Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 37 (12.12.1918)
- Date
- 1918-12-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 in unserem Lande hervorgerufen, welche als ewiger Schandfleck das Wappen Kroatiens besudeln werden. Die Aermsten unter den Beamten sind doch die Rabbiner, und auch diese wurden ausgeraubt. Dr. Leopold Fischer, Daruvar, Rabbinatsverweser Schlesinger, Nasice, haben nicht einmal einen Polster, worauf sie ausruhen können, noch ist ihnen ein Hemd geblieben. Die kostbare Bibliothek Dr. Fischers wurde vernichtet. Da das Losungswort dieser Bierpolitiker lautet: „Alle Juden sollten aus Kroatien hinausgeplündert werden!", so mußten die einflußreichen Juden Wilsons Aufmerksamkeit auf diese politische Unreife gewisser kroatischer Kreise lenken, um Kroatien den Abgrund zu zeigen, vor dem es steht, wenn seine Politiker die Politik des theoretischen oder praktischen Raubantisemitismus fortsetzen. Zur palästinafrage. Aus London wird gemeldet: Zn der Bemerkung Dr. Weizmanns, daß -ein jüdischer Staat zurzeit in Palästina unmöglich sei, bemerkt „Jewish Chronicle": .„Für die Juden hat die türkische Niederlage ihre besondere und gewichtige Bedeutung, und Leute, die bom Zionismus träumen, wie man von ihm seit Generationen geträumt hat, und die von der englischen Erklärung ermutigt wurden, müssen ihre Gedanken und Hoffnungen durch dieses bemerkenswerte Ereignis bestärkt gefühlt haben. Wir müssen jedoch darauf Hinweisen, daß die wirkliche Bedeutung und Tragweite dieser Deklaration sogar in dieser vorgerückten Stunde noch äußerst unaufgeklärt ist, und daß auch die vielen kürzlich gehaltenen Reden die Lage wenig geklärt haben. Wir sind sehr befriedigt über die formelle Zurückweisung der Gerüchte, die diese Woche umgingen bezüglich eines geheimen Abkommens, das auch weiterhin der Türkei die Herrschaft über das palästinensische Gebiet sichern würde. Und wir sind jetzt so überzeugt, wie wir immer waren, daß in Palästina England und nur England die Oberherrschaft haben wird. Aber dennoch muß man sich klar werden über die Beziehungen zwischen der souveränen Macht und den Juden in Palästina. In unseren Spalten wurde vor einigen Wochen eine Erklärung des Ausdruckes „nationale Heimstätte" verlangt. Diese Frage berührt den Kern der künftigen jüdischen Position. Sie ist jedoch nicht beantwortet worden, und auch nicht in Dr. Weizmanns Ansprache auf der zionistischen Federationssitzung. Dr. Weizmann verschiebt tatsächlich den Gedanken eines „jüdischen Staates" auf irgendeinen fernen Zeitabschnitt. Er sagt seinen Anhängern, „sie müßten mit kleinen Anfängen in der Selbstverwaltung zuftieden sein." Wenn das die Lösung des Problems ist, das in dem Ausdruck „jüdisch-nationale Heimstätte" liegt, dann scheint die großartige Vision früherer Tage so zusammengeschrumpft zu sein, daß es wirklich für den Durchschnittszionisten "schwer sein muß, mit der »Heimstätte" zu rechnen oder ihren „nationalen" Charakter zu entdecken." (Das sind bedeutungsvolle Worte, die den Zionisten der Welt viel Stoff zum ernsten Nachdenken gcken!!) Beschlüsse der gesetzestreuen Jugend. Die am 4. Dezember 1918 anläßlich eines Diskussionsabends im L-aale der Talmud Thora versammelte gesetzestreue Jugend Wiens faßte in bezug auf die allernächsten Aufgaben des Judentums folgende Resolutionen: 1. Die gesetzestreue Jugend Wiens sieht es mit besonderem Bedauern, daß die Führer der glaubenstreuen Juden Wiens bisnun in ängstlicher Zurückgezogenheit vom allgemeinen politischen Leben blieben und sich derart selbst , der Gelegenheit beraubten, für ihre Gleich-( gesinnten außerhalb des engsten Kreises der-' selben zu sorgen und zu streben. Da die gegenwärtigen Zeitverhältnisse, die so vielen der Juden Not und Plage auserlegen und noch Schlimmeres zu bringen drohen, es dringend erfordern, wünscht die gesetzestreue Jugend Wiens, daß aus dem Kreise der gesetzestreuen Judenschaft eine Vertretung geschaffen werde, welche kraft ihrer eigenen Autorität und vereint mit den übrigen bereits bestehenden jüdischen Vertreterkörperschaften die Interessen der gesetzestreuen Juden und des gesamten Judentums stets und überall wahrzunehmen hat. Diese Vertretung der gesetzestreuen Juden Wiens soll aus 'Männern bestehen, die das vollkommene Vertrauen der gesamten gesetzestreuen Judenschaft besitzen, und auch Vertreter der Jugend mögen ihr beigezogen werden. 2. Die gesetzestreue Jugend Wiens erkennt in der Arbeit für das heilige Land, im „Jischub-Erez-Jisroel", eine der obersten Pflichten des Judentums und begrüßt es aufs herzlichste, daß. nunmehr auch im Kreise der glaubensstarken Judenschaft die Erkenntnis zur intensiveren praktischen Ausübung dieser jüdischen Pflicht sich Bahn bricht. Sie will, geleitet von den berufenen Führern des jüdischen Volkes, ihre Kräfte in den Dienst dieser heiligen Sache stellen und Mitarbeiten an der jüdischen Kolonisation Palästinas und an der Schaffung eines, sicheren heimatlichen Bodens für die vielen Gequälten und Entrechteten unseres Volkes. Rundschau. (Die deutschösterreichischen Juden beim Staatsrat.) Eine Abordnung des Aktionskomitees deutschösterreichischer Juden wurde am 9. Dezember vom Präsidenten des Staatsrates Seitz empfangen und überreichte ihm die von uns bereits veröffentlichte Kundgebung, in der die Vertretung des jüdischen Nationalrates von der überwiegenden Mehrheit der deutschösterreichischen Judenschaft abgelehnt und das Bekenntnis zum Deutschtum ausgesprochen wird. Dem Aktionskomitee sind spontan viele Tausende von Zustimmungserklärungen zugekommen. (Ein jüdischer Protest.) Gegen die Behauptungen des Abgeordneten Daszynski und der übrigen Polen, die, um bei der Entente Stimmung zu machen, Deutschland und Deutschösterreich für die Judenpogrome in Galizien verantwortlich machen, nimmt die nationale Judenschaft in einem Protest scharf Stellung. Der Protest richtet sich in erster Linie gegen Daszynski, der in einem Telegramm an den Sozialistenführer Branting behauptete, daß die Pogrome von Teilen der aufgelösten österreichischen Armee veranstaltet werden, und in einem anderen Telegramm an den Vorsitzenden des Politischen Komitees im Haag, Henri Polak, bemerkte, daß die.Pogrome aus eine deutschösterreichische Agitation zurückzuführen seien. Diese Unwahrheiten, heißt es in dem Protest, richten sich von selbst und bedürfen keiner Widerlegung. Wir Juden Deutschösterreichs können aber den Anlaß wahrnehmen und aller Welt erklären, daß der deutschösterreichische Staat und seine Bevölkerung bisher keinerlei Ausschreitungen gegen die Juden zugelassen haben. Die Umwälzung in Deutschösterreich hat sich in geordneten Bahnen vollzogen. (Kein zionistisches Ministerium für Palästina.) Das I. P. W. meldet: Die von der Presse verbreitete Nachricht von der Einsetzung eines zionistischen Ministeriums für Palästina entspricht nicht den Tatsachen. (Jüdischer Vertreter im Berliner Auswärtigen Amt.) Prof. Dr. Sobernheim (Berlin), der zweite Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, hat eine Berufung ins Auswärtige Amt erhalten, wo er fortan zur Bearbeitung der jüdischen Angelegenheiten tätig sein wird. (Das jüdische Vorparlament in der Ukraine.) Am 3. November wurde in Kiew das jüdische Vorparlament eröffnet. Es wurde ein Seniorenkonvent der sieben Parteien (Zionisten, Poale-Zion, Zeire-Zion, Achduth, Volkspartei, Vereinigte, Bund) eingesetzt, der folgende Tagesordnung festsetzte: 1. Die nationalen Forderungen an den Friedenskongreß. 2. Die Formen der nationalen Autonomie in der Ukraine. Ins Präsidium wurden gewählt: Ussischkin als Vorsitzender, die Herren Kaplan (Zeire-Zion), Aleinkowski (Achduth) und Latzky (Volkspartei) als Vizepräsidenten. Zu Beginn der Tagung gaben die Parteien Deklarationen ab. (Von den jüdischen Kolonien in Palästina.) Die Mitglieder der zionistischen Palästinakommission Dr. Eder und Herr Bianchini besuchten Haifa, Saffed, Liberias und verschiedene jüdische Kolonien in dem neueroberten Gebiet Palästinas und unternahmen eine achttägige Inspektionsreise. Sie berichten, daß die Verhältnisse in den Kolonien im ganzen zufriedenstellend sind. In Tiberias ist die Cholera aufgetreten. Die britischen Behörden unternehmen alle notwendigen Schritte, der Seuche zu begegnen. Ein besonderes Cholerahospital ist eröffnet worden. Die Stadt wurde unter Quarantäne gestellt. Die Aerzte und Pflegerinnen der medizinischen Expedition der amerikanischen Zionisten wurden entsandt, um Hilfe zu leisten und dem in der L-tadt herrschenden allgemeinen großen Elend entgegenzuwirken. Saffed ist frei von Epidemien, dagegen herrscht dort große Armut und furchtbares Elend. Viele von den Türken evakuierte Juden erwarten ihre Repatriierung. Um den neueroberten Gebieten Unterstützung zu gewähren, wird sofort ein Betrag von 30.000 Lstr. benötigt. (Pogroms i« Ungarn.) Der „Pester Lloyd" berichtete: Aus dem Komitat Beßterce-Naßod treffen unausgesetzt traurige Mitteilungen über Judenverfolgungen ein. Fast von überall mußte die jüdische Bevölkerung flüchten. In der Stadt Beßterce wurde ganz nach russischem Muster ein regelrechter Pogrom veranstaltet. Viele Hunderte von Familien mußten ihre seit vielen Jahrzehnten bewohnte Heimat als Bettler verlaffen. Die Juden