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Jüdische Korrespondenz · 1918-12-12 · 37 (12.12.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
37 (12.12.1918)
Date
1918-12-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite S Jüdische Korrespondenz. Nr. 37 An anderer Stelle des Blattes veröffentlichen wir eine Kundgebung der gesetzestreuen Jugend Wiens, die gegenüber den Führern der Orthodoxie den Vorwurf erhebt, bisnun in ängstlicher Zurückgezogenheit verharrt zu haben. Wir überlassen es den Angegriffenen, ihre Handlungsweise zu rechtfertigen, wollen aber die Gelegenheit benützen, um die gesetzestrene Jugend darauf aufmerksam zu machen, daß eine Uebersicht der jüngsten Ereignisse im jüdischen Lager keinesweg geeignet ist, die bisherige Politik der Geschäftigkeit, die seitens der anderen jüdischen Gruppen an den Tag gelegt wird, allzu hoch zu bewerten. Wir haben eine ganze Reihe jüdischer Nationalräte, Presseburcaus usw., die an Rührigkeit nichts zu wünschen übrig lassen, ohne aber, daß sie vermocht hätten, auch nur eine Gefahr von den Juden abzuwenden. All diese Versammlungen, Kundgebungen und Manifestationen vermochten es nicht, einem Juden das Leben oder Hab und Gut zu retten. Man darf derartige Aktionen nicht überschätzen und sich keineswegs einbilden, damit sei etwas Greifbares erreicht. „Dreh' dich, damit man glaubt, du leistest etwas!" ist ein bekannter jüdischer Spottspruch. Wer tatsächlich etwas für die Juden tun und erreichen will, muß ernster zu Werke gehen. Mit bloßem Feuerwerk ist wenig geholfen. Es sind genug der Worte gewechselt, laßt uns einmal Taten sehen, — und zwar auf jedem Gebiete! Spectator. Das Staatsbürgewecht in Deutfchösterreich. Die Nationalversammlung hat die Reasiumierung des ursprünglichen Beschlusses hinsichtlich des Staatsbürgerrechtes in Deutschösterreich vorgenommen, und das Gesetz hat nun die Fassung erhalten, wie sie seitens des Ausschusses festgelegt wurde und die wir in unserer Nr. 35 veröffentlicht haben. Die Entgleisung des Antrages Kemetter ist somit beseitigt, was allseitig nur mit Befriedigung ausgenommen wird. Nunmehr obliegt es all denjenigen, die bisher in irgend einem Kronland des alten Oesterreich heimatsberechtigt waren, und im Sinne des Gesetzes die Möglichkeit haben, sich um das Bürgerrecht in Deutschösterreich zu bewerben, von diesem Rechte Gebrauch zu machen, und zwar ehestens, damit sie noch bei den bevorstehenden Wahlen zur Nationalversammlung ihr Wahlrecht ausüben könnten. Die jüdische Vertretung in der Nationalversammlung dürfte ohnehin nur sehr bescheiden sein, zumindest sollten daher alle jüdischen Stimmen zur Geltung gelangen können. Es wäre wünschenswert, ein jüdisches Bureau zu eröffnen, um all denjenigen, die sich um das Staatsbürgerrecht bewerben wollen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Der bevorstehende Wahlkampf dürfte ein sehr heftiger sein — die jüdische Wählerschaft soll daher voll und ganz auf den Plan treten können. Der Forderung von antisemitischer Seite, für die Juden eine separate Kurie zu schaffen, müssen wir mit Entschiedenheit entgegentreten, mag die „Reichspost" sich auch so stellen, daß es eine Forderung der Gerechtigkeit sei, den Juden die Möglichkeit zu bieten, eine ihrer Zahl entsprechende Vertretung zu sichern. Ob in der Nationalversammlung zwei oder drei jüdische Vertreter sitzen werden, bleibt sich einerlei — die Ausschaltung der Juden von jedem Einfluß auf den Gang des politischen Lebens, die dadurch bewirkt werden müßte, dürfte viel größere Nachteile mit sich bringen. Es wäre dies der erste Schritt zur Wiederaufrichtung eines Ghetto, dessen Entwicklungsweg sich gar nicht übersehen läßt. Auch das Ghetto im Mittelalter ist zunächst zum „Schutze der Juden" eingeführt worden, um dann bis zum gelben Fleck zu führen. Für eine solche „Gerechtigkeit" von der „Reichspost" Gnaden bedanken wir uns höslichst und entschieden. Ausschreitungen gegen die Juden in Dolleschau. Der „Brünner Tagesbote" berichtet: Die Stadt Holleschau ist in der Nacht auf den 4. Dezember der Schauplatz wüster Ausschreitungen gewesen. Gegen 7*11 Uhr nachts drangen tschecho-slowakische Soldaten, nachdem sie vorher in einem Gasthause gezecht hatten, in die Judengasse ein, wo sie sämtliche Geschäftslokale und Magazine gänzlich ausplünderten. Die Wachmannschaft wurde nach kurzem Handgemenge entwaffnet. Der jüdische Kaufmann Grünbaum, der vor kurzem als Invalide aus dem Felde heimgekehrt war, wurde durch zwei Bajonettstiche und einen Bauchschuß getötet. Ferner wurde der Likörerzeuger Hugo Grätzer erschossen. Die Plünderungen dauerten die ganze Nacht an. Am Morgen griffen die Ausschreitungen auf den übrigen Teil der Stadt über. In der Früh traf militärische Assistenz aus Kojetein ein, um die Ordnung wieder herzustellen; doch soll sich diese Abteilung an den Plünderungen beteiligt haben. Die bekannte Kleiderfabrik Beer ist vollständig verwüstet und ausgeplündert worden. Der hier angerichtete Schaden beträgt allein 500.000 Kronen. Insgesamt dürfte sich der Schaden auf mehrere Millionen Kronen belaufen. Fast die meisten JudenHolleschaus haben, ihrer Habseligkeiten beraubt, im Laufe des Tages Holleschau verlassen. Nach Mitteilungen, die aus Holleschau nach Wien gekommen sind, haben die Ausschreitungen gegen die Juden iu Holleschau am 4. Dezember um 11 Uhr nachts begonnen. Nichtortsansässige Banden, zum großen Teil aus Militärpersonen bestehend, sind aus der Ostrauer Gegend nach Holleschau gekommen, haben die Bahnhofwache entwaffnet, die Telephon- und Telegraphendrähte durchschnitten, den Kommandanten mit vorgehaltenem Revolver gezwungen, sie zu führen und ihnen die wohlhabenderen jüdischen Häuser zu zeigen. Zunächst besetzten sie das Gebäude der Polizei, entwaffneten die Gendarmerie und die Polizisten. Dann drangen sie in ein jüdisches Haus ein mit der Angabe, daß von dort aus geschossen worden sei. Dort wurde der Einjahrig-Freiwillige Hermann Grünwald von den Banditen niedergestochen und nachträglich erschossen. Die Wohnung und das Haus wurden ausgeplündert und zertrümmert. Dann wurde gerufen: „Wer sich bei de« Fenstern zeigt, wird erschossen!" Diese Drohung wurde auch buchstäblich ausgesührt. Als infolge des Lärmes der Sohn des Branntweinbrenners Grätzer, der viereinhalb Jahre an der Front war und vor einigen Tagen zurückgekehrt ist, beim Fenster erschien, wurde er von der Straße aus erschossen, wobei auch das Dienstmädchen des Hauses verletzt wurde. Die Banden drangen in jedes einzelne Haus ein und zwangen die Bewohner, selbst die Kasten zu öffnen und alles Gut herauszugeben. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde geraubt und geplündert. Nachdem sie die Wohnungen der Reihe nach ausgeplündert hatten, gingen sie daran, die Kaufladen aufzubrechen und auszurauben, wobei auch vielfach Brandstiftungen vorkamen. Insbesondere wurde die Kleiderfabrik Beer vollständig ausgeraubt und zerstört. Die ganze Nacht über dauerten die Ausschreitungen. Nicht ein einziges Haus wurde verschont. Dabei wurden auch die Branntweinladen vollständig geplündert, so daß mit der Zeit die Banden vollständig betrunken durch die Stadt randalierten. Am Morgen kam Militär aus Kremsier, das die Ordnung teilweise herstellte. Im Laufe des Tages ist auch Brünner Militär mit einem Maschinengewehr in die Stadt eingerückt. Wie weitere Nachrichten melden, sollen die Plünderungen in der Nacht wieder ausgenommen worden sein. Ein Holleschauer Einwohner intervenierte beim tschechischen Gesandten Tusar, der ihm die Mitteilung machte, daß alles geschehen sei, um die Ruhe und Ordnung in Holleschau wieder herzustellen. Oie Judenpogrome in Kroatien Md Slawonien. .Aus Agram wird geschrieben: Schon lange gärte es in unserem Lande. Die Halbintelligenz unseres Landes ist fast durchwegs antisemitisch. Sie agitierte von Mann zu Mann; dasselbe taten die Frauen. In Kroatien herrschte während der ganzen Kriegsdauer keine Not. Die Bauernfrauen haben ihre Bodenprodukte mit 2000 Prozent teurer als in Friedenszeiten verwertet, sie selbst jedoch bekamen Zucker, Brennmaterial, Sohlenleder zu Maximalpreisen, die Reservistenfrauen der Stadt arbeiteten in der Holz- und Mühlenindustrie sowie in der Landwirtschaft und wurden glänzend bezahlt. Die Lehrerschaft und sonstigen kleinen Beamten hatten neben der Staatsunterstützung sehr hübsche Nebenverdienste, auch haben sie eine Staatsbeamtenorganisation, die dafür sorgte, daß keines ihrer Mitglieder Mängel an Nahrung und Kleidung litt. Einen volkswirtschaftlichen Grund zu antisemitischen Exzessen in Kroatien hat es also nicht gegeben. Gerade die Gebiete, welche vom „zeleni kader“ und von den von der Halbintelligenz geführten und organisierten Räuberbanden heimgesucht worden sind, fühlten die Unannehmlichkeiten des Krieges am allerwenigsten. Es wäre nur ein nationaler Grund begreiflich. Aber auch dieser ist nicht vorhanden. Die zionistische Jugend Kroatiens ist südslawisch gesinnt, die übrigen Juden treiben entweder großkroatische oder reinkroatische Politik. Wenn die Kroaten heute wirtschaftlich sich so gut stehen, haben sie es meist ihre» einheimischen Juden zu danken. Reiner Rassen- und Neidantisemiüsmus, gepaart mit Raublust, hat die Judenpogrome

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