Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 13 (18.4.1918)
- Date
- 1918-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 13 Forderungen rechtzeitig Stellung zu nehmen. Es kann nur begrüßt werden, daß die maßgebenden Regierungskreise der Judenfrage ein derartiges Interesse entgegenbringen, daß sie es als geboten erachteten, die Wünsche und Forderung der national-jüdischen Kreise näher kennen zu lernen. Die Regierung liefert damit noch einmal den Beweis, daß sie die Zeichen der Zeit zu deuten verstehe und in echt demokratischer Weise sich von jeder Einseitigkeit fernhalten will. Dafür verdient sie die vollste Anerkennung auch derjenigen Kreise, die nicht im Lager der jüdischen Nationalisten stehen. Diese Preise können bei dieser Gelegenheit nur den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß auch ihnen die Gelegenheit geboten werde, ihre Wünsche und Forderungen an maßgebender Stelle vorzubringen, und es ist zu erwarten, daß dies nach der Schaffung der eben in Vorbereitung sich befindlichen Organisation der österreichischen Orthodoxie der Fall sein wird. Immerhin aber, ohne das Ereignis der Audienz der Herren Straucher, Stand und Stricker irgendwie überschätzen zu wollen, ist es notwendig, schon heute zu den Forderungen derselben eingehend Stellung zu nehmen, damit sowohl die Regierung als auch die jüdische Oeffentlichkeit sich darüber klar werde, wie sich die Orthodoxie diesen Forderungen gegenüber verhält. Zunächst aber noch eine formelle Feststellung. Die Herren Zionisten gaben vor, im Namen der national organisierten Judenschaft zu sprechen. Wenn etwa daraus geschlossen werden sollte, daß die österreichische Judenschaft als solche im nationalistischen Lager sich konzentriere, so wäre dies ein schwerer Irrtum. Es gibt in Oesterreich wohl national organisierte Juden, wie es Orthodoxe, Liberale und Assimilanten, wie nicht minder Sozialisten gibt. Eine nach einer bestimmten Richtung organisierte Judenschaft gibt es aber nicht, und keine wie immer geartete Gruppe hat das Recht, im Namen der Gesamtheit zu sprechen. Bis heute ist ein jüdisches Plesbiszit in Oesterreich nicht vorgenommen werden. Man kann daher unmöglich davon sprechen, daß irgend eine Richtung über die Majorität verfüge. Im Gegenteil; zieht man die Gesamtjudenheit der Monarchie in Betracht, dann überwiegt die Orthodoxie in sehr weitem Maße. Will man aber nur die westlichen Teile der Monarchie in Rechnung ziehen, dann können die jüdischen Nationalisten trotz ihrer unleugbaren Rührigkeit unmöglich als die Tonangebenden bewertet werden. Die Wahrheit ist somit, daß man cs mit einer gewissen jüdischen Gruppe zu tun hat, die ihre Wünsche zum Ausdruck bringt, hinsichtlich welcher im jüdischen Lager noch weitgehende Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind und die Fragen berühren, die selbst im nationalistischen Lager strittig sind. Wir brauchen nur an den Standpunkt der Poale-Zion zn erinnern, der vielfach von demjenigen der bürgerlichen Nationalisten abweicht, >vie nicht minder an die Haltung der orthodoxen Zionisten und „Misrachisten", die ebenfalls in vielfacher prinzipieller Hinsicht von derjenigen der offiziellen Partei abweicht. Und nun zur Sache selbst. Die nationalistischen Forderungen, wie sie der Regierung in einem Memorial unterbreitet worden sind, lauten: 1. Anerkennung der jüdischen Nationalität und Gewährleistung des freien Bekenntnisses zu derselben. Es muß das freie Bekenntnis zur jidischen und hebräischen Sprache als Umgangssprache gewährleistet werden. Es müssen alle den freien Gebrauch der jidischen und hebräischen Sprache betreffenden Verbote und Einschränkungen beseitigt werden. 2. Das Recht der Juden auf ihre Schule, auf Erziehung ihrer Kinder in jüdischem Geiste. 3. Vertretung der Juden entsprechend ihrer Zahl und ihrer Leistungen im Reichsrate, in den Landtagen und den Gemeindeverwaltungen durch Bildung von jüdischen Wahlkurien und Einführung des Proportionalsystems. 4. Vertretung der Juden in der Reichsregierung durch einen Minister oder Staatssekretär. Ferner Einrichtung von jüdischen Referaten bei allen Zentralstellen, bei welchen jüdische Angelegenheiten besorgt werden. (Ministerium für Kultus und Unterricht, für soziale Fürsorge usw.) 5. Sofortige Durchführung der den Juden durch die Verfassung garantierten bürgerlichen Gleichberechtigung. 6. Konstituierung der Mischen Nation durch Schaffung eines Reichsverbandes (nationale Kammer) auf Grund des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes. 7. Gesetzlicher Ausbau der jüdisch-religiösen Institutionen durch Schaffung eines Reichsverbandes der Kultusgemeinden." Wie bereits vorher betont, berührep manche dieser Forderungen Fragen, die im jüdischen Lager noch immer strittig sind. Esgibt Kreise, die beispielsweise das nationale Moment im Judentum prinzipiell perhorreszieren. Es gibt weiter Kreise, die dasselbe wohl nicht negieren, aber aus Gründen der Opportunität gegen das Aufwerfen dieses Problems sind, da sie angesichts der Kompliziertheit der Sache deren reale Durchführung bezweifeln und nur eine Verschlechterung der Situation befürchten. Man darf hiebei auch nicht außeracht lassen, daß diesbezüglich die Verhältnisse im Osten ganz anders als im Westen liegen. Nun ist aber die Ostfrage in Oesterreich noch immer offen. Jnsolange das polnische Problem nicht völlig bereinigt ist, insolange über die künftige Stellung Galiziens keine Klarheit herrscht, dürfte es auch schwer fallen, die Judenfrage in Oesterreich im nationalen Sinne einer positiven Lösung zuzuführen — wobei die Frage, ob die Juden das Recht auf Anerkennung als besondere Nationalität besitzen, hier ganz außer Erörterung bleiben soll. Es mag offen eingestanden werden, daß die Orthodoxie sicherlich das nationale Moment im Judentum als gegeben anerkannt und diesbezüglich keineswegs den Stand der Assimilanten und Liberalen akzeptiert. Aber die äußeren Merkmale dieses nationalen Moments sind fürdie glaubenstreue Judenschaft wesentlich verschieden von denjenigen, die das auf und um unserer modernen Nationalisten ausmachen. Für die Orthodoxie ist das religiöse Moment entschieden das primäre und sie kann sich die Anerkennung der Juden als besondere Nationalität unter Gewährung nationaler Rechte nicht anders vorstellen, als mit Sicherstellung der religiösen Seite dieser Angelegenheit und der Einräumung entsprechender Kautelen zur . Wahrung derselben nach jeder Hinsicht. Die Orthodoxie wird in einem Ueberhandnehmen der nationalistischen Strömung im Judentum, die die Religion als Privatsache erklärt und hiefür Surrogate als die Quintessenz des Judentums proklamiert, eine ebensolche Gefahr für den wahren Geist des Judentums und seiner Zukunst erblicken, als in der Auslieferung desselben an die Assimilation religiöser und nationaler Färbung. Im Zusammenhänge damit steht auch die Stellungnahme der Orthodoxie zur Sprachenfrage. Es ist selbstverständlich, daß auch die Orthodoxie die Forderung voll und ganz unterstützt, daß die veralteten Kabinettsverordnungen hinsichtlich der Ungültigkeit der hebräischen und jiddischen Sprache in Schriftstücken und Dokumenten aufgehoben werden sollten. Diese Verordnungen widersprechen nicht bloß dem Geiste der Zeit, sondern bedeuten auch eine unverdiente und verletzende Kränkung der österreichischen Judenheit. Die Orthodoxie gibt sich der Erwartung hin, daß die Regierung getreu ihrem Versprechen, die vorgebrachten Wünsche zu prüfen und nach Möglichkeit zu erfüllen, es sich bei der ersten Gelegenheit angelegen sein lassen wird, diese Verordnungen außer Gültigkeit zu setzen. Aber damit ist die Sache nicht abgetan. Fordert man die Anerkennung der Juden als besondere Nationalität, dann muß ja auch die Sprachenfrage klargeftellt werden. Wie steht es nun damit? Es gibt im nationalistischen Lager diesbezüglich zwei, respektive, drei Strömungen: die eine will bloß das Hebräische als die alleinige Nationalsprache gelten lassen und das jiddische, den sogenannten Jargon, höchstens als Uebergangssprache tolerieren, die nach und nach vom Hebräischen verdrängt werden sollte. Eine zweite Richtung erklärt, daß die hebräische Sprache heute der überwiegenden Majorität selbst der Ostjuden, vom Westen gar nicht zu sprechen, völlig fremd ist; die eigentliche tatsächliche Umgangssprache der breiten Volksmassen sei die jiddische, und diese soll auch als die Nationalsprache anerkannt werden. Eine dritte Strömung will beide Sprachen als gleichwertig anerkannt sehen und der Zukunft die Entscheidung darüber überlassen, welche sich stärker behaupten wird. Nun könnte man es unmöglich den maßgebenden Regierungsstellen überlassen, diesbezüglich die Entscheidung zu treffen und die Sache müßte sicherlich vorher im jüdischen Lager bereinigt werden. Denn, daß die Regierung unmöglich gerade den Juden das Recht konzedieren würde, zwei Nationalsprachen zu besitzen, darüber kann kaum ein Zweifel herrschen. Vom orthodoxen Gesichtspunkte muß konstatiert werden, daß das Hebräische für die Juden nach wie vor die.heilige Sprache, die Sprache der heiligen Schrift ist, die keine wie immer geartete Konkurrenz zu befürchten hat. Wenn einmal die große Posaune ertönen und die Zerstreuten Israels im Geiste Gottes gesammelt und ins Land ihrer Väter wieder gebracht werden würden, dann wird die hebräische Sprache sicherlich die alleinige National- und Religionssprache des jüdischen Volkes sein, die Sprache, zu der sich im Sinne