Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 10-11 (21.3.1918)
- Date
- 1918-03-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10/11 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 Zentral- und Landesstellen. 5. Aufhebung aller gegen den freien Gebrauch der hebräischen und jüdischen Sprache gerichteten Verbote, lieber die Forderungen entwickelte sich eine lebhafte Aussprache. Die beiden Minister sagten zu. die Angelegenheit gründlich und wohlwollend prüfen und den ihnen vorgclegtcn Wünschen bei der Berfassungsresorm nach Möglichkeit Rechnung tragen zu wollen. (Die Pctzachgabe amerikanischer Inden.) Die Warschauer jüdische Gemeinde hat in diesen Tagen aus Amerika über Holland Mk. 1,200.000 erhalten, die als Dsterunterstützung unter unbemittelte Juden verteilt werden sollen. (Die Boischcwiki gegen den jüdische» Nationalismus.) Aus Stockholm wird berichtet: Aus einer Reihe von Anzeichen scheint hervorzugehen, daß die maximalistische Regierung eine schroffe Frontstellung gegen die national-jüdischen Strömungen einzunehmen beginnt. Der beim Kommissariat für nationale Angelegenheiten bestellte Kommissär für jüdische Angelegenheiten, Dimendstein, äußerte sich gegenüber einem Vertreter des Petrograder Tageblattes, daß seinem Kommissariat neben einer Reihe von Fürsorgeaufgaben auch die „Agitation gegen den Zionismus" obliege. Der dritte Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte proklamierte das welbstbestimmungsrecht der arbeitenden Klassen, scheint aber lediglich territoriale, für die Juden also nicht in Betracht kommende Autonomie und nicht die personale Autonomie zu meinen. Der Vertreter der jüdisch-sozialistischen Partei konnte mit seinen Auffassungen nicht durchdringen. Nimmt man hinzu, daß das zionistische Petrograder Tageblatt verboten worden und der Hauptredakteur verhaftet worden ist, so begreift man die Unruhe in den jüdischen Kreisen Rußlands, die sich nahezu zur Hälfte bei den letzten Gemeinde- und Kongreßwahlen zum Nationaljudentum bekannt haben. (Versammlung der englischen Antizionisten.) Aus London wird gemeldet, daß dort die erste allgemeine Versammlung des Bundes englischer Juden stattgefunden hat. Dieser Bund unterstützt zwar die Politik der englischen Regierung, soweit es sich um die jüdische Kolonisation von Palästina handelt, wünscht aber nichtsdestoweniger die bestehenden bürgerlichen und politischen Verhältnisse der englischen Juden zu erhalten und wendet sich gegen die Auffassung, daß die Juden eine besondere politische Nation bilden sollen. Infolgedessen steht der Bund auch im Gegensatz zu der sogenannten jüdischen Internationale. (Jüdische Flüchtlinge in Italien.) Das Komitee der israelitischen Gemeinden in Italien teilt mit, daß sich unter den Flüchtlingen aus den von den deutsch-österreichischen Truppen besetzten Gebieten auch viele Juden befinden. Da nun die Regierung die Niederlassung von Flüchtlingen in der römischen Provinz verboten hat und die meisten derselben nach dem südlichen Teil Italiens sich begaben, besteht für die Juden die Gefahr, sich plötzlich weit von jüdischen Zentren zu finden. Der Vorstand des Komitees hat daher in dem Sinne bei der Regierung gewirkt, daß es den jüdischen Flüchtlingen gestattet werde, sich nach Livorno zu begeben. (Girre Universitätsprofessorin.) Der Genfer Staatsrat hat Fräulein Lina Stern, Doktor der Medizin, zum außerordentlichen Professor der physiologischen Chemie an der medizinischen Abteilung der Genfer Universität ernannt. Fräulein Lina Stern ist die erste Frau, die einen Lehrauftrag an der Genfer Universität erhielt; sie ist eine aus Rußland stammende Jüdin. (Kaiserlicher Rat Wilhelm Anninger.) Im Alter von 70 Jahren ist vorige Woche der ehemalige Präsident und Ehrenmitglied der „Ocsterreichisch-Jsraclitischeu Union", W. Anniuger, gestorben. Der Verblichene erfreute sich allgemeiner Achtung und Wertschätzung. (Krankenhaus „Schaare Zedek") Der Vorstand des Allgemeinen Indischen Krankenhauses „Schaare Zedek" zu Jerusalem hat die telegraphische Nachricht erhalten, daß das Hospital in Jerusalem ungestört weiter zum Wohle der armen Kranken wirkt und j daß auch die Leiter der Anstalt, Herr Sanitütsrat Dr. Wallach und Herr I. Marx, sich wohl befinden. In der wilnaer „Ichul". In der „Frankfurter Zeitung" schildert Arnold Zweig einen Besuch in der alten Synagoge Wilnas, das durch die neuesten polnischen Ereignisse in den Vordergrund gerückt ist: „In dem schmalen Hose, der voll ist vom Volk der Judengafse, öffnet sich die alte eiserne Flügeltür. Tief überrascht fühle ich mich eingeschlungen vom hellen, hohen und weiten Gewölbe der großen „Schul". Um ihre vier starken Pfeiler drängt sich die Menge, die sie ganz erfüllt, dicht füllt, so daß ich mich mühsam nach vorn zwange. Heut ist der Sabbat des Monatanfangs; der große Kantor Herschmann und sein Chor singen. In reinen Terzen und Sexten steigen die Knabenstimmen empor, hoch hinauf, immer höher, leicht, strahlend und süß entfalten sich von oben ihre Kantilcnen über dem tragenden Geivicht der Bässe. Auf ihnen aber ruht, ausgebreitet, von Können gesättigt und mild in ihrer Reise die Stimme dieses Mannes wie eine Kuppel gewichtlos und abschließend. Aber dann wendet er sein Gesicht dieser Menge zu, die in ihrer ganzen Lebendigkeit erstarrt und lautlos steht, und mit der Gewalt eines doch noch beherrschten Feuerausbruchs ruft er ihnen das „Höre Israel" entgegen. In diesem Augenblick ist die süße und kunstlose Harmonik des Chores, ist seine eigene Technik der Inbrunst und die Kunst seines Singens völlig vernichtet: diese Stimme ist selbst der Glaube, der unwandelbare, herrliche und heldische Glaube der Juden an ihren einen und unteilbaren Gott. Jeder dieser Menschen, die alle wissen, daß sie ohne Mittler mit ihrem Gott umgehen müssen, der ihnen in jeder Stunde ihres aus Gebet und Geschäft gescheckten Lebens nahe ist, und die darum schwer in den einen allgemeinen Rhythmus des Gebets zu zwingen sind, weil ja jeder allein ist mit ihm — jeder dieser Juden erkennt in dieser Stimme seine frömmste Erschütterung, seine höchste Entflammung, die beste Stunde feines Jahres wieder; diese Stimme spricht ihn selbst ganz gesammelt und ganz lauter aus, und darum fchweigen diese skeptischen, schnell unaufmerksamen Menschen und sind ganz Hörende, solange dieser singende Beter für sie spricht..." Das Lämmlein? (Chad gadja nachgedichtet.) Ein Lämmlein zart und silberweiß. Der Vater bracht's vom Markte heim — Zwei Groschen galt sein Preis. Ein Lümmelein, ein Lämmelein, Und wie es auf der Wiese sprang Vergnüglich über wtock und Stein, Da kam die Nage und verschlang Das Lämmelein, das Lämmcleui. Der Hofhund schlief am Futterplatz, Da weckte chn des Lämmleins Schreibt; Wild sprang er auf und biß die Katz — Ein Lämmelein, ein Lämmelein. Im Winkel lehnt ein Knüppel dick, Der wackelt längst aus seinem Bein; Er siel dem Hofhund aufs Genick — Ein Lämmelein, ein Lämmelein, Ein Funke sprang voni Küchenherd; Zum Himmel schlug des Feuers Schein. Das hat den Knüppel aufgezehrt. — Ein Lämmelein, ein Lämmelein. Am Hof zum Glück ein Brunnen stand, Drin stoß ein Wasser klar und rein; Das löschte bald den Feuerbranü, — Ein Lämmelein, ein Lämmelein, Doch da das Wasser überquoll, Kan: just ein Ochs zum Hof hinein, Der schlappte sich den Magen voll, — Ein Lämmelein, ein Lämmelein, So ward der Ochse feist und rund; Der Schlächter schliss den Stahl am Stein Und schnitt dem Ochsen durch den Schlund, — Ein Lämmelein, ein Lämmelein, Als hingestreckl der Ochse war, Ta kam der Tod, das Klapperboin, Und warf den Schlächter auf die Bahr'. Ein Lämmelein, ein Lämmelein, So folgt der Tod des Würgers Spur Und muß des Rächers Rächer sein. Der Schlächter in die Grube fuhr, Als von des Ochsen Blut er troff, Des Ochsen, der das Wasser soff, Das Wasser, das das Feuer zwang, Das Feuer, das den Stock verschlang, Den Knüppel, der den Hund erschlug, Als er im Maul die Katze trug, Die Katz', dic's Lämmlein tot gemacht, Das uns der Vater heinigcbracht; — — Zwei Groschen galt sein Preis Das Lämmlein zart und silberweiß. Das Lämmelein, das Lämmelein, Neue Sucher. „Bemerkungen über eine österreichische Vermögenssteuer" von Hosrat Dr, Hermann R, v, L-chullern zu Schrattenhosen, lManz- Verlag, Wien,) Preis K 2'4<>. — Der Verfasser sucht die Frage nach allen Seiten klarzulegen, ob Die Auferlegung einer reellen Vermögenssteuer für Oesterreich fachmäßig, durchführbar' und unvermeidlich wäre. Von der ausländischen Gesetzgebung über verwandte Steuer» ausgehend und den Grundsatz fcsthaltend, daß emo moderne Steuer nicht nur und nicht einmal in erster Reihe fiskalische Zwecke verfolge» dürfte, daß vielmehr volkswirtschaftliche Ziele immer im Vordergrund zu stehen haben, gelangt er zu einer verneinenden Beantwortung der zwei ersten Fragen, Die dritte erledigt er durch Vorschläge, die hauptsächlich Monopolisierungen beireffen, aus denen — wenn überhaupt jemandem — höchstens den kapilalskräftigiten L-chichten der Bevölkerung augenblickliche Nachteile erwachsen können, die aber auch ihrerseits nicht nur fiskalisch, sondern auch volkswirtschaftlich und sozialpolitisch nützlich werden würden. Der Verfasser hat Gelegenheit, eine große Anzahl von Fragen zu erörtern, die gelöst werden müßten, wenn eine solche Steuer veranlagt werden sollte, deren richtige Lösung aber ihren fiskalischen Erfolg in Frage stellen würde, - * Aus der Gedichtesammlung von Hugo Zuckermann. Verlag R, Löwit, Wien,