Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 13 (18.4.1918)
- Date
- 1918-04-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jeschurun. Nr. 13 umgesetzte Reaktion auf brudermenschliches Leiden ist jüdisches Mitleid. „Oeffne, öffne deine Hand deinem Bruder, deinem Armen und deinem Bedürftigen." — Und stehe nicht mit vielem Seufzen tatenlos bei seinem Weh, denn also findest du keine Brücke zu seinem Schmerz. Soziale Hilfstätigkeit ist eine jüdische Erfindung. Weniger sie als ihre erste, wenn auch nicht einzige Voraussetzung, das tätige Mitleid. Und dieses ist keine Forderung, die gebilligt und verworfen werden kann, es ist keine vom Verstand erfundene Methode zur Verhütung gesellschaftlicher Verbrechen, denn als solche könnte sie einem scharfen Angriff, ihrer praktischen Unzulänglichkeit und ihrer sich selbst widersprechenden Unlogik wegen, nicht standhalten. All dies ist Mitleid, jedoch nicht Jüdisches Mitleid, d. h. werftätiges, helfendes Mitleid ist eine Grundtatsache, ein seelisches Erlebnis, und eine innere Nötigung. Und sollten sich auch bei einer nachträglichen Reflexion Bedenken gegen dasselbe erheben, so können sie von gar keiner Bedeutung sein, angesichts der Wichtigkeit der Rettung von Menschenleben und der Linderung ihrer Leiden. Jüdisch ist dieses Mitleid vor allem deshalb, weil unsere ganze abendländische Ethik jüdischen Ursprungs ist. Selbst Tolstojs neues Evangelium ist nichts anderes, als die Neuauflage jüdisch-ethischer Hilfsbereitschaft. Wenn sich nun I. L. Perez zum feurigen Ausruf hingerissen fühlt: „Rachlust ist kein jüdisch Ding", sind wir zur Erkenntnis berechtigt: Mitleid ist ein jüdisch Ding! Als Feind jeglichen Rassen- oder Nationalitätendünkels will ich mit all dem nicht gesagt haben, daß die Eigenschaft Mitleid zu empfinden etwa nur bei Juden vorkäme. Bei weitem nicht! Bloß, daß die einmal in die Welt gesetzte und aus derselben nimmermehr wegzudisputierende Idee der auf Mitleid gegründeten Nächstenhilfe, eine jüdische ist, will ich behauptet haben. Und all die Glaubensbrüder, die das Eis ihres Herzens nicht zur Schmelze bringen wollen oder können, deren erzgepanzerter dünkelhafter Trotz weit erhaben über die kleinlichen Regungen mitleidsvoller Menschen stehen, gehören die auch noch zu dem „Priestervolk", sind das auch noch „Rachamon im bene Rachamonim“, auch noch Menschen? Die hebräische Sprache kennt das Wort „Achsori“. Und dieses ist mehrdeutig! Letzte Regel, Jordans Wort: „Sei mitleidig, o Mensch"! pirke Aboth. (Sprüche der Väter.) Unsere Weisen haben die Einrichtung getroffen, daß wir während der Sommermonate an jedem Sabbat einen der fünf Abschnitte der Sprüche der Väter lesen, und haben als sechsten Abschnitt die Boreitha hinzugefügt. Es sind Aussprüche der gefeiertsten Träger der thanaitischen Periode, welche mit den Vorgängern Schimeons des Frommen beginnt, mit den Männern „der großen Synode" hinabreicht bis zu den Nachfolgern des Rabi Jehuda Hanasi und einen Zeitraum von fast 500 Jahren umfaßt. — Diese Aussprüche haben mit der Spruchweisheit anderer Völker keine Aehnlichkeit. Die Ethik der Weisen anderer Nationen ist das Ergebnis ihres eigenen Nachdenkens, während die Sittenlehre des Judentums aus der göttlichen Offenbarung hervorgegangen ist. Darum sagten mit Recht die späteren Weisen: „Wer ein wahrhaft Frommer werden wolle, der halte sich an diese Aussprüche". Wie reich auch das Meer des Talmuds an verborgenen Perlen ist, wie sehr es dem kühnen Taucher das Wagnis lohnt, mit dem er in diese nie ganz zu ergründende Tiefe dringt, — reinere Sittenlehren, gediegenere Kernsprüche, sinnreichere Betrachtungen über Leben und Tod, Pflicht und Beruf, Streben und Ziel findet er nicht als sie die fünf Kapitel der Pirke Aboth bieten. Die spätere Liturgie hat deshalb eben sowohl eine volle Würdigung dieses ethischen Schatzes, wie ein rechtes Erkennen des sittlich-religiösen Bedürfnisses bekundet, daß sie die Sprüche der Väter zu einem permanenten Bestandteil des synagogalen Ritus erhoben hat. Wir werden diese Aussprüche auszugsweise in dieser Nummer und in den nächsten Nummern bringen und lassen uns bei der Auswahl leiten, daß wir vorzüglich jene abdrucken, die zu unserem Programm am aktuellsten erscheinen. Schimon der Gerechte war von den Letzten der großen Versammlung. Er pflegte zu sagen: Auf drei Dingen steht die Well: auf der Thora, auf dem Gottesdienst und auf Liebestätigkeit. Antigonos aus Socho empfing von Schimon dem Gerechten. Er pflegte zu sagen: Seiet nicht wie Diener, die den Herrn bedienen in der Absicht. Lohn zu empfangen, sondern seiet wie Diener, die den Herrn bedienen nicht in der Absicht, Lohn zu empfangen, und sei Furcht des Himmels über euch. Jose, Sohn Joesers, aus Zereda und Jose, Sohn Jochanans, aus Jeruschalaim, empfingen von ihnen: Jose, Sohn Joesers, aus Zereda sagt: Sei Dein Haus ein Zusammenkunftsort der Weisen, bestäube Dich mit dem Staub ihrer Füße, und ftinke mit Durst ihre Worte. Jehoschua, Sohn Perachjas, und Nithai der Arbelite, empfingen von ihnen: Jehoschua, Sohn Perachjas, sagt: Schaffe Dir einen Lehrer, erwirb Dir einen Genossen und beurteile alle Menschen nach der guten Seite. (Fortsetzung folgt.) . vereinsnachrichten. Das Wintersemester der Knabenkurse wurde mit Pessach beendet. Die Kurse leitete Se. Ehrw. Herr Rabb. S. Neuwirth. Herr Rabb. Neuwirth verstand eS, die Jugend für jüdische Ideale zu begeistern, was sich durch die zahlreiche Teilnehmerschaft und den guten Lehrerfolg im besten Lichte zeigte. Diese Erfolge sichern dem Kursleiter sowohl die Dankbarkeit der Eltern, deren Kindern er sein bestes Können in selbstloser und aufopferungsvoller Weise gab; auch der Vorstand des „Jeschurun" anerkennt dankbar seine segensreiche Tätigkeit. Das Sommersemester begann Samstag, den 13. April, und es ist dem Vorstande gelungen, zum Leiter dieser Kurse Se. Ehrw. Herrn Rabb. S. Wiesner zu gewinnen. Herr Rabb. Wiesner war bisher Leiter des „Jeschurun" in Breslau und hat dort die Jeschurunkurse zur höchsten Blüte gebracht. Der Vorstand des „Jeschurun" bittet die Eltern der gesetzestreuen Mittelschüler, deren Teilnahme an den Kursen schriftlich anzumelden an die Adresse: „Jeschurun", I., Salzthorgaffe 2. Todesfälle. In zwei Familien aus der Reihe unserer Mitglieder, in welchen noch die Liebe zur Thora glüht, ist gerade während des Peffachfestes tiefe Trauer eingezogen. Die Festesfreude wurde durch den plötzlichen und unerwarteten Verlust ihres Familienoberhauptes zur Trauer. Trauerklage ist in unserer Festeszeit nicht gestattet, und wenn wir auch schweigen mußten, so gab auch dieses Schweigen beredten Ausdruck für die innige Teilnahme all unserer Vereinsmitglieder an diesem unersetzlichen Verlust, den das Hinscheiden des Herrn Adolf Grünwald s. A. und des Herrn Julius Leitner s. A. für deren Familien, für unsere Gemeinde und für unseren Verein bedeutet. In unserer persönlichkeitsarmen Zeit berührt es noch um so trauriger, wenn Männer, die ihr Leben hindurch für jüdische Ideale kämpften, frühzeitig entriffen werden. Unsere Teilnahme wendet sich an die trauernden Familien, denen wir in aufrichtigem Mitgefühl hamokaum jenachem eschem zurufen. Und reicht die Hand ihm freundlich hin und spricht: „Bringst du von meiner Mutter mir Bericht?" Und der: „Was willst du noch Bericht von mir? Sie werden dir doch schon geschrieben haben? Die Frau war alt, der Friede sei mit ihr, Lagb'omer war's, da hat man sie begraben!" Und wie ein Blitzstrahl trifft den Sohn dies Wort, Er schleicht sich still in das Getümmel fort. Will Niederkämpfen seines Herzens Pochen, Allein umsonst, die Kraft ist ihm gebrochen, Und Sehnsucht füllt sein Herz mit Leid und Lust Nach einer mitleidsvollen Bruderbrust. Doch sieh', die weibschen Bande sind erschlagen. Wer hat hier Zeit, nach seinem Schmerz zu ftagen? Fremd wogt um ihn das bunte Marktgewühl, Hier kauft man alles — nur kein Mitgefühl; Der gold'ne Schlüssel schließt die Herzen nicht, Fremd jeder Ton, fremd jedes Angesicht, Und in der großen Welt, die ganz nun sein, Steht er am Ziele jetzt — fremd und allein. Er blickt empor mit schmerzlichem Verlangen; Da fühlt er plötzlich seine Hand erfaßt. Der alte Nathan ist ihm nachgegangen Und spricht: „Wenn du's von mir erfahren hast, So tut mir's leid. Geschehen ist gescheh'n, Und was von Gott kommt, soll man ruhig ftagen. Ich geh' zur Schul' jetzt, willst du mit mir aeh'n, So kannst du deiner Mutter Kadisch sagen." Durch enge Gassen wandeln stumm die Zwei Und fteten schweigend in des Tempels Pforten. Da murmelt's leise von Gebetesworten, Da summt's in altbekannter Melodei; Da füllen sich um Benjamin die Räume Mit Bildern halbvergess'ncr Jugendträume, Er lauscht der Sprache, die dem Kind geklungen- Jn der, wenn er die Sabbatnacht begrüßt, Sein frommer Vater Psalmen einst gesungen. In der die Mutter segnend ihn geküßt. Und wie er hinftitt zu dem heil'gen Schrein, Um der Verklärten an des Altar's Stufen Den letzten Gruß der Liebe nachzurufen. Und tönend stimmt die Gemeinde ein — Da überkommt's chn wie in frühem Tagen, Er sieht die Mutter festlich weiß geschmückt. Er sieht sie gegen Osten fromm gebückt, Amen, jehe schmee rabbo sagen, Und tränenvoll hebt sich fein Aug' empor, Und wieder hat sein Herz, was es verlor. Es schweigt der Chor, das Traumbild ist zerronnen. Doch einen süßen Trost hat er gewonnen: Die ihn umsieh'n in wehmutsvollem Kreise, Sie beten ja mit ihm dieselbe Weise, Sie scheinen mit um seinen Schmerz zu weinen; Er fühlt sich heimisch, er fühlt sich bei den Seinen.