Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 14 (25.4.1918)
- Date
- 1918-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische RoPFEspondenz Ganzjährig K8, halbjährig K4,; Wochenblatt für jüdische Interessen. vierteljahng; K 2. i Redakteur: Jonas Kreppei. Einzelnummer 20 Heller. r r j Redaktion u. Administration : ' Wien, VIII. Alserstraße 55. i Erscheint jeden Donnerstag. Mr. 14 Wien, 25. April 1918. 1f. Jahrgang. Gesteweich-Ungarn und die Juden in der Ukraine. In den letzten Tagen weilten mehrere Kaufleule aus Odessa in Wien, die hierher gekommen waren, um Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Unser Redakteur hatte die Gelegenheit, mit einem derselben ein Gespräch zu führen und wir geben im Nachstehenden einen Teil seiner interessanten Aeußerungen wieder: „Es wäre verfehlt — erklärte unser Gewährsmann — leugnen zu wollen, daß das Gros der Juden in der Ukraine der Lostrennung des Landes von Großrußland mit einiger Sorge entgegensah. Es sind mehrere Momente, die hiefür maßgebend waren. Einerseits war der geistige Zusammenhang zwischen den Juden in der Ukraine und ihren Brüdern in Großrußland ein ziemlich fester und reger und man möchte nur ungern diesen Zusammenhang missen. Die Juden Großrußlauds stehen auch auf einer höheren geistigen Stufe und girkten vielfach befruchtend auf ihre Brüder i Süden. AuberssM spielt auch das wirkffchä^Iliche^ MRölsttOMne Ivk^iimch^ lükblle. Da Rußland bisher von der Außenwelt fast vollständig abgeschlossen war, konnte auch der Handel mit dem Auslande nur ungenügend gepflegt werden. Die Handelswelt in der Ukraine hatte deswegen nur wenig Beziehungen mit der Monarchie und der Verlust der russischen Absatzgebiete bedeutet für dieselbe gewissermaßen einen Sprung ins Blaue. Es ist wohl wahr, daß die Lage der Juden in Rußland bislang eine sehr traurige war. Aber wir hatten nie die Hoffnung verloren, daß es einmal auch in diesem Riesenreiche Tag werden wird. Diese Hoffnung schien vor Jahresfrist in Erfüllung gegangen zu sein. Wir erhielten die langersehnte Gleichberechtigung und sahen besseren Zeiten entgegen. Dje Dinge haben aber einen ganz anderen Verlauf, als erwartet, genommen. Anstatt der so sehr ersehnten und mit Jubel begrüßten Freiheit kam die Anarchie, das Chaos, die Unsicherheit, das Ungewisse, das noch vielfach ärger als die früheren Leiden war. Gleich den anderen Bevölkerungskreisen begrüßten wir daher den Einmarsch der Befreier, der Truppen der Mittelmächte, und ich kann ohne jede Heuchelei sagen, daß besonders die österreichisch-ungarischen Truppen mit ihrem korrekten und freundlichen Verhallen das Vertrauen der Bevölkerung erweckt haben. Wir mußten einsehen, daß die engere Verbindung mit Großrußland, so sehr sie uns aus den früher geschilderten Gründen lieb war, zur Unmöglichkeit geworden ist. Die Verhältnisse, >vie sie in den letzten Wochen und Monaten ausgeartet sind, waren auch kaum geeignet, diesen Wunsch noch allzu rege zu erhalten. Wir wollen die Zukunft nicht Voraussagen und keine Horoskope stellen, — aber lvir finden uns mit der Wirklichkeit ab und befreunden uns mit dem Gedanken, daß es von nun an unser Schicksal sein wird, mit der österreichischungarischen Monarchie in engere Beziehungen zu treten und auch mit unseren Brüdern in der Monarchie lebhaftere Beziehungen anzuknüpfen, wie sie uns früher mit den Juden Großrußlands verbunden hatten. Die bisherigen Erfahrungen, die natürlich ob der Kürze der Zeit nicht überschätzt werden dürfen, haben uns immerhin gelehrt, daß dies möglich und beiden Parteien nützlich sein dürfte. Die österreichisch-ungarische Handelswelt hat sich ob ihrer Korrektheit seit jeher eines guten Rufes erfreut und insofern uns nur die Möglichkeit geboten werden sollte, die wirtschaftlichen Beziehungen entsprechend auszugestalten, könnten sowohl die Ukraine als auch die Monarchie daraus wesentlichen Nutzen ziehen. Freilich, so im Handumdrehen geht dies nicht, Jahrhunderte alle Beziehungen zu lösen und neue anzuknüpfen — das kann nicht von heute auf morgen geschehen. Aber "M «fipr guten WiM wird fichUckf" Laufe der Zeit vieles erreichen lassen, wobei die Frage, in welcher Form diese Beziehungen im Sinne des internationalen Rechtes geregelt werden würden, eine wesentliche Rolle spielen Da ein wesentlicher Teil des Handels in der Ukraine in jüdischen Händen sich befindet, so ist auch die jüdische Handelswelt in Oesterreich-Ungarn berufen, da eine große Rolle zu spielen. Der jüdische Kaufmann ans Kiew und Odessa wird sich mit dem jüdischen Kaufmann in Wien und umgekehrt viel leichter verständigen können, wenn einmal das gegenseitige Vertrauen platzgegriffen haben wird, was freilich eine Frage der Zeit ist. Gleichzeitig würden wir die Gelegenheit haben, mit den Juden der Monarchie die geistigen Beziehungen anzuknüpfen, die sonst die Juden aller Länder miteinander verbinden. Bisher waren wir fast voneinander abgeschlossen und kannten uns kaum. Wir hatten kaum ein richtiges Bild von den jüdischen Verhältnissen in Oesterreich-Ungarn und gar manche Vorurteile machten sich breit. Um es ungeschminkt zu sagen: wir hielten die Juden i» Oesterreich-Ungarn als jüdisch-geistig minderwertig und hatten auch von deren politischer Position eine vielfach falsche Vorstellung. Die russische Presse, unsere einzige „gcistig"-politiscke Nahrung, hatte ja die Aufgabe, die Verbältnisse in der Nachbarmonarchie in den düstersten Farben zn schildern. Blätter aus Oesterreich- Ungarn gelangten nur selten über die Grenze und selbst die jüdische Presse in der Monarchie war uns fremd und fast unbekannt. Nun dürfte es anders werden. Wir werden einander kennen, verstehen und einschätzen lernen. Wir werden gegenseitig ans einander befruchtend wirken und gar manches nachholen, was im Laufe der Zeit vernachlässigt wurde. Wir rechnen dabei auf die tatkräftige Förderung und Unterstützung seitens der berufenen Faktoren. Wir wissen, daß die Tore der Nachbarmonarchie stets vor den Pogromflüchtlingen aus Rußland offen standen und tvissen dies zu schätzen. Wir erwarten, daß die politischen und die wirtschaftlichen Faktoren der Monarchie es nicht an Bemühungen werden fehlen lassen, um die Anknüpfung engerer Beziehungen zu erleichteni und erwarten, daß sich besonders die Juden Oesterreich-Ungarns es angelegen sein lassen werden, diesbezüglich das mögliche beantragen. Dann werden 'wir den eventuellen Verlust der bisherigen Beziehungen mit Großrußland, der naturgemäß eintreten müßte, leichter verschmerzen und in den neuen Beziehungen einen zumindest teilweisen Ersatz hiefür finden. Dies dürfte auch der Monarchie nur zum Vorteil gereichen." Anttiiidische Lntentemachinationen in Rußland. (Spezialbericht der „Jüd. Korrespondenz".) Stockholm, 18. April. Die Kämpfe, die sich seit Wochen in Finnland abspiclen, brachten es mit sich, daß der direkte Verkehr zwischen Rußland und Schweden fast völlig unterbunden ist. Die Nachrichten aus dem ehemaligen Zarenreiche kommen daher nur sehr spärlich und lassen sich auch nicht auf ihre Richtigkeit kontrollieren. Das aber, was man von dort erfährt, ist leider sehr traurig. Die Judenhetze hat wie in den guten alten zaristischen Zeiten sehr stark eingesetzt und die Pogrome sind auf der Tagesordnung. Was diesen Erscheinungen ein besonders charakteristisches Gepräge gibt, ist die Tatsache, daß es jetzt die auswärtigen, richtiger: Ententcemissäre sind, die die Hetze fördern und geradezu betreiben. Die Herren in Paris und London, die früher, wenn auch sehr selten und noch weniger ernst und energisch, ein gutes Wort zugunsten der russischen Juden zu sprechen pflegten, sind heute die ärgsten Hetzer. Sie haben sich darauf verlegt, das Chaos im neuen Rußland nicht verschwinden und das Reich nicht zur Ruhe kommen zu lassen, in der Erwartung, es könnte auf diesem Wege gelingen, eine neue Umwälzung herbeizuführen und dem Zarismus, oder zumindest den Miljukow und Genossen den Weg zur Herrschaft zu bahnen. Nun gibt es kein leichteres und bequemeres Mittel, um Unruhen zu stiften, als eine Judenhetze zu arrangieren. Der russische Pöbel, mag er zur schwarzen