Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 10-11 (21.3.1918)
- Date
- 1918-03-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jeschurun. Nr. 10/11 staltet, wenn wir alles beseitigt, was in den Verhältnissen unserer Zeit unbequem und lästig zu üben, oder dessen Ausübung uns der Mißdeutung und Verkennung aussetzt, dann haben wir die moderne Weisheit erfaßt und geübt? Erst wenn die Zeiten gottgemäß geworden, wird das Judentum zeitgemäß sein. Das ist die Alternative, keine andere gibt es. Ist das Judentum Gottesstiftung, so ist es bestimmt, die Zeiten zu erziehen, nicht aber sich von den Zeiten erziehen lassen. Von Anfang an hat Gott das Judentum und seine Bekenner in Gegensatz zu den Zeiten gesetzt. Jahrtausende lang mar das Judentum der einzige Protest gegen eine ganze heidnische Welt, und wenn dieser Gegensatz von Jahrhundert zu Jahrhundert abgenommen, so war dies nicht, iveil das Judentum sich den Zeitverhälnifsen gemäß gestaltete, sondern weil immer mehr Keime des jüdischen Geistes, Funken vom jüdischen Gottesivorte, im Schoße der nichtjüdischen Welt aufgegaugen. Jin jüdischen Kreise, in dem Kreise, der von den Institutionen der Thora getragen ist, bilden die Gotteshäuser und der Gottesdienst, bildet d c r K u l t u s nur ein untergeordnetes Moment. Den Gottesdienst der Thora bildet das Leben, und Gott verehren heißt — Gott gehorchen. Nicht daran, wie du ihm sein Haus erbauest, seinen Tempel schmückst, wie du die Lieder singst, >vie du laut oder leise betest, sondern daran will er dich erkennen, ob und wie du ihm dein Haus erbaust, ivie du im Leben, in deinem Hanse, deiner Ehe, deiner Kindererziehung, deiner Familie, deinem gesellschaftlichen Verkehr, ob und wie du mit deinem Fühlen und Denken, deinem Reden und Handeln, deinem Erwerben und Genießen mit ganzer, freudigster Hingebung ihm dienst, da seinen Willen erfüllst und ihm gehorchst, daran will er dich erkennen. Das Zeichen der Verehrung, das er von dir erwartet, heißt Gehorsam, wie der Herr vom Diener, der Meister vom Schüler, der Vater vom Sohn. Tempel, Gotteshaus, Gottesdienst; ihm bezeigen sie nichts. Und eben weil unsere Gotteshäuser und unser Gottesdienst nicht unsere eigentliche Gottesverehrung ausmachen, sondern nur die Reißhäuser für die Verehrung Gottes durchs Leben bilden, darum sind auch Israels Gotteshäuser nicht die heiligsten Räume. So lange man daher in Israel noch eine höhere Gottesverehrung als die durch Werke grundverschieden sind. Koheleth ist ein rein philosophisches Werk, wovon jede Zeile »ns in kunstvoll dramatischer Form neue Lebensweisheiten bringt. Faust ist das für die Bühne bestimmte „Weltdrama". Bei beiden eine wilde Jagd nach „absolutem Genuß", nach jenem Augenblick vollkommener Glückseligkeit, welchem siezurusen könnten: „Verweile doch, du bist so schön!" Ueberall klingt einem das resignierte „Hawcl Hawolim Hakaul Hovel": „Eitelkeit aller Eitelkeiten, alles ist eitel!" entgegen. All ihr heißes. Bemühen in geistiger Forschung habe nur dazu gedient, sie. die verhängnisvolle Beschränkung erkennen zu lassen, welche sie von allen Seiten umgibt. Sie vermochten sich nicht qualitativ über ihre irdische Lage zu erheben, konnten dem absolut Göttlichen nicht nahe kommen. Da faßten sie den Entschluß, sich in das volle Menschenleben hineinzustürzen. Wein und alle kulinarischen Genüsse, Reichtum und Ueberfluß, Erotik, Gottesdienst im Gotteshause kannte, so lange die Gottesverehrung nicht zu Ende war, wenn man das Gotteshaus verließ, sondern die Gottesverehruug erst wahrhaft begann, ivenn man ins Alltagsleben hinaustrat, so lange die Thora nicht der heiligen Lade gebannt, sondern in Herzen und Hütten im Leben Israels lebte, so lauge verkannte und überschätzte man nicht den Wert der Gotteshäuser, legten keinen so unendlichen Wert auf den Eindruck, den der Gottesdienst auf andere machte, sondern freute sich der Frucht, die ihnen im Gotteshause reifte, so lange schmückten sie nicht Gottesdienst und Gotteshaus wie ein Opfer, das sie Gott darbringen und dessen äußeres, kostbares Gepränge den frommen Sinn zu bezeugen hätte; sie hatten ganz andere Opfer, die sie in den heißen Kämpfen des Lebens ihrem Gotte weihten. Das ist freilich anders geworden. Man drängt diejenigen unserer Institutionen in den Vordergrund, die mit denjenigen anderer Kreise eine Aehnlichkeit darboten, welche dort fast die Summe der ganzen Gottesverehruug ausmachen. Es ist das Bestreben, damit der architektonisch gebaute Tempel, die ästhetische Form des Gottesdienstes den Beifall und die Bewunderung selbst des nichtjüdischen Besuchers findet und den jüdischen Kultus, oder besser gesagt unjüdischen Kultus, fast so schön tvie den seinigen findet. Selbst der Gottestempel zu Zion ging in Trümmer, sobald man ihn zu überschätzen anfing und vergessen hatte, daß im Kreise der Thora nicht der Tempel, der Gottestempel, sondern der wahre Gottestempel jeder Jude mit seinem Gott verehrenden Leben sein sollte. — Bauet Gotteshäuser, aber lasset die Thora vernachlässigt und auch eure Gotteshäuser werden trotz Pracht und trotz der Lieder arm, leer und verlassen sein. Richtet aber den Baum der Thora in eurer Mitte auf, und die unscheinbarste Synagoge wird zum Gotteshaus, in welchem die Beter Gott finden, weil sie ihn auf dem Wege der Thora zu finden wissen. Zu einem solchen Gottesdienst des Lebens wollen wir unsere Jugend erziehen; das allein wäre der rechte Jugendgottesdienst! 0. verelnsnachrichten. Dienstag, den 19. d. M.. beendete Sr. Ehrwürven Herr Rabbiner Flesch seine Vorlesungen in der Mädchengruppe Jeschurun. Mit voller stellen die verschiedenen Phasen sinnlicher Freuden dar, die sie alle nicht befriedigen können. Sie wenden sich von solchen Augenblicksgeniissen ab, doch auch die Kunst, die Gewalt des Staaten- oder Schlachtenlenkers, der weltliche Ruhni, vermögen sie nicht festzuhalleu. Schließlich ringen sie sich aus diesem Chaos zur Ueberzeugung durch, daß die einzige Glückseligkeit in wohlwollender sozialer Arbeit für die gesamte Menschheit liegt. Faust glaubt sein Höchstes leisten zu können, indem er Boden gewinnt für ein großes, freies Volk, damit es sich darauf frei bewege. Das Ideal des Predigers ist, den geistigen Boden wirksam zu befruchten: durch die Lehre, in Gottes Wegen zu wandeln. Es lohnt sich entschieden der Mühe, die beiden Werkesystematischzuvergleichen,manwürdeeine Menge neuer interessanter Resultate erzielen. Wir legen nun Koheleth zur Seite und suchen das Buch Hiob hervor. Bekanntlich ist der Rahmen, der die ganze Leidensgeschichte Befriedigung darf der Vortragende aut dieses erste Wintersemester zurückblicken, denn die Begeisterung der eifrigen Zuhörerinnen ist nicht abgeflaut, sondern das Interesse und Verständnis wurde sichtlich gehoben und gestärkt. Der Vorstand wird sich bemühen, im nächsten Jahre diesen erfolgreichen Kurs fortzusetzen. Auch an dieser Stelle wollen wir Sr. Ehrmürden Herrn Rabbiner Flesch für sein selbstloses Wirken den herzlichsten Dank des Vorstandes und der zahlreichen Zuhörerschaft zum Ausdruck bringen. Der nächste Bortrag der Frau Ernestine Vondi findet Dienstag, den 9. April, '/28 Uhr abends, statt. Jüdische Volkskunde in der Schweiz. Im Korrespondenzblatt der „Schweizer Gesellschaft für Volkskunde" lesen wir folgende aktuelle Mitteilung: Durch die mannigfachen Forschungen und Veröffentlichungen. besonders des letzten Jahrzehnts über Juden und Judentum, hat sich immer mehr die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß nicht nur die in der Vergangenheii liegende Geschichte der Juden und nicht nur ihre kultisch-religiösen Institutionen von höchster Bedeutung sind, sondern daß auch das heutige jüdische Volkstum für die junge Wissenschaft der Volkskunde voll der bedeutendsten Probleme ist. Zum Zwecke der Erforschung der jüdischen Eigenart hat sich daher im Schoße der „Schweizer Gesellschaft für Volkskunde" eine besondere Kommission gebildet, die sich mit sachverständigen jüdischen Kreisen des In- und Auslandes in Verbindung setzen wird, um die vielgestaltigen Aeußerungen echtesten Volkstums, die heute noch bei den Juden lebendig erhalten sind, zu sammeln. Dabei wird es sich nicht nur um ältestes, pietätvoll gewahrtes Gut handeln, wie es in Familien-, Haus-, Rechts¬ und Religivnsgebräuchen sich äußert, sondern auch um tiefgewurzelte volkstümliche Vorstellungen über Geister und Dämonen. Vorzeichen und ahnende Kräfte, Heilmittel und Zauber. Ein besonderes Kapitel werden die Volkspoesie und Volksrcde bilden, die, wie schon die Dichtungen und didaktischen Bücher der Bibel zeigen, seit ällesten Zeiten von den Juden gepflegt worden sind und sich in manchen charakteristischen Formen bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Es möge nur an die aus tiefstem Gemüt und sehnender Seele hervorquellenden Lieder, die aus bilderreicher Phantasie und scharfer Poiutierung gepaarten Sprichwörter, die für die jüdische Volksseele äußerst kennzeichnende Anekdoten. Schwänke und Rätsel erinnert werden. Daß dabei auch die vom linguistischen Standpunkte aus so wichtige jüdisch-deutsche Sprache der Forschung erschlossen wird, sei nur nebenbei erwähnt/ Endlich sind nicht zu vergessen die konkreten Gegenstände, die im Religionsgebrauch sowohl, wie im eigentlichen Volksgebrauch (dies freilich mehr bei den Ostjudcn) verwendet werden. Auch hier ist bereits ein Anfang gemacht, wie die freilich noch kleine, aber interessante Kollektion jüdischer Kultgeräte, Amulette und dergleichen in dem Basler „Museum für Völkerkunde" dartul. Hiobs umschließt, von Goethe für seinen Faust übernommen worden. Es ist die Szene, in der der Herr der Heerscharen seine Untergebenen um sich versammelt und dem „Soton", dem deutschen Satan, die Seele des Hiob überläßt, damit er sie versuche; denn es ist sicher: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange Ist sich des rechten Weges wohl bewußt. Goethe wandelte diese Szene zum „Prolog im Himmel" um. Er sagte darüber zu Eckermann, daß ihm die Idee viel zu gut gefallen habe, als daß er sie hätte ungenützt lassen können, und glaubt sich deshalb eher lobensals tadelnswert. In seiner Jugend beschäftigte er sich überhaupt sehr viel mit dem Studium der hebräischen Literatur im Urtexte und schätzte sie immer als einen ungeheueren Born, aus dessen Tiefen man unausgesetzt neue Herrlichkeiten schöpfen kann. Aleph.