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Jüdische Korrespondenz · 1918-04-18 · 13 (18.4.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
13 (18.4.1918)
Date
1918-04-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Organ des Vereines „Jesciwrun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: ,4esciiuninM-PreDkomitee(Wieti J., Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 12. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Pustkaito durch das: PreÜkomitee des Vereines „Jeschurun“ YVien> I.» Salztorgasse 2. Wir lade« Gesinnungsgenossen ein, an unserem Programm durch Einsendung von Beiträgen mitzuarbeiten. Wissenschaftliche oder literarische Aufsätze bitte» wir an das Prestkomitee des „Jeschurun", l., Salzthorgafse Nr. 2, einznsenden. Mitleid, ein jüdisch Ding. Von Bonö Frei st ad t. Wenn der Seufzer leidender Menschheit verwandte Seufzer dir entrüst, ihre Trauer auch dein Antlitz umwölkt und die Träne des Mitgefühls in dein Auge tritt — das adelt dich! — es bürgt dir, daß du Mensch — Jisroel seiest. Hirsch, Horeb. Im Laufe der menschlichen Kulturgeschichte erkennt man häufig Zeitenfolgen, in denen alle Regungen, Gedanken und Handlungen, die in einem Gefühle wurzeln, von dem herrschenden Zeitgeiste verpönt werden. Zeitläufte, in denen die Idee der Gewalt in dem gesamten bewußten Denken der Zeitgenossen eine so überragende und alles beherrschende Stellung einnimmt, daß jegliches Gefühl und alles was den Stempel der adeligen Geburt aus demselben an sich trägt, als minderwertig, lächerlich und schimpflich betrachtet wird: die Zeiten römischer Weltherrschaft und byzantinischer Gewalttätigkeit, die Epoche des dreißigjährigen europäischen Mordens und — last not Isast — unser glorreiches Heldenzeitalter, also stets Epochen, zusammenfallend mit den großen Kriegszügen der Weltgeschichte. Die rohe Gewalt siegt und breitet sich aus in den Seelen auf Kosten aller edlen menschlichen Regungen. Anstatt daß das vervielfachte Leid des Krieges mitleidensteigernd wirken sollte, potenziert es alle Schlechtigkeit, krönt es jedwede Selbstsucht und Roheit. iDie Anbetung der Kraft, die Schätzung des Menschenwertes nach dem Ellenbogenerfolg sind bloß die kleinen Wirkungen großer Ursachen. In feinerer Form trat diese Geistesrichtung auch in der Wissenschaft auf, wo sie sich die Theorie von der Auslese der im Kampfe ums Dasein Starken nennt und die Mitleidslosigkeit gegen die! Schwachen bis zum grausamen Vernichtungswunsch steigert. Weniger fein, aber im Wesentlichen gleichwertig, ist der rühmlich bekannte „sacro egoismo“ der hohen Politik. Das jüdische Denken kennt in seiner Geschichte keine solchen Perioden. Allzu oft hört der jüdische Knabe das Wort — „Rachamim“ mit allen seinen Ableitungen, gar zu häufig hört und liest er von der Liebe zu den Menschen, als daß ihm nicht das ethische Grundgefühl der Nächstenliebe mit seiner Voraussetzung, dem Mitleid, so sehr im Blute und zutiefst im Herzen liegen würde, daß es von dort nimmer vertrieben werden kann,' fveder von den bitteren Erfahrungen des Lebens noch von der neuen Erkenntnis der Reife. Das Angewiesensein aufeinander, das durch das 2000 jährige Märtyrium der Diaspora bedingt ivar, hat die nieversiegende Urquelle aller Ethik, die Bibel, in ihrer Wirkung auf das Volk noch verstärkt. In der Zeit vor der Zerstörung mag das immerwährende Vorhandensein jüdischen Mitleides vielleicht mit der durch das Gesetz gebotenen Rücksichtnahme bei der Kriegführung zusammenhängen. Allerdings dürste die offensichtliche Erscheinung jüdischen Mitgefühles im heutigen Sinne erst ein Produkt des Galuth sein. ' Ein Produkt allerdings, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen. Die Erkenntnis, daß ethisches Empfinden ein Höchstes, mit der ewigen Wahrheit Verbundenes sei, daß die Liebe zum Nächsten letzten Menschenzweck bedeutet, haben die größten Geister stets erkannt. „Wirke Gutes, du nährst der Menschheit göttliche Pflanze“ — so Schiller. Und Goethe, der Dichter des „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, läßt seinen Faust erst in werktätiger sozialer Hilssarbeit sein „Verweile doch, du bist so schön“, ausrnfen. Der geniale Mensch dokumentiert ja seine Genialität erst durch sein lebendiges Gefühl der Verivandtheit allen Wesen gegenüber durch seine Fähigkeit, alle Fremdheit zu überbrücken und sich hineinversenken zu können in den anderen, in seine Freude und in sein Leid. Aus Stärke und nicht aus Schwäche! Je enger der Gcfühlshorizont des Menschen, je kleiner die Sphäre seiner lebendigen Teilnahme an fremdem Geschick und andere»! Sein ist, je mehr nur das eigene Selbst und das mit ihm unmittelbar Zusammenhängende in das Reich der inneren Beteiligung fällt, je weniger Mitgefühl ein Mensch aufzubringen vermag, desto uncthischer und also wertloser ist er. Nur wer imstande ist, aus dem beschränkten Kreis seiner kleinlichen Interessen hinaustretend, sich ganz in ein fremdes Schicksal hineinleben zu können, nur der ist Mensch, nur der ist Jisroel. Und je weiter diese Fähigkeit reicht, je mehr es möglich wird, vollkommen wcsensverschiedene Sreelenzuständc zu den seinen zu machen, alle Schmerze» und Wonnen jeglicher Kreatur wie die eigenen empfinden zu können, je weiter das Weltgefühl eines Wesens entwickelt ist — uni so mehr Mensch ist er, um so mehr Größe steckt in ihm. Und wieder Hirsch: „Richl die Tausende, die du gehäuft, oder im Sinueuransch, oder zu Menschenherrlichkeit vergeude!, aber der Pfennig wird dich jenseits begleiten vor Gottes Thron, mit dem du einen Hungrigen gespeist, eines Nächsten Blöße bedeckt, eines Unglücklichen Not gesteuert. — Nicht die Jahrzehnte, die du im Leichtsinn und Taumel im Erwerbs- und Genußstreben verlebt, aber die Minuten rverden noch deine letzte heiße Stunde in süße Seligkeitserinnerung und in Hoffnung umwandeln, in denen du eine Träne getrocknet, einen Schmerz geheilt, einen Kummer getröstet, einen Stein zum Bau des Bruderglückes getragen, ein mit sich selbst und mit der Welt zerfallenes Gemüt beruhigt.“ Aber nicht das rührselige Mitgefühl sentimentaler Asterseelchen und nicht die billig fließenden Tränen weibisch-weinender Rachmonesmenscheu meine ich, auch nicht jene, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegen heit auf die schmerzenden Wunden anderer, den zweifelhaften Balsain der Nebbichtröstung allzu flink bereit haben und hierbei ihre eigene Schmerzlosigkeit immer weniger empfinde», sind es, die meinem Menschenideal gleichkommen. Das werktätige Mitleid allein, die wirklich hilfsbereite und in die Tat IeuMeton. Leimat in der Fremde. „Mein Benjamin will fort? Ich kann's nicht wehren! Wie schwer mir auch des Sohnes Abschied fällt. Du kannst dich hier nur kümmerlich ernähren, Du suchst das Glück in einer neuen Welt. So werd' ich dich wohl hier nicht wieder sehen, Denn karg gezählt sind meine Tage schon; Je nun, des Herren Wille mag geschehen, Er segne und behüte dich, mein Sohn!“ — Er reißt sich los vom warmen Mutterherzen Und wiederholt noch einmal still den Schwur, Den letzten Rest der weichlichen Natur, Der bitter« Abschiedsträne letzte Spur Mit feste« Sinn beharrlich ausznmerzen. Er ist ein Mann! Zu ringen gilt's, zu wagen, Zu kämpfen mit dem widerspenst'gen Glück, Und zieht es neidisch wieder sich zurück, Es wie ein Held gewaltsam heimzutragen, Und wie er nun am Bord des Schiffes steht, Den letzten Gruß den Seinen heimzusenden, Und es ihm warm und mild entgegenweht, Wie Segenshauch von warmen Mutterhänden: Da malt er sich im Geist das gold'ne Glück, Damit das schwanke Herz daran erstarke, Und rasch nach Westen wendet er den Blick, Und rasch nach Westen fliegt die ries'ge Barke. Die Jahre fliehn! Er hat, was er gewollt, Im Kampf hat er das neidsche Glück bezwungen, Allein noch größeren Sieg hat er errungen, Den prakt'schen Sinn errang er mit dem Gold, Und von der weiblichen Empfindelei, Die liebend haftet an der Scholle Erde, Sich heimlich sehnet nach dem Mutterherde, Fühlt er sein Herz genesen nun und frei. Das, was die Liebe für ihr Eigen hält, Was Glaube, Heimat unsichtbar verbunden. Belächelt er; sein eigen ist die Welt, Den gold'nen Schlüssel hat er ja gefunden! — Einst wandelt er am Hafen auf und nieder, Da tritt ein armer Jude vor ihn hin, Betrachtet lang und forschend Benjamin, Fremd scheint er ihm und doch bekannt auch wieder; So englisch ihm der reiche Herr auch deucht, Die Züge sind's, er ist es doch vielleicht. „Nicht wahr, du kennst mich?“ ruft er endlich aus; „Der Nathan bin ich ja, von dir zu Haus, Grad' komm ich an und will mein Glück probieren, Hat's dir geglückt, so kann ich's auch riskieren!“ Und schnell will Benjamin vorübergeh'n, Er schämt sich ja des längst vergess'neu Tones. Doch plötzlich bleibt er vor dem Alten stehn, — Tief klingt die Saite in der Brust des Sohnes -

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