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Jüdische Korrespondenz · 1918-04-18 · 13 (18.4.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
13 (18.4.1918)
Date
1918-04-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 18 unsichtbares Meer. Das unversiegbare Meer von Blut, das unsere Vorfahren fließen ließen fitr die Wahrheit der Religion, muß die verblute Seele der Jugend befeuchten, neues Leben und neue Begeisterung Hervorrufen für die Thorafahne. Nur ein starker religiöser Geist kann sich gegen das lügenhafte Rad der Indifferenten stemmen. Ohne religiösen Sonnenschein im Leben der Jugend kann die zarte Pflanze seiner Seele sich nicht entwickeln. Die religiösen Gebräuche, die große Felsenfestung, die unsere Jugend vor einer Entscelung bewahren, müssen praktisch vorgeführt werden. Unsere Kinder müssen lernen, aber auch sehen, treu zu bleiben unserem Volke und Glauben, sie müssen lernen, ihre Kinder als treue Söhne unseres Glaubens zu erziehen, denn nur das Religiöse begeistert uns für unser Volk, waffnet und stählt unsere Jugend gegen Verführung, Verleitung und böses Vorbild. Die Aufrechterhaltung religiöser Feier ist darum die Urquelle, deren Wasser unsere Jugend trinken muß, um zu genesen. Die Sänger und Dichter, die Helden und Weisen unserer Vergangenheit zu belauschen, das ist die beste Heilmethode, unsere Jugend zu begeistern für Gott inid seine Lehre. Die Jugend muß den Herzschlag unserer Helden und Propheten fühlen. Ein sehnsüchtiges Verlangen nach Vorführeu des vorgetragcnen Gegenstandes quillt in der Seele der Jugend ans. Das Religiöse der heutigen Jugend darf nicht bloß eine abstrakte Wahrheit sein, sondern Wirklichkeit. Die Glaubenslehren sind die Saatkörner in der Seele der Jugend, die nur die Verwirklichung derselben Wurzel fassen, keimen, blühen und reisen. Aus diesem Grunde sah sich der Rabbiner veranlaßt, eine Sederfeier für die hiesige Jugend zu veranstalten. Es war ein erhebendes Gefühl Zeuge dieser Feier zu sein. Dies freudige Ereignis im Hanse des hiesigen Rabbiners gab der hiesigen Jugend, aber auch deren Eltern, die günstige Gelegenheit einer religiösen Pessachfeier beizuwohnen. Das Pessachfest, das unserer Jugend zeigt, daß wir einen Gott haben, der Pharaonen gestürzt, der Meere gespalten, der hier getötet und dort belebt, der Israel ziehen ließ aus Nacht zum Licht, aus der Knechtschaft zur Freiheit und aus einer Sklavenhorde Israel zu einem Volke gemacht, Pessach, der schicksalsvolle Tag Israels und das uralte Denkmal göttlicher Größe, dieser Geburts- und Frühlingstag des jüdischen Volkes, ist der modernen Jugend eine rätselhafte Märchengeschichte. Daher ist es heilige Pflicht der Jugenderzieher, die Jugend, an der Sederfeier, bei welcher Gelegenheit wir ans der Haggada lesen, um unser jüdisches Bewußtsein zu schärfen und unsere Hoffnung aus das Eintreffen eines ewigen Frühlingstages zu bestärken, teilnehmen zu lassen. Aus den Tiefen des Herzens kam die überschwengliche Freude und Wonne der Jugend an den Sederabenden zum Ausdruck. Die freudigen Laute der Jugend erklangen hell wie Fansarenton. Mit fteudigem Stolz sagten die Schülerinnen Gretel Wedeles (deutsch), Irene Führt (hebräisch) und Marie Pick (böhmisch) das „ma-nischteneh" auf. Jubelnd ging die Verherrlichung Gottes von Mund zu Mund. Und freudigen Herzens verließ die Jugend entflammt und begeistert für das Religiöse an diesen beiden Abenden das Haus des Rabbiners mit dem Gelübde auf den Lippen, Juden der Tat zu sein. Strakonitz, 14. April. _ Homedia. Oie Juden in der Ukraine. Bekanntlich ist ein Teil der Ukraine mit dem moskowitischen Reiche erst seit 1687 vereinigt, wo Tschernigow und ein Teil des Kiewer Gouvernements mit der Hauptstadt Kiew russisch wurden, während ein Teil der Ukraine mit Brozlaw und Podolicn in polnischen Händen blieben. Erst später kamen auch diese Teile an Rußland. Bis zur Lubliner Union (1589), da die Ukraine noch schwach bevölkert war, gab cs dort nur wenige Juden, die mit den polnisch-litauischen Truppen gekommen waren. Die jüdischen Einwanderer fanden in der Person des Winizer Obersten, Fürsten Ostrozski, ihren Beschützer. Wir begegnen daher in Winiza schon im Jahre 1532 einer jüdischen Kolonie, von der die weitere jüdische Einwanderung in die Ukraine ihren Ausgang nahm. In kurzer Reihenfolge entstanden die lüdischen Gemeinden in Bar (1840) und in Brazlaw (1581). Ihre Hauptbeschäftigung war damals Bodenpacht; einige übten die Heilkunst aus. Nach der Lubliner Union nahm infolge der Berteilung des Staatsbodens an den Adel die Kolonisation in der Ukraine einen weitgehenden Umfang an. Es entstanden große Güterverwaltungcn, in deren Bereich neue Städte, Städtchen und Dörfer errichtet wurden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fanden die Juden, die sich in der Ukraine angesiedelt hatten, in den Gutsverwaltern freundliche Beschützer. Die Juden pachteten bei den Grundbesitzern die Einkünfte der Städte wie auch ganze Güter und Dörfer. Außerdem befaßten sie sich mit der Herstellung von Kali und Salpeter, mit Fischfang, Handel usw. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts haben die Juden eine große Anzahl neuer Gemeinden in der Ukraine gegründet und siedelten sich auch in Grenzstädten und Dörfern an. Einen festen Boden haben indes die Juden dort nicht unter den Füßen gehabt, da sie unter den Fehden der polnischen Magnaten mit der kosakischen Bauernbevölkerung viel zu leiden hatten. Der jüdische Pächter geriet oft in Konflikt mit den verkncchteten Bauern, bei denen er Steuern und Abzahlungen zugunsten des Grundbesitzers eintreiben mußte. Die Kosaken pflegten oft ihre ganze Wut gegen die Grundbesitzer auf die Juden abzuleiten. Auf dem Gebiet des Handels entstanden in den Städten Reibungen zwischen den Juden und der christlichen Bevölkerung. Diese feindliche Stimmung gegen die Juden wurde für sie zurzeit des Ausstandes Chmelnitzki geradezu verhängnisvoll. Hunderte jüdischer Gemeinden wurden vernichtet, und viele tausende Juden kamen bei diesem Aufstand auf die grausamste Art um. Nach dem Zborower Vertrag, der zwischen Chmelnitzki und den Polen im Jahre 1849 geschlossen wurde, verloren die Juden das Wohn- und Pachtrecht in den Städten, in den sich die kosakischen Rotten befanden. Zwei Jahre später, nach der Niederlage Chmelnitzkis, wurde von diesem ein neuer Vertrag unterzeichnet, in dem den Juden die früheren Rechte wieder eingeräumt wurden. Die Verwüstungen der Jahre 1648 und 49 waren aber so groß gewesen, daß di« Juden von den letzten Vergünstigungen wenig Gebrauch machen konnten, da in der Ukraine fast keine Juden mehr geblieben waren. Erst im Jahre 1660 begegnen wir wieder Juden in einzelnen Städten der Ukraine. Nicht minder grausamen Prüfungen waren die Juden im russischen Teil der Ukraine ausgesetzt. Dort fing man vor allem mit der Begrenzung des Wohnrechtes der Juden an. Im Jahre 1708 verbot man den reisende» Juden den Kleinhandel. Hettman Orlik verbot den Juden 1710 das Wohnrecht in der Ukraine. Aus der Verordnung vom Jahre 1721 gehl hervor, daß das Verbot nicht streng befolgt wurde. Auch spricht die Verordnung von der Vermehrung der Juden in der Ukraine, die eine Ausweisung derselben mit Ausnahme der Getauften fordert. Auch diese Verordnung scheint nicht verwirklicht worden zu sein, da sechs Jahre später ein weiterer Befehl zur Ausweisung aller Juden aus der Ukraine ergangen war. Gegen diesen Befehl trat später der ukrainische tettmann auf mit der Begründung, daß cs im nteresse der Förderung des Handels auf den Jahrmärkten der Ukraine liege, die Juden dort wohnen zu lassen. Daraufhin wurde den Juden der Großhandel und sechs Jahre später auch der Kleinhandel in der Ukraine gestattet. Im Jahre 1789 wollte man wieder durch eine Verordnung die Juden aus der Ukraine ausweisen, aber im Jahre 1764 erwirkten die Hettmanuen bei Katharina II. das Wohnrecht für die Jude» in der Ukraine mit der Begründung, daß die materiellen Interessen des Landes es erforderten. Eine praktische Bedeutung haben zwar die Maßnahmen der russischen Regierung gegen die Juden nicht gehabt, da sie zu einem unentbehrlichen Element im Lande geworden waren. Viel günstiger war jedoch die Lage der Juden in der polnischen Ukraine, wo sie sich ökonomisch entwickelten und große Gemeinden mit bedeutenden jüdischen, Bildungsstätten errichteten. Dennoch hatten sie unter' den häufigen Ausständen der Kosaken gegen die Polen nicht wenig zu leiden. Die Metzeleien wurden zu einer Landplage nicht allein für die Juden, sondern auch für die Polen. Als z. B. die Kosakenhorden anfangs des 18. Jahrhunderts Belozerkvw einnabmen. metzelten sie die jüdische wie die polnische Bevölkerung der Stadl nieder. Im 19. Jahrhundert ging bereits die ganze Ukraine an Rußland über. Vielerorten wurden jüdische landwirtschaftliche Kolonien dort gegründet. Die Pogrome hörten jedoch nicht auf, obwohl sie nicht mehr den früheren grausamen Charakter trugen. Auch juridisch und ökonomisch hat sich die Lage der Juden in der Ukraine verbessert. Bis auf den heutigen Tag spielen die Juden im ukrainischen Handel eine äußerst wichtige Rolle. Wenn sie in ökonomischer Hinsicht zum Teil besser als in anderen Gebieten Rußlands gestellt sind, so hatten sie doch unter dem Druck der zaristischen Gesetzgebung in mancher Hinsicht viel zu leiden. Hoffentlich werden die Juden in der erneuten, selbständigen Ukraine recht bald gleichberechtigte Bürger des Landes werde». Rundschau. (Galizische Rückwanderer.) Zurzeit bringt das schwedische Fährschiff in Saßnitz (a. Rügen) fast täglich größere und kleinere Trupps galizischer Rückwanderer, die aus der russischen Gefangenschaft über Schweden und Deutschland die Heimreise antreteli. Die durchweg aus Juden bestehenden Leute waren 1915 von den Russen bei ihrem Rückzüge aus den Karpathen als Geiseln mit weggeschleppt worden, aus jeder Ortschaft je nach ihrer Größe eine bestimmte Anzahl. Es teilten dieses Los nicht nur junge, sondern auch ganz alte Leute von 80 und mehr Jahren sowie Frauen und Kinder. Die in den Gefängnissen erduldeten Leiden wurden zum Glück durch russische Stammesgenoffen nach Kräften gemildert. (Die Wirkung der Westoffcusive auf die russische« Juden in England.) Wie der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" ineldet, werden jetzt auch die Russen, meistens Juden, kurzerhand ins englische Heer gesteckt, nachdem man im Februar auf die allgemeinen Proteste hin die Russen sreigelassen hatte. (Juden im polnische« Staatsrat.) Vorige Woche haben in Polen die Wahlen zum Staatsrat stattgefunden. Die Wahlordnung war eine solche, daß die Stadtvertretungen ganzer Kreise zu Wahlkörpern zusiuninengelrgt wurden, infolgedessen konnten Juden nur in den zwei Großstädten Warschau und Lodz, (Fortsetzung auf Seite 7.)

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