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Jüdische Korrespondenz · 1918-04-11 · 12 (11.4.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
12 (11.4.1918)
Date
1918-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 12 Daß Graf Czcrni» es als richtig gefunden hat, die Lösung der Iudenfrage in Rumänien unter denjenigen Hauptpunkten des Friedensvertrages aufzuzähleu, die er in seiner großangelegten Rede verkündet hat, zeigt, welche große Bedeutung dieser Staatsmann dieser Sache beilegt und mit welchem Ernste er an die Bereinigung dieses Problems geschritten ifi Er hatsich damit ein unvergängl i ch e s B e r d i e n st erworben und die Dankbarkeit des jüdischen Volkes ist ihm gesichert. Er hat nicht bloß mit Worten, sondern auch mit Taten bewiesen, daß er ein Völkerbesreier ist. S p e c t a t o r. Leopold Lilsner begnadigt. Dank einem hochherzigen Gnadenakte des Kaisers wurden am Ostersonntag die Kerkerlore vor Leopold Hilsner geöffnet. Nach einer 18 jährigen Hast durste dieser Unglückliche, das Opfer einer antisemitischen Hetze, wieder das Licht der Freiheit erblicken, die freie Luft atmen und zumindest der Qtialen los werden, unschuldig im Kerker zu schmachten. Denn Leopold Hilsner ist unschuldig und das zweimalige Verdikt der Geschwornen konnte daran nichts ändern. Er war das Opfer einer Hetze, die in ihm das gesamte Jndentnm treffen wollte, und seine Kerkerhast wurde deswegen vom ganzen Judentum als eine Schmach empsunden, die getilgt iverden mußte. Es fällt keinem Juden, geschweige denn der Gesamtheit der Judeuheit ein, für einen jüdischen Verbrecher Partei ergreifen zu wollen. Es ist leider nicht ausgeschlossen, daß es auch jüdische Mörder gäbe — wenn diese Erscheinung auch eine höchst seltene ist. Wäre Hilsner tatsächlich des Mordes schuldig, so würde kaum ein Jude seinetwegen einen Finger gerührt haben. Aber wer den Verlauf der Prozesse verfolgte, wer das fadenscheinige Gebäude der Indizien sich näher besah, aus Grund welcher die Anklage gegen Hilsner geführt wurde, der konnte in diesem Unglücklichen nur das Opfer des Hasses sehen. Er wäre auch kaum schuldig gesprochen worden, würde man seiner unbewiesenen „Tat" nicht Motive unterschoben haben, die leicht auf das Gemüt der betörten Menge wirken. Das lächerliche und elende Blutmärchen wurde wieder einmal ausgefrischt, um den Juden eins am Zeug flicken zu können. Der Mechanikus Schneider traurigen Andenkens und seine noch heute lebenden Gesinunugsgenoffen haben in der rätselhaften Ermordung der Agnes Hruza einen fetten Braten entdeckt und sie haben diese Gelegenheit weidlich und reichlich ausgenützt. Wo die klaren Beweise fehlten, dort sollten die untergeschobenen Motive dieselben ersetzen. Und das böse Werk gelang, gelang zweimal. Die höhere Gerichtsinstanz sah sich zunächst veranlaßt, das erste Urteil zu. annullieren. Beim zweiten Male begnügte mau sich, die Motive der Volksrichter in das Reich der Fabel zu verweisen, das Urteil blieb aufrecht — aber der eines Doppelmordes beschuldigte Hilsner wurde der kaiserlichen Gnade empfohlen, 'und so konnte er zumindest die Hoffnung hegen, den Tag zu erleben, da seine Unschuld klar an die Sonne treten wird. Dieser Tag scheint nunmehr nicht fern zu sein. Dank der Intervention des gegenwärtigen Justizministers und bank der Gnade des Kaisers ist Hilsner nunmehr frei. Er und all diejenigen, die im Laufe dieser 18 Jahre so energisch und unermüdlich die Sache der Gerechtigkeit verfochten haben, haben nun die Genugtuung, zunächst einen Teil ihrer Bemühungen von Erfolg gekrönt zu sehen. Mit aufrichtigem Dank quittiert das Judentum die nunmehr erfolgte Begnadigung — aber die Forderung nach einer völligen Revision des Prozesses wird nach wie vor erhoben, und es soll anerkennend registriert werden, daß der Justizminister versprochen hat, das diesbezügliche Gesuch der Generalprokuratur vorzulegen. Das gesamte jüdische Volk, das in der Verurteilung Hilsuers getroffen wurde, fordert außer der Gnade auch noch das Recht. Es will völlig von der Schmach reingewaschen werden, die der Wahnwitz blindwütender Feinde seiner Religion zugefügt hat. Mit der Begnadigung Hilsners ist der erste Schritt dazu getan. Hoffentlich folgt bald die Revision des Prozesses und das gerechte Urteil. Hilsner als Person konnte vor 18 Jahren für die Gesamtheit des Judentums kein wie immer geartetes Interesse haben. Heute aber steht die Sache anders. Er hat des Judentums wegen gelitten, er gehört zu jenen Märtyrern, die in der Geschichte unseres Volkes ein Ruhmes- und Ehrenblatt einnehmen. Es ist die Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit, für die Zukunft dieses Mannes zu sorgen, dem ein gütiges Schicksal und das Rechtsgesühl des Kaisers ermöglicht haben, seine Tage in Freiheit und hoffentlich gar bald in voller bürgerlicher Ehre zu beschließen. Die Begnadigung Hilsners ist gerade am Pessach erfolgt. Gerade während des Festes, das den Judenfeinden die Gelegenheit zu ihrer Blnthetze gab, dessentwillen Hilsner verurteilt tvurde, erlangte er wieder seine Freiheit. Wir wollen darin ein günstiges Omen für das endgültige Verschwinden dieses blutrünstigen Märchens und für den endgültigen Sieg der Wahrheit und der Gerechtigkeit sehen. ff- * ff- Oie Anklage und der Prozeß gegen Leopold Lilsner. Am 31. März 1899 wurde in dem mährischen Städtchen Polna, unweit von Jglau. der damals im "23. Lebensjahre stehende Leopold Hilsner unter der Beschuldigung verhaftet/die I9jährige Agnes Hruza ermordet zu haben. Agnes Hruza war ein Nähermädchen, das täglich aus dem Dorre Klein- Weznig den dreiviertolstundenlangen Weg nach Polna und retour zurückzulegen hatte. Am 19. März 1889 kehrte sie aber aus ihrem Beschästigungsorte nicht mehr zurück und drei Tage später, am Karsamstag, wurde ihre Leiche in dem Wäldchen Brezina gefunden. Die öffentliche Meinung in Polna bezeichnete Hilsner alsbald als den vermutlichen Täter, weil aus wiederholten Bemerkungen der Ermordeten hervorgegangen sei, daß Hilsner versucht hätte, sich ihr zu nähern, von ihr aber zurückgewiesen worden sei. Im Jahre 1899 fielen in die Karwoche auch die jüdischen Osterfeiertage. Schon die ersten Erhebungen, die von der Gendarmerie in Polna angestellt wurden, basierten auf dem Ritualmordmärchen und beschäftigten sich auf das eingehendste mit dem Detail, ob der Leichnam der Hruza entblutet und was mit dem Blute geschehen sei. Der Antisemitismus als politisches Programm stand damals in Oesterreich auf dem Höhepunkte der Bewegung. In dem kleinen Städtchen Polna herrschte die größte Aufregung. Der Untersuchungsrichter Reichenbach wurde mit Anzeigen überschwemmt, die alle darauf hinausliefen, den Mord an Agnes Hruza nicht als ein gewöhnliches Verbrechen aufzusaffen, sondern die Beweise zu erbringen, daß ein Ritualmord vorliege. Vergebens beteuerte Hilsner seine Unschuld und suchte sein Alibi nachzuweisen. Der Untersuchungsrichter Reichenbach stellte auf Grund der vorgenommenen Erhebungen nach einiger Zeit die Untersuchung ein. Die Angelegenheit wurde nun im niederösterreichischen Landtag durch den Abgeordneten Ernst Schneider ausgenommen, der unter den deftigsten Drohungen gegen Justizminister Baron Ruber verlangte, daß das Verfahren gegen Hilsner wieder eingeleitet werde. Die wüsteste Agitation wurde entfallet, in deren Rahmen die chriülichsozialen Frauenorganisalionen sich auf das eifrigste betätigten. Die Untersuchung wurde wieder ausgenommen und endete mit der Erhebung der Anklage gegen Hilsner, „gemeinsam mit bisher unermittelten Tätern" den Mord an Agnes Hruza verübt zu haben. Unter den zahlreichen Berichterstattern, die sich bei dem im September vor dem Kreisgericht in Kuttenberg abgeführten Prozeß eingefunden hatten, befanden sich auch die Vertreter des „Echo de Paris" upd des „Äntijuif". In dem Kuttenberger, wie in dem ein halbes Jahr später nachgefolgten Prozeß in Pisek lag die Ankiage, soweit es sich um die Konstruktion des Ritualmordes handelte, in den Händen des Vertreters der Privatbetoiliaten, des Abgeordneten Dr. Baxa. Hilsner leugnete beharrlich und auch die wichligsteii Zeugen, welche die Anklage geführt hatten, wurden durch das Kreuzverhör der Verteidigung sehr in die Enge getrieben. Der Gerichtssäal war wiederholt der Schauplatz der heftigsten Zusammenstöße zwischen Dr. Baxa und dem Verteidiger Dr. Zdenko Aurednicek, der unter anderm vorbrachte, daß man den jüngeren Bruder Hilsners, eines Knaben, trunken gemacht habe um ihn zu Aussagen gegen den Angeklagten zu bewegen. Nach fünftägiger Verhandlung verneinten die Geschwornen die aus Meuchelmord lautende Hauptfrage mit II Nein, dagegen die Frage der Mitschuld am Meuchelmord einstimmig. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang. Die Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Urteil hatte vollen Erfolg. Aus Grund eines Gutachtens der tschechischen medizinischen Fakultät in Prag, welches den Bericht der Polnaer Gerichtsärzte in einer für sie vernichtenden Weise mit größter Schärfe desavouierte, hob der Kassationshof das Kuttenberger Urteil auf und verwies die Anklage zur neuerlichen Verhandlung nach Pisek. Der Äässationshof sagte unter anderm: „Kann auch hierin ein Ausspruch über das der Tat zugrunde liegende Motiv überhaupt nicht erkannt werden, so ist doch dem Fakultätsgutachten zufolge Blutentziehung zum Zwecke irgendeiner bestimmten Verwendung des Blutes als Tatmotiv schlechthin auszuschließen." Das Prager Fakultätsgutachten verwies das Motiv der Tat in die sexuelle Sphäre. Inzwischen hatte sich in Polna die Aufregung noch gesteigert. In der Nähe des Fundortes der Leiche der Agnes Hruza war ein Skelett gefunden worden. Es wurde nun die Behauptung aufgestellt, es seien dies lleberreste der Dienstmagd Marie Klima, die sich am 17. Juli 1898 aus dem Hause ihres Dieustgebers entfernt hatte, um nach einem benachbarten Dorf zum Kirchweihfest zu gehen, und seither verschollen war. Wohl wies nach der eingeleiteten ärztlichen Beschauung das Gerippe kein Zeichen irgendeiner Verletzung oder einer Gewalttat auf, auch fand man außer zwei Weiberröcken und einer schwarzen Jacke, die sich aber bei der Länge der Zeit, die seither verstrichen war, in ziemlich vermodertem Zustande befanden, keine weiteren Anhaltspunkte dafür, daß das Skelett tatsächlich jenes der Klima sei, und auch die Angabe der Angehörigen, die behaupteten, die Länge des Gerippes stimme mit der Körperlänge der Vermißten überein, ließ keinen zwingenden Schluß zu. Trotzdem wurde aus einer gewissen Gleichartigkeit gefolgert, Marie Klima sei ermordet worden, und zwar von demselben Täter oder von denselben Tätern wie Agnes Hruza, und gegen Leopold Hilsner wurde auch bezüglich des Faktums Klima die Anklage wegen Mordes erhoben. Der Prozeß währte volle drei Wochen und war an Aufregungen noch reicher als der in Kuttenberg. Hilsner blieb bei der Taktik, alles zu leugnen, auch das Selbstverständliche, deflen Richtigkeit ihm ohne weiteres nachgewiesen werden konnte, und verschlechterte dadurch wesentlich sSine Position. Auch in Pisek hielt Dr. Baxa, der Vertreter der Privatbeteiligten, an dem Ritual - Märchen fest. Bei der Einvernahme einer Reihe von Zeugen spielten auch Fragen des Staatsanwaltes eine

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