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Jüdische Korrespondenz · 1918-03-21 · 10-11 (21.3.1918) · page 9

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
10-11 (21.3.1918)
Date
1918-03-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Organ des Vereines „Jeschurun“ ORGANISATION für die Üioratreue Jugend Wiens Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: ,j0schurun“-Prenkomitee, Wien. l.t Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 10/11. — 1918. ' ' W Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preükomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I., Salztorgasse 2. Lo lachmo ... Ho lachmo anjo — dieses ist das Brot des Elends! Unsere Väter aßen es, als sie aus Aegypten zogen, als der Despot der Knechtschaft nach schweren zehn Plagen — für Stunden der Despot der Freiheit geworden, der sie aus Furcht vor weiterer Strafe in Eile aus dem Lande Aegypten jagte — so daß sie nicht einmal ihr Brot zur Gähruug bringen konnten. All die Jahre der Knechtschaft war ihnen die Möglichkeit der freie», natürlichen Entwicklung durch das Sklavenjoch genommen — an der Schwelle der Freiheit ließ der Tyrann sic es nochmals fühlen, daß sein Werk die Unterdrückung war — die Freiheit gab ein Höherer. Alljährlich, wenn die Tage der Erinnerung der Geburt unseres nationalen Seins nahen, da entfernen wir jeden Sauerteig aus unserem Besitz und greifen zum Brot des Elends. Mit jeder Erfüllung dieser beiden Mizwans bekunden wir es, daß Gott unserer Unselbständigkeit ein Ende gesetzt, daß Er es war, der uns die Freiheit gab, die uns zum Volke einte und deren Ziel es war, uns zu Seinem Volke zu machen, das nicht nur die körperliche Freiheit kennt, sondern auch jene hohe ethische Freiheit — die Freiheit durch das Gesetz. Denn das ist der köstliche Schatz unserer Tauroh, daß sie ihre Träger zu freien Menschen macht, die durch ihre Erfüllung Herr ihrer Leidenschaften werden und so nicht durch Materie gebunden, dem Hohen und Guten zustreben können. Auch nun ist es wieder düstere Golusnacht um uns — düstere Nacht um die ganze Menschheit, und sie ißt in des Wortes wörtlichster Bedeutung ihr Brot des Elends. Wenn jetzt der Seder naht und wir uns erfüllen lassen von dem Schicksal unserer Väter und es nun, ach, gar leicht als unser Schicksal erkennen — da wollen wir mit der Mazzoh in der Hand Gott anflehcn, daß Er uns beistehe, wie Er unseren Vätern beigestauden, wollen uns durch sie erinnern lassen, daß wir einst alle recht- und heimatlos waren, wollen unser Herz all denen offnen, die es sind, und sie an unseren Tisch rufen. Wie einst am Frühlingsfeste unseres Volkes, möge Er de» Kummer in Freude verwandeln und die Trauer zum Festtag. Laßt uns durchdringeu vom Geiste, den uns die Mazzoh lehrt — daß Gott es ist, dem mir unser sein verdanken. Daß Er nicht nur der Schöpfer der sich jährlich erueuerndeu Natur, daß Er auch der Schöpfer und Lenker der Geschichte ist. Daran wollen wir uns auscichten, ivcnn es uns fast uiederdrückt, das schwere Erleben des Tages. Unsere Pessachgeschichte, dieser Grundstein unseres jüdischen Seins, kann und muß uns die Gewißheit geben, daß dunkelste Golusnacht durch Seine Hilfe zum lichten Frühling iverden kann. Laßt uns dem Rufe der Turteltaube folgen, die uns zu Gott ruft. Bor Ihm laßt uns Pessach feiern — Er erhöre uns und lasse die Zeit nahe sein, da das neue große Lied Seiner Allmacht töne. E. B. Gottesdienstliche Betrachtungen. Die Art und Weise des Gottesdienstes in orthodoxen Bethäusern wird von Freund und Gegner verschieden beurteilt und gewertet. Es ist der ewige Zwiespalt zwischen Form und Wesen, Kern und Aeußerlichkeit, Schein und Sinn, Ziel und Zweck, Körper und Seele, Kunst und Natur. So wie der Genius der Menschheit beim Anblick manches Kulturfortschrittes beschämt sein Antlitz verhüllen müßte, so kann auch der künstlerische Gottesdienst mit Orgelklang und Mädchensaug, der sich Knltusfortschritt nennt, nicht als Fortschritt gelten, wenn der Gottesdienst nur dem Ziele zustrebt, nicht Gott zu dienen und Gott angenehm zu sein, sondern nur der Menge angenehm sein zu wollen. Von Freund und Gegner sollen und wollen wir lernen. Zeigt mir der Freund, was ich kann, lernt mich der Feind, was ich soll. Ein berühmter Wiener Prediger — er wollte nichts anderes sein und scheinen — schildert den orthodoxen Gottesdienst mit beißender Ironie, auch er sicht nur die Außenseite, ohne den Kern zu betrachten und zu ergründen. Er führt in einer seiner gesammelten Reden aus: „Alle Israeliten, die in unserer Stadt wohnen, lassen ihre Kinder nach den Anforderungen der modernen Zeit erziehen. Sprachenmeister bilden deren Zunge, Musik- und Zeichenlehrer veredeln deren Geschmack, und dieseKnider sollen gerade im Gotteshause Maß und Schönheit vermissen, sollen dem Glauben Israels erhalten werden durch Verhöhnung jedes geläuterten Geschmackes? Kann mau erzogen werden nach den Regeln und Bedürfnilsen der Neuzeit und seinen Gott verehren nach den Gewohnheiten der Judeugaße? Zu dem alten, ungeregelten Gottesdienste gehört das alte Ghetto, der alte Druck, der alte Jammer, die alte Absperrung. Was sollen Kinder, Mädchen, Frauen in einem Gotteshause, >vo kein Gesang sie erhebt, kein Wort ihnen zu Herzen redet? Seit wann haben wir nicht blos 13, sondern einen 14tcn Glaubensartikel, der da lautet: Ich glaube fest und aufrichtig, daß mau in einem Gotteshause keine Ordnung, keine Ruhe, keine Weihe, keinen regelmäßigen Gesang, keine erbauende Rede dulden dürfe! Das Judentum darf keinen Winterschlaf schlafen, darf nie erstarren, muß immer neue Wärme und Lebenskraft in sich aufuehmeu, damit es in seiner Frische erhalten werde. Es wäre gegen die Prinzipien des Talmuds, den veränderten Verhältnissen und Zeiten keine Rechnung tragen zu wollen!“ — All die „andächtigen Zuhörer" ließen sich durch diese sprudelnde Beredsamkeit gefangen nehmen, doch die Zeit hat inzivischcu ihre machtvolle Antwort erteilt und es erscheint uns notwendig, diese Fragen auch im „Geiste Jeschur uns" zu beantworten und zu beleuchten. Also zeitgemäß das Judentum zu gestalten, das sei die Aufgabe unserer Zeit. Zeitgemäßes Judentum, den in einer Zeit herrschenden Ansichten der Menschen, den von den Verhältnissen einer Zeit erzeugten Bedürfnissen gemäß. Wenn wir unser Judentum nach den in unserer Zeit herrschenden Ansichten unserer nichtjüdischen Mitbrüdcr ge- Jeuilfeton. Oie hebräische Poesie und Laust. Wir finden im Talmud bei Sentenzen, Urteilsprüchen und wichtigen Meinungsäußerungen oft eine ganze Reihe von Namen, die uns ihre Ueberlieferer bis zum Urheber nennen. Dies ist für chronologische Feststellungen von äußerster Wichtigkeit, doch war es nicht der einzige Beweggrund. Ausschlaggebend war ein unseren Chachomim schon fast im Unterbewußtsein schlummerndes, bewunderungswürdiges Feingefühl für das Urheberrecht. Mit peinlichster Genauigkeit wird auch heute noch bei Auslegung irgendeiner These der Spiritus Rector genannt. Bei unserer Weltliteratur mußte erst durch Schaffung eines Gesetzes künstlich nachgeholfen werden. Naturgemäß gilt das nur als Sicherung gegen große Raubzüge zeitgenössischer Autoren. Durch den Nachweis mangelnder Originalität kann ja die Wertung eines großen Kunstwerkes nicht paralysiert werden. Wir bewundern doch sogar die guteKopie eines großen Meisters des Pinsels oder Meisels und noch viel mehr die kontrapunktische Bearbeitung eines einfachen musikalischen Themas und vielleicht am meisten die wertvolle literarische Behandlung eines alten Stoffes, wie etwa der Tellsage durch Schiller und Millenkovic. Letztere Bearbeitung lehrte uns durch ihre Minderwertigkeit die andere umso höher zu schätzen. Goethe meinte einmal im Gespräche mit Eckermann, ein Dichter seines Ranges könne sich wohl erlauben, fremde Ideen zu entlehnen: „Was da ist, das ist mein! Und ob ich es aus dem Leben oder dem Buche genommen, das ist gleich viel, und es kam bloß darauf an, daß ich es recht gebrauchte." Die Genialität eines Goethe, der im Faust seinen Gipfelpunkt erreicht hat, bleibt entschieden unantastbar, selbst wenn bewiesen werden könnte, daß er nicht nur das alte Puppenspicl, sondern auch Koheleth ausgenützt hat. Wir wollen uns nur freuen, daß ein so gewaltiges Kunstwerk in unserer klassischen hebräischen Poesie existiert, das mit einen, Faust verglichen werden kann, und wollen einem Stewart Ehamberlain, der immer vom typisch deutschen Faust faselt, beweisen, daß das von ihm für den Grundcharakter des Deutschen beanspruchte Wesen der königliche Geist eines Ben David ist. Es ist der titanenhafte Charakter mit seinem sehnsüchtigen Verlangen, die natürliche Beschränkung seiner irdischen Lage niederzureißeu, mit seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach irgendeinem undeutlich geahnten höheren Zustande. Faustnaturen sind besonders unter Juden keine seltenen Erscheinungen. Durch Koheleth wurde ihnen ein ewiges Denkmal gesetzt. Die Aehnlichkeiten der leitenden Idee und auch des inneren Aufbaues des Kohelet und Faust sind wirklich frappant, wiewohl beide

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