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Jüdische Korrespondenz · 1918-12-12 · 37 (12.12.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
37 (12.12.1918)
Date
1918-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K12, halbjährig K 6, vierteljährig K 3. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Mp. 37. Wien, 12. Dezember 1918. IV. Jahrgang. Jüdische Zeitsragen. Die Augen aller Welt sind zurzeit nach Paris gerichtet, wo Wilson in den nächsten Tagen eiickrifft und wo die Bedingungen des Weltfriedens festgesetzt werden sollen. Auch die Judenheit verfolgt die Entwicklung der Dinge mit großer Spannung und vielfach wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, die Friedenskonferenz, die berufen ist, der Welt eine neue, bessere Ordnung zu geben, werde es sich angelegen sein lassen, auch der so komplizierten Judenfrage eine befriedigende Lösung zu verschaffen. Die allcrjüngsteu Ereignisse in Galizien und anderwärts haben erst recht dazu veranlaßt, von der Friedenskonferenz Hilfe zu erwarten, und Wilson, wie nicht minder seine Assiocies sind mit Hilferufen und Bitten bestürmt worden. Glücklich sind die Vertrauensseligen, die trotz aller Erscheinungen noch immer daran glauben, die Friedenskonferenz in Versailles werde sich von purem Idealismus leiten lassen. Leider trifft dies, wenn überhaupt, Mi in ganz beschränktem Maße zu. Der uWand, daß sich Wilson veranlaßt sah, die Reise über den Ozean zu unternehmen, entgegen den Traditionen der Union und entgegen dem heftigen Widerstande weiter politischer Kreise in Amerika, beweist, daß er selbst kein allzu großes Vertrauen zu der Friedenskonferenz hegt. Er erklärte es übrigens ganz offen, daß er die Reise zu dem Zwecke unternehme, um für seine Grundsätze zu kämpfen, die seitens seiner Freunde verfälscht und mißdeutet werden. Clemenceau und Lloyd George befinden sich in der Stimmung der Siegestrunkenen, die von einem billigen und gerechten Frieden nichts wissen wollen. Wilson dürste mit ihnen einen heftigen Strauß auszufechten haben — und wer die Zähigkeit und Rücksichtslosigkeit des alten Tigers Clemenceau und die Verbissenheit Lloyd Georges kennt, der weiß, daß Wilson da einen sehr schweren Stand haben wird. Dann aber ist kaum anzunehmen, daß die Friedenskonferenz in einem ideellen Sinne geleitet und von dem Geiste der Gerechtigkeit beseelt sein wird. Dann aber ist auch schwer anzunehmen, daß die Herren in London und Paris es sich angelegen sein lassen werden, der Judenstage eine allzu große Aufmerksamkeit zu widmen. Es kann geschehen, daß sie sich diesbezüglich mit irgend einer nichtssagenden Resolution begnügen werden. Schweigen sie doch bisher zu den Grausamkeiten, die in den Ländern ihrer Bundesgenossen geschehen, dürfen sich ja ihre Schoßkinder, die Rumänen, die Tschechen, die Slowaken rc., alle nur möglichen Exzesse gegen die Juden erlauben und hatte die Entente bisher auch den Ereignissen in Polen und Galizien gegenüber nur einige nichtssagende Warnungen und Verwahrungen. Die Bundesgenossen, denen die Entente zur politischen Freiheit verhilft, würden sich derartige Ausschreitungen kauue erlauben, würden sie befürchten, den Unmut der Protektoren ernstlich hervorzurufen. Deswegen nur keine Selbsttäuschungen! — Uebertreibeu wir unsere Hoffnungen nicht. Wenn in Versailles ein Gewaltfriede zustandekommen, respektive diktiert werden sollte, dann hätten auch wir Juden sowohl hinsichtlich der Palästinafrage als auch hinsichtlich unserer Lage in den Ländern der Diaspora wenig zu erwarten, dies um so weniger, als die Absicht besteht, überhaupt keine Friedenskonferenz in der eigentlichen Bedeutung des Wortes abzuhalten, bei der alle Probleme diskutiert und bereinigt werden, sondern daß die Entente im eigenen Wirkungskreise die Bedingungen festlegen will, die den Besiegten diktiert werden sollten. Wilson dürste da genug zu kämpfen haben, um seinen allgemeinen Grundsätzen zum Siege zu verhelfen — aus die Details wird er ,.Mm eingehen können. Da ist es viel lieber, sich keinen übertriebenen Erwartungen hinzugeben. * Die jüdische Oeffentlichkeit steht noch immer unter dem Eindruck des furchtbaren Blutbades in Lemberg. Die Details, die seither ans Tageslicht gelangten, lassen das Bild noch furchtbarer erscheinen. Im Auslande scheint der Eindruck noch stärker als im eigenen Lager zu sein. Dort werden Trauer- und Fasttage angeordnet, in manchen Ländern beschlossen die Juden, 30 Tage hindurch sich aller Vergnügungen zu enthalten und die Ersparnisse den Opfern der Pogrome zu widmen. Es wird auch überall Geld gesammelt und die sonst so vielgeschmähte jüdische Solidarität gelangt in glänzender Weise zum Ausdruck. Im polnischen Lager scheint man eingesehen zu haben, daß die zunächst versuchte Vertuschungstaktik fehlschlagen muß und man bequemte sich dazu, gegenüber den Verbrechen und den Verbrechern schärfere Töne anzuschlagen. Die polnische Presse fällt jetzt ein scharfes Verdammungsurteil über die blutigen Ereignisse und die politischen Faktoren erklären sich auch bereit, den Opfern reiche Hilfe angedeihen zu lassen. Freilich fehlt es auch weiterhin nicht an Hetzstimmen, die nach wie vor den Versuch unternehmen, den Juden die eigentliche Schuld zuzuschieben. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, inwiefern es jetzt den Polen mit ihrer Entrüstung ernst ist. Gesagt mögen sie es sich sein lassen, daß mit bloßen Worten wenig getan ist. Die maßgebenden polnischen Kreise müssen mit Taten beweisen, daß sie die Macht und den Willen haben, derartigen Ereignissen vorzubeugen und einer befriedigenden t m er. Ztaatranleide Lösung der Judenfrage in Polen zuzustreben. Der Eindruck der Lemberger Ereignisse wird sich nicht so leicht verwischen lassen. * Ganz eigenartig sind die Verhältnisse in Böhmen. Die furchtbaren Ereigitisse in Lemberg absorbieren soweit das öffentliche Interesse, daß man versucht ist, die Dinge im tschechoslowakischen Staate zu übersehen. Tatsächlich muten dem Blutbad in Lemberg gegenüber alle anderen Vorkommnisse wie ein Kinderspiel an. Es muß aber gesagt werden, daß auch die Herren Tschechen sich vieles zuschulden kommen lassen, das um so schwerer ins Gewicht füllt, als die Judenfrage in Tschechien keineswegs so kompliziert ist wie in Polen, und als von den Tschechen, als einem demokratischen Volke, das sich daraus soviel zugute tut, ein anderes Verhalten zu erwarten wäre. Das Vorgehen der Regierung gegenüber den Flüchtlingen ist durch nichts zu rechtfertigen und muß als Brutalität qualifiziert werdelt. Die Judenexzesse in Prag sind wohl glimpflich verlaufen, und die Regierung ist rechtzeitig eingeschritten: aber die Hetze einer gewissen Presse wird geduldet, ohne zu bedenken, daß die giftige Saat schließlich blutige Frucht zeitigen muß. Die Herren in Prag mögen es mit ihrer Demokratie etwas ernster nehmen. Ganz merkwürdig mutet die Liebedienerei des „jüdischen Nationalrates" in Prag an, der sich nach den vorwöchentlichen Exzessen veranlaßt sah, nicht bloß der Regierung ein Wohlverhaltungszeugnis auszustellen und dasselbe nach allen Weltrichtungen hinauszutelegraphieren, ein Wohlverhaltungszeugnis, wie es die extremsten Assimilanten in ihrer Blütezeit kaum besser gemacht hätten, wofür sie ja seitens der Nationalisten mit den heftigsten Vorwürfen überschüttet wurden, — sondern in der Liebedienerei noch so weit gehen, um die eigenen Glaubensgenossen gewissermaßen zu beschuldigen, daß sie sich mit ihrer Deutschtümelei einer Provokation der Tschechen schuldig machten. Damit liefert der jüdische Natioualrat den Feinden die Waffen in die Hand, die Exzesse zu rechtfertigen. . . . Mau mag über das Verhalten dieser sich als Deutsche gebärdenden Juden wie immer denken, die Herren vom Nationalrat dürften nicht übersehen, daß auch sie bis vor kurzem Fahnenträger der deutschen Kultur waren, ihr Präsident, Dr. Brod, will ja als ein „gefeierter" (sic!) deutscher Schriftsteller gelten, und jedenfalls steht das Gros des Prager jüdischen Nationalrates der deutschen Kultur näher als der hebräischen — sie sollten sich daher keinen Uebereifer zuschulden kommen lassen. Die aufrichtigen Tschechen werden ein derartiges Verhalten nicht allzu ernst nehmen. * z« zeichne«.

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