solchen Ausreden die Hetze gegen die Juden rechtfertigen zu wollen. Dieser Tage hat eine Deputation des galizischen Rabbiuerverbaudes, bestehend aus den Rabbinern: Steinberg-Brody, Katz-Borszczow, Halberstamm-Sokolow und Weidenfeld- Grzymalow beim Minister des Innern, Grafen Toggenbnrg, in Angelegenheit der Hilfsaktion für die nach Galizien zurückkehrenden Rabbiner vorgesprochen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Vorgänge in Krakau zur Sprache gebracht und dringend um Hilfe ersucht. Seine Exzellenz Graf Toggenbnrg versicherte hiebei die Deputation, daß die Regierung die schärfsten Maßnahmen angeordnet hat und die strengsten Mittel zur Anwendung bringen wird, um die Wiederholung solcher Ereignisse bezüglich bei der Regierung interveniert worden, wobei die weitgehendsten Zusicherungen erteilt wurden." Die „Polnischen Nachrichten" melden: Aus die Nachricht, daß am 16. und 17. d. in Krakau Krawalle ausgebrochen sind, die ihre Spitze gegen die Juden kehrten, begaben sich